{"id":1387,"date":"2021-08-19T22:31:12","date_gmt":"2021-08-19T20:31:12","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1387"},"modified":"2026-01-11T01:56:57","modified_gmt":"2026-01-11T00:56:57","slug":"das-versunkene-schloss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-versunkene-schloss\/","title":{"rendered":"Das versunkene Schloss"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Heinrich Seidel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Im Norden von Deutschland gibt es zwar keine eigentlichen Gebirge, wohl aber stattliche H\u00fcgelz\u00fcge, die im Verein mit gro\u00dfen blauen Seenfl\u00e4chen, weiten Wiesent\u00e4lern und alten m\u00e4chtigen Waldungen diesen Gegenden ihre eigent\u00fcmliche Sch\u00f6nheit verleihen. Inmitten eines solchen Landstriches, am Fu\u00dfe einer dieser H\u00fcgelreihen, war eine kleine Stadt gelegen, deren Bewohner zum gr\u00f6\u00dferen Teil aus friedlichen Ackerb\u00fcrgern, zum kleineren aus Handwerkern bestanden. In den stillen Stra\u00dfen wuchs das Gras, und \u00fcber die alte, br\u00f6cklige Stadtmauer spann der Efeu seine Ranken. In der Mittagszeit, wenn alle Leute in ihren H\u00e4usern bei Tisch sa\u00dfen, konnte man denken, die Stadt sei ausgestorben oder in Zauberschlaf versunken, so still und einsam war es dann. Am meisten Leben zeigte sich noch des Abends, wenn die Jugend auf den freien Pl\u00e4tzen l\u00e4rmend ihre Spiele trieb, die Leute auf den B\u00e4nken vor ihren T\u00fcren sa\u00dfen und die von der Weide heimkehrenden K\u00fche br\u00fcllend durch die Stra\u00dfen wandelten, um ihre St\u00e4lle aufzusuchen. Nur der Jahrmarkt und das Sch\u00fctzenfest brachten etwas mehr Bewegung in diesen stillen Erdenwinkel. Das letztere ward in dem Wald gefeiert, der den benachbarten H\u00f6henzug bedeckte. In der Senkung zwischen zwei H\u00fcgeln befand sich die Schie\u00dfbahn, und auf einem freien Platze im Walde waren die Buden aufgebaut, die sowohl den Bed\u00fcrfnissen des Leibes als auch der Schaulust reichliche Nahrung boten. Da war der fremde Kuchenmann, der mit heiserer, aber unendlich verlockender Stimme seine sch\u00f6n verzierten Honigkuchen und Herzen ausbot und zahllose Sch\u00e4tze von Bonbons in allen Farben des Regenbogens entfaltete; da war die dickste und sch\u00f6nste Dame der Welt, achtzehn Jahre alt und dreihundertsieben Pfund schwer; dann die Seejungfrau, das gr\u00f6\u00dfte Meerwunder aller Zeiten, leider nur ausgestopft, aber darum nicht minder seltsam; da war der prophetisch begabte Mann, der gegen geringes Entgelt jeglichen einen Blick in die Geheimnisse der Zukunft tun lie\u00df; da war die mit reichen Sch\u00e4tzen ausgestattete Bude, wo man gegen den Einsatz von nur einem Groschen die seltsamsten und teuersten Dinge gewinnen konnte, sogar als H\u00f6chstes eine altehrw\u00fcrdige Taschenuhr, zur Klasse der \u00bbButterb\u00fcchsen\u00ab geh\u00f6rig, die wirklich ging, wie jeder sich durch Augenschein \u00fcberzeugen konnte. Da nun in der Stadt ein w\u00fcrdiger Greis lebte, der vor vielen Jahren bei solcher Gelegenheit wirklich eine Uhr gewonnen hatte, welches Ereignis einen H\u00f6hepunkt in seinem Leben bildete, so war nat\u00fcrlich die Verlockung, in gleicher Weise das Gl\u00fcck zu versuchen, f\u00fcr jung und alt betr\u00e4chtlich. Zu weit w\u00fcrde es f\u00fchren, wollte ich alle Herrlichkeiten ausf\u00fchrlich aufz\u00e4hlen, die bei dieser Gelegenheit zu freudigem Gen\u00fcsse einluden. Ich will nur kurz das Karussell, das Puppentheater und den Tanzplatz erw\u00e4hnen, allwo sich beiden Weisen von vier Stadtmusikanten die Jugend unabl\u00e4ssig im Kreise drehte; ich will nur vor\u00fcbergehend erinnern an die Gastzelte, wo