{"id":1382,"date":"2021-08-19T21:24:43","date_gmt":"2021-08-19T19:24:43","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1382"},"modified":"2026-04-20T01:23:17","modified_gmt":"2026-04-19T23:23:17","slug":"ruebezahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/ruebezahl\/","title":{"rendered":"R\u00fcbezahl"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Erste Legende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf den oft besungenen Sudeten haust in friedlicher Eintracht der berufene Berggeist, R\u00fcbezahl genannt, der das Riesengebirge ber\u00fchmt gemacht hat. Dieser F\u00fcrst der Gnomen besitzt zwar auf der Oberfl\u00e4che der Erde nur ein kleines Gebiet, von wenigen Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen umschlossen. Aber unter der urbaren Erdrinde hebt seine Alleinherrschaft an und erstreckt sich auf achthundertsechzig Meilen in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt der Erde. Zuweilen beurlaubt er sich aller unterirdischen Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines Gebiets und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge, treibt da sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern wie ein froher \u00dcberm\u00fctiger, der, um einmal zu lachen, seinen Nachbarn zu Tode kitzelt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die erste Geschichte von R\u00fcbezahl: H\u00f6rbuch zum Einschlafen (Mus\u00e4us)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9w0A-MeX1fo?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Freund R\u00fcbezahl ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungest\u00fcm, sonderbar; bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelm\u00fctig, heute der w\u00e4rmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutm\u00fctig, edel und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch, albern und weise, schalkhaft und bieder, st\u00f6rrisch und beugsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Olims Zeiten her toste R\u00fcbezahl schon im wilden Gebirge, hetzte B\u00e4ren und Auerochsen aneinander, dass sie zusammen k\u00e4mpften, oder scheuchte mit grausendem Get\u00f6se das scheue Wild vor sich her und st\u00fcrzte es von den steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden m\u00fcde, zog er wieder seine Stra\u00dfe durch die Regionen der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu legen und des Anblicks der \u00e4u\u00dfern Sch\u00f6pfung zu genie\u00dfen. Wie nahm&#8217;s ihn wunder, als einst bei seiner R\u00fcckkehr, von dem beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz ver\u00e4ndert fand! Die d\u00fcsteren undurchdringlichen W\u00e4lder waren ausgehauen und in fruchtbares Ackerland verwandelt, wo reiche Ernten reiften. Zwischen den Pflanzungen bl\u00fchender Obstb\u00e4ume ragten die Strohd\u00e4cher geselliger D\u00f6rfer hervor, aus deren Schlot friedlicher Hausrauch in die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhang eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeit des ersten Anblicks erg\u00f6tzten den verwunderten Territorialherrn so sehr, dass er \u00fcber die eigenm\u00e4chtigen Pflanzer nicht unwillig ward, noch ihrem Tun und Wesen sie zu st\u00f6ren begehrte, sondern sie ruhig im Besitz ihres angema\u00dften Eigentums lie\u00df, wie ein gutm\u00fctiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder selbst dem \u00fcberl\u00e4stigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Sogar ward er Sinnes, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen und mit ihnen Umgang zu pflegen, Er nahm die Gestalt eines r\u00fcstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten Landwirt. Alles was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand, und Rips, der Ackerknecht, war f\u00fcr den besten Arbeiter im Dorfe bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der ihm f\u00fcr seine M\u00fche und Arbeit wenig Dank wusste; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine Schafherde unterstellte. Die Herde gedieh gleichfalls unter seiner Hand und mehrte sich, kein Schaf st\u00fcrzte vom Felsen herab das Genick, und keins zerriss der Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht nicht lohnte wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Herde und k\u00fcrzte daf\u00fcr den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente dem Richter als Herrenknecht, ward die Gei\u00dfel der Diebe und fr\u00f6nte der Justiz mit strengem Eifer. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, beugte das Recht, richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, sagte er dem Richter den Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus dem er jedoch auf dem gew\u00f6hnlichen Wege der Geister, durchs Schl\u00fcsselloch, leicht einen Ausweg fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser erste Versuch, das Studium der Menschenkunde zu treiben, konnte ihn unm\u00f6glich zur Menschenliebe erw\u00e4rmen; er kehrte mit Verdruss auf seine Felsenzinne zur\u00fcck, \u00fcberschaute von da die lachenden Gefilde und wunderte sich, dass die Mutter Natur ihre Spenden an solche Brut verlieh. Desungeachtet wagte er noch eine Ausflucht ins Land f\u00fcrs Studium der Menschheit, schlich unsichtbar herab ins Tal und lauschte in Busch und Hecken. Da stand vor ihm die Gestalt eines reizvollen M\u00e4dchens, lieblich anzuschauen, denn sie stieg eben ins Bad. Rings um sie hatten sich ihre Gespielinnen im Gras gelagert an einem Wasserfalle, der seine Silberflut in ein kunstloses Becken goss, scherzten und kosten mit ihrer Gebieterin in unschuldsvoller Fr\u00f6hlichkeit. Dieser Anblick wirkte so wundervoll auf den lauschenden Berggeist, dass er schier seine geistige Natur und Eigenschaft verga\u00df und sich das Los der Sterblichkeit w\u00fcnschte. Deshalb verwandelte er sich in einen bl\u00fchenden J\u00fcngling. Das war der rechte Weg, ein M\u00e4dchenideal in seiner ganzen Vollkommenheit zu umfassen. Es erwachten Gef\u00fchle in seiner Brust, von denen er seit seiner Existenz noch nichts geahnt hatte; alle Ideen bekamen einen neuen Schwung. Ein unwiderstehlicher Trieb zog ihn nach dem Wasserfalle hin, und doch empfand er eine gewisse Scheu, durchs Gestr\u00e4uch hervorzubrechen durch das sein Auge gleichwohl eine verstohlene Aussicht auszusp\u00e4hen strebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sch\u00f6ne Nymphe war die Tochter des schlesischen Pharao, der in der Gegend des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen des Hofes in den Hainen und B\u00fcschen des Gebirges zu lustwandeln und, wenn der Tag hei\u00df war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu baden. Von diesem Berggeist an diesen Platz, den er nicht mehr verlie\u00df, und t\u00e4glich der Wiederkehr der reizenden Badegesellschaft mit Ungeduld entgegen harrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nymphe z\u00f6gerte lange, doch in der Mittagsstunde eines schw\u00fclen Sommertages besuchte sie wieder mit ihrem Gefolge die k\u00fchlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung ging \u00fcber alles, da sie den Ort ganz ver\u00e4ndert fand; die rohen Felsen waren mit Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser st\u00fcrzte nicht mehr in einem wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele Abstufungen gebrochen, mit sanften Gemurmel in ein weites Marmorbecken herunter. Ma\u00dflieben, Zeitlosen und das romantische Bl\u00fcmlein Vergissmeinnicht bl\u00fchten an dessen Rande, Rosenhecken, mit wildem Jasmin und Silberbl\u00fcten vermengt, zogen sich in einiger Entfernung umher und bildeten das angenehmste Lustst\u00fcck. Rechts und links der Kaskade \u00f6ffnete sich der doppelte Eingang einer pr\u00e4chtigen Grotte, deren W\u00e4nde und Bogengew\u00f6lbe mit mosaischer Bekleidung prangten, von farbigen Erzstufen, Bergkristall und Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, dass der Abglanz davon das Auge blendete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da, wusste nicht, ob sie ihren Augen trauen, diesen zauberhaften Ort betreten oder fliehen sollte. Nachdem sie mit ihrem Gefolge in diesem kleinen Tempel sich sattsam erlustigt und alles flei\u00dfig durchgemustert hatte l\u00fcstete sie, in dem Bassin zu baden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum war sie \u00fcber den glatten Rand des Marmorbeckens hinab geschl\u00fcpft, so sank sie in eine endlose Tiefe. Laut lie\u00df die bange Schar der erschrockenen M\u00e4dchen Klage, Ach und Weh erschallen , als ihr Fr\u00e4ulein vor ihren Augen dahinschwand; sie liefen \u00e4ngstlich am marmornen Gestade hin und wieder, indes das Springwasser recht geflissentlich sie mit einem Platzregen nach dem anderen \u00fcbergoss.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier war kein anderer Rat, als dem K\u00f6nige die traurige Begebenheit mit seiner Tochter zu hinterbringen. Wehklagend begegneten ihm die M\u00e4dchen, da er eben mit seinen J\u00e4gern zu Walde zog. Der K\u00f6nig zerriss sein Kleid vor Betr\u00fcbnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verh\u00fcllte sein Angesicht mit dem Purpurmantel, weinte uns st\u00f6hnte laut \u00fcber den Verlust der sch\u00f6nen Emma.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tr\u00e4nenzoll entrichtet hatte, st\u00e4rkte er seinen Mut und eilte, das Abenteuer am Wasserfalle selbst zu beschauen. Aber der angenehme Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da in ihrer vorigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Rosengehege, keine Jasminlaube.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterdessen hatte der Berggeist die liebreizende Emma durch einen unterirdischen Weg in einen pr\u00e4chtigen Palast gef\u00fchrt. Als sich die Lebensgeister der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbenem Satin und einem G\u00fcrtel von himmelblauer Seide. Ein junger Mann lag zu ihren F\u00fc\u00dfen und tat ihr mit dem w\u00e4rmsten Gef\u00fchl das Gest\u00e4ndnis der Liebe, das sie mit schamhaftem Err\u00f6ten annahm. Der entz\u00fcckte Gnom unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den unterirdischen Staaten, die er beherrschte, f\u00fchrte sie durch die Zimmer und S\u00e4le des Schlosses und zeigte ihr alle Pracht und Reichtum. Ein herrlicher Lustgarten umgab das Schloss von drei Seiten, der mit feinen Blumenst\u00fccken und Rasenpl\u00e4tzen, auf deren gr\u00fcner Fl\u00e4che ein k\u00fchler Schatten schwamm, dem Fr\u00e4ulein vornehmlich zu behagen schien. Alle Obstb\u00e4ume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur H\u00e4lfte \u00fcbergoldete \u00c4pfel. In den traulichen Bogeng\u00e4ngen lustwandelte das Paar. Sein Blick hing an ihren Lippen, und sein Ohr trank die sanften T\u00f6ne aus ihrem melodischen Munde. In seinem langen Leben hatte er dergleichen selige Stunden noch nie genossen, als ihm jetzt die erste Liebe gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht gleiches Wonnegef\u00fchl empfand die reizende Emma. Ein gewisser Tr\u00fcbsinn hing \u00fcber ihrer Stirn, sanfte Schwermut und z\u00e4rtliches Hinschmachten offenbarten genug, dass geheime W\u00fcnsche in ihrem Herzen verborgen lagen. Er machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch Liebkosungen diese Wolken zu zerstreuen und die Sch\u00f6ne aufzuheitern, obwohl vergebens. Der Mensch, dachte er bei sich selbst, ist ein geselliges Tier wie die Biene und die Ameise; der sch\u00f6nen Sterblichen gebricht&#8217;s an Unterhaltung. Flugs ging er hinaus ins Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend R\u00fcben aus, legte sie in einen zierlichen geflochtenen Deckelkorb und brachte diesen der sch\u00f6nen Emma, die melancholisch einsam in der beschatteten Laube eine Rose entbl\u00e4tterte. \u00abSch\u00f6nste der Erdent\u00f6chter,\u00bb redete sie der Gnom an, \u00abdu sollst nicht mehr die einsam Trauernde in meiner Wohnung sein. In diesem Korbe ist alles, was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen buntgesch\u00e4lten Stab und gib durch die Ber\u00fchrung mit ihm den Erdengew\u00e4chsen im Korbe die Gestalten, die dir gefallen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Hierauf verlie\u00df er die Prinzessin, und sie weilte keinen Augenblick, mit dem Zauberstabe laut Instruktion zu verfahren, nachdem sie den Deckelkorb ge\u00f6ffnet hatte. \u00abBrunhild,\u00bb rief sie, \u00abliebe Brunhild, erscheine!\u00bb Und Brunhild lag zu ihren F\u00fc\u00dfen, umfasste die Knie ihrer Gebieterin und benetzte ihren Scho\u00df mit Freudenz\u00e4hren. Die T\u00e4uschung war so vollkommen, dass Fr\u00e4ulein Emma selbst nicht wusste, wie sie mit ihrer Sch\u00f6pfung dran war: ob sie die wahre Brunhild hergezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie \u00fcberlie\u00df sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten umher, lie\u00df sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pfl\u00fcckte ihr goldgesprenkelte \u00c4pfel von den B\u00e4umen. hierauf f\u00fchrte sie ihre Freundin durch alle Zimmer im Palast bis in die Kleiderkammer, wo sie bis zu Sonnenuntergang verweilten. Alle Schleier, G\u00fcrtel, Ohrspangen wurden gemustert und anprobiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der sp\u00e4hende Gnom war entz\u00fcckt \u00fcber den Tiefblick, den er in das weibliche Herz getan zu haben vermeinte, und freute sich \u00fcber den guten Fortgang in der Menschenkunde. Die sch\u00f6ne Emma d\u00fcnkte ihn jetzt sch\u00f6ner, freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterlie\u00df nicht, ihren ganzen R\u00fcbenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei R\u00fcben \u00fcbrig waren, bildete sie eine Zyperkatze um, aus der anderen schuf sie ein niedlich h\u00fcpfendes H\u00fcndchen. Einige Wochen lang genoss sie die Wonne des gesellschaftlichen Vergn\u00fcgens ungest\u00f6rt, Sang und Saitenspiel wechselten vom Morgen bis zum Abend; nur merkte das Fr\u00e4ulein nach Verlauf einiger Zeit, dass die frische Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal lie\u00df zuerst bemerken, dass sie allein wie eine Rose aus der Knospe frisch hervor bl\u00fchte, da die geliebte Brunhild und die \u00fcbrigen Jungfrauen welkenden Blumen glichen; gleichwohl versicherten sie alle, dass sie sich wohl bef\u00e4nden, und der freigebige Gnom lie\u00df sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden. Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und T\u00e4tigkeit schwand von Tag zu Tag mehr dahin, und alles Jugendfeuer erlosch.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Prinzessin an einem heitern Morgen, durch gesunden Schlaf gest\u00e4rkt, fr\u00f6hlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zur\u00fcck, da ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an St\u00e4ben und Kr\u00fccken entgegen zitterte, mit Dumpf- und Keuchhusten beladen, unverm\u00f6gend sich aufrechtzuerhalten. Das sch\u00e4kernde H\u00fcndchen hatte alle vier von sich gestreckt, und der schmeichelnde Zyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch regen und bewegen. Best\u00fcrzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den S\u00f6ller des Portals und rief laut den Gnomen, der alsbald in dem\u00fctiger Stellung auf ihr Gehei\u00df erschien. \u00abBoshafter Geist,\u00bb redete sie ihn zornm\u00fctig an, \u00abwarum missg\u00f6nnst du mir die einzige Freude meines harmvollen Lebens, die Schattengesellschaft meiner ehemaligen Gespielinnen? Augenblicklich gib meinen Dirnen Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Hass und Verachtung soll deinen Frevel r\u00e4chen.\u00bb &#8211; \u00abSch\u00f6nste der Erdent\u00f6chter, \u00bb entgegnete der Gnom, \u00abz\u00fcrne nicht \u00fcber die Geb\u00fchr! Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand; aber das Unm\u00f6gliche fordere nicht von mir. Die Kr\u00e4fte der Natur gehorchen mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange vegetierende Kraft in den R\u00fcben war, konnte der magische Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln; aber ihre S\u00e4fte sind nun vertrocknet, und ihr Wesen neigt sich nach der Zerst\u00f6rung hin; denn der belebende Elementargeist ist verraucht. Jedoch das; soll dich nicht k\u00fcmmern, Geliebte, ein frischgef\u00fcllter Deckelkorb kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle Gestalten wieder hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke zur\u00fcck, die dich so angenehm unterhalten haben; auf dem gro\u00dfen Rasenplatze im Garten wirst du die Gesellschaft finden.\u00bb Der Gnom entfernte sich darauf, und Fr\u00e4ulein Emma ihren buntgesch\u00e4lten Stab zur Hand, ber\u00fchrte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften R\u00fcben zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeugs m\u00fcde sind, zu tun pflegen: sie warf den Plunder ins Kehricht und dachte nicht mehr daran.<\/p>\n\n\n\n<p>Leichtf\u00fc\u00dfig h\u00fcpfte sie nun \u00fcber die gr\u00fcnen Matten dahin, den frisch gef\u00fcllten Deckelkorb in Empfang zu nehmen, den sie jedoch nirgends fand. Sie ging den Garten auf und nieder, sp\u00e4hte flei\u00dfig umher; aber es wollte kein Korb zum Vorschein kommen. Am Traubengel\u00e4nder kam ihr der Gnom entgegen mit so sichtbarer Verlegenheit, dass sie seine Best\u00fcrzung schon von ferne wahrnahm. \u00abDu hast mich get\u00e4uscht,\u00bb sprach sie, \u00abwo ist der Deckelkorb geblieben? Ich suche ihn schon seit einer Stunde vergebens.\u00bb &#8211; \u00abHolde Gebieterin meines Herzens, \u00bb antwortete der Geist, \u00abwirst du mir meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich habe das Land durchzogen, R\u00fcben aufzusuchen, aber sie sind l\u00e4ngst geerntet und welken in dumpfigen Kellern. Harre nur drei Mondwechsel in Geduld aus, dann soll dir&#8217;s nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen zu spielen.\u00bb Ehe noch der beredsame Gnom mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm seine Sch\u00f6ne unwillig den R\u00fccken zu, ohne ihm einer Antwort zu w\u00fcrdigen. Er aber hob sich von dannen in die n\u00e4chste Marktstadt innerhalb seines Gebietes, kaufte, als ein P\u00e4chter gestaltet, einen Esel, den er mit schweren S\u00e4cken S\u00e4merei belud, womit er einen ganzen Morgen Landes bes\u00e4te.<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcbensaat schoss lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche Ernte; Fr\u00e4ulein Emma ging t\u00e4glich hinaus auf ihr Ackerfeld, das zu besehen sie mehr l\u00fcstete als die goldenen \u00c4pfel. Aber Kummer und Missmut tr\u00fcbten ihre kornblumenfarbenen Augen. Sie weilte am liebsten in einem d\u00fcsteren, melancholischen Tannenw\u00e4ldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silbernes Gew\u00e4sser ins Tal rauschen lie\u00df, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund hinabflossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gnom sah wohl, dass bei den sorgf\u00e4ltigsten Bestreben, durch tausend kleine Gef\u00e4lligkeiten sich in der sch\u00f6nen Emma Herz zu stehlen, ihr keine Liebe abzugewinnen war. Desungeachtet erm\u00fcdete seine hartn\u00e4ckige Geduld nicht, durch die p\u00fcnktlichste Erf\u00fcllung ihrer W\u00fcnsche ihren spr\u00f6den Sinn zu \u00fcberwinden. Er nahm als etwas ausgemachtes an, dass ihr Herz so frei und unbefangen sei wie das seine, doch das war ein gro\u00dfer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der Oder, F\u00fcrst Ratibor, hatte den s\u00fc\u00dfen Minnetrieb in dem Herzen der holden Emma bereits angefacht. Schon sah das gl\u00fcckliche Paar dem Tage seiner Verm\u00e4hlung entgegen, da die Braut mit einem Male verschwand. Diese Nachricht verwandelte den liebenden Rabtibor in einen rasenden Roland. Er verlie\u00df seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen W\u00e4ldern umher und klagte den Felsen sein Ungl\u00fcck. Die treue Emma seufzte unterdessen ihre Herzgef\u00fchle so fest in ihrem Busen, dass der sp\u00e4hende Gnom nicht entr\u00e4tseln konnte, was f\u00fcr Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie darauf gesonnen, wie sie ihn \u00fcberlisten und der l\u00e4stigen Gefangenschaft entrinnen m\u00f6chte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen Plan aus, der des Versuchs w\u00fcrdig schien, ihn auszuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Lenz kehrte in die gebirgischen T\u00e4ler zur\u00fcck, und die R\u00fcben gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog t\u00e4glich einige davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Sie lie\u00df eines Tages eine kleine R\u00fcbe zur Biene werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Geliebten einzuziehen. \u00abFleuch, liebes Bienchen, gegen Aufgang,\u00bb sprach sie, \u00abzu Ratibor, dem F\u00fcrsten des Landes, und sumse ihm sanft ins Ohr, dass Emma noch f\u00fcr ihn lebt, aber eine Sklavin ist des F\u00fcrsten der Gnomen, der das Gebirge bewohnt; verlier&#8216; kein Wort von diesem Gru\u00dfe und bring mir die Botschaft von seiner Liebe.