das edle Bier in Str\u00f6men verschenkt wurde, also da\u00df sich selbst die solidesten und ehrsamsten Sch\u00fctzenbr\u00fcder am Abend etwas unsicher auf den Beinen f\u00fchlten und beim Einmarsch in die Stadt kein besonderes Schauspiel darboten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Das versunkene Schloss von Heinrich Seidel: H\u00f6rbuch zum Einschlafen\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ozQmvFBaTS0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Zeit, wo sich das Leben der kleinen Stadt zu seiner Taumelh\u00f6he entfaltete, war die einzige, in der die meisten der erwachsenen Einwohner den H\u00fcgelwald besuchten,\u3000au\u00dfer es handelte sich um eine Holzauktion oder dergleichen, denn die guten Ackerb\u00fcrger und ehrsamen Handwerker zogen es vor, wenn sie sich zu einem Sonntagsspaziergange aufschwangen, in ihren Feldern das Wachstum zu betrachten und sich freundlichen Spekulationen \u00fcber den Ernteertrag, die Kornpreise und den Stand der Kartoffeln hinzugeben. Zu allen Zeiten aber ward der Wald besucht von der Jugend und von den Armen, von Kindern, die Blumen suchten oder Vogelnester oder Beeren, je nach der Jahreszeit, von unternehmenden Knaben, die sich in den buschigen und verwachsenen Abh\u00e4ngen R\u00e4uberh\u00f6hlen anlegten, von armen holzlesenden Weiblein und dergleichen. Nur einen Ort gab es in diesem Walde, der von den meisten gemieden ward, das war der von B\u00e4umen entbl\u00f6\u00dfte und nur mit niederem Buschwerk bestandene Gipfel des gro\u00dfen H\u00fcgels. Dort fanden sich, ganz \u00fcberwuchert von wilden Rosen, Wei\u00dfdorn, Jel\u00e4ngerjelieber und \u00e4hnlichen Str\u00e4uchern, einige \u00dcberreste von uraltem Mauerwerk, und es ging die Sage, dort habe in grauen Zeiten ein gro\u00dfes Schlo\u00df gestanden, das aber in einer st\u00fcrmischen Gewitternacht zur Strafe f\u00fcr den Frevel und die Bosheit seiner gottlosen Bewohner mit Mann und Maus in die Tiefe gesunken sei. An diesem Ort sollte es nicht geheuer sein. Manche wollten den alten Schlo\u00dfvogt, ein kleines graues M\u00e4nnchen, das die Sch\u00e4tze in dem versunkenen Gem\u00e4uer zu bewachen hatte, am hellen Tage mit kl\u00e4glichem Seufzer dort haben umherwandern sehen, n\u00e4chtlich hatten andere dort Feuer und blaue Flammen erblickt, wie sie die Anwesenheit verborgener Sch\u00e4tze andeuten, und schneidende Klagelaute, deren Ursprung unerkl\u00e4rlich war, hatte man dort in stiller Mittagsstunde vernommen. Das Merkw\u00fcrdigste war aber, da\u00df sich dort, verborgen zwischen dem Gestr\u00fcpp, eine \u00d6ffnung befinden sollte, die \u00fcber kirchturmtief in den Berg hinabreichte. Manche behaupteten, sie gesehen zu haben. Sie hatten Steine hinabgeworfen und gehorcht, aber niemals vernommen, da\u00df diese unten aufschlugen. Andere mutige und neugierige Leute hatten wieder nach dieser \u00d6ffnung lange gesucht, aber\u3000nichts gefunden. Es sollte dies die Ausm\u00fcndung des Hauptschornsteins der versunkenen Burg sein und zuweilen sogar Rauch daraus hervorkommen. Alle diese Dinge waren den meisten so unheimlich, da\u00df der Gipfel dieses H\u00fcgels gemieden ward, obwohl man dort eine herrliche Aussicht hatte auf die alte Stadt, auf das weite Wiesental mit dem gewundenen Flu\u00df und die d\u00e4mmernden W\u00e4lder in der Ferne. In der Stadt lebte eine Anzahl von unternehmenden Knaben, die unter der Anf\u00fchrerschaft eines braunhaarigen Jungen namens Bertram standen. Dieser war gewisserma\u00dfen ihr R\u00e4uberhauptmann, denn es mu\u00df gesagt werden, da\u00df sich diese sechs Verb\u00fcndeten weniger durch ihre Leistungen in der Schule, als durch zahlreiche Streiche auszeichneten, die