\u00bb Die Biene flog alsbald von dem Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so stach eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang zum gro\u00dfen Leidwesen des Fr\u00e4uleins die Botschafterin der Liebe. Darauf formte sie verm\u00f6ge des wunderbaren Stabes eine Grille, lehrte sie gleichen Spruch und Gru\u00df. Die Grille flog und h\u00fcpfte so schnell, wie sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war; aber ein langbeiniger Storch promenierte eben an dem Wege, auf dem die Zirpe zog, erfasste sie mit seinem langen Schnabel und begrub sie in das Verlies seines weiten Kropfes.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese misslungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, einen neuen zu wagen; sie gab der dritten R\u00fcbe die Gestalt einer Elster. \u00abSchwanke hin, beredsamer Vogel,\u00bb sprach sie, \u00abvon Baum zu Baum, bis du gelangest zu Ratibor, sag ihm an meine Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, dass er meiner harre mit Ross und Mann, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges im Maientale, bereit, den Fl\u00fcchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt.\u00bb Die Elster gehorchte, und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit das Auge reichte. Der harmlose Ratibor irrte noch immer melancholisch in den W\u00e4ldern herum; die R\u00fcckkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er sa\u00df unter einer schattenreichen Eiche, dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelhaft zur\u00fcck; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch auf, sah niemanden, w\u00e4hnte eine T\u00e4uschung und h\u00f6rte den n\u00e4mlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin und her flog und ward inne, dass der gelehrige Vogel ihn beim Namen rief. \u00abArmer Schw\u00e4tzer,\u00bb sprach er, \u00abwer hat dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Ungl\u00fccklichen geh\u00f6rt, der w\u00fcnscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Ged\u00e4chtnis?\u00bb Hierauf fasste er einen Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma h\u00f6ren lie\u00df. Der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elstergeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, der ihm gelehrt war. F\u00fcrst Ratibor vernahm kaum diese fr\u00f6hliche Botschaft, so ward&#8217;s hell in seiner Seele; der t\u00f6dliche Gram, der die Sinne umnebelt und die Federkraft der Nerven erschlafft hatte, verschwand. Er forschte mit Flei\u00df von der Gl\u00fccksverk\u00fcnderin nach den Schicksalen der holden Emma; aber die gespr\u00e4chige Elster konnte nichts als mechanisch ihre Lektion ohne Aufh\u00f6ren wiederholen und flatterte davon. Schnellf\u00fc\u00dfig eilte der auflebende Prinz zu seinem Hoflager zur\u00fcck, r\u00fcstete eilig das Geschwader der Reisigen, sa\u00df auf und zog mit ihnen hin ans Vorgebirge seiner guten Hoffnung, das Abenteuer zu bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00e4ulein Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr Vorhaben auszuf\u00fchren. Sie lie\u00df ab, den duldsamen Gnomen mit Kaltsinn zu qu\u00e4len, ihr Auge sprach Hoffnung, und ihr spr\u00f6der Sinn schien beugsamer zu werden. Der seufzende Liebhaber empfand gar bald diese scheinbare Sinnes\u00e4nderung der holden Spr\u00f6den. Ein holdseliger Blick, eine freundliche Miene, ein bedeutsames L\u00e4cheln setzten sein entz\u00fcndbares Wesen in volle Flammen. Er bat um Erh\u00f6rung und wurde nicht zur\u00fcckgewiesen. Das Fr\u00e4ulein begehrte nur noch einen Tag Bedenkzeit, den ihr der wonnetrunkene Gnom bereitwillig zugestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die sch\u00f6ne Emma geschm\u00fcckt wie eine Braut hervor, mit allem Geschmeide belastet, das sie in ihrem Schmuckk\u00e4stlein gefunden hatte, und da ihr der harrende Gnom auf der gro\u00dfen Terrasse im Lustgarten entgegen wandelte, bedeckte sie z\u00fcchtiglich mit dem Ende des Schleiers ihr Angesicht. \u00abHimmlisches M\u00e4dchen,\u00bb stammelt er ihr entgegen, \u00ablass mich die Seligkeit der Liebe aus deinen Augen trinken und weigere mir nicht l\u00e4nger den bejahenden Blick, der mich zum gl\u00fccklichsten Wesen macht, das jemals die rote Morgensonne bestrahlt hat!\u00bb Hierauf wollte er ihr Antlitz enth\u00fcllen, aber das Fr\u00e4ulein machte ihre Schleierwolke noch dichter um sich her und antwortete gar bescheiden: \u00abVermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, Gebieter meines Herzens? Deine Standhaftigkeit hat obgesiegt. Nimm dies Gest\u00e4ndnis von meinen Lippen; aber lass mein Err\u00f6ten und meine Z\u00e4hren diesen Schleier auffassen.\u00bb &#8211; \u00abWarum Z\u00e4hren, o Geliebte?\u00bb fiel der beunruhigte Geist ein, \u00abich heische Lieb&#8216; um Liebe und will nicht Aufopferung.\u00bb &#8211; \u00abAch, \u00bb erwiderte Emma, \u00abwarum missdeutest du meine Tr\u00e4nen? Mein Herz lohnt deine Z\u00e4rtlichkeit; aber Bange zerrei\u00dft meine Seele. Das Weib hat nicht stets die Reize einer Geliebten; du alterst nimmer; aber irdische Sch\u00f6nheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, dass du der z\u00e4rtliche, liebevolle, gef\u00e4llige, duldsame Gemahl sein werdest, wie du als Liebhaber warest?\u00bb Er antwortete: \u00abFordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und urteile daraus von der St\u00e4rke meiner unwandelbaren Liebe.\u00bb &#8211; \u00abEs sei also!\u00bb beschloss die schlaue Emma \u00abich heische nur einen Beweis deiner Gef\u00e4lligkeit. Gehe hin und z\u00e4hle die R\u00fcben alle auf dem Acker; mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie mir zu Kr\u00e4nzeljungfrauen dienen; aber h\u00fcte dich, mich zu t\u00e4uschen und verz\u00e4hle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue pr\u00fcfen will.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>So ungern sich der Gnom in diesen Augenblick von seiner reizenden Braut trennte, so gehorchte er doch, machte sich rasch an seine Gesch\u00e4fte und h\u00fcpfte hurtig unter den R\u00fcben herum. Er war durch diese Gesch\u00e4ftigkeit mit seiner Aufgabe bald zustande; doch um der Sache recht gewiss zu sein, wiederholte er sie nochmals und fand zu seinem Verdruss eine andere Zahl, was ihn n\u00f6tigte, zum dritten Mal den R\u00fcbenp\u00f6bel durchzumustern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verschmitzte Emma hatte ihren Paladin kaum aus den Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftvolle R\u00fcbe in Bereitschaft, die sie flugs in ein mutiges Ross mit Sattel und Zeug metamorphosierte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog \u00fcber die Heiden und Steppen des Gebirges dahin, und der fl\u00fcchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften R\u00fccken hinab ins Maiental, wo sie sich dem geliebten Ratibor, der der Kommenden \u00e4ngstlich entgegen harrte, fr\u00f6hlich in die Arme warf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gesch\u00e4ftige Gnom hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft, dass er von dem, was um und neben ihm geschah, nichts wusste. Nach langer M\u00fche und Anstrengung seiner Geisteskraft war ihm endlich gelungen, die wahre Zahl aller R\u00fcben auf dem Ackerfelde, klein und gro\u00df mit eingerechnet, gefunden zu haben. Er eilte nun froh zur\u00fcck, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berechnen und durch die p\u00fcnktliche Erf\u00fcllung ihrer Befehle sie zu \u00fcberzeugen, dass er der gef\u00e4lligste und unterw\u00fcrfigste Gemahl sein werde. Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz; aber da fand er nicht, was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und G\u00e4nge; auch da war nicht, was er begehrte. Er kam in den Palast, durchsp\u00e4hte alle Winkel, rief den holden Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zur\u00fcckt\u00f6nten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde; doch da war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat; flugs warf er das schwerf\u00e4llige Phantom der Verk\u00f6rperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah den geliebten Fl\u00fcchtling in der Ferne, als eben der rasche Gaul \u00fcber die Grenze setzte. W\u00fctend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich vor\u00fcberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kr\u00e4ftigen Blitz der Fliehenden nach, der eine tausendj\u00e4hrige Grenzeiche zersplitterte. Aber jenseits dieser war des Gnomen Rache unkr\u00e4ftig, und die Donnerwolke zerfloss in einen sanften Heiderauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er die Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt hatte, kehrte er tr\u00fcbselig in den Palast zur\u00fcck, schlich durch alle Gem\u00e4cher und erf\u00fcllte sie mit Seufzen und St\u00f6hnen. Die Sehnsucht erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stand, wo er trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das w\u00fcrgte und knotete ihn so zusammen, dass er unter der Last seiner Gef\u00fchle in dumpfes Hinbr\u00fcten versank. Bald danach brach sein Unmut in gr\u00e4ssliche Verw\u00fcnschungen aus, und er verma\u00df sich h\u00f6chstlich, der Menschenkenntnis zu entsagen und von diesem argen betr\u00fcglichen Geschlechte keine weitere Notiz zu nehmen. In dieser Entschlie\u00dfung stampfte er dreimal auf die Erde, der ganze Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein urspr\u00fcngliches Nichts zur\u00fcck, und der Gnom fuhr hinab in die Tiefe bis an die entgegengesetzte Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend dieser Katastrophe im Gebirge f\u00fchrte F\u00fcrst Ratibor sie sch\u00f6ne Emma an den Hof ihres Vaters zur\u00fcck, vollzog daselbst seine Verm\u00e4hlung, teilte mit ihr den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen Namen tr\u00e4gt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin, das ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, ihre k\u00fchne Flucht und gl\u00fcckliche Entrinnung wurde das M\u00e4rchen des Landes, pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Und die Einwohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wussten, legten ihm einen Spottnamen auf, riefen ihn R\u00fcbenz\u00e4hler oder kurz R\u00fcbezahl.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Zweite Legende<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ruebezahl.jpg\" rel=\"lightbox[1382]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"660\" height=\"560\" src=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ruebezahl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6015\" srcset=\"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ruebezahl.jpg 660w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ruebezahl-620x526.jpg 620w, https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ruebezahl-300x255.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge, und der keckste unter ihnen rief ohne Unterlass: \u00abR\u00fcbezahl, komm herab! R\u00fcbezahl, M\u00e4dchendieb!\u00bb Von undenklichen Jahren her hatte die L\u00e4sterchronik die Liebesgeschichte des Berggeistes in m\u00fcndlichen \u00dcberlieferungen getreulich aufbewahrt, sie wie gew\u00f6hnlich mit l\u00fcgenhaften Zus\u00e4tzen vermehrt, und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, unterhielt sich mit seinem Gef\u00e4hrten von seinen Abenteuern. Man trug sich mit unz\u00e4hligen Spukhist\u00f6rchen, machte damit zaghafte Wanderer f\u00fcrchten, und die starken Geister und Philosophen, die am hellen Tage und in zahlreicher Gesellschaft an keine Gespenster glauben und sich dar\u00fcber lustig machen, pflegen aus \u00dcbermut, oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu zitieren, aus Sch\u00e4kerei bei seinem Ekelnamen zu rufen und auf ihn zu schimpfen. Man hat nie geh\u00f6rt, dass dergleichen Kr\u00e4nkungen von dem friedsamen Berggeiste w\u00e4ren ger\u00fcgt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er seine ganze Schande jetzt so kurz und b\u00fcndig ausrufen h\u00f6rte. Wie der Sturmwind raste er durch den d\u00fcsteren Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne Absicht \u00fcber ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem Augenblick bedachte, dass eine so furchtbare Rache gro\u00dfes Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben w\u00fcrde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum lie\u00df er ihn nebst seinen Konsorten ruhig ihre Stra\u00dfe ziehen, mit dem Vorbehalt, seinen ver\u00fcbten Mutwillen ihm doch nicht ungenossen hingehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem n\u00e4chsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen beiden Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner Heimat an. Aber der unsichtbare Geleitsmann war ihm bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen R\u00fcckweg ins Gebirge an und sann auf Mittel, sich zu r\u00e4chen. Von ungef\u00e4hr begegnete ihm auf der Landstra\u00dfe ein reicher Israelit, der nach Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Also gesellte er sich zu ihm in Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, f\u00fchrte ihn unbemerkt seitab von der Stra\u00dfe, und da sie ins Geb\u00fcsch kamen, fiel er dem Juden m\u00f6rderisch in den Bart, riss ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm seinen S\u00e4ckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschl\u00e4gen und Fu\u00dftritten noch gar \u00fcbel traktiert hatte, ging er davon und lie\u00df den armen gepl\u00fcnderten Juden halbtot im Busche liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich der Israelit von seinem Schrecken erholt hatte, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, fragte, warum er also beginne, und wie er ihn geknebelt fand, l\u00f6ste er ihm die Bande von H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. Nachher labte er ihn mit einem herrlichen Schluck Kordial wasser, das er bei sich trug, f\u00fchrte ihn wieder auf die Landstra\u00dfe und geleitete ihn freundlich gen Hirschberg an die T\u00fcr der Herberge; dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Jude, da er beim Eintritt in den Krug seinen R\u00e4uber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen wie ein Mensch sein kann, der sich keiner \u00dcbeltat bewusst ist. Er sa\u00df hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schw\u00e4nke mit anderen lustigen Zechbr\u00fcdern, und neben ihm lag der n\u00e4mliche Rucksack, in dem er den geraubten S\u00e4ckel verborgen hatte. Der best\u00fcrzte Jude wusste nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einem Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen m\u00f6chte. Es schien ihm unm\u00f6glich, sich in der Person geirrt zu haben; darum drehte er unbemerkt sich zur T\u00fcr hinaus, ging zum Richter und zeigte den Diebstahl an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hirschberger Justiz stand damals in dem Rufe, dass sie schnell und t\u00e4tig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, wenn&#8217;s was einzuziehen gab; wo sie aber einfach ihrer Pflicht Gen\u00fcge leisten musste, ging sie ihren Schneckengang. Der erfahrene Israelit war mit dem gew\u00f6hnlichen Gang schon bekannt und verwies den unentschlossenen Richter auf den Inhalt seines Beutels, und diese goldene Hoffnung unterlie\u00df nicht, einen Verhaftungsbefehl auszuwirken. H\u00e4scher bewaffneten sich mit Spie\u00dfen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und f\u00fchrten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen V\u00e4ter indes versammelt hatten. \u00abWer bist du?\u00bb fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte hereintrat, \u00abund von wannen kommst du?\u00bb Er antwortete freim\u00fctig und unerschrocken: \u00abIch bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abHast du nicht diesen Juden im Walde m\u00f6rderisch \u00fcberfallen, \u00fcbel geschlagen, gebunden und seines S\u00e4ckels beraubt?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abIch habe diesen Juden nie mit Augen gesehen, hab&#8216; ihn auch weder geschlagen, noch gebunden, noch seines S\u00e4ckels beraubt.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWomit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abMit meiner Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWeis&#8216; auf deine Kundschaft.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Benedix \u00f6ffnete getrost den Rucksack, denn er wusste wohl, dass er nichts als ein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch als er ihn ausleerte, siehe da! da klingelt&#8217;s unter dem herausst\u00fcrzenden Plunder wie Geld. Die H\u00e4scher griffen hurtig zu, st\u00f6rten den Kram auseinander und zogen den schweren S\u00e4ckel hervor, den der erfreute Jude alsbald als sein Eigentum erkannte. Der Wicht stand da wie vom Donner ger\u00fchrt, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach kein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWie nun, B\u00f6sewicht!\u00bb donnerte der Stadtvogt. \u00abErfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abErbarmung, gestrenger Herr Richter!\u00bb winselte der Beschuldigte auf den Knien, mit hochaufgehobenen H\u00e4nden. \u00abAlle Heiligen im Himmel ruf&#8216; ich zu Zeugen an, dass ich unschuldig bin an dem Raube; ich wei\u00df nicht, wie des Juden S\u00e4ckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott wei\u00df es.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDu bist \u00fcberwiesen,\u00bb redete der Richter fort, \u00abder S\u00e4ckel zeugt gen\u00fcgend von Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Gest\u00e4ndnis der Wahrheit abzufoltern.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der ge\u00e4ngstigte Benedix konnte nichts als auf seine Unschuld pochen; aber er predigte tauben Ohren. Meister H\u00e4mmerling, der f\u00fcrchterliche Wahrheitsforscher, wurde herbeigerufen, durch die st\u00e4hlernen Argumente seiner Beredsamkeit ihn dazu zu bringen, Gott und der Obrigkeit die Ehre anzutun, zu bekennen. Jetzt verlie\u00df den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zur\u00fcck vor den Qualen, die auf ihn warteten. Da der Peiniger im Begriff war, ihm die Daumenst\u00f6cke anzulegen, bedachte er, dass diese Operation ihn unt\u00fcchtig machen w\u00fcrde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu f\u00fchren, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, von der Marter mit einem Male abzukommen, und gestand das Bubenst\u00fcck ein, wovon sein Herz nichts wusste. Der Kriminalprozess wurde nun abgetan, der Beschuldigte, ohne dass sich das Gericht teilte, von Richter und Sch\u00f6ffen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch gleich tags darauf bei fr\u00fchem Morgen vollzogen werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Zuschauer, die das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu als der barmherzige Samariter, der mit in die Kriminalstube eingedrungen war und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben; und in der Tat hatte auch niemand n\u00e4hern Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Juden S\u00e4ckel in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als R\u00fcbezahl selbst war. Schon am fr\u00fchen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder fand an dem unwissenden Benedix einen so rohen, w\u00fcsten Klotz, dass es ihm unm\u00f6glich schien, in so kurzer Zeit, als ihm zu dem Bekehrungsgesch\u00e4fte \u00fcbrigblieb, einen Heiligen daraus zu schnitzeln; er bat deshalb das Kriminalgericht um einen dreit\u00e4gigen Aufschub, den er dem frommen Magistrat nicht ohne gro\u00dfe M\u00fche und unter Androhung des Kirchenbannes endlich abzwang. Als R\u00fcbezahl davon h\u00f6rte, flog er ins Gebirge, den Termin der Hinrichtung dort zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend dieser Zeit durchstrich er nach Gewohnheit die W\u00e4lder und erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich, und der Zuschnitt daran b\u00fcrgerlich. Von Zeit zu Zeit wischte sie mit der Hand eine herabrollende Z\u00e4hre von den Wangen, und st\u00f6hnende Seufzer quollen aus der vollen Brust hervor. Schon ehemals hatte der Gnom die m\u00e4chtigen Eindr\u00fccke jungfr\u00e4ulicher Z\u00e4hren empfunden; auch jetzt war er so ger\u00fchrt davon, dass er von dem Gesetz, das er sich auferlegt hatte, alle Adamskinder, die durchs Gebirge ziehen w\u00fcrden, zu necken und qu\u00e4len, die erste Ausnahme machte. Er gestaltete sich wieder zu einem ehrsamen B\u00fcrger, trat zu der jungen Dirne freundlich hin und sprach: \u00abM\u00e4gdlein, was trauerst du hier in der W\u00fcste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, dass ich zusehe, wie dir zu helfen ist.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dirne, die ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie diese Stimme h\u00f6rte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, \u00f6ffnete sie ihren Purpurmund und sprach: \u00abWas k\u00fcmmert Euch mein Schmerz, guter Mann, zumal mir nicht zu helfen ist? Ich bin eine Ungl\u00fcckliche, eine M\u00f6rderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abb\u00fc\u00dfen meine Schuld mit Jammer und Tr\u00e4nen, bis mir der Tod das Herz zerbricht.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der ehrbare Mann staunte. \u00abDu eine M\u00f6rderin?\u00bb rief er, \u00abbei diesem himmlischen Gesicht tr\u00fcgst du die H\u00f6lle im Herzen? Unm\u00f6glich! &#8211; Zwar die Menschen sind aller R\u00e4nke und Bosheit f\u00e4hig, das wei\u00df ich; gleichwohl ist mir&#8217;s hier ein R\u00e4tsel.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abSo will ich&#8217;s Euch l\u00f6sen,\u00bb erwiderte die tr\u00fcbsinnige Jungfrau, \u00abwenn Ihr es zu wissen begehrt.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Er sprach: \u00abSag&#8216; an!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: \u00abIch hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn einer tugendsamen Witib, meiner Nachbarin, der mich zu seinem Liebchen erkor, als er heranwuchs. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, dass er mir das Herz stahl und ich ihm ewige Treue gelobte. &#8211; Ach, das Herz des lieben Jungen habe ich Natter vergiftet, hab&#8216; ihn die Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer \u00dcbeltat verleitet, wof\u00fcr er das Leben verwirkt hat!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gnom rief nachdr\u00fccklich: \u00abDu?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abJa, Herr,\u00bb sprach sie, \u00abich bin seine M\u00f6rderin, hab&#8216; ihn gereizt, einen Stra\u00dfenraub zu begehen und einen schelmischen Juden zu pl\u00fcndern; da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht \u00fcber ihn gehegt, und o Herzeleid! morgen wird er abgetan. Ja Herr! ich hab&#8217;s auf meinem Gewissen das junge Blut!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWie das?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00aber zog auf die Wanderschaft \u00fcbers Gebirge, und als er beim Abschied an meinem Halse hing, sprach er: Fein Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum drittenmal bl\u00fcht und die Schwalbe zum Neste tr\u00e4gt, kehr&#8216; ich von der Wanderschaft zur\u00fcck, dich heimzuholen als mein junges Weib; und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuren Eid. Nun bl\u00fchte der Apfelbaum zum drittenmal, und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung f\u00fchren. Ich aber neckt&#8216; und h\u00f6hnt&#8216; ihn, wie die M\u00e4dchen es oft mit den Freiern tun, und sprach: Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff&#8216; dir erst blanke Batzen an, dann frage wieder an. Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betr\u00fcbt. Ach, Kl\u00e4rchen, seufzte er tief mit einer Tr\u00e4ne im Auge, steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere M\u00e4dchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schw\u00fcrest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu n\u00e4hren? Ach, Kl\u00e4rchen, ich verstehe dich; ein reicher Buhle hat mir dein Herz entwendet; belohnst du mich also, Ungetreue? Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: Mein Herz verschm\u00e4ht dich nicht, o Benedix! antwortete ich, nur meine Hand versag&#8216; ich dir zun\u00e4chst; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm wieder. Wohlan, sprach er mit Unmut, du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, schnurren, sorgen, und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schn\u00f6den Preis, um den ich dich erwerben muss. Leb&#8216; wohl, ich fahre hin, ade! &#8211; So hab&#8216; ich ihn bet\u00f6rt, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verlie\u00df ihn sein guter Engel, dass er tat, was nicht recht war, und was sein Herz gewiss verabscheute.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der ehrsame Mann sch\u00fcttelte den Kopf \u00fcber diese Rede und rief nach einer Pause mit einer nachdenklichen Miene: \u00abWunderbar!\u00bb Hierauf wendete er sich zu der Dirne: \u00abWarum,\u00bb fragte er, \u00aberf\u00fcllst du hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Buhlen nichts n\u00fctzen und frommen k\u00f6nnen?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abLieber Herr,\u00bb fiel sie ihm ein, \u00abich war auf dem Wege nach Hirschberg. Ich will dem Blutrichter zu F\u00fc\u00dfen fallen, will mit meinem Klageschrei die Stadt erf\u00fcllen, ob das die Herren erbarmen m\u00f6chte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und wenn mir&#8217;s nicht gelingt, meinem Buhlen dem schm\u00e4hlichen Tode zu entrei\u00dfen, will ich freudig mit ihm sterben.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist wurde durch diese Rede so bewegt, dass er von Stund&#8216; an seine Rache ganz verga\u00df und der Trostlosen ihren Buhlen wiederzugeben beschloss. \u00abTrockne ab deine Tr\u00e4nen,\u00bb sprach er mit teilnehmender Geb\u00e4rde, \u00abund lass deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur K\u00fcste geht, soll dein Buhle frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und horchsam, und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu&#8216; auf die T\u00fcr zu deinem K\u00e4mmerlein; denn es ist dein Benedix, der davor steht. &#8211; Du sollst auch wissen, dass er das Bubenst\u00fcck nicht begangen hat, dessen du ihn anklagst, und du hast gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner b\u00f6sen Tat reizen lassen. Ich bin ein B\u00fcrger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme S\u00fcnder verurteilt wurde, aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, f\u00fcrchte nichts f\u00fcr sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Banden zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.\u00bb Die Dirne machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele k\u00e4mpften.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ehrw\u00fcrdige Pater Graurock hatte sich&#8217;s die drei Tage des Aufschubs blutsauer werden lassen, den Verbrecher geh\u00f6rig zu bekehren, um seine arme Seele der H\u00f6lle zu entrei\u00dfen, der sie, seiner Meinung nach, verpf\u00e4ndet war von Jugend auf. Denn der gute Benedix war ein unwissender Laie, der mit Nadel und Schere besser Bescheid wusste als mit dem Rosenkranz. Den Engelsgru\u00df und das Paternoster mengte er stets durcheinander, und vom Kredo wusste er keine Silbe; der eifrige M\u00f6nch hatte alle M\u00fche von der Welt, ihn das letztere zu lehren, und brachte mit dieser Arbeit zwei volle Tage zu. Denn wenn er sich die Formel aufsagen lie\u00df und das Ged\u00e4chtnis des armen S\u00fcnders auch nicht strauchelte, so unterbrach doch oft ein Gedanke an das Irdische und der halblaute Seufzer: \u00abAch Kl\u00e4rchen!\u00bb die ganze Lektion, weshalb es die religi\u00f6se Politik des frommen Bruders zutr\u00e4glich fand, dem verlorenen Schaf die H\u00f6lle recht hei\u00df zu machen, und das gelang ihm auch so, dass der ge\u00e4ngstigte Benedix kalten Todesschwei\u00df schwitzte und zu geheiligter Freude seines Bekehrers Kl\u00e4rchen rein dar\u00fcber verga\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob sich nun wohl Benedix v\u00f6llig unschuldig wusste, legte er sich aufs Bitten, flehte seinen geistlichen Richter um Barmherzigkeit an und suchte von den Qualen des Fegefeuers so viel abzudringen wie m\u00f6glich; wodurch sich denn der strenge Pater bewogen fand, ihn endlich nur bis an die Knie ins Feuerbad zu versenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eben verlie\u00df der unerbittliche S\u00fcndenr\u00fcger den Kerker, als ihm R\u00fcbezahl unsichtbarerweise beim Eingange begegnete, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzten, auszuf\u00fchren verm\u00f6chte. In dem Augenblick geriet er auf einen Einfall, der recht nach seinem Sinne war. Er schlich dem M\u00f6nche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gef\u00e4ngnis, das ihm der Kerkermeister ehrerbietig \u00f6ffnete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDas Heil deiner Seele,\u00bb redet er den Gefangenen an, \u00abtreibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Sag an, mein Sohn, was hast du noch auf deinem Herzen und Gewissen, damit ich dich tr\u00f6ste.&#8220; &#8211; \u00abEhrw\u00fcrdiger Vater,\u00bb antwortete Benedix, \u00abmein Gewissen bei\u00dft mich nicht; aber Euer Fegefeuer bangt und \u00e4ngstigt mich und presst mir das Herz zusammen, als l\u00e4g&#8217;s zwischen den Daumenst\u00f6cken.\u00bb Freund R\u00fcbezahl hatte von kirchlichen Lehrmeinungen sehr unvollst\u00e4ndige und verworrene Begriffe, daher war ihm die Querfrage: \u00abWie meinst du das?\u00bb wohl zu verzeihen. \u00abAch,\u00bb antwortet Benedix, \u00abin dem Feuerpfuhl bis an die Knie zu waten, Herr, das halt&#8216; ich nicht aus!\u00bb &#8211; \u00abNarr,\u00bb versetzt R\u00fcbezahl, \u00abso bleib davon, wenn dir das Bad zu hei\u00df ist.\u00bb Benedix ward an dieser Rede irre und sah dem Pfaffen so starr ins Gesicht, dass dieser merkte, er habe irgend eine Unschicklichkeit vorgebracht; darum lenkte er ein: \u00abDavon ein andermal; denkst du auch noch an Kl\u00e4rchen? liebst du sie noch als deine Braut? Und hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir.\u00bb Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der Gedanke an sie, den er mit gro\u00dfer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bem\u00fcht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, dass er \u00fcberlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Dieses jammerte den mitleidigen Pfaffen so, dass er beschloss, dem Spiel ein Ende zu machen. \u00abArmer Benedix,\u00bb sprach er, \u00abgib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu rei\u00dfen und der Banden zu entledigen.\u00bb Er zog einen Schl\u00fcssel aus der Tasche. \u00abLass sehen,\u00bb fuhr er fort, \u00abob er schlie\u00dfe.\u00bb Der Versuch gelang, der Entfesselte stand da frank und frei, das Geschmeide fiel ab von H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. Hierauf wechselte der gutm\u00fctige Pfaffe mit ihm die Kleider und sprach: \u00abGehe gem\u00e4chlich wie ein frommer M\u00f6nch durch die Schar der W\u00e4chter vor der T\u00fcr des Gef\u00e4ngnisses und durch die Stra\u00dfen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast. Dann sch\u00fcrze dich hurtig und schreite r\u00fcstig zu, dass du gelangest ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Kl\u00e4rchens T\u00fcr stehst, klopfe leise an, dein Liebchen harrt deiner mit \u00e4ngstlichem Verlangen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der gute Benedix w\u00e4hnte, das alles sei nur ein Traum, und da er inneward, dass sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu F\u00fc\u00dfen, umfing seine Knie, und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der Pfaffe trieb ihn endlich fort und auf dem Weg. Mit wankendem Knie schritt der Entledigte \u00fcber die Schwelle des traurigen Kerkers, und sein ehrw\u00fcrdiger Rock gab ihm einen solchen Wohlgeruch von Fr\u00f6mmigkeit und Tugend, dass die W\u00e4chter nichts darunter witterten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kl\u00e4rchen sa\u00df indessen b\u00e4nglich einsam in ihrem K\u00e4mmerlein. Oft d\u00fcnkte ihr, es rege sich etwas am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke, und es war T\u00e4uschung. Schon sch\u00fcttelten die H\u00e4hne in der Nachbarschaft die Fl\u00fcgel und verk\u00fcndeten durch ihr Kr\u00e4hen den kommenden Tag; das Gl\u00f6cklein im Kloster l\u00e4utete zur Fr\u00fchmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang t\u00f6nte. Der W\u00e4chter stie\u00df zum letzten Mal ins Horn und weckte die schnarchenden B\u00e4ckerm\u00e4gde zu ihrem fr\u00fchen Tagwerke. Kl\u00e4rchens L\u00e4mpchen fing an dunkel zu brennen, weil&#8217;s ihm an \u00d6l gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick. Sie sa\u00df auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: \u00abBenedix! Benedix! Was f\u00fcr ein b\u00e4nglicher Tag f\u00fcr dich und mich d\u00e4mmert jetzt heran!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Da pocht&#8217;s dreimal leise an das Fenster, als ob es spukte. Ein froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme fl\u00fcsterte durch die Luke: \u00abFein Liebchen, bist du wach?\u00bb &#8211; Husch, war sie an der T\u00fcr. &#8211; \u00abAch Benedix, bist&#8217;s du oder ist&#8217;s dein Geist?\u00bb Als sie aber den Bruder Graurock erblickte, sank sie zur\u00fcck und starb vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm, und der Kuss der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die stumme Szene des Erstaunens und die Ergie\u00dfungen der ersten freudigen Herzensgef\u00fchle vor\u00fcber waren, erz\u00e4hlte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor gro\u00dfem Durst und Ermattung. Kl\u00e4rchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, f\u00fchlte er Hunger. Aber sie hatte nichts zum Imbiss als Salz und Brot, wobei sie voreilig gelobten, zufrieden und gl\u00fccklich miteinander zu sein ihr Leben lang. Da dachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und wunderte sich bass, dass sie schwerer war als ein Hufeisen, brach sie auseinander, siehe! da fielen eitel Goldst\u00fccke heraus, wor\u00fcber Kl\u00e4rchen nicht wenig erschrak, meinte, das Gold sei ein sch\u00e4ndliches \u00dcberbleibsel von dem Raube des Juden, und Benedix sei nicht so unschuldig, wie ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Gesell beteuerte h\u00f6chlich, dass der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Drauf segneten beide mit dankbaren Herzen den edelm\u00fctigen Wohlt\u00e4ter, verlie\u00dfen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Kl\u00e4rchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein angesehener Mann in friedlicher Ehe bei reichem Kindersegen lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der fr\u00fchen Morgenstunde, da Kl\u00e4rchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Buhlens am Fenster bemerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die T\u00fcr des Gef\u00e4ngnisses. Das war der Bruder Graurock, der den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen S\u00fcnders zu vollenden und ihn als einen halben Heiligen dem gewaltsamen Arm des Henkers zu \u00fcberantworten. R\u00fcbezahl hatte einmal die S\u00fcnderrolle \u00fcbernommen und war entschlossen, sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen. er schien wohlgefasst zum Sterben zu sein, und der fromme M\u00f6nch freute sich dar\u00fcber; darum erm\u00fcdete er nicht ihn in dieser Gem\u00fctsverfassung durch seinen geistlichen Zuspruch zu erhalten, und beschloss seinen Sermon mit dem tr\u00f6stlichen Weidespruch: \u00abSo viel Menschen du bei deiner Ausf\u00fchrung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsst\u00e4tte geleiten, siehe so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele in Empfang zu nehmen und sie einzuf\u00fchren ins sch\u00f6ne Paradies.\u00bb Drauf lie\u00df er ihn der Fesseln entledigen, wollte Beichte h\u00f6ren und dann lossprechen; doch fiel ihm ein, vorher noch die geistige Lektion zu wiederholen, damit der arme S\u00fcnder unterm Galgen im geschlossenen Kreise sein Glaubensbekenntnis frei und ohne Ansto\u00df zur Erbauung der Zuschauer hersagen m\u00f6chte. Aber wie erschrak der Ordensmann, da er inneward, dass der Ungelehrige sein Kredo die Nacht \u00fcber v\u00f6llig ausgeschwitzt hatte! Der fromme M\u00f6nch war v\u00f6llig der Meinung, der Satan sei hier im Spiel und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entrei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit war dar\u00fcber verlaufen, das peinliche Gericht war daf\u00fcr, dass es nun an der Stunde sei, den Leib zu t\u00f6ten, und k\u00fcmmerte sich nicht weiter um den Seelenzustand seines Schlachtopfers. Ohne der Hinrichtung l\u00e4nger Aufschub zu gestatten, wurde der Stab gebrochen, und obwohl R\u00fcbezahl als ein verstockter S\u00fcnder ausgef\u00fchrt wurde, so unterwarf er sich doch allen \u00fcbrigen Formalit\u00e4ten der Hinrichtung ganz willig. Als er von der Leiter gesto\u00dfen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, dass dem Henker dabei \u00fcbel zumute war; denn es erhob sich ein pl\u00f6tzliches Get\u00f6se im Volk und einige schrien, man solle den Henker steinigen, weil er den armen S\u00fcnder \u00fcber die Geb\u00fchr martere. Um also Ungl\u00fcck zu verh\u00fcten, streckte sich R\u00fcbezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte, und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin und her wandelten, aus Vorwitz hinzutraten und den Kadaver beschauen wollten, fing der Scherztreiber am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch f\u00fcrchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abend in der Stadt ein Ger\u00fccht um, der Gehangene k\u00f6nne nicht sterben und tanze noch immer am Hochgericht, was den Senat bewog, des Morgens in aller Fr\u00fche de Sache untersuchen zu lassen. Als sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als ein Wischlein Stroh am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man es in die Erbsen zu stellen pflegt, die gen\u00e4schigen Spatzen damit zu scheuchen. Wor\u00fcber sich die Herren von Hirschberg bass wunderten, lie\u00dfen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der gro\u00dfe Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen \u00fcber die Grenze geweht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>dritte Legende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Nicht immer war R\u00fcbezahl bei der Laune, denen, die er durch seine Neckereien in Schaden und Nachteil gebracht hatte, einen so edelm\u00fctigen Ersatz zu geben. Oft machte er nur den Plagegeist aus boshafter Schadenfreude und k\u00fcmmerte sich wenig darum, ob er einen Schurken oder einen Biedermann foppte. Oft gesellte er sich zu einem einsamen Wanderer als Geleitsmann, f\u00fchrte unbemerkt den Fremdling irre, lie\u00df ihn an dem Absturz einer Bergzinne oder in einem Sumpfe stehen und verschwand mit h\u00f6hnendem Gel\u00e4chter. Zuweilen erschreckte er die furchtsamen Marktweiber durch abenteuerliche Gestalten wildfremder Tiere. Oft l\u00e4hmte er den Reisigen das Ross, dass es nicht von der Stelle konnte, zerbrach den Fuhrleuten ein Rad oder eine Achse am Wagen, lie\u00df vor ihren Augen ein abgerissenes Felsenst\u00fcck in einen Hohlweg hinab rollen, das sie mit unendlicher M\u00fche auf die Seite r\u00e4umen mussten, um sich freie Bahn zu machen. Oft hielt eine unsichtbare Kraft einen ledigen Wagen, dass sechs rasche Pferde ihn nicht fortzuziehen vermochten, und lie\u00df der Fuhrmann merken, dass er eine Neckerei von R\u00fcbezahl w\u00e4hnte, oder brach er in Unwillen gegen den Berggeist aus, so hatte er ein Hornissenheer, das die Pferde wild machte, einen Steinhagel oder eine reichhaltige Tracht Pr\u00fcgel von unsichtbarer Hand zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem alten Sch\u00e4fer, der ein gerader, treuherziger Mann war, hatte er Bekanntschaft gemacht und sogar eine Art von vertraulicher Freundschaft errichtet. Er gestattete ihm, mit der Herde bis an die Hecken seiner G\u00e4rten zu treiben, was ein anderer nicht h\u00e4tte wagen d\u00fcrfen. Der Geist h\u00f6rte dem Graukopf bisweilen mit Vergn\u00fcgen zu, wenn ihm dieser seinen unbedeutenden Lebenslauf erz\u00e4hlte. Des ungeachtet versah&#8217;s der Alte doch einmal. Da er eines Tages nach Gewohnheit seine Herde in des Gnomen Gehege trieb, brachen einige Schafe durch die Hecken und weideten auf den Graspl\u00e4tzen des Gartens; dar\u00fcber ergrimmte Freund R\u00fcbezahl derartig, dass er alsbald die Herde in wildem Get\u00fcmmel den Berg hinab scheuchte, wodurch sie gr\u00f6\u00dftenteils verungl\u00fcckte, und der Nahrungsstand des alten Sch\u00e4fers in solchen Verfall kam, dass er sich dar\u00fcber zu Tode gr\u00e4mte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Arzt aus Schmiedeberg, der auf dem Riesengebirge Pflanzen zu sammeln pflegte, genoss gleichfalls zuweilen die Ehre, mit seiner prahlerischen Gespr\u00e4chigkeit den Gnomen zu unterhalten, der bald als Holzhauer, bald ein Reisender sich zu ihm gesellte und den Schmiedeberger Arzt seine Wunderkuren mit Vergn\u00fcgen sich erz\u00e4hlen lie\u00df. Er war zuzeiten so gef\u00e4llig, das schwere Kr\u00e4uterb\u00fcndel ihm ein gut St\u00fcck Weges nachzutragen und ihm manche noch unbekannte Heilkr\u00e4fte kundzutun. Der Arzt, der sich in der Kr\u00e4uterkunde weiser d\u00fcnkte als ein Holzhauer, empfand einst diese Belehrungen \u00fcbel und sprach mit Unwillen: \u00abDer Schuster soll bei seinem Leisten bleiben, und der Holzhauer soll den Arzt nicht belehren. Weil du aber der Kr\u00e4uter und Pflanzen kundig bist, so sage mir doch, du weiser Salomon, was war eher, die Eichel oder der Eichbaum?