sie gemeinschaftlich ausf\u00fchrten. In der Dunkelheit Bindfaden \u00fcber die Stra\u00dfe zu spannen, die den ehrsamen B\u00fcrgern die H\u00fcte von den K\u00f6pfen rissen, r\u00e4uberische Ausfl\u00fcge in fremde Obstg\u00e4rten, Fischfang und Vogelstellen, n\u00e4chtliches Abfeuern von Kanonenschl\u00e4gen, verbotene Schie\u00df\u00fcbungen und dergleichen Unfug waren ihre Lieblingsbesch\u00e4ftigungen. In dem Abhang des H\u00fcgelwaldes hatten sie wohlverborgen im Gestr\u00fcpp eine R\u00e4uberh\u00f6hle angelegt, wo sie ihre geraubten Obstsch\u00e4tze aufbewahrten, verbotene Pfeifen rauchten und sonst allerlei unerlaubte Dinge trieben. Bertram hatte sich durch seinen gewaltt\u00e4tigen Charakter, seine K\u00f6rperst\u00e4rke und Entschlossenheit zum Anf\u00fchrer dieser kleinen Bande aufgeschwungen, und ihm wurde unweigerlicher Gehorsam gezollt. Eines Tages streifte diese Gesellschaft dort am Abhang umher, als sie eines Knaben namens Roland ansichtig wurde, der in den entfernteren Teilen des Waldes ein stattliches K\u00f6rbchen mit Himbeeren zum Verkauf gesammelt hatte und damit nach Hause gehen wollte. Er war der Sohn einer armen Witwe, die sich k\u00fcmmerlich von ihrer H\u00e4nde Arbeit ern\u00e4hrte und darin von ihrem Sohne, soweit es in seinen Kr\u00e4ften stand, unterst\u00fctzt wurde. Die Knaben hatten ihn kaum bemerkt, als sie ihn auch schon umringten und die gesammelten Fr\u00fcchte f\u00fcr gute Beute erkl\u00e4rten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWie gut, da\u00df du die Himbeeren f\u00fcr uns gesucht hast!\u00ab sagte Bertram und streckte die Hand nach dem Korbe aus. Allein Roland umklammerte diesen, hielt seine Hand sch\u00fctzend dar\u00fcber und rief: \u00bbIhr d\u00fcrft sie nicht nehmen, ich habe den ganzen Tag daran gesammelt, und meine arme Mutter braucht das Geld!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbOh, sie werden uns ebenso gut schmecken wie dem Advokaten oder dem Kaufmann am Markt, wo du sie verkaufst!\u00ab sagte Bertram; \u00bbher damit!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Roland sah nun wohl ein, da\u00df er gegen die \u00dcbermacht nichts ausrichten w\u00fcrde, allein es kam ihm ein anderer Gedanke.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWenn ihr versprechen wollt, mir die Himbeeren zu lassen\u00ab, sagte er rasch, \u00bbso zeige ich euch etwas, das ihr lange gesucht habt. Ich habe das Loch auf dem Burgberge gefunden, wo es in das versunkene Schlo\u00df hinabgeht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAch, was wirst du da gefunden haben\u00ab, sagte Bertram, \u00bbwo wir schon so lange gesucht haben, das sind Ausfl\u00fcchte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSo h\u00f6rt doch nur!\u00ab rief Roland eifrig. \u00bbIch wei\u00df dort, wo die alten Steine liegen und so viele dichte Dornen stehen, einen Ort, auf dem die allersch\u00f6nsten Himbeeren wachsen. Nur an einer Stelle kann man zwischen dem Gem\u00e4uer und den gro\u00dfen Dornb\u00fcschen durchkriechen, da kommt man an einen Fleck, der rings von dem dichtesten Gestr\u00fcpp eingeschlossen ist. Heute habe ich dort wohl den halben Korb voll Himbeeren gesammelt. W\u00e4hrend ich pfl\u00fcckte, kam mir schon immer ein sonderlicher Geruch in die Nase, es war gerade, als wenn meine Mutter Eierkuchen backt, und zuletzt sah ich in der Mitte des Platzes, wo der Boden etwas erh\u00f6ht war, einen leichten Dampf aufsteigen. Ich dachte, was kann denn dort brennen, und es ward mir ganz unheimlich zumute, denn mir fiel ein, was man alles von dem Ort erz\u00e4hlt, und da\u00df es dort nicht geheuer sein soll. Allein ich fa\u00dfte Mut, schlich mich n\u00e4her und bemerkte nun, da\u00df dieser Rauch zwischen Gras und dichtem Rankenwerk hervorkam. Mit einem Stock schob ich dies beiseite, und ein schwarzes Loch wie von\u3000einem gro\u00dfen Schornstein ward frei. Vorsichtig kroch ich heran und horchte, allein ich konnte nichts wahrnehmen als ein leises Zischen und Schmoren in der Tiefe! Da \u00fcberfiel mich die Angst, und ich machte, da\u00df ich fortkam. Wenn ihr mir nun die Hand darauf gebt, mir meine Himbeeren zu lassen, so zeige ich euch das Loch.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die Knaben hatten mit der gr\u00f6\u00dften Aufmerksamkeit und Spannung zugeh\u00f6rt. Bertram streckte seine Hand aus und rief: \u00bbDort m\u00fcssen wir hin, schlag ein, Roland.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser tat es, und alle stiegen nun den H\u00fcgel hinauf und krochen unter den Dornen hindurch, um diese wunderliche Entdeckung in Augenschein zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem eingeschlossenen Raume war es schw\u00fcl, denn die Sonne brannte hinein, und die dichten Dornb\u00fcsche ringsum hielten jeden Luftzug ab. Ein schwerer Duft, wie ihn die Sommerhitze erzeugt, wenn sie auf gew\u00fcrzigen Kr\u00e4utern br\u00fctet, war rings verbreitet. Die Knaben waren still geworden und starrten ein wenig b\u00e4nglich auf die finstere \u00d6ffnung im Boden hin. Es stieg kein Rauch mehr daraus hervor. Allm\u00e4hlich wurden sie dreister, schlichen herzu und blickten, rings auf den Knien liegend, in die dunkle Tiefe hinab. Dabei l\u00f6ste sich ein Steinchen und st\u00fcrzte in den Abgrund, allein so angestrengt sie auch lauschten, sie vernahmen nicht, da\u00df es unten aufschlug. \u00bbGro\u00dfe Sch\u00e4tze sollen dort liegen\u00ab, sagte Bertram, \u00bbwer dort hinunter k\u00f6nnte!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gedanke schien ihm zu kommen; er fl\u00fcsterte einem seiner Genossen, dem Sohne eines Seilers, etwas ins Ohr, dieser kroch hinaus und sprang in der Richtung auf die Stadt eilig den Abhang hinab. Die Knaben erz\u00e4hlten nun, was der eine oder der andere \u00fcber das versunkene Schlo\u00df geh\u00f6rt hatte. Zwischendurch starrten sie wieder in die Tiefe und horchten, allein nicht das geringste war vernehmlich. Nach einer Weile kehrte der Abgesandte zur\u00fcck und brachte eine sehr lange W\u00e4scheleine mit sich, und Bertram sprach: \u00bbEiner von uns mu\u00df dort hinabsteigen, wir binden ihm das Seil um den Leib und lassen ihn vorsichtig hinab. Wer von euch hat Lust dazu?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Allein keiner meldete sich zu diesem Unternehmen. Bertrams Augen fielen auf Roland. \u00bbDieser\u00ab, sagte er, \u00bbhat das Geheimnis aufgefunden, au\u00dferdem ist er der leichteste und behendeste, wir wollen ihn hinunterlassen, da\u00df wir erfahren, was auf dem Grunde verborgen liegt.\u00ab Da auf diese Weise die anderen frei ausgingen, fanden sie s\u00e4mtlich den Vorschlag sehr gut und angemessen, jedoch Roland bekam einen t\u00f6dlichen Schreck und w\u00fcnschte, er h\u00e4tte seine Himbeeren geopfert und das Geheimnis f\u00fcr sich behalten. Jedoch, ob er sich auch str\u00e4ubte und wehrte, es half ihm nichts, das Tau ward um seinen Leib geschlungen, und trotz seiner flehentlichen Bitten ward er mitsamt seinem Korbe, den er krampfhaft festhielt, langsam in das Loch hinabgelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Seil war fast zu Ende, als es sich kr\u00fcmmte und seine Spannung nachlie\u00df. Die Knaben zogen an, allein es war ganz leicht und schien offenbar leer zu sein. Sie lie\u00dfen es wieder hinab und riefen in die \u00d6ffnung hinein, allein es kam keine Antwort. Dann zogen sie wieder an, und nun schien ihnen das Seil wieder beschwert zu sein. Allm\u00e4hlich wanden sie es empor, und als das Ende kam, sahen sie, da\u00df auch wirklich etwas daran hing. \u00bbNa, Roland, wie war&#8217;s?