\u00bb Der Geist antwortete: \u00abDoch wohl der Baum, denn die Frucht kommt vom Baume.\u00bb &#8211; \u00abNarr,\u00bb sprach der Arzt, \u00abwo kam denn der erste Baum her, wenn er nicht aus dem Samen sprosste, der in der Frucht verschlossen liegt?\u00bb Der Holzhauer erwiderte: \u00abDas ist, wie ich sehe, eine Meisterfrage, die mir schier zu hoch ist. Aber ich will Euch eine Frage vorlegen: wem geh\u00f6rt dieser Erdengrund, worauf wir stehen, dem K\u00f6nig von B\u00f6hmen oder dem Herrn vom Berge?\u00bb (So nannten die Nachbarn den Berggeist, nachdem sie waren gewitzigt worden, dass der Name R\u00fcbezahl im Gebirge nur St\u00f6\u00dfe und blaue M\u00e4ler einbr\u00e4chte.) Der Arzt bedachte sich nicht lange: \u00abIch meine, dieser Grund und Boden geh\u00f6re meinem Herrn, dem K\u00f6nig von B\u00f6hmen; denn R\u00fcbezahl ist ja nur ein Hirngespinst, ein Popanz, die Kinder damit f\u00fcrchten zu machen.\u00bb Kaum war das Wort aus seinem Munde, so verwandelte sich der Holzhauer in einen scheu\u00dflichen Riesen mit feuerfunkelnden Augen und w\u00fctiger Geb\u00e4rde, schnauzte den Arzt grimmig an und sagte mit rauer Stimme: \u00abHier ist R\u00fcbezahl, der dich popanzen wird, dass dir sollen die Rippen krachen;\u00bb erwischte ihn darauf beim Kragen, rannte ihn gegen die B\u00e4ume und Felsenw\u00e4nde, riss und warf ihn hin und her, schlug ihm zuletzt ein Auge aus und lie\u00df ihn wie tot auf dem Platze liegen, dass sich der Arzt nachher stark vornahm, nie wieder ins Gebirge zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>So leicht war&#8217;s, R\u00fcbezahls Freundschaft zu verscherzen; doch eben so leicht war&#8217;s auch, sie zu gewinnen. Einem Bauern in der Amtspflege Reichenberg hatte ein b\u00f6ser Nachbar sein Hab und Gut abgenommen, und nachdem sich die Justiz seiner letzten Kuh bem\u00e4chtigt hatte, blieb ihm nichts \u00fcbrig als ein abgeh\u00e4rmtes Weib und ein halbes Dutzend Kinder, von denen er gern den Gerichten die H\u00e4lfte f\u00fcr sein letztes St\u00fcckchen Vieh verpf\u00e4ndet h\u00e4tte. Zwar geh\u00f6rten ihm noch ein Paar r\u00fcstige gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit zu ern\u00e4hren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot schrien, und er nichts hatte, um ihren qu\u00e4lenden Hunger zu stillen. \u00abMit hundert Talern,\u00bb sprach er zu dem kummervollen Weibe, \u00abw\u00e4re uns geholfen, unseren zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem streits\u00fcchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen; vielleicht, dass sich einer erbarmt und aus gutem Herzen von seinem \u00dcberfluss uns auf Zinsen leiht, soviel wir bed\u00fcrfen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Das niedergedr\u00fcckte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines gl\u00fccklichen Erfolgs in diesen Vorschlag ein, weil sie keinen besseren wusste. Der Mann aber machte sich auf, und indem er Weib und Kinder verlie\u00df, sprach er ihnen Trost ein: \u00abWeinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen Wohlt\u00e4ter finden, der uns f\u00f6rderlicher sein wird als die vierzehn Nothelfer, zu denen ich so oft vergeblich gewallfahrtet bin.\u00bb Hierauf steckte er eine harte Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon. M\u00fcde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zu Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit hei\u00dfen Tr\u00e4nen klagte er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf, kr\u00e4nkten den armen Mann mit Vorw\u00fcrfen und beleidigenden Sprichw\u00f6rtern. Einer sprach: \u00abJunges Blut, spar&#8216; dein Gut\u00bb, der andere: \u00abHoffart kommt vor dem Fall\u00bb, der dritte: \u00abWie du&#8217;s treibst, so geht&#8217;s\u00bb, der vierte: \u00abJeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied\u00bb. So h\u00f6hnten und spotteten sie seiner, nannten ihn einen Prasser und Faulenzer, und endlich stie\u00dfen sie ihn gar zur T\u00fcr hinaus. Eine solche Aufnahme hatte sich der arme Vetter bei der reichen Sippschaft seines Weibes nicht vorgestellt; stumm und traurig schlich er von dannen, und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld in der Herberge zu bezahlen, musste er auf einem Heuschober im Felde \u00fcbernachten. Hier wartete er schlaflos des z\u00f6gernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er nun wieder ins Gebirge kam, \u00fcberkam ihn Harm und Bek\u00fcmmernis so sehr, dass er der Verzweiflung nahe war. Zwei Tage Arbeitslohn verloren, dachte er bei sich selber, matt und entkr\u00e4ftet von Gram und Hunger, ohne Trost, ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs armen W\u00fcrmer dir entgegen schmachten, ihre H\u00e4nde aufheben, von dir Labsal zu begehren, und du f\u00fcr einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten musst! Vaterherz! Vaterherz! wie kannst du&#8217;s tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer f\u00fchlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinem schwerm\u00fctigen Gedanken weiter nachzuh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kr\u00e4fte anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, jede Hirnfaser auf und nieder l\u00e4uft, alle Winkel der Phantasie durchsp\u00e4ht, Schutz oder Frist f\u00fcr den hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt, in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich \u00fcber Wasser zu halten: so verfiel unter tausend nichtigen Anschl\u00e4gen und Einf\u00e4llen der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm geh\u00f6rt, wie er zuweilen die Reisenden gedrillt und geneckt, ihnen manchen Schimpf angetan, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe. Es war ihm nicht unbekannt, dass er sich bei seinem Spottnamen nicht ungestraft rufen lasse; dennoch wusste er ihm auf keine andere Weise beizukommen; also wagte er es auf eine Pr\u00fcgelei hin und rief so sehr er konnte: \u00abR\u00fcbezahl! R\u00fcbezahl!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem ru\u00dfigen K\u00f6hler mit einem fuchsroten Bart, der bis an den G\u00fcrtel reichte, feurigen, stieren Augen, und mit einer Sch\u00fcrstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er mit Grimm erhob, den frechen Sp\u00f6tter zu erschlagen. \u00abMit Gunst, Herr R\u00fcbezahl, \u00bb sprach Veit ganz unerschrocken, \u00abverzeiht, wenn ich Euch nicht recht anredete; h\u00f6rt mich nur an, dann tut, was Euch gef\u00e4llt.\u00bb Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf Mutwillen noch Vorwitz deutete, bes\u00e4nftigten den Zorn des Geistes in etwas: \u00abErdenwurm, \u00bb sprach er, \u00abwas treibt dich, mich zu beunruhigen? Wei\u00dft du auch, dass du mir mit Hals und Haut f\u00fcr deinen Frevel b\u00fc\u00dfen musst?\u00bb &#8211; \u00abHerr, \u00bb antwortete Veit, \u00abdie Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die Ihr mir leicht gew\u00e4hren k\u00f6nnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich zahle sie Euch mit landes\u00fcblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich ehrlich bin!\u00bb &#8211; \u00abTor, \u00bb sprach der Geist, \u00abbin ich ein Wucherer oder Jude, der auf Zinsen leiht? Gehe hin zu deinen Menschenbr\u00fcdern und borge da so viel dir nottut, mich aber lass in Ruhe.\u00bb &#8211; \u00abAch!\u00bb erwiderte Veit, \u00abmit der Menschenbr\u00fcderschaft ist&#8217;s aus! Auf Mein und Dein gilt keine Br\u00fcderschaft.\u00bb Hierauf erz\u00e4hlte er ihm seine Geschichte der L\u00e4nge nach und schilderte ihm sein dr\u00fcckendes Elend so r\u00fchrend, dass ihm der Gnom seine Bitte nicht versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient h\u00e4tte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu leihen, so neu und sonderbar, dass er um des guten Zutrauens willen geneigt war, des Mannes Bitte zu gew\u00e4hren. \u00abKomm, folge mir, \u00bb sprach er und f\u00fchrte ihn darauf Wald einw\u00e4rts, in ein abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fu\u00df ein dichter Busch bedeckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sich Veit nebst seinem Begleiter mit M\u00fche durchs Gestr\u00e4uche gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren H\u00f6hle. Dem guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen musste; es lief ihm ein kalter Schauer nach dem anderen \u00fcber den R\u00fccken herab, und seine Haare str\u00e4ubten sich empor. R\u00fcbezahl hat schon manchen betrogen, dachte er, wer wei\u00df, was f\u00fcr ein Abgrund mir vor den F\u00fc\u00dfen liegt, in den ich beim n\u00e4chsten Schritte hinabst\u00fcrze; dabei h\u00f6rte er ein f\u00fcrchterliches Brausen wie von einem Tagwasser, das sich in den tiefen Schacht ergoss. Je weiter er fortschritt, desto mehr engten ihm Furcht und Grauen das Herz ein. Doch bald sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Fl\u00e4mmchen h\u00fcpfen, das Berggew\u00f6lbe erweiterte sich zu einem gro\u00dfen Saale, das Fl\u00e4mmchen brannte hell und schwebte als ein H\u00e4ngeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit eitel harten Talern bis an den Rand gef\u00fcllt. Da Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht und das Herz h\u00fcpfte ihm vor Freuden. \u00abNimm, \u00bb sprach der Geist, \u00abwas du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur stelle mir einen Schuldbrief aus, wenn du der Schreiberei kundig bist.\u00bb Veit bejahte das und z\u00e4hlte sich gewissenhaft die hundert Taler ab, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das Z\u00e4hlungsgesch\u00e4ft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes seine Schreibmaterialien hervor. Veit schrieb den Schuldbrief so b\u00fcndig wie ihm m\u00f6glich war. Der Gnom schloss diesen in einen eisernen Schatzkasten und sagte zum Abschied: \u00abZieh hin, mein Freund, und n\u00fctze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiss nicht, dass du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang in das Tal und diese Felsenkluft genau. Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du mir Kapital und Zins zur\u00fcck; ich bin ein strenger Gl\u00e4ubiger, h\u00e4ltst du das nicht ein, so fordere ich es mit Ungest\u00fcm.\u00bb Der Ehrliche Veit versprach auf den Tag gute Zahlung zu leisten, versprach&#8217;s mit seiner biedern Hand, doch ohne Schwur; verpf\u00e4ndete nicht seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit dankbaren Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenh\u00f6hle, aus der er leicht den Ausgang fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hundert Taler wirkten bei ihm so m\u00e4chtig auf die Seele und Leib, dass ihm nicht anders zumute war, da er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gest\u00e4rkt an allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende H\u00fctte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten Kinder erblickten, schrien sie ihm einm\u00fctig entgegen: \u00abBrot, Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.\u00bb Das abgeh\u00e4rmte Weib sa\u00df in einem Winkel und weinte, f\u00fcrchtete nach der Denkungsart der Kleinm\u00fctigen das Schlimmste und vermutete, dass der Ank\u00f6mmling eine traurige Litanei anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, lie\u00df sie Feuer ansch\u00fcren auf dem Herde; denn er trug Gr\u00fctze und Hirse aus Reichenberg im Rucksack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen musste, dass der L\u00f6ffel darin stand. Nachher gab er ihr Bericht von dem guten Erfolg seines Gesch\u00e4ftes. \u00abDeine Vettern,\u00bb sprach er, \u00absind gar rechtliche Leute, die mir nicht meine Armut vorgehalten, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor der T\u00fcr abgewiesen; sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir ge\u00f6ffnet und hundert Taler vorschussweise auf den Tisch gez\u00e4hlt.\u00bb Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange gedr\u00fcckt hatte. \u00abW\u00e4ren wir, \u00bb sagte sie, \u00abeher vor die rechte Schmiede gegangen, so h\u00e4tten wir uns manchen Kummer ersparen k\u00f6nnen.\u00bb Hierauf r\u00fchmte sie ihre Freundschaft, von der sie sich vorher so wenig Gutes versprochen hatte, und tat recht stolz auf die reichen Vettern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann lie\u00df ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufh\u00f6rte die reichen Vettern zu loben und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit des Lobposaunens der Geizdrachen satt und m\u00fcde und sprach zum Weibe: \u00abAls ich vor der rechten Schmiede war, wei\u00dft du, was mir der Meister Schmied f\u00fcr eine weise Lehre gab?\u00bb Sie sprach: \u00abWelche?\u00bb &#8211; \u00abJeder,\u00bb sagte er, \u00absei seines Gl\u00fcckes Schmied, und man m\u00fcsse das Eisen schmieden, weil&#8217;s hei\u00df sei; drum lass uns nun die H\u00e4nde r\u00fchren und unserem Beruf flei\u00dfig obliegen, dass wir was vor uns bringen, in drei Jahren den Vorschuss nebst Zinsen abzahlen k\u00f6nnen und aller Schuld quitt und ledig seien.\u00bb Drauf kaufte er einen Acker und einen Heuschlag, dann wieder einen und noch einen, dann eine ganze Hufe; es war ein Segen in R\u00fcbezahls Gelde, als wenn ein Hecktaler darunter w\u00e4re. Veit s\u00e4te und erntete, wurde schon f\u00fcr einen wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein S\u00e4ckel langte noch immer zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Wucher brachte; kurz er war ein Mann, dem alles was er tat, zu gutem Gl\u00fcck gedieh.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zahlungstermin kam nun heran, und Veit hatte so viel er\u00fcbrigt, dass er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht, und auf den bestimmten Tag war er fr\u00fch auf, weckte das Weib und alle seine Kinder, hie\u00df sie waschen und k\u00e4mmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brustt\u00fccher, die sie noch nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Gottestischrock herbei und rief zum Fenster hinaus: \u00abHans, spann an!\u00bb &#8211; \u00abMann, was hast du vor?\u00bb fragte die Frau, \u00abes ist heute weder Freitag noch ein Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, dass du uns ein Wohlleben bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuf\u00fchren?\u00bb Er antwortete: \u00abIch will mit Euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges heimsuchen und dem Gl\u00e4ubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder ausgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.\u00bb Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus, und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande bek\u00e4men und sich ihrer nicht sch\u00e4men d\u00fcrften, band sie eine Schnur Dukaten um den Hals. Veit r\u00fcttelte den schweren Geldsack zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, sa\u00df er auf mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an, und sie trabten mutig \u00fcber das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem steilen Hohlweg lie\u00df Veit den Rollwagen halten, stieg ab und hie\u00df den anderen gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: \u00abHans, fahr langsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten, und ob wir auch lange bleiben, so lass dich&#8217;s nicht anfechten, lass die Pferde verschnauben und einstweilen grasen; ich wei\u00df hier einen Fu\u00dfpfad, der ist etwas um, doch lustig zu wandeln!\u00bb Darauf schlug er sich in Begleitung des Weibes und der Kinder Wald einw\u00e4rts durch dicht Verwachsenes und sp\u00e4hte hin und her, dass die Frau meinte, ihr Mann habe sich verirrt, ermahnte ihn darum, zur\u00fcckzukehren und der Landstra\u00dfe zu folgen. Veit aber hielt pl\u00f6tzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her und redete also: \u00abDu w\u00e4hnst, liebes Weib, dass wir zu deiner Freundschaft ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind Knauser und Schurken, die, als ich weiland in meiner Armut Trost und Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, geh\u00f6hnt und mit \u00dcbermut von sich gesto\u00dfen haben. &#8211; Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unseren Wohlstand verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich her beschieden, Zins und Kapital ihm wiederzuerstatten. Wisst ihr nun, wer unser Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, R\u00fcbezahl genannt!\u00bb Das Weib entsetzte sich heftig \u00fcber die Rede, schlug ein gro\u00dfes Kreuz vor sich, und die Kinder bebten und geb\u00e4rdeten sich \u00e4ngstlich vor Furcht und Schrecken, dass sie der Vater vor R\u00fcbezahl f\u00fchren wollte. Sie hatten viel in den Spinnstuben von ihm geh\u00f6rt, dass er ein scheu\u00dflicher Riese und Menschenfresser sei. Veit erz\u00e4hlte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der Geist in Gestalt eines K\u00f6hlers auf sein Rufen erschienen sei und was er mit ihm verhandelt habe in der H\u00f6hle, pries seine Mildt\u00e4tigkeit mit dankbarem Herzen und so inniger R\u00fchrung, dass ihm die warmen Tr\u00e4nen \u00fcber die freundlichen rotbraunen Backen herab tr\u00e4ufelten. \u00abWartet hier,\u00bb fuhr er fort, \u00abjetzt geh&#8216; ich hin in die H\u00f6hle, mein Gesch\u00e4ft auszurichten. F\u00fcrchtet nichts, ich werde nicht lange aus sein, und wenn ich&#8217;s vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring&#8216; ich ihn zu euch. Scheut euch nicht, eurem Wohlt\u00e4ter treuherzig die Hand zu sch\u00fctteln, ob sie gleich schwarz und ru\u00dfig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich seiner guten Tat und unseres Dankes gewiss! Seid nur beherzt, er wird euch goldene \u00c4pfel und Pfeffern\u00fcsse austeilen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Obgleich nun das b\u00e4ngliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die Felsenh\u00f6hle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten, sich um den Vater her lagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an den Rockfalten zur\u00fcckzuziehen sich anstemmten, so riss er sich doch mit Gewalt von ihnen in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er sich wohl ins Ged\u00e4chtnis gepr\u00e4gt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an deren Wurzel die Kluft sich \u00f6ffnete, stand noch wie sie vor drei Jahren gestanden hatte, doch von einer H\u00f6hle war keine Spur mehr vorhanden. Veit versucht&#8217;s auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu \u00f6ffnen, er nahm einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief so laut er nur konnte: \u00abGeist des Gebirges, nimm hin, was dein ist\u00bb; doch der Geist lie\u00df sich weder h\u00f6ren noch sehen. Also musste sich der ehrliche Schuldner entschlie\u00dfen, mit seinem S\u00e4ckel wieder umzukehren. Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm freudvoll entgegen; er war missmutig und sehr bek\u00fcmmert, dass er seine Zahlung nicht an die Beh\u00f6rde abliefern konnte, setzt sich zu den Seinen auf einen Rasenrain und \u00fcberlegte, was nun zu tun sei. Da kam ihm sein altes Wagest\u00fcck wieder ein. \u00abIch will\u00bb, sprach er, \u00abden Geist bei seinem Ekelnamen rufen; wenn&#8217;s ihn auch verdrie\u00dft, mag er mich bl\u00e4uen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens h\u00f6rt er auf diesen Ruf gewiss;\u00bb schrie darauf aus Herzenskraft: \u00abR\u00fcbezahl! R\u00fcbezahl!\u00bb Das angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, wollte ihm den Mund zu halten; er lie\u00df sich nicht wehren und trieb&#8217;s immer \u00e4rger. Pl\u00f6tzlich dr\u00e4ngte sich jetzt der j\u00fcngste Bube an die Mutter an, schrie b\u00e4nglich: \u00abAch, der schwarze Mann!\u00bb. Getrost fragte Veit: \u00abWo?\u00bb &#8211; \u00abDort lauscht er hinter jenem Baume hervor;\u00bb und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor Furcht und schrien j\u00e4mmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts, es war eine T\u00e4uschung, nur ein leerer Schatten; kurz, R\u00fcbezahl kam nicht zum Vorschein, und alles Rufen war umsonst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Familie trat nun den R\u00fcckweg an, und Vater Veit ging ganz betr\u00fcbt und schwerm\u00fctig auf der Landstra\u00dfe vor sich hin. Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den B\u00e4umen, die schlanken Birken neigten ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam n\u00e4her, und der Wind sch\u00fcttelte die weitausgestreckten \u00c4ste der Steineichen, trieb d\u00fcrres Laub und Grashalme vor sich her, kr\u00e4uselte im Wege kleine Staubwolken empor, an welchem artigen Schauspiel die Kinder, die nicht mehr an R\u00fcbezahl dachten, sich belustigten und nach den Bl\u00e4ttern haschten, womit der Wirbelwind spielte. Unter dem d\u00fcrren Laube wurde auch ein Blatt Papier \u00fcber den Weg geweht, auf welches der kleine Geisterseher Jagd machte; doch wenn er danach griff, hob es der Wind auf und f\u00fchrte es weiter, dass er&#8217;s nicht erlangen konnte. Drum warf er seinen Hut danach, der&#8217;s endlich bedeckte; weil&#8217;s nun ein sch\u00f6ner wei\u00dfer Bogen war und der \u00f6konomische Vater jede Kleinigkeit in seinem Haushalt zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe dem Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es w\u00e4re, fand er, dass es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hat, von oben herein zerrissen, und unten stand geschrieben: Zu Dank bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das Veit inneward, r\u00fchrt&#8217;s ihn tief der Seele, und er rief mit freudigem Entz\u00fccken: \u00abFreue dich, liebes Weib, und ihr Kinder allesamt freut euch; er hat uns gesehen, hat unseren Dank geh\u00f6rt, unser guter Wohlt\u00e4ter, der uns unsichtbar umschwebte, wei\u00df, dass Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin meiner Zusage quitt und ledig, nun lasst uns mit frohem Herzen heimkehren.\u00bb Eltern und Kinder weinten noch viele Tr\u00e4nen der Freude und des Dankes, bis sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau gro\u00df Verlangen trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen Vettern zu besch\u00e4men &#8211; denn der Bericht des Mannes hatte ihre Galle gegen die Knauser rege gemacht &#8211; so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in der Abendstunde in die Dorfschaft und hielten bei dem n\u00e4mlichen Bauernhofe an, aus dem Veit vor drei Jahren war hinaus gesto\u00dfen worden. Er pochte diesmal ganz herzhaft an und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft geh\u00f6rte; von diesem erfuhr Veit, dass die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen, und ihre St\u00e4tte war nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit \u00fcbernachtete nebst seiner Rollwagengesellschaft bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles weitl\u00e4ufig erz\u00e4hlte, kehrte tags darauf in seine Heimat und an seine Berufsgesch\u00e4fte zur\u00fcck, nahm zu an Reichtum und G\u00fctern und blieb ein rechtlicher, angesehener Mann sein Leben lang.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>V<strong>ierte Legende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>So sehr sich&#8217;s auch des Gnomen G\u00fcnstling hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Gl\u00fccks zu verhehlen, um nicht ungest\u00fcme Bittsteller anzureizen, den gebirgischen Patron um \u00e4hnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu \u00fcberlaufen, so wurde die Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste L\u00fcftchen fort, wie eine Seifenblase vom Strohhalm. Veitens Frau vertraute es einer verschwiegenen Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem Dorfbarbier, und der allen seinen Bartkunden; so kam&#8217;s im Dorfe und hernach im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die Lungerer und M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, beschimpften den Gnomen, hoben an ihn zu beschw\u00f6ren; zu ihnen gesellten sich Schatzgr\u00e4ber und Landfahrer, die das Gebirge durchkreuzten, allenthalben einschlugen und den Schatz in der Braupfanne zu heben vermeinten. R\u00fcbezahl lie\u00df sie eine Zeitlang ihr Wesen treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der M\u00fche nicht wert, sich \u00fcber die Gauche zu erz\u00fcrnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, lie\u00df zur Nachtzeit da und dort ein blaues Fl\u00e4mmchen auflodern, und wenn die Laurer kamen, ihre M\u00fctzen und H\u00fcte darauf warfen, lie\u00df er sie manchen schweren Geldtopf ausgraben, den sie mit Freuden heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie Stank und Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl erm\u00fcdeten sie nicht, das alte Spiel wieder zu beginnen und neuen Unfug zu treiben. Dar\u00fcber wurde der Geist endlich unwillig, st\u00e4ubte das lose Gesindel durch einen kr\u00e4ftigen Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so barsch und gr\u00e4mlich, dass keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch selten ohne Staupe entrann, und der Name R\u00fcbezahl wurde nicht mehr geh\u00f6rt im Gebirge bei Menschengedenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages sonnte sich der Geist an der Hecke seines Gartens; da kam ein Weiblein ihres Weges daher in gro\u00dfer Unbefangenheit, die durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an der Brust liegen, eins trug sie auf dem R\u00fccken, eins leitete sie an der Hand, und ein etwas gr\u00f6\u00dferer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem Rechen; denn sie wollte eine Last Laub f\u00fcrs Vieh laden. Eine Mutter, dachte R\u00fcbezahl, ist doch wahrlich ein gutes Gesch\u00f6pf, schleppt sich mit vier Kindern und wartet dabei ihres Berufs ohne Murren, wird sich noch mit der B\u00fcrde des Korbes belasten m\u00fcssen. Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutm\u00fctige Stimmung, die ihn geneigt machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den B\u00fcschen; indes wurde den Kleinen die Zeit lang, und sie fingen an, heftig zu schreien. Alsbald verlie\u00df die Mutter ihre Gesch\u00e4fte, spielte und t\u00e4ndelte mit den Kindern, nahm sie auf, h\u00fcpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit. Bald darauf stachen die M\u00fccken die kleinen Schl\u00e4fer, sie fingen ihre Symphonien von neuem an; die Mutter wurde dar\u00fcber nicht ungeduldig, sie lief ins Holz, pfl\u00fcckte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind an die Brust. Diese m\u00fctterliche Behandlung gefiel dem Gnomen ungemein wohl. Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter R\u00fccken ritt, wollte sich durch nichts befriedigen lassen, war ein st\u00f6rrischer, eigensinniger Junge, der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf und dazu schrie, als wenn er aufgespie\u00dft w\u00e4re. Dar\u00fcber riss ihr doch endlich die Geduld aus. \u00abR\u00fcbezahl,\u00bb rief sie, \u00abkomm und friss mir den Schreier!\u00bb Augenblicks verzichtbare sich der Geist in der K\u00f6hlergestalt, trat zum Weibe und sprach: \u00abHier bin ich, was ist dein Begehr?\u00bb Die Frau geriet \u00fcber diese Erscheinung in gro\u00dfen Schrecken; da sie aber ein frisches, herzhaftes Weib war, sammelte sie sich bald und fasste Mut. \u00abIch rief dich nur,\u00bb sprach sie, \u00abmeine Kinder schweigen zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf ich deiner nicht, sei bedankt f\u00fcr deinen guten Willen.\u00bb &#8211; \u00abWei\u00dft du auch,\u00bb entgegnete der Geist, \u00abdass man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte dich beim Wort, gib mir deinen Schreier, dass ich ihn fresse; so ein leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.\u00bb Darauf streckte er die ru\u00dfige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie eine Gluckhenne, wenn der Weih hoch \u00fcber dem Dache in den L\u00fcften schwebt oder der sch\u00e4kerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit \u00e4ngstlichem Glucksen vorerst ihre K\u00fcchlein in den sicheren H\u00fchnerkorb lockt, dann ihr Gefieder empor str\u00e4ubt, die Fl\u00fcgel ausbreitet und mit dem st\u00e4rkeren Feinde einen ungleichen Kampf beginnt: so fiel das Weib dem schwarzen K\u00f6hler w\u00fctig in den Bart, ballte die kr\u00e4ftige Faust und rief: \u00abUnget\u00fcm! Das Mutterherz musst du mir erst aus dem Leibe rei\u00dfen, eh&#8216; du mir mein Kind raubest.\u00bb Eines so mutvollen Angriffs hatte sich R\u00fcbezahl nicht versehen, er wich gleichsam sch\u00fcchtern zur\u00fcck; dergleichen handfeste Erfahrungen in der Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er l\u00e4chelte das Weib freundlich an: \u00abEntr\u00fcste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du w\u00e4hnest, will dir und deinen Kindern auch kein Leides tun: aber lass mir den Knaben; der Schreier gef\u00e4llt mir, will ihn halten wie einen Junker, will ihn in Samt und Seide kleiden und einen wackeren Kerl aus ihm ziehen, der Vater und Br\u00fcder einst n\u00e4hren soll. Fordere hundert Schreckenberger, ich zahl sie dir.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abHa!\u00bb lachte das rasche Weib, \u00abgef\u00e4llt Euch der Junge? Ja, das ist ein Junge, der w\u00e4re mir nicht um aller Welt Sch\u00e4tze feil.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abT\u00f6rin!\u00bb versetze R\u00fcbezahl, \u00abhast du nicht noch drei Kinder, die dir Last und \u00dcberdruss machen! Musst sie k\u00fcmmerlich n\u00e4hren und dich mit ihnen plagen Tag und Nacht.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weib: \u00abWohl wahr, aber daf\u00fcr bin ich Mutter, muss tun was meines Berufes ist. Kinder machen \u00dcberlast, aber auch manche Freunde.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist: \u00abSch\u00f6ne Freunde, sich mit den B\u00e4lgen tagt\u00e4glich zu schleppen, sie zu g\u00e4ngeln, zu s\u00e4ubern, ihre Unart und Geschrei zu ertragen!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: \u00abWahrlich, Herr, Ihr kennt die Mutterfreuden wenig. Alle Arbeit und M\u00fche vers\u00fc\u00dft ein einziger freundlicher Anblick, das holde L\u00e4cheln und Lallen der kleinen unschuldigen W\u00fcrmer. &#8211; Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an mir h\u00e4ngt, der kleine Schmeichler! Nun ist er&#8217;s nicht gewesen, der geschrien hat. &#8211; Ach, h\u00e4tte ich doch hundert H\u00e4nde, die euch heben und tragen und f\u00fcr euch arbeiten k\u00f6nnten, ihr lieben Kleinen!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist: \u00abSo! Hat denn dein Mann keine H\u00e4nde, die arbeiten k\u00f6nnen?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: \u00abO ja, die hat er! Er r\u00fchrt sie auch, und ich f\u00fchl&#8217;s zuweilen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist aufgebracht: \u00abWie? Dein Mann erk\u00fchnt sich, die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem M\u00f6rder!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lachend: \u00abDa h\u00e4ttet Ihr viel H\u00e4lse zu brechen, wenn alle M\u00e4nner mit dem Halse b\u00fc\u00dfen sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die M\u00e4nner sind ein schlimmes Volk; drum hei\u00dft&#8217;s: Ehestand, Weh \u2018stand; muss mich drein ergeben, warum hab&#8216; ich gefreit.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist: \u00abNun ja, wenn du wusstest, dass die M\u00e4nner ein schlimmes Volk sind, so war&#8217;s auch ein dummer Streich, dass du streitest.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: \u00abMag wohl! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte, und ich eine arme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir, begehrte mich zur Eh&#8216;, gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf, und der Handel war gemacht. Nachher hat er mir den Taler wieder abgenommen, aber den wilden Mann hab&#8216; ich noch.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist l\u00e4chelte: \u00abVielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen Starrsinn.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: \u00abO, den hat er mir ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser; wenn ich ihm einen Engelgroschen abfordere, so rast er im Hause \u00e4rger als Ihr zuzeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor, und da muss ich schweigen. Wenn ich ihm eine Aussteuer zugebracht h\u00e4tte, wollt&#8216; ich ihm schon den Daumen aufs Auge halten.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist: \u00abWas treibt dein Mann f\u00fcr ein Gewerbe?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: \u00abEr ist ein Glash\u00e4ndler, muss sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden; schleppt der arme Tropf die schwere B\u00fcrde aus B\u00f6hmen her\u00fcber jahraus jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muss ich&#8217;s und die armen Kinder freilich entgelten; aber Liebesschl\u00e4ge tun nicht weh.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist: \u00abDu kannst den Mann noch lieben, der dir so \u00fcbel mitspielt?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Sie: \u00abWarum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles gutmachen und uns wohl belohnen, wenn sie gro\u00df sind.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist: \u00abLeidiger Trost! Die Kinder danken auch den Eltern M\u00fch&#8216; und Sorgen! Werden dir die Jungen den letzten Heller aus dem Schwei\u00dftuch pressen, wenn sie der Kaiser zum Heere schickt ins ferne Ungarland, dass die T\u00fcrken sie erschlagen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Das Weib: \u00abEi nun, das k\u00fcmmert mich auch nicht; werden sie erschlagen, so sterben sie f\u00fcr den Kaiser und f\u00fcrs Vaterland in ihrem Beruf; k\u00f6nnen aber auch Beute machen und die alten Eltern pflegen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib w\u00fcrdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band obendrauf den kleinen Schreier mit der Leibschnur fest, und R\u00fcbezahl wandte sich, als wollte er weiter gehen. Weil aber die B\u00fcrde zu schwer war, dass das Weib nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zur\u00fcck: \u00abIch hab&#8216; Euch einmal gerufen,\u00bb sprach sie, \u00abhelft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein \u00fcbriges tun wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein Karfreitagsgr\u00f6schel zu einem Paar Semmeln; morgen kommt der Vater heim, der wird uns Wei\u00dfbrot aus B\u00f6hmen mitbringen.\u00bb Der Geist antwortete: \u00abAufhelfen will ich dir wohl; aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll er auch keine Spende haben.\u00bb &#8211; \u00abAuch gut!\u00bb versetzte das Weib und ging ihres Weges.<\/p>\n\n\n\n<p>Je weiter sie ging, je schwerer wurde der Korb, dass sie unter der Last schier erlag, und alle zehn Schritt verschnauben musste. Das schien ihr nicht mit rechten Dingen zuzugehen; sie w\u00e4hnte, R\u00fcbezahl habe ihr eine Posse gespielt und eine Last Steine unter das Laub gesteckt; darum setzte sie den Korb ab auf dem n\u00e4chsten Rande und st\u00fcrzte ihn um. Doch es fielen eitel Laubbl\u00e4tter heraus und keine Steine. Also f\u00fcllte sie ihn wieder zur H\u00e4lfte und raffte noch so viel Laub ins Vortuch, wie sie darin fassen konnte; aber bald ward ihr die Last von neuem zu schwer, und sie musste nochmals ausleeren, was die r\u00fcstige Frau sehr verwunderte; denn sie hatte gar oft hochgepanzerte Graslasten heimgetragen und solche Mattigkeiten noch nie gef\u00fchlt. Desungeachtet beschickte sie bei ihrer Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Hipplein das Laub vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren Abendsegen und schlief flugs und fr\u00f6hlich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die fr\u00fche Morgenr\u00f6te und der wache S\u00e4ugling, der mit lauter Stimme sein Fr\u00fchst\u00fcck heischte, weckten das gesch\u00e4ftge Weib zu ihrem Tagewerk aus dem gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkfasse ihrer Gewohnheit nach zum Ziegenstall. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute, nahrhafte Haustier, die alte Ziege, lag da hart und steif, hatte alle viere von sich gestreckt und war verschieden; die Hipplein aber verdrehten die Augen gr\u00e4sslich im Kopfe, steckten die Zunge von sich, und gewaltsame Zuckungen verrieten, dass sie der Tod ebenfalls sch\u00fcttele. So ein Ungl\u00fccksfall war der guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz bet\u00e4ubt von Schrecken sank sie auf ein B\u00fcndlein Stroh hin, hielt die Sch\u00fcrze vor die Augen, denn sie konnte den Jammer der Sterbenden nicht ansehen, und seufzte tief: \u00abIch ungl\u00fcckliches Weib, was fang ich an! Und was wird mein harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein ganzer Gottessegen auf dieser Welt!\u00bb &#8211; Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. \u00abWenn das liebe Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und was sind deine Kinder?\u00bb Sie sch\u00e4mte sich ihrer \u00dcbereilung; lass fahren dahin aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine vier Kinder. Ist doch die Milchquelle f\u00fcr den lieben S\u00e4ugling noch nicht versiegt, und f\u00fcr die \u00fcbrigen Kinder ist Wasser im Brunnen. Wenn&#8217;s auch einen Strau\u00df mit Steffen absetzt und er mich \u00fcbel schl\u00e4gt, was ist&#8217;s mehr als ein b\u00f6ses Ehest\u00fcndlein? Habe ich doch nichts verwahrlost. Die Ernte steht bevor, da kann ich schneiden gehen, und auf den Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht; eine Ziege wird ja wohl wieder zu erwerben sein, und habe ich die, so wird&#8217;s auch nicht an Hipplein fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem sie das bei sich gedachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ab ihre Tr\u00e4nen, und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren F\u00fc\u00dfen ein Bl\u00e4ttlein, das flitterte und blinkte so hell, so hoch gelb wie gediegen Gold; sie hob es auf, besah&#8217;s, und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie auf, lief damit zu ihrer Nachbarin, zeigte ihr den Fund mit gro\u00dfer Freude, und diese erkannte es f\u00fcr reines Gold, scherte es ihr ab und z\u00e4hlte ihr daf\u00fcr zwei Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie im Besitz gehabt. Sie lief zum B\u00e4cker, kaufte Str\u00f6tzel und Butterkringel und eine Hammelkeule f\u00fcr Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er m\u00fcde und hungrig auf den Abend von der Reise k\u00e4me. Wie zappelten die Kleinen der fr\u00f6hlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes Fr\u00fchst\u00fcck austeilte! Sie \u00fcberlie\u00df sich ganz der m\u00fctterlichen Freude, die hungrige Kinderschar zu f\u00fcttern; und nun war ihre erste Sorge, das ihrer Meinung nach von einer B\u00f6sen get\u00f6tete Vieh beiseite zu schaffen und dieses h\u00e4usliche Ungl\u00fcck vor dem Manne so lange wie m\u00f6glich zu verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging \u00fcber alles, als sie von ungef\u00e4hr in den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldener Bl\u00e4tter darin erblickte. Sie ahnte, woran das Vieh gestorben war, darum sch\u00e4rfte sie geschwind das K\u00fcchenmesser, brach den Ziegenleichnam auf und fand im Magenschlunde einen Klumpen Gold, so gro\u00df wie ein Paulinerapfel, und so auch im Verh\u00e4ltnis in den M\u00e4gen der Zicklein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wusste sie ihres Reichtums kein Ende; doch mit dem Besitz empfand sie auch seine dr\u00fcckenden Sorgen; sie wurde unruhig, scheu, f\u00fchlte Herzklopfen, wusste nicht, ob sie den Schatz in die Lade verschlie\u00dfen oder in den Keller vergraben sollte, f\u00fcrchtete Diebe und Schatzgr\u00e4ber, wollte auch den Knauser Steffen nicht gleich alles wissen lassen, aus gerechter Besorgnis, dass er, vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch nebst den Kindern darben lassen m\u00f6chte. Sie sann lange, wie sie&#8217;s klug damit anstellen m\u00f6chte, und fand keinen Rat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pfaffe im Dorfe war der Schutzpatron aller bedr\u00e4ngten Weiber, legte den ungest\u00fcmen Haustyrannen, wenn Klage einlief, schwere Bu\u00dfen auf und nahm stets der Weiber Partei. Sie nahm also ihre Zuflucht zu dem trostreichen Seelenpfleger, berichtete ihm unverhohlen das Abenteuer mir R\u00fcbezahl, wie er ihr zu gro\u00dfem Reichtum verholfen, und was sie dabei f\u00fcr Anliegen habe, belegte auch die Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der Pfaffe kreuzte sich \u00fcber das Wunderbare dieser Begebenheit m\u00e4chtig, freute sich gleichwohl \u00fcber das Gl\u00fcck des armen Weibes und r\u00fcckte darauf sein K\u00e4pplein hin und her, f\u00fcr sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aussehen sie im ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel auszufinden, dass der z\u00e4he Steffen sich dessen nicht bem\u00e4chtigen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er lange \u00fcberlegt, redete er also: \u00abH\u00f6r&#8216; an, meine Tochter, ich wei\u00df guten Rat f\u00fcr alles. W\u00e4ge mir das Gold, dass ich&#8217;s dir getreulich aufbewahre; dann will ich einen Brief schreiben in welcher Sprache, der soll dahin lauten: Dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben und habe all sein Gut dir im Testament vermacht, mit der Bedingung, dass der Pfarrer des Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem anderen zu Nutz komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir; nur gedenke, dass du der heiligen Kirche einen Dank schuldig bist f\u00fcr den Segen, den dir der Himmel beschert hat, und gelobe ein reiches Messgewand f\u00fcr die Sakristei.