\u00ab riefen sie schon, allein wie entsetzten sie sich, als sie bemerkten, da\u00df es nicht der Knabe war, der an dem Tau hing, sondern eine tote Katze. Alle schrien laut auf und liefen davon. Da nun jeder so schnell wie m\u00f6glich aus dem engen Eingang hinauswollte, so waren sie einander hinderlich, dr\u00e4ngten sich und stie\u00dfen sich in die Dornen und schrien, denn alle hatten die unbestimmte Angst, es m\u00f6chte noch etwas viel Gr\u00e4ulicheres und Entsetzlicheres hinterherkommen. Als sie sich endlich bla\u00df und zitternd drau\u00dfen wieder gesammelt hatten, gaben sie sich gegenseitig das Versprechen, f\u00fcrs erste von diesem Vorfall zu schweigen, und begaben sich sehr niedergeschlagen in die Stadt zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Roland unter Furcht und Zittern eine lange Weile, wie ihm d\u00fcnkte, in dem engen Raum hinabgeglitten war, merkte er, da\u00df es heller um ihn wurde. Er erkannte die W\u00e4nde, die ihn umgaben, und das Gef\u00fcge der Steine. Dann wurde der Raum noch weiter und heller, und pl\u00f6tzlich f\u00fchlte er Boden unter seinen F\u00fc\u00dfen. Unwillk\u00fcrlich streifte er das Seil ab, da es ihn gedr\u00fcckt hatte, und sah sich um. Er stand auf dem Herde einer gro\u00dfen K\u00fcche, die mit gl\u00e4nzendem Kupfer- und Zinngeschirr reichlich versehen war. An einem K\u00fcchentisch sa\u00df ein kleiner, alter, grau gekleideter Mann mit einem Schl\u00fcsselbund an der Seite und a\u00df Eierkuchen. Dieser kam auf ihn zu, blickte ihn finster aus kleinen schwarzen Augen an und sprach: \u00bbUngl\u00fccklicher, kommst du freiwillig an diesen Ort?\u00ab Roland erz\u00e4hlte zitternd, wie es ihm ergangen war. Der Alte l\u00e4chelte. \u00bbDas ist gut\u00ab, sagte er, \u00bbk\u00e4mst du aus freiem Antrieb, so w\u00fcrdest du die Welt nie wiedersehen.\u00ab Dann nahm er etwas hinter dem Herde hervor, das Roland nicht erkennen konnte, und machte sich mit dem Seile zu tun, das eben wieder herabgelassen wurde. Es war Roland, als h\u00f6re er aus weiter Ferne seinen Namen rufen. Dann f\u00fchrte der Alte den Knaben an den Tisch und hie\u00df ihn von dem Eierkuchen essen. Dabei bemerkte er den Korb mit Himbeeren und spitzte schmunzelnd die Lippen. \u00bbEi, mein Junge\u00ab, sagte er, \u00bbwas hast du da mitgebracht? Willst du mir die Fr\u00fcchte verkaufen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Roland dachte, es w\u00fcrde gut sein, sich diesen Mann zum Freunde zu halten, und sagte: \u00bbIch schenke sie Euch!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEi, du freundlicher Knabe\u00ab, sagte der Alte, \u00bbdas will ich dir danken, das will ich dir danken.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Damit langte er mit spitzen Fingern in den Korb und verzehrte einige der Himbeeren unter sichtlichem Behagen. Die \u00fcbrigen sch\u00fcttete er in eine Sch\u00fcssel und stellte sie sorgf\u00e4ltig in einen Schrank. Dann gab er Roland den Korb zur\u00fcck und sprach: \u00bbFolge mir!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Er f\u00fchrte ihn nun durch die pr\u00e4chtigen Hallen und R\u00e4ume des versunkenen Schlosses, bis sie an eine m\u00e4chtige eiserne T\u00fcr gelangten. Diese \u00f6ffnete der Alte, und die\u3000Schatzkammer tat sich vor Rolands erstaunten Blicken auf. Dort lagen wie auf einem Kornboden in m\u00e4chtigen Haufen Perlen, Edelsteine und Goldst\u00fccke aufgespeichert. Von der Decke hing eine strahlende Lampe hernieder, und es funkelte, blitzte und gl\u00e4nzte in diesem Raum, da\u00df es fast die Augen blendete. Der Alte nahm den Korb und f\u00fcllte ihn mit diesen kostbaren Dingen an. Er ward dadurch so schwer, da\u00df der Knabe ihn kaum zu tragen vermochte. Dann f\u00fchrte ihn der Alte durch einen langen, schmalen und dunklen Gang, schlo\u00df eine kleine T\u00fcr auf, und pl\u00f6tzlich strahlte ihnen das helle Tageslicht entgegen. Er streichelte dem kleinen Roland die Wangen und sprach: \u00bbHab Dank f\u00fcr die sch\u00f6nen Fr\u00fcchte; seit hundert Jahren habe ich dergleichen nicht mehr gesehen und geschmeckt.\u00ab Damit schob er ihn hinaus, und die T\u00fcr fiel krachend ins Schlo\u00df. Als sich Roland umsah, war keine Spur von einem Eingang zu bemerken, nur gr\u00fcner Rasen bedeckte gleichm\u00e4\u00dfig den Abhang des H\u00fcgels, an dessen Fu\u00df er stand. Aber wie sonderbar, eine k\u00fchle Morgenluft wehte ihm entgegen, und es war doch so schw\u00fcl gewesen, als er seine unfreiwillige Fahrt angetreten hatte. Nach seiner Ansicht mu\u00dfte es jetzt Abend sein, aber dort, wo die Sonne \u00fcber den D\u00e4chern der alten Stadt tief am Himmel stand, war ja Osten. F\u00fcrwahr, der Tag und die ganze Nacht waren vergangen, w\u00e4hrend er in dem versunkenen Schlosse gewesen war. Roland dachte an seine gute Mutter und an die Angst, die sie um seinetwegen gewi\u00df empfand, und eilte, soviel es die schwere Last in seinem Korbe zulie\u00df, der Stadt zu. Hei, wie aber sein Schatz von Gold und Edelgestein in der Sonne blitzte und funkelte und Strahlen von sich warf! Er raufte schnell ein wenig Gras und Moos aus und deckte ihn damit zu. Dicht vor dem Tore begegnete ihm Bertram mit seinen Genossen. Die Knaben waren noch ganz verst\u00f6rt und wollten wieder auf den Burgberg und noch einen Versuch mit dem Seile anstellen. Ihr freudiges Erstaunen, als sie Roland munter und wohlbehalten vor sich sahen, und ihre Verwunderung, als er sie einen Blick auf seine kostbaren Sch\u00e4tze tun lie\u00df, war\u3000gro\u00df. Sie eilten, so schnell sie konnten, auf den H\u00fcgel und stritten sich unterwegs darum, wer zuerst in das Loch hinabgelassen werden sollte. Als sie aber oben anlangten, war, soviel sie auch suchten, keine Spur der geheimnisvollen \u00d6ffnung mehr zu finden. Sie durchkrochen auf den Knien s\u00e4mtliche Dorngeb\u00fcsche und st\u00f6berten im Schwei\u00dfe ihres Angesichts den ganzen Tag dort umher, allein alles war und blieb vergeblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Roland und seine Mutter aber waren durch den Schatz des alten Schlo\u00dfh\u00fcters reiche Leute geworden und hatten genug an Geld und Gut f\u00fcr ihr ganzes Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinrich Seidel Im Norden von Deutschland gibt es zwar keine eigentlichen Gebirge, wohl aber stattliche H\u00fcgelz\u00fcge, die im Verein mit gro\u00dfen blauen Seenfl\u00e4chen, weiten Wiesent\u00e4lern und alten m\u00e4chtigen Waldungen diesen Gegenden ihre eigent\u00fcmliche Sch\u00f6nheit verleihen. Inmitten eines solchen Landstriches, am Fu\u00dfe einer dieser H\u00fcgelreihen, war eine kleine Stadt gelegen, deren Bewohner zum gr\u00f6\u00dferen Teil aus [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[128,85],"tags":[],"class_list":["post-1387","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-heinrich-seidel","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1387","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1387"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2692,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1387\/revisions\/2692"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}