\u00bb Dieser Rat behagte dem Weibe herrlich; sie gelobte dem Pfarrer das Messgewand; er wog in ihrem Beisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Qu\u00e4ntchen aus, legte es in den Kirchenschatz, und das Weib schied mit frohem und leichtem Herzen von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcbezahl war nicht minder Weiberpatron als der gutm\u00fctige Pfarrer zu Kirsdorf, doch mit Unterschied. Der letztere verehrte das weibliche Geschlecht \u00fcberhaupt, weil, wie er sagte, die heilige Jungfrau dazu geh\u00f6re; jener im Gegenteil hasste das ganze Geschlecht um eines M\u00e4dchens willen, das ihn \u00fcberlistet hatte, obgleich ihn seine Launen zuweilen auf den milden Ton stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu nehmen und ihr gef\u00e4llig zu sein. So sehr die wackere D\u00f6rferin mit ihren Gesinnungen und Benehmen seine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den barschen Steffen, trug gro\u00df Verlangen, das biedere Weib an ihm zu r\u00e4chen, ihm eine Posse zu spielen, dass ihm angst und weh dabei w\u00fcrde, und ihn dadurch so kirre zu machen, dass er der Frau untertan w\u00fcrde, und sie ihm nach Wunsch den Daumen aufs Auge halten k\u00f6nne. Zu diesem Vorhaben sattelte er den raschen Morgenwind, sa\u00df auf und galoppierte \u00fcber Berg und Tal, sp\u00e4hte aus wie ein Ausreiter auf allen Landstra\u00dfen und Kreuzwegen von B\u00f6hmen her, und wo er einen Wanderer erblickte, der eine B\u00fcrde trug, war er hinter ihm her und forschte mit dem Scharfblick eines Korbbeschauers nach seiner Ladung. Zum Gl\u00fcck f\u00fchrte kein Wanderer, der diese Stra\u00dfe zog, Glasware, sonst h\u00e4tte er f\u00fcr Schaden und Spott nicht sorgen d\u00fcrfen, ohne einen Ersatz zu hoffen, wenn er auch der Mann nicht gewesen w\u00e4re, den R\u00fcbezahl suchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdings nicht entgehen. Um Vesperzeit kam ein r\u00fcstiger frischer Mann angeschritten mit einer gro\u00dfen B\u00fcrde auf dem R\u00fccken. Unter seinem festen, sichern Tritt ert\u00f6nte jedes Mal die Last, die er trug. Der Laurer freute sich, sobald er ihn in der Ferne witterte, dass ihm nun seine Beute gewiss war und r\u00fcstete sich, seinen Meisterstreich auszuf\u00fchren. Der keuchende Steffen hatte beinahe das Gebirge erstiegen; nur die letzte Anh\u00f6he war noch zu gewinnen, so ging es bergab nach der Heimat zu, darum sputete er sich, den Gipfel zu erklimmen; aber der Berg war steil und die Last war schwer. Er musste mehr als einmal ruhen, st\u00fctzte den knotigen Stab unter den Korb, um das dr\u00fcckende Gewicht zu mindern, und trocknete den Schwei\u00df, der ihm in gro\u00dfen Tropfen vor der Stirn stand. Mit Anstrengung der letzten Kr\u00e4fte erreichte er endlich die Zinne des Berges, und ein sch\u00f6ner gerader Pfad f\u00fchrte zu dessen Abhang. Mitten am Wege lag ein abges\u00e4gter Fichtenbaum, und der \u00dcberrest des Stammes stand daneben, kerzengerade und aufrecht, oben geebnet wie ein Tischblatt. Ringsumher gr\u00fcnte Tunkagras, Schwallenzagel und Marienflachs. Dieser Anblick war dem erm\u00fcdeten Lasttr\u00e4ger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem, dass er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und sich gegen\u00fcber im Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier \u00fcbersann er, wie viel reinen Gewinn ihm seine Ware diesmal einbringen w\u00fcrde, und fand nach genauem \u00dcberschlag, dass, wenn er keinen Groschen f\u00fcrs Haus verwendete und die flei\u00dfige Hand seines Weibes f\u00fcr Nahrung und Kleidung sorgen lie\u00dfe, er gerade so viel l\u00f6sen w\u00fcrde, auf dem Markte zu Schmiedeberg sich einen Esel zu kaufen und zu befrachten. Der Gedanke, wie er in Zukunft dem Grauschimmel die Last aufb\u00fcrden und gem\u00e4chlich nebenher gehen w\u00fcrde, war ihm zu der Zeit, wo seine Schultern eben wund gedr\u00fcckt waren, so herzerquickend, dass er ihm, wie es bei frohen Idealen sehr nat\u00fcrlich ist, weiter nachging. Ist einmal der Esel da, dachte er, so soll mir bald ein Pferd daraus werden, und hab&#8216; ich nun den Rappen im Stalle, so wird sich auch ein Acker dazu finden, darauf sein Hafer w\u00e4chst. Aus einem Acker werden dann leicht zwei, aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und endlich ein Bauerngut, und dann soll Ilse auch einen neuen Rock haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war mit seinen Projekten beinahe so weit wie das Milchm\u00e4dchen aus der Fabel, da tummelte R\u00fcbezahl seinen Wirbelwind um den Holzstock herum und st\u00fcrzte mit einem Male den Glaskorb herunter, dass der zerbrechliche Kram in tausend St\u00fccke zerfiel. Das war ein Donnerschlag in Steffens Herz; zugleich vernahm er in der Ferne ein lautes Gel\u00e4chter, wenn&#8217;s anders nicht T\u00e4uschung war und das Echo den Laut der zerschellten Gl\u00e4ser nur wieder zur\u00fcckgab. Er nahm&#8217;s f\u00fcr Schadenfreude, und weil ihm der unm\u00e4\u00dfige Windsto\u00df unnat\u00fcrlich schien, auch da er recht zusah, Klotz und Baum verschwunden waren, so riet er leicht auf den Ungl\u00fccksstifter. \u00abO!\u00bb wehklagte er, \u00abR\u00fcbezahl, du Schadenfroher, was habe ich dir getan, dass du mein St\u00fcckchen Brot mir nimmst, meinen sauren Schwei\u00df und Blut! Ach, ich geschlagener Mann auf Lebenszeit!\u00bb Hierauf geriet er in eine Art von Wut, stie\u00df alle erdenklichen Schm\u00e4hreden gegen den Berggeist aus, um ihn zum Zorn zu reizen. \u00abHalunke,\u00bb rief er, \u00abkomm und erw\u00fcrge mich, nach dem du mir mein alles auf der Welt genommen hast!\u00bb In der Tat war ihm auch das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert als ein zerbrochenes Glas; R\u00fcbezahl lie\u00df indessen weiter nichts von sich sehen noch h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der verarmte Steffen musste sich entschlie\u00dfen, wenn er nicht den leeren Korb nach Hause tragen wollte, die Bruchst\u00fccke zusammenzulesen, um auf der Glash\u00fctte wenigstens ein paar Spitzgl\u00e4ser zum Anfang eines neuen Gewerbes daf\u00fcr einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Reeder, dessen Schiff der gefr\u00e4\u00dfige Ozean mit Mann und Maus verschlungen hat, ging er das Gebirge hinab, schlug sich mit tausend schwerm\u00fctigen Gedanken, machte dazwischen dennoch allerlei Pl\u00e4ne, wie er den Schaden ersetzen und seinem Handel wieder aufhelfen k\u00f6nne. Da fielen ihm die Ziegen ein, die seine Frau im Stalle hatte; doch sie liebte sie schier wie ihre Kinder, und im Guten, wusste er, waren sie ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte er diesen Kniff, seinen Verlust gar nicht daheim zu erz\u00e4hlen, auch nicht bei Tage in seine Wohnung zur\u00fcckzukehren, sondern um Mitternacht sich ins Haus zu stehlen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treiben und das daraus gel\u00f6ste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden, bei seiner R\u00fcckkehr aber mit dem Weibe zu hadern und sich b\u00e4rbei\u00dfig zu stellen, als habe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit stehlen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der ungl\u00fcckliche Mann nahe beim Dorfe in einen Busch und erwartete mit sehnlichem Verlangen die Mitternachtsstunde, um sich selbst zu bestehlen. Mit dem Schlag zw\u00f6lf machte er sich auf den Diebesweg, kletterte \u00fcber die niedrige Hoft\u00fcr, \u00f6ffnete sie von innen und schlich mit Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte doch Scheu und Furcht vor seinem Weibe, auf einer unrechten Tat sich ertappen zu lassen. Wider Gewohnheit war der Stall unverschlossen, was ihn wunderte, ob&#8217;s ihn gleich erfreute; denn er fand in dieser Fahrl\u00e4ssigkeit einen Schein von Recht, sein Vorhaben damit zu besch\u00f6nigen. Aber im Stall fand er alles \u00f6de und w\u00fcst; da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder Ziege noch B\u00f6cklein. Im ersten Schrecken meinte er, es habe ihm bereits ein Dieb vorgegriffen, dem das Stehlen gel\u00e4ufiger sei als ihm; denn Ungl\u00fcck kommt selten allein. Best\u00fcrzt sank er auf die Streu und \u00fcberlie\u00df sich, da ihm auch der letzte Versuch, seinen Handel wieder in Gang zu bringen, misslungen war, einer dumpfen Traurigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem die gesch\u00e4ftige Ilse vom Pfaffen wieder zur\u00fcck war, hatte sie mit frohem Mute alles flei\u00dfig zugerichtet, ihren Mann mit einer guten Mahlzeit zu empfangen, wozu sie den geistlichen Weiberfreund auch eingeladen hatte, der versprach, ein K\u00e4nnlein Speisewein mitzubringen, um beim fr\u00f6hlichen Gelage dem aufgemunterten Steffen von der reichen Erbschaft des Weibes Bericht zu geben, und unter welcherlei Bedingungen er daran Genuss und Anteil haben solle. Sie sah gegen Abendzeit flei\u00dfig zum Fenster hinaus, ob Steffen k\u00e4me, lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mit ihren schwarzen Augen auf die Landstra\u00dfe hin, war bek\u00fcmmert, warum er so lange weile, und da die Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgen und Ahnungen in die Bettkammer, ohne dass sie ans Abendbrot dachte. Lange kam ihr kein Schlaf in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen Morgen in einen unruhigen, matten Schlummer fiel. Den armen Steffen qu\u00e4lten Verdruss und Langeweile im Ziegenstalle nicht minder; er war so niedergedr\u00fcckt und kleinlaut, dass er sich nicht traute, an die T\u00fcr zu klopfen. Endlich kam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und rief mit wehm\u00fctiger Stimme: \u00abLiebes Weib, erwache und tue auf deinem Manne!\u00bb Sobald Ilse seine Stimme vernahm, sprang sie flink vom Lager wie ein munteres Reh, lief an die T\u00fcre und umhalste ihren Mann mit Freuden; er aber erwiderte diese herzigen Liebkosungen gar kalt und frostig, setzte seinen Korb ab und warf sich missmutig auf die H\u00f6llbank. Als das fr\u00f6hliche Weib das Jammerbild sah, ging&#8217;s ihr ans Herz. \u00abWas ist dir, lieber Mann,\u00bb sprach sie best\u00fcrzt, \u00abwas hast du?\u00bb Er antwortete nur durch St\u00f6hnen und Seufzen; dennoch fragte sie ihm bald die Ursache des Kummers ab, und weil ihm das Herz zu voll war, konnte er sein erlittenes Ungl\u00fcck dem trauten Weibe nicht l\u00e4nger verhehlen. Da sie vernahm, dass R\u00fcbezahl den Schabernack ver\u00fcbt hatte, erriet sie leicht die wohlt\u00e4tige Absicht des Geistes und konnte sich des Lachens nicht erwehren, welches Steffen bei mutiger Gem\u00fctsverfassung ihr \u00fcbel w\u00fcrde gelohnt haben. Jetzt ahnte er den scheinbaren Leichtsinn nicht weiter und fragte nur \u00e4ngstlich nach dem Ziegenvieh. Das reizte noch mehr des Weibes Zwerchfell, da sie bemerkte, dass der Hausvogt schon allenthalben umher spioniert hatte, \u00abWas k\u00fcmmert dich mein Vieh?\u00bb sprach sie, \u00abhast du doch noch nicht nach den Kindern gefragt; das Vieh ist wohl aufgehoben drau\u00dfen auf der Weide. Lass dich auch den Schelm von R\u00fcbezahl nicht anfechten und gr\u00e4me dich nicht; wer wei\u00df, wo er oder ein anderer uns reichen Ersatz daf\u00fcr gibt.\u00bb &#8211; \u00abDa kannst du lange warten,\u00bb sprach der Hoffnungslose. &#8211; \u00abEi nun,\u00bb versetzte das Weib, \u00abunverhofft kommt oft. Sei unverzagt, Steffen! Hast du auch keine Gl\u00e4ser und ich keine Ziegen mehr, so haben wir doch vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme, sie und uns zu ern\u00e4hren; das ist unser ganzer Reichtum.\u00bb &#8211; \u00abAch, dass es Gott erbarme!\u00bb rief der bedr\u00e4ngte Mann, \u00absind die Ziegen fort, so trage die vier B\u00e4lge nur gleich ins Wasser, n\u00e4hren kann ich sie nicht.\u00bb &#8211; \u00abNun, so kann ich&#8217;s\u00bb sprach Ilse.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesen Worten trat der freundliche Pfaffe herein, hatte vor der T\u00fcr schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen eine lange Predigt \u00fcber den Text, dass der Geiz eine Wurzel alles \u00dcbels sei; und nachdem er ihm das Gesetz gen\u00fcgend eingesch\u00e4rft hatte, verk\u00fcndigte er ihm nun auch das Evangelium von der reichen Erbschaft des Weibes, zog den welschen Brief heraus und verdolmetschte ihm daraus, dass der zeitige Pfarrer in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestellt sei und die Verlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Hand bereits empfangen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Steffen stand da wie ein stummer \u00d6lg\u00f6tze, konnte nichts als sich dann und wann verneigen, wenn bei Erw\u00e4hnung der durchlauchten Republik Venedig der Pfaffe ehrerbietig ans K\u00e4pplein griff. Nachdem er wieder zu mehr Besonnenheit gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzig in die Arme und tat ihr die zweite Liebeserkl\u00e4rung in seinem Leben, so warm wie die erste, und, ob wohl sie jetzt aus anderen Beweggr\u00fcnden stammte, so nahm sie Ilse doch f\u00fcr gut auf. Steffen wurde von nun an der geschmeidigste, gef\u00e4lligste Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei ein flei\u00dfiger ordentlicher Wirt; denn M\u00fc\u00dfiggang war nicht seine Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Der redliche Pfaffe verwandelte nach und nach das Gold in klingende M\u00fcnze und kaufte davon ein gro\u00dfes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse wirtschafteten ihr Leben lang. Den \u00dcberschuss lieh er auf Zins aus und verwaltete das Kapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz, nahm keinen anderen Lohn daf\u00fcr als ein Messgewand, das Ilse so pr\u00e4chtig machen lie\u00df, dass kein Erzbischof sich dessen h\u00e4tte sch\u00e4men d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die z\u00e4rtliche treue Mutter erlebte noch im Alter gro\u00dfe Freude an ihren Kindern, und R\u00fcbezahls G\u00fcnstling wurde gar ein wackerer Mann, diente im Heer des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriege.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#R\u00fcbezahl-0\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcnfte Legende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Seitdem Mutter Ilse von dem Gnomen so herrlich war beschenkt worden, lie\u00df er lange Zeit nichts mehr von sich h\u00f6ren. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Phantasie der Hausm\u00fctter an geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann wie den Faden am Rocken; es war aber eitel Fabelei zur Kurzweil ausgedacht. Der Gr\u00e4fin C\u00e4cilie, Voltairens Zeitgenossin und Sch\u00fclerin, war noch in unseren Tagen die letzte Begegnung mit dem Gnomen vorbehalten, bevor er seine j\u00fcngste Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dame, mit Gicht und vornehmen Gebrechen beladen, machte nebst zwei gesunden bl\u00fchenden T\u00f6chtern die Reise ins Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fr\u00e4ulein nach der Badegesellschaft, nach B\u00e4llen und den \u00fcbrigen Lustbarkeiten des Bades, dass sie gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein sch\u00f6ner warmer Sommerabend, kein L\u00fcftchen regte sich. Der n\u00e4chtliche Himmel, mit funkelnden Sternen bes\u00e4t, die goldene Mondsichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte, und die beweglichen Funken unz\u00e4hliger leuchtender Insekten, die in den Geb\u00fcschen scherzten, gaben die Beleuchtung zu einer der sch\u00f6nsten Naturszenen, obwohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es langsam bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden, und die T\u00f6chter nebst der Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedr\u00fcckt und schlummerten gleichfalls. Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutschbockes kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von R\u00fcbezahl, die er vorzeiten so inbr\u00fcnstig angeh\u00f6rt hatte, kamen ihm jetzt auf dem Tummelplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn, und er h\u00e4tte wohl gew\u00fcnscht, nie etwas davon geh\u00f6rt zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sichern Breslau zur\u00fcck, wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah sch\u00fcchtern auf alle Seiten umher und durchlief mit den Augen oft zweiunddrei\u00dfig Regionen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, lief ihm ein kalter Schauer den R\u00fccken herunter, und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen lie\u00df er seine Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Flei\u00df von ihm, ob&#8217;s auch geheuer sei im Gebirge. Obwohl ihn dieser durch einen kr\u00e4ftigen Fuhrmannsschwur beruhigte, bangte ihm doch das Herz unabl\u00e4ssig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Kutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Z\u00e4hnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen hatte, ahnte aus diesem Kutschman\u00f6ver nichts Gutes, blickte sch\u00fcchtern auf und sah mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt daher wandeln, von \u00fcbermenschlicher Gr\u00f6\u00dfe, mit einem wei\u00dfen spanischen Halskragen angetan, und das Bedenkliche bei der Sache war, dass der Schwarzmantel keinen Kopf hatte. Hielt der Wagen, so stand der Wanderer, und regte Wipprecht die Pferde an, so ging auch er weiter. \u00abSchwager, siehst du was!\u00bb rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar. \u00abFreilich sehe ich was,\u00bb antwortet dieser ganz kleinlaut; \u00ababer schweig nur, dass wir&#8217;s nicht irremachen.\u00bb Johann waffnete sich mit allen Sto\u00dfgebetlein, die er wusste, schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschwei\u00df. Und wie ein Blitzscheuer, wenn&#8217;s in der Nacht wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, um sich durch die Geselligkeit vor der gef\u00fcrchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem n\u00e4mlichen Instinkt der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fensterglas. Die erwachende Gr\u00e4fin, unwillig, dass sie aus ihrem sanften Schlummer gest\u00f6rt wurde, fragte: \u00abWas gibt&#8217;s?\u00bb &#8211; \u00abIhr Gnaden, schauen Sie einmal aus,\u00bb rief Johann mit zagender Stimme, \u00abdort geht ein Mann ohne Kopf.\u00bb &#8211; \u00abDummkopf, der du bist,\u00bb antwortete die Gr\u00e4fin, \u00abwas tr\u00e4umt deine P\u00f6belphantasie f\u00fcr Fratzen! Und wenn dem so w\u00e4re,\u00bb fuhr sie scherzhaft fort, \u00abso ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und au\u00dferhalb genug.\u00bb Die Fr\u00e4uleins konnten indessen den Witz der gn\u00e4digen Mama diesmal nicht schmecken; ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich sch\u00fcchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: \u00abAch, das ist R\u00fcbezahl, der Bergm\u00f6nch!\u00bb Die Dame aber, die von der Geisterwelt eine ganz andere Theorie hatte als die T\u00f6chter, strafte die Fr\u00e4ulein dieser Vorurteile halber, bewies, dass alle Gespenster- und Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft w\u00e4ren, und erkl\u00e4rte die Geistererscheinungen samt und sonders aus nat\u00fcrlichen Ursachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Rede war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespenstersp\u00e4her aus den Augen geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor an den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, dass Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur dass er ihn nicht wie gew\u00f6hnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Scho\u00dfhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten erregte innerhalb und au\u00dferhalb des Wagens gro\u00df Entsetzen. Die holden Fr\u00e4ulein und die Zofe, die sonst nicht gewohnt war mit einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort f\u00fchrte, taten aus einem Munde einen lauten Schrei, lie\u00dfen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen, und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strau\u00df, wenn er dem J\u00e4ger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummen Schrecken die H\u00e4nde zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel ein besonderes Absehen gerichtet zu haben schien, erhob in der Angst seines Herzens das gew\u00f6hnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begr\u00fc\u00dft zu werden pflegen: \u00abAlle guten Geister -;\u00bb doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das Ungest\u00fcm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, dass er \u00fcber Kopf von der Zinne des Polsters \u00fcber den Ringnagel herabst\u00fcrzte; in dem n\u00e4mlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch einen kr\u00e4ftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt, und das Gespenst keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: \u00abNimm das von R\u00fcbezahl, dem Herrn des Gebirges, dass du ihm ins Gehege fuhrst! Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.\u00bb Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, \u00fcber Stock und Stein, dass vor dem Rasseln der R\u00e4der und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts h\u00f6rbar war.<\/p>\n\n\n\n<p>Urpl\u00f6tzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu bemerken, dass diesem der Kopf fehlte; ritt vor dem Wagen her, als wenn er dazu gedungen w\u00e4re. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer anderen Richtung um, der Reiter tat dasselbe, und so oft auch jener aus dem Wege bog, so konnte er den l\u00e4stigen Geleitsmann nicht loswerden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den Fuhrmann gro\u00df wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, dass der Schimmel des Reisigen einen Fu\u00df zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante \u00fcbrigens ganz schulgerecht traversierte. Dabei wurde dem schwarzen Kondukteur auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er f\u00fcrchtete, seine R\u00fcbezahlsrolle d\u00fcrfte bald ausgespielt sein, da der wahre R\u00fcbezahl sich ins Spiel zu mischen schien.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter, dass er dicht neben den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: \u00abLandsmann ohne Kopf, wo geht die Reise hin?\u00bb &#8211; \u00abWo wird&#8217;s hingehen,\u00bb antwortete das Kutschergespenst mit furchtbarem Trutz, \u00abwie Ihr seht, der Nase nach.\u00bb &#8211; \u00abWohl!\u00bb sprach der Reiter, \u00ablass sehen Gesell, wo du die Nase hast!\u00bb Drauf fiel er den Pferden in die Z\u00fcgel, packte den Schwarzmantel beim Leibe und warf ihn so kr\u00e4ftig zur Erde, dass ihm alle Glieder dr\u00f6hnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie sie ordentlicherweise zu haben pflegen. Beh\u00e4nd wurde die Maske abgerissen; da kam ein wohlproportionierter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gew\u00f6hnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und die sichere Hand seines Gegners f\u00fcrchtete, auch nicht zweifelte, der Reisige sei der leibhaftige R\u00fcbezahl, den er nachzu\u00e4ffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Diskretion und bat flehentlich um sein Leben. \u00abGestrenger Gebirgsherr,\u00bb sprach er, \u00abhabt Erbarmen mit einem Ungl\u00fccklichen, der die Fu\u00dftritte des Schicksals von Jugend auf erfahren hat, der nie sein durfte was er wollte, der jederzeit aus dem Charakter mit Gewalt herausgesto\u00dfen wurde, in den er sich mit M\u00fche hinein studiert hatte, und nachdem seine Existenz unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einmal ein Gespenst sein darf.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Anrede war ein Wort geredet zu seiner Zeit. Der Gnom war gegen seinen Nebenbuhler so ergrimmt und w\u00fcrde ihn erdrosselt haben, wenn nicht seine Neugierde w\u00e4re rege gemacht worden, die Schicksale des Abenteuers zu vernehmen. \u00abSitz&#8216; auf, Gesell,\u00bb sprach er, \u00abund tue, was du gehei\u00dfen wirst.\u00bb darauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fu\u00df zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, \u00f6ffnete ihn und wollte die Reisegesellschaft freundlich begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber drinnen war&#8217;s still wie in einer Totengruft; der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Schrecken hatte das weibliche Nervensystem so gewaltsam ersch\u00fcttert, dass alle Lebensgeister aus den \u00e4u\u00dferen Werkzeugen der Empfindung hinter das Schutzgatter der Herzkammer sich gefl\u00fcchtet hatten; alles was innerhalb des Wagens Leben und Odem hatte, von der gn\u00e4digen Frau bis auf die Zofe, lag in ohnm\u00e4chtigem Hinbr\u00fcten. Der Reisige wusste indessen bald Rat zu schaffen; er sch\u00f6pfte aus dem vor\u00fcberrieselnden B\u00e4chlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den erstorbenen Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechglas vor, rieb ihnen von der fl\u00fcchtigen Essenz an die Schl\u00e4fe und brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der anderen die Augen auf und erblickten einen wohlgestalteten Mann von unverd\u00e4chtigem Ansehen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb. \u00abEs tut mir leid, meine Damen,\u00bb redete er sie an, \u00abdass sie in meinem Gerichtsbezirk von einem entlarvten B\u00f6sewicht sind beleidigt worden, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, dass ich Sie zu meiner Wohnung geleite, die nicht fern ist.\u00bb Diese Einladung kam der Gr\u00e4fin sehr gelegen, sie nahm sie mit Freuden an; der Krauskopf bekam Befehl fortzufahren und gehorchte mit zagender Bereitwilligkeit. Um den armen Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu erholen, gesellte sich der Kavalier wieder zum Fuhrmann, hie\u00df ihn bald rechts bald links wenden, und dieser bemerkte ganz eigentlich, dass der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Flederm\u00e4usen zu sich berief und ihr geheime Auftr\u00e4ge erteilte, was sein Grausen noch vermehrte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden zwei und endlich vier; es kamen vier J\u00e4ger herangesprengt mit brennenden Windlichtern, die ihren Herrn, wie sie sagten, \u00e4ngstlich gesucht hatten und erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gr\u00e4fin war nun wieder in vollem Gleichgewichte, und da sie sich au\u00dfer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen Johann und war um sein Schicksal bek\u00fcmmert. Sie er\u00f6ffnete ihrem Schutzpatron dieses Anliegen, der alsbald zwei von den J\u00e4gern fortschickte, die beiden Ungl\u00fcckskameraden aufzusuchen und ihnen n\u00f6tigen Beistand zu leisten. Bald darauf rollte der Wagen durchs d\u00fcstere Burgtor in einem geraumen Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet war. Der Kavalier bot der Gr\u00e4fin den Arm und f\u00fchrte sie in die Prachtgem\u00e4cher seines Hauses in eine gro\u00dfe Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war. Die Fr\u00e4ulein befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, dass sie in Reisekleidern in einen so vornehmen Kreis traten, ohne vorher Toilette gemacht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den ersten H\u00f6flichkeitsbezeugungen gruppierte sich die Gesellschaft wieder in verschiedene kleine Zirkel, einige setzten sich zum Spiel, andere unterhielten sich durch Gespr\u00e4che. Das Abenteuer wurde viel beredet und, wie es bei Erz\u00e4hlungen \u00fcberstandener Gefahren gew\u00f6hnlich der Fall ist, weiter ausgeschm\u00fcckt. Bald darauf f\u00fchrte der aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gr\u00e4fin und ihrer sch\u00f6nen T\u00f6chter forschte, den Puls pr\u00fcfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche Krankheitsanzeigen ahnte. Obgleich sich die Dame nach Beschaffenheit ihrer Umst\u00e4nde so wohl befand wie jemals, so machte sie doch die angedrohte Gefahr f\u00fcr das Leben \u00e4ngstlich; denn aller Liebesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche K\u00f6rper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, obgleich es abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie starke Mengen temperierender Pulver und Tropfen, und die gesunden T\u00f6chter mussten wider Willen und Dank dem Beispiel der besorgten Mutter gleichfalls folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allzu nachgiebige Patienten machen strenge \u00c4rzte; der blutdurstige Arzt bestand nun sogar auf einen Aderlass, zog in Ermangelung seines Handlangers, des Wundarztes, die rote Binde hervor, und die Gr\u00e4fin bequemte sich zu dem anger\u00fchmten Schutzmittel gegen alle sch\u00e4dlichen Wirkungen des Schreckens unweigerlich. Denn nur mit M\u00fche vermochte es die \u00dcberredungskunst des Arztes und die m\u00fctterliche Autorit\u00e4t \u00fcber die Fr\u00e4ulein, dass sie die Furcht vor dem st\u00e4hlernen Zahn des Schneppers \u00fcberwanden und den Fu\u00df ins Wasser setzten. Zuletzt kam auch die Kammerjungfer noch an die Reihe, obgleich sie doch beteuerte, sie sei so blutscheu, dass die kleinste Verwundung von einer N\u00e4hnadel ihr Schwindel und Ohnmachten zu erregen pflege, so kehrte sich der unerbittliche Arzt doch an kein Weigern, entstrumpfte den Fu\u00df des niedlichen M\u00e4dchens ohne Barmherzigkeit und bediente sie kunstm\u00e4\u00dfig und sorgsam wie ihre Herrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Operation war kaum vollendet, so begab man sich zur Tafel in den Speisesaal, wo ein k\u00f6nigliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische waren bis an das Gesims des Deckengew\u00f6lbes mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und \u00fcbergoldete Pokale und Willkommen nebst den dazugeh\u00f6rigen Kredenzschalen von getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik t\u00f6nte aus dem Nebenzimmer und fl\u00f6tete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den G\u00e4sten lieblich hinunter. Nach dem Abr\u00e4umen der Sch\u00fcsseln ordnete der Speisemeister den bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gef\u00e4rbten Zucker und Gummi Tragant bestand. Die Gr\u00e4fin unterlie\u00df nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wendete sich an ihren beb\u00e4nderten Stuhlnachbar, seiner Angabe nach ein b\u00f6hmischer Graf, fragte neugierig, was f\u00fcr ein Galatag hier gefeiert werde, und erhielt zur Antwort, dass nichts Au\u00dferordentliches vorgehe, es sei nur eine freundschaftliche Kollation guter Bekannten, die hier zuf\u00e4lligerweise zusammentr\u00e4fen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden gastfreien Obersten von Riesental weder in noch au\u00dferhalb Breslau nie ein Wort geh\u00f6rt zu haben, und so emsig sie auch die vornehmen Geschlechtstafeln durchlief, wovon ihr Ged\u00e4chtnis einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirte selbst zu erforschen, wovon sie Aufschluss und Belehrung begehrte; aber dieser wusste ihr so geschickt auszuweichen, dass sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich riss er den Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Regionen des Geisterreichs hin\u00fcber; und in einer Gesellschaft, die sich auf den Ton der Geistergeschichten und Geisterseherei stimmt, wird&#8217;s selten bald Feierabend, wenigstens gebricht&#8217;s in diesen F\u00e4chern nie an Worthaltern und horchsamen Zuh\u00f6rern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wohlgen\u00e4hrter Domherr wusste viel wundersame Geschichten von R\u00fcbezahl zu erz\u00e4hlen; man stritt f\u00fcr und wider seine Wahrheit; die Gr\u00e4fin, die recht in ihrem Elemente war, wenn sie den Lehrton anstimmen und gegen Vorurteile zu Felde ziehen konnte, setzte sich an die Spitze der philosophischen Partei und trieb einen gel\u00e4hmten Finanzrat, an dem nichts Gelenkes war, als die Zunge, und der sich zu R\u00fcbezahls rechtlichen Anwalt aufwarf, durch ihre Starkgeisterei sehr in die Enge. \u00abMeine eigene Geschichte,\u00bb f\u00fcgte sie zum Beschlusse noch hinzu, \u00abist ein augenscheinlicher Beweis, dass alles, was man von dem berufenen Berggeiste sagt, leere Tr\u00e4ume sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen h\u00e4tte und die edlen Eigenschaften bes\u00e4\u00dfe, die ihm Fabler und m\u00fc\u00dfige K\u00f6pfe zueignen, so w\u00fcrde er einem Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten und ohne den edelm\u00fctigen Beistand des Herrn von Riesental h\u00e4tte der freche Bube sein Spiel soweit mit uns treiben k\u00f6nnen, wie er Lust hatte.\u00bb &#8211; Der Herr vom Hause hatte an diesen Gespr\u00e4chen bisher wenig Anteil genommen; jetzt aber mischte er sich mit ins Gespr\u00e4ch und nahm das Wort. \u00abSie haben auch das Nichtsein des alten Bewohners dieser Gegend mit guten Gr\u00fcnden genug bewiesen und sein rechtlicher Beistand, unser Finanzrat, ist verstummt. Dennoch d\u00fcnkt mich, lie\u00dfen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einw\u00fcrfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung aus der Hand des entlarvten R\u00e4ubers dennoch mit im Spiel gewesen w\u00e4re? Wie, wenn dem Freund Nachbar beliebt h\u00e4tte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser unverd\u00e4chtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte, dass ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fu\u00dfbreit entfernt habe? Dass Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung sind eingef\u00fchrt worden, dass der Nachbar Berggeist seine Ehre gerettet h\u00e4tte, und daraus w\u00fcrde folgen, dass er nicht ganz das Unding w\u00e4re, wof\u00fcr Sie ihn halten.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Rede brachte die Gr\u00e4fin einigerma\u00dfen aus der Fassung, und die sch\u00f6nen Fr\u00e4ulein legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem Tischwirt starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im Scherz oder Ernst gesagt sei. Die n\u00e4here Er\u00f6rterung dieser Frage unterbrach die Ankunft des wiederaufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der letztere f\u00fchlte eben die Wonne bei Erblickung seiner vier Rappen im Stalle, die der erstere empfand, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine Herrschaft vergn\u00fcgt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch das er wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte \u00fcbergeben, um sein Gutachten dar\u00fcber auszustellen. Doch ohne sein Messer anzustellen, erkannte er es alsbald f\u00fcr einen ausgeh\u00f6hlten K\u00fcrbis, der mit Sand und mit Steinen angef\u00fcllt und durch den Zusatz einer h\u00f6lzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem grotesken Menschenantlitz aufgestutzt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach aufgehobener Tafel schied die Gesellschaft auseinander, da der Morgen bereits heran d\u00e4mmerte. Die Damen fanden ein k\u00f6stlich zubereitetes Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind \u00fcberraschte, dass die Phantasie nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und durch ihr gew\u00f6hnliches Schattenspiel \u00e4ngstliche Tr\u00e4ume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe klingelte und die Fr\u00e4ulein weckte, die gern noch einen Versuch gemacht h\u00e4tten, in den weichen Daunen auch auf dem anderen Ohr zu schlafen. Allein die Gr\u00e4fin verlangte so sehr, die Heilkr\u00e4fte des Bades m\u00f6glichst bald zu versuchen, dass sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fr\u00e4ulein dem Ball beigewohnt h\u00e4tten, den er ihnen zu geben verhie\u00df. Ger\u00fchrt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn vom Riesental genossen hatten, der auf die h\u00f6flichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleit gab, beurlaubten sie sich mit der Verhei\u00dfung, auf der R\u00fcckreise wieder einzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum war der Gnom in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins Verh\u00f6r gef\u00fchrt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen w\u00fcrden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte. \u00abElender Erdenwurm,\u00bb redete ihn der Geist an, \u00abwas h\u00e4lt mich ab, dass ich dich zertrete f\u00fcr die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn ver\u00fcbte Gaukelei? B\u00fc\u00dfen sollst du mir mit Haut und Haar f\u00fcr diese Frechheit.\u00bb &#8211; \u00abGro\u00dfguter Regent des Riesengebirges,\u00bb fiel der Schlaukopf ihm ein, \u00abso wohlbegr\u00fcndet Eure Rechte \u00fcber diesen Grund und Boden sein m\u00f6gen, die ich Euch auch nicht streitig mache, so sagt mir erst, wo Eure Gesetze angeschlagen sind, die ich \u00fcbertreten habe, und dann verurteilt mich.\u00bb Diese Virtuosensprache und die dreiste Ausflucht, die der Gefangene seinem strengen Richter im Wege des Rechtes entgegenstellte, lie\u00dfen keinen gew\u00f6hnlichen Menschen vermuten. Darum m\u00e4\u00dfigte der Geist seinen Unwillen einigerma\u00dfen und sprach: \u00abMeine Gesetze hat dir die Natur ins Herz geschrieben; aber damit du nicht sagen kannst, dass ich dich unverh\u00f6rter Sache verurteilt habe, so rede und bekenne mir frei: wer bist du und was trieb dich, hier im Gebirge als ein Gespenst zu tosen?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Das war dem Verhafteten lieb zu h\u00f6ren, dass er zum Worte kommen sollte, hoffte durch die getreue Erz\u00e4hlung seiner Schicksale sich von der verwirkten Rache des Geistes loszuschwatzen, oder die Strafe doch wenigstens zu mildern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abWeiland,\u00bb fing er an, \u00abhie\u00df ich der arme Kunz und lebte in der Sechsstadt Lauban als ein ehrlicher Beutler k\u00fcmmerlich von meiner H\u00e4nde Arbeit; denn es gibt kein Gewerbe, das k\u00e4rglicher n\u00e4hrt als die Ehrlichkeit. Obgleich meine Beutel guten Vertrieb fanden, weil die Rede ging, das Geld ruhe darin wohl, indem ich als der siebente Sohn meines Vaters eine gl\u00fcckliche Hand h\u00e4tte, so widerlegte sich doch dieser Glaube durch mich selbst; mein eigener Beutel blieb immer leer und ledig wie ein gewissenhafter Magen am Fasttage. Dass aber meinen Kunden sich das Geld in den von mir erhandelten Beuteln so wohl konservierte, lag meinem Bedenken nach weder an der gl\u00fccklichen Hand des Meisters, noch an der G\u00fcte der Arbeit, sondern an dem Stoff meiner Beutel: sie waren von Leder. Ihr sollt wissen, Herr, dass ein lederner Beutel das Geld allezeit fester h\u00e4lt als ein netzf\u00f6rmiger durchl\u00f6cherter von Seide. Wem an einem ledernen Beutel gen\u00fcgt, der ist nicht leicht ein Verschwender, sondern ein Mann, der, wie das Sprichwort sagt, den Knopf auf den Beutel h\u00e4lt; die durchsichtigen aber von Seide und Goldzwirn befinden sich in den H\u00e4nden vornehmer Prasser, und da ist&#8217;s kein Wunder, wenn sie an allen Orten ausrinnen wie ein durchl\u00f6chert Fass und, so viel man auch hineinsch\u00fcttet, dennoch immer leer und ledig bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater pr\u00e4gte seinen sieben Buben flei\u00dfig die goldene Lehre ein: Kinder, was ihr tut, das treibt mir Ernst; darum trieb ich mein Gewerbe unverdrossen, ohne dass mein Nahrungszustand dadurch gef\u00f6rdert wurde. Es kam Teuerung, Krieg und b\u00f6s Geld ins Land; meine Mitmeister dachten: Leicht Geld, leichte Ware, ich aber dachte: Ehrlich w\u00e4hrt am l\u00e4ngsten, gab gute Ware f\u00fcr schlecht Geld, arbeitete mich an den Bettelstab, war in den Schuldturm geworfen, aus der Innung gesto\u00dfen und, als mich meine Gl\u00e4ubiger nicht mehr l\u00e4nger ern\u00e4hren wollten, ehrlich des Landes verwiesen. Auf dieser Wanderschaft ins Elend begegnete mir einer meiner alten Kunden; er ritt auf einem stolzen Ross stattlich einher, rief mich an und h\u00f6hnte mich: Du Pfuscher, du Lump, bist, sehe ich wohl, deiner Kunst nicht Meister, verstehst sie gar schlecht, weist den Darm aufzublasen und ihn nicht zu f\u00fcllen, machst den Topf und kannst nicht drein kochen, hast Leder und keinen Leisten dazu, machst so herrliche Beutel und hast kein Geld. &#8211; H\u00f6re, Gesell, antwortete ich dem Sp\u00f6tter, du bist ein elender Sch\u00fctz, triffst mit deinen Pfeilen nicht ans Ziel. Es sind mehr Dinge in der Welt, die zusammengeh\u00f6ren und die man nicht beieinander findet; hat mancher einen Stall und kein Pferd hineinzuziehen, oder eine Scheuer und keine Garben auszudreschen, einen Brotschrank und kein Brot, oder einen Keller und keinen Haustrunk, und so sagt auch das Sprichwort: Einer hat den Beutel, der andere das Geld. &#8211; Besser ist doch beides zusammen, versetzte er; bist du gesonnen bei mir in die Lehre zu treten, so will ich einen vollkommenen Meister aus dir machen, und weil du das Beutelmachen so wohl verstehst, will ich dich auch lehren den Beutel zu f\u00fcllen; denn ich bin ein Geldmacher meines Handwerks; da nun beide Professionen einander in die Hand arbeiten, ist&#8217;s billig, dass die Kunstverwandten gemeine Sache machen. &#8211; Wohl, sprach ich, seid Ihr ein z\u00fcnftiger Meister in irgendeiner M\u00fcnzstadt, so mag&#8217;s drum sein; aber m\u00fcnzt Ihr auf Eure eigene Rechnung, so ist&#8217;s halsbrechende Arbeit, die mit dem Galgen lohnt, dann halte ich mich fern. &#8211; Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, sprach er, und wer bei der Sch\u00fcssel sitzt und nicht zulangt, der mag darben. Am Ende l\u00e4uft&#8217;s auf eins hinaus, ob du erstickst oder verhungerst, einmal muss es doch gestorben sein. &#8211; Nur mit Unterschied, fiel ich ihm ein, ob einer als ein ehrlicher Mann stirbt oder als ein \u00dcbelt\u00e4ter. &#8211; Vorurteil, rief er, was kann das f\u00fcr eine \u00dcbeltat sein, wenn einer ein St\u00fcck Metall rundet?<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz, der Mann hatte eine Gabe, zu \u00fcberreden, dass ich mir seinen Vorschlag gefallen lie\u00df. Ich fand mich bald ins Handwerk, war eingedenk der v\u00e4terlichen Lehre, mein Gesch\u00e4ft mit Ernst zu treiben, und erfuhr, dass die Geldmacherkunst besser und gem\u00e4chlicher n\u00e4hre als die Beutlerzunft. Aber wir wurden entdeckt und laut Urteil und Recht auf Lebenszeit auf den Festungsbau gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier lebte ich einige Jahre nach der Regel der b\u00fc\u00dfenden Br\u00fcder, bis ein guter Engel, der damals im Lande herumzog, alle Gefangenen los und ledig zu machen, die knochenfest und r\u00fcstig waren, mir die T\u00fcr des Gef\u00e4ngnisses auftat. Es war ein Werbeoffizier, der mir anstatt f\u00fcr den K\u00f6nig zu karren, den edleren Beruf gab, f\u00fcr ihn zu fechten. Mit diesem Tausch war ich wohl zufrieden; ich nahm mir nun vor, ganz Soldat zu sein, zeichnete mich bei jeder Gelegenheit aus, war immer der erste beim Angriff, und wenn wir zur\u00fcckgingen, war ich so gewandt, dass mich der Feind nie einholen konnte. Das Gl\u00fcck wollte mir wohl, schon f\u00fchrte ich eine Rotte Reiter an und hoffte bald h\u00f6her zu steigen. Da ward ich einmal auf Fouragierung ausgeschickt und befolgte meine Order so streng und p\u00fcnktlich, dass ich nicht nur Speicher und Scheuer, sondern auch Kisten und Kasten in H\u00e4usern und Kirchen rein ausfouragierte. Zum Ungl\u00fcck war&#8217;s in Freundes Land, das gab gro\u00dfen L\u00e4rm; geh\u00e4ssige Leute nannten das Unternehmen eine Pl\u00fcnderung, man machte mir als Pl\u00fcnderer den Prozess, ich wurde degradiert durch eine Gasse von f\u00fcnfhundert Mann eilends aus dem ehrsamen Stande heraus gest\u00e4upt, in dem ich gedachte mein Gl\u00fcck zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wusste ich keinen anderen Rat, als wieder zu meinem Beruf zu greifen; aber es fehlte mir an Barschaft, Leder einzukaufen und an Lust zu arbeiten. Weil ich nun wegen des allzu wohlfeilen Verkaufs ein unstreitiges Recht auf meine ehemalige Ware zu haben vermeinte, so fasste ich den Anschlag, mich dieser mit guter Arbeit wieder zu bem\u00e4chtigen, und ob sie schon durch langen Gebrauch abgenutzt war, mich dennoch meines Schadens in etwas dadurch zu erholen. Darum fing ich an, die Taschen zu untersuchen, und hielt jeden Beutel, den ich witterte, f\u00fcr einen von meiner Arbeit, machte Jagd darauf, und alle derer ich mich bem\u00e4chtigen konnte, erkl\u00e4rte ich alsbald als gute Prisen. Bei dieser Gelegenheit hatte ich die Freude, einen guten Teil meiner eigenen M\u00fcnze wieder einzukassieren; denn obgleich sie verrufen war, so kursierte sie doch nach wie vor in Handel und Wandel. Dies Gewerbe ging eine Zeitlang wohl vonstatten; ich besuchte unter mancherlei Gestalten, bald als Kavalier, bald als Handelsmann Messen und M\u00e4rkte, hatte mich so gut in mein Fach einstudiert, meine Hand war so ge\u00fcbt und beh\u00e4nd, dass sie nie einen Fehlgriff tat und mich reichlich n\u00e4hrte. Diese Lebensart behagte mir trefflich, dass ich beschloss, dabei zu verharren; doch der Eigensinn meines Geschicks gestattete mir nie, das zu sein, was ich wollte. Ich bezog den Jahrmarkt zu Liegnitz und hatte da den Beutel eines reichen P\u00e4chters aufs Korn genommen, der von Gold strotzte wie der Bauch seines Besitzers von Schmerz. Durch die Unbehilflichkeit des schweren S\u00e4ckels missriet der Kunstgriff meiner Hand; ich wurde auf der Tat ergriffen und unter der geh\u00e4ssigen Anklage als ein Beutelschneider vor Gericht gestellt, obschon ich diesen Namen nicht in einer unehrlichen Bedeutung verdiente. Ich hatte zwar ehedem Beutel genug zugeschnitten, aber nie hatte ich einem Menschen den Geldbeutel abgeschnitten, wie man mich doch beschuldigte; sondern alle, die ich erbeutet hatte, waren mir gleichsam freiwillig in die H\u00e4nde gelaufen, als wenn sie zu ihrem ersten Eigent\u00fcmer zur\u00fcckkehren wollten. Diese Ausreden halfen zu nichts, ich wurde in den Stock gelegt, und mein Unstern wollte, dass ich abermals nach Urteil und Recht aus meinem Nahrungsstande hinaus gest\u00e4upt werden sollte. Diesem l\u00e4stigen Verfahren kam ich zuvor, ersah meine Gelegenheit und strich mich in der Stille aus dem Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war unentschlossen, was ich nun anheben und treiben sollte, um nicht zu hungern; auch der Versuch, ein Bettler zu werden, missriet. Die Polizei in Gro\u00dfglogau nahm mich in Anspruch, wollte mich wider Willen und Dank verpflegen und mit Gewalt in einen Beruf hineinzw\u00e4ngen, der mir widerstand. Mit M\u00fche und Not entkam ich dieser strengen Gerichtsbarkeit, die sich herausnimmt, die ganze Welt zu bevormunden. Ich mied darum die St\u00e4dte und trieb mich als ein herumziehender Weltb\u00fcrger auf dem Lande herum. Hier traf sich&#8217;s, dass die Gr\u00e4fin gerade durch den Flecken reiste, wo ich meinen Aufenthalt hatte; es war etwas an ihrem Wagen zerbrochen, das wieder ausgebessert werden musste, und unter mehreren m\u00fc\u00dfigen Leuten, welche die Neugierde trieb, nach der fremden Herrschaft zu gaffen, trat ich auch mit unter den Haufen und machte Bekanntschaft mit dem Bedienten, der mir in der Einfalt seines Herzens anvertraute, dass ihm vor Euch, Herr R\u00fcbezahl, gewaltig bange sei, weil wegen des Verzugs die Reise nun in der Nacht durchs Gebirge gehen w\u00fcrde. Das brachte mich auf den Einfall, die Zaghaftigkeit der Reisegesellschaft zu nutzen und in der Geisterwelt meine Talente zu versuchen. Ich schlich mich seitab in die Wohnung meines Patrons und Pflegers, des Dorfk\u00fcsters, der eben abwesend war, bem\u00e4chtigte mich seiner Amtskleidung, einem schwarzen Mantel; zugleich fiel mir ein K\u00fcrbis ins Gesicht, der zum Aufputz des Kleiderschrankes diente. Mit dieser Zur\u00fcstung und einem handfesten Bleuel versehen, begab ich mich in den Wald und staffierte da meine Maske aus. Welchen Gebrauch ich davon gemacht habe, ist Euch genugsam bekannt, und dass ich ihn ohne Eure Dazwischenkunft meinem Meisterstreich gl\u00fccklich ausgef\u00fchrt h\u00e4tte, ist au\u00dfer Zweifel; mein Spiel war bereits gewonnen. Nachdem ich mich der beiden feigen Kerle entledigt hatte, war meine Absicht, den Wagen tief in den Wald hineinzuf\u00fchren und, ohne den Damen das geringste zuleide zu tun, nur einen kleinen Tr\u00f6delmarkt zu er\u00f6ffnen und den schwarzen Mantel, der in Absicht seiner mir geleisteten Dienste von keinem geringen Wert war, gegen ihre Barschaft und Geschmeide zu vertauschen, ihnen eine gl\u00fcckliche Reise w\u00fcnschen und mich bestens zu empfehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufrichtig gesprochen, Herr, von Euch f\u00fcrchtete ich am wenigsten, dass Ihr mir den Markt verderben w\u00fcrdet. Die Welt ist so ungl\u00e4ubig, dass man nicht einmal die Kinder mit Euch mehr f\u00fcrchten machen kann, und wenn nicht etwa noch hier und da ein Tropf, wie der Bediente der Gr\u00e4fin, oder ein Weib hinter dem Rock Euch zuweilen erw\u00e4hnte, so h\u00e4tte Euch die Welt l\u00e4ngst vergessen. Ich dachte, wer R\u00fcbezahl sein wollte, der d\u00fcrft&#8216; es, ich bin nun eines anderen belehrt und befinde mich in Eurer Gewalt, habe mich auf Gnade und Ungnade ergeben und hoffe, dass meine offenherzige Erz\u00e4hlung Euren Unwillen mildern werde. Euch w\u00e4r&#8217;s ein kleines, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen. Wenn Ihr mich, mit einem guten Zehrpfennig aus Eurer Braupfanne entlie\u00dfet, oder mir so wie jenem hungrigen Passagier ein Schock Heckschlehen von Eurem Zaune pfl\u00fccktet, der sich auf Eurem Obst zwar einen Zahn ausbiss, aber die Schlehen hernach in eitel goldene Kn\u00f6pfe verwandelt fand; oder wenn Ihr von den acht goldenen Kegeln, die Euch \u00fcbrig sind, mir einen verehrtet, davon Ihr den neunten weiland einem Prager Studenten schenktet, der mit Euch kegelte; oder den Milchkrug, dessen geronnene Milch sich in Goldk\u00e4se verwandelte; oder wenn ich straff\u00e4llig bin, mich so wie jenen wandernden Schuster schulmeisterhaft mit der goldenen Rute strichet, und mir solche hernach zum Andenken verehrtet, wie die Handwerker auf ihrem Gelagen und Herbergen von Euch zu erz\u00e4hlen wissen, so w\u00e4re mein Gl\u00fcck mit einem Male gemacht. Wahrlich Herr! Wenn Ihr die Bed\u00fcrfnisse der Menschen f\u00fchltet, so w\u00fcrdet Ihr ermessen, dass es schwer h\u00e4lt, ein Biedermann zu sein, wenn man an allem Mangel leidet; denn wenn man zum Exempel Hunger f\u00fchlt und kein Scherflein im Beutel hat, so ist es eine Heldentugend, eine Semmel nicht zu stehlen von dem Brotvorrat, den ein reicher B\u00e4cker auf seinem Laden zur Schau ausgestellt hat. Das Sprichwort sagt: Not hat kein Gebot.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abGeh, Schurke,\u00bb sprach der Gnom, nachdem der Krauskopf ausgeredet hatte, \u00abso weit dich deine F\u00fc\u00dfe tragen, und ersteige den Gipfel deines Gl\u00fccks am Galgen!\u00bb Hierauf verabschiedete er seinen H\u00e4ftling mit einem kr\u00e4ftigen Fu\u00dftritte, und dieser war froh, dass er mit so gelinder Strafe abkam und pries seine Rede, die seiner Meinung nach ihn diesmal aus einer sehr kritischen Lage gezogen hatte. Er sputete sich flei\u00dfigst, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen, und lie\u00df aus Eilfertigkeit den schwarzen Mantel zur\u00fcck. So sehr er aber eilte, so schien es doch nicht, als wenn er aus der Stelle k\u00e4me, er sah immer die n\u00e4mlichen Gegenden und Berge vor sich, obgleich er die Burg, in der er ein Gefangener gewesen war, aus dem Gesicht verloren hatte. Abgemattet von diesem endlosen Kreislauf, legte er sich unter einen Baum, im Schatten ein wenig auszuruhen und auf irgendeinen Wanderer zu lauern, der ihm zum Wegweiser dienen k\u00f6nnte. Dar\u00fcber fiel er in einen festen Schlaf, und als er erwachte, war um ihn her dicke Finsternis; er wusste gar wohl, dass er unter einem Baume eingeschlafen war, gleichwohl h\u00f6rte er kein S\u00e4useln des Windes in den \u00c4sten, sah auch keinen Stern durch das Laub schimmern, noch die geringste Nachthellung. Im ersten Schrecken wollte er aufspringen; da hielt ihn eine unbekannte Kraft zur\u00fcck, und die Bewegung, die er machte, gab ein laut widerhallendes Ger\u00e4usch wie das Geklirr von Ketten; nun wurde er gewahr, dass er in Fesseln lag, und vermeinte viel hundert Klafter unter der Erde wieder in R\u00fcbezahls Gewahrsam zu sein, wor\u00fcber ihm gro\u00dfe Furcht und Entsetzen ankam.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ewigen Stunden begann es um ihn her zu tagen, doch fiel das Licht nur k\u00e4rglich durch das eiserne Gitter eines kleinen Fensters zwischen den Mauern herein. Ohne zu wissen, wo er sich eigentlich befand, kam ihm der Kerker doch nicht ganz fremd vor; er hoffte auf den Gefangenenw\u00e4rter, wiewohl vergebens. Es verlief eine lange Stunde nach der anderen, Hunger und Durst peinigten den Verhafteten, er fing an L\u00e4rm zu machen, rasselte mit den Ketten, pochte an die Wand, rief \u00e4ngstlich um Hilfe und vernahm Menschenstimmen in der N\u00e4he; aber niemand wollte die T\u00fcr des Gef\u00e4ngnisses auftun. Endlich waffnete sich der Kerkermeister mit einem Gespenstersegen, \u00f6ffnete die T\u00fcr, schlug ein gro\u00dfes Kreuz vor sich und fing an, den Teufel auszutreiben, der seiner Einbildung nach in dem ledigen Kerker tobte. Doch da er die Spukerei n\u00e4her betrachtet, erkannte er seinen entwichenen Gefangenen, den Beutelschneider, und Kunz den Kerkermeister in Liegnitz. Jetzt wurde er inne, dass ihn R\u00fcbezahl wieder zur\u00fcckbef\u00f6rdert hatte. \u00abSieh da, Krauskopf!\u00bb redete ihn der Gerichtsfrohn an, \u00abbist du wieder in deinen K\u00e4fig geh\u00fcpft? Woher des Landes?\u00bb &#8211; \u00abImmer da zum Tor herein,\u00bb antwortete Kunz, \u00abbin des Herumlaufens m\u00fcde, habe mich, wie Ihr seht, in Ruhe gesetzt und mein alter Quartier wieder aufgesucht, so Ihr mich beherbergen wollt.\u00bb Obgleich niemand begreifen konnte, wie der Gefangene wieder in den Turm gekommen sei und wer ihm die Fesseln angelegt habe so behauptete Kunz, der sein Abenteuer nicht wollte kund werden lassen, dennoch dreist, er habe sich freiwillig wieder eingefunden, ihm sei die Gabe verliehen, nach Gefallen durch verschlossene T\u00fcren aus und ein zu gehen, die Fesseln anzulegen, und sich ihrer, wenn er wollte, wieder zu entledigen; denn ihm sei kein Schloss zu fest. Durch diesen scheinbaren Gehorsam bewogen, verschonten ihn die Richter mit der verwirkten Strafe und legten ihm nur auf, so lange f\u00fcr den K\u00f6nig zu karren, bis er sich nach Gefallen der Fesseln entledigen w\u00fcrde. Man hat aber nicht vernommen, dass er von Bewilligung jemals Gebrauch gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4fin C\u00e4cilie war indessen mit ihrer Begleitung gl\u00fccklich und wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war den Badearzt zu sich zu berufen und ihn wie gew\u00f6hnlich \u00fcber ihren Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu konsultieren. Trat herein der weiland hochber\u00fchmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg. \u00abSeien Sie uns willkommen, lieber Doktor,\u00bb riefen Mama und die holden Fr\u00e4ulein ihm traulich und freundlich entgegen. \u00abSie sind uns zuvorgekommen,\u00bb f\u00fcgte erstere hinzu, \u00abwir vermuteten Sie noch bei den Herrn von Riesental aber loser Mann, warum haben Sie uns dort verschwiegen, dass Sie der Badearzt sind?\u00bb &#8211; \u00abAch, Herr Doktor,\u00bb fiel Fr\u00e4ulein Hedwig ein, \u00abSie haben mir die Ader durchgeschlagen, der Fu\u00df schmerzte mich, ich werde hier nur hinken und nicht mehr walzen k\u00f6nnen.\u00bb Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die Damen irgendwo gesehen zu haben. \u00abIhro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem anderen,\u00bb sprach er, \u00abich habe vordem nicht die Ehre gehabt, Ihnen pers\u00f6nlich bekannt zu sein; der Herr von Riesental geh\u00f6rt auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und w\u00e4hrend der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen.\u00bb Die Gr\u00e4fin konnte keinen anderen Grund von diesem strengen Inkognito, das der Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als dass er ganz gegen die Denkungsweise seiner Kollegen f\u00fcr seine geleisteten Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte l\u00e4chelnd: \u00abIch verstehe Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgef\u00fchl geht aber zu weit; sie soll mich nicht abhalten, mich f\u00fcr Ihre Schuldnerin zu bekennen und f\u00fcr Ihren guten Beistand dankbar zu sein.\u00bb Sie n\u00f6tigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt jedoch nur als Vorauszahlung annahm, und um die Dame als eine gute Kundin nicht unwillig zu machen, ihr nicht weiter widersprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Doktor Springsfeld war keiner der unbehilflichen \u00c4rzte, die au\u00dfer der Gabe, ihre Pillen und Salben anzupreisen, keine andere besitzen, sich ihren Patienten lieb und angenehm zu machen; er wusste seine Kunden mit artigen Geschichten, Stadtneuigkeiten und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch aufzumuntern. Da er vom Besuch der Gr\u00e4fin seine medizinische Ronde ging, gab er die sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Besuchszimmer zum besten, lie\u00df bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen und k\u00fcndigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Medium oder Seherin an. Man war begierig, eine so au\u00dferordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gr\u00e4fin C\u00e4cilie wurde in Karlsbad das M\u00e4rchen des Tages. Alles dr\u00e4ngte sich in der Gesellschaft zu ihr, da sie mit ihren sch\u00f6nen T\u00f6chtern zum ersten Mal erschien. Es war ihr und den Fr\u00e4uleins ein h\u00f6chst \u00fcberraschender Anblick, die ganze Gesellschaft hier anzutreffen, in die sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn von Riesental waren eingef\u00fchrt worden. Der beb\u00e4nderte Graf, der wohlbebauchte Domherr, der gel\u00e4hmte Finanzrat fielen ihnen gleich zuerst in die Augen. Mit freundlicher Unbefangenheit wendete sich die gespr\u00e4chige Dame bald zu dem, bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und Charakter, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wusste sich nicht zu erkl\u00e4ren, wohin das fremde und kalte Betragen aller der Herren und Damen deuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und Vertraulichkeit gegen sie ge\u00e4u\u00dfert hatten. Nat\u00fcrlich geriet sie auf den Wahn, das sei eine verabredete Sache, und der Herr von Riesental w\u00fcrde der Sch\u00e4kerei dadurch ein Ende machen, dass er unvermutet selbst zum Vorschein k\u00e4me. Sie wollte ihm trotzdem nicht den Triumph g\u00f6nnen, \u00fcber ihren Scharfsinn gesiegt zu haben, und gab dem bekr\u00fcckten Finanzrat scherzweise den Auftrag, seine vier F\u00fc\u00dfe in Bewegung zu setzen und den Obersten aus dem verborgenen Hinterhalt hervorzurufen und einzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr eine \u00fcberspannte Phantasie, dass sie samt und sonders die Gr\u00e4fin bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vern\u00fcnftige Frau schien und ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts Ausschweifendes verriet, wenn ihre Phantasie nicht den Weg \u00fcber das Riesengebirge nahm. Die Gr\u00e4fin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen Gesichtsz\u00fcgen, Winken und Blicken, dass man sie schief beurteilte und dass man w\u00e4hne, ihre Krankheit habe sich aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Widerlegung dieses kr\u00e4nkenden Vorteils sei die aufrichtige Erz\u00e4hlung ihres Abenteuers auf der schlesischen Grenze. Man h\u00f6rte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der man ein M\u00e4rchen anh\u00f6rt, das auf einige Augenblicke angenehm unterh\u00e4lt, davon man aber kein Wort glaubt. \u00abWunderbar!\u00bb riefen alle Zuh\u00f6rer aus einem Munde und sahen bedeutsam den Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte die Patientin nicht eher seiner Pflege zu entlassen, bis das mineralische Wasser das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Phantasie w\u00fcrde weggesp\u00fclt haben. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gr\u00e4fin sah, dass ihre Geschichte bei dem Karlsbader Arzt wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verd\u00e4chtig machte, redete sie nicht mehr davon, und Doktor Springsfeld unterlie\u00df nicht, dieses Schweigen den Heilkr\u00e4ften des Bades zuzuschreiben, das doch auf eine ganz andere Art gewirkt und die Gr\u00e4fin aller Gichter und Gliederschmerzen entledigt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die Badekur beendigt war, die sch\u00f6nen Fr\u00e4ulein sich genug hatten begaffen und bewundern lassen, und sich satt und m\u00fcde gewalzt hatten, kehrten Mutter und T\u00f6chter nach Breslau zur\u00fcck. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten, bei der R\u00fcckreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gr\u00e4fin Aufl\u00f6sung des ihr unbegreiflichen R\u00e4tsels, wie sie zur Bekanntschaft der Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie geb\u00e4rdete. Aber niemand wusste den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die verwunderte Dame endlich \u00fcberzeugt, dass der Unbekannte, der sie in Schutz genommen hatte, kein anderer gewesen sei als R\u00fcbezahl, der Berggeist. Sie gestand, dass er das Gastrecht auf eine edelm\u00fctige Art an ihr ausge\u00fcbt h\u00e4tte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und glaubte nun von ganzem Herzen an die Existenz der Geister, obgleich sie um der Sp\u00f6tter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar werden zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Vision der Gr\u00e4fin C\u00e4cilie hat R\u00fcbezahl nichts mehr von sich h\u00f6ren lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zur\u00fcck, und da bald nach dieser Begebenheit der gro\u00dfe Erdbrand ausbrach, der Lissabon und nachher Guatemala zerst\u00f6rte, seitdem immer weiter fortgew\u00fctet und sich neuerlich bis an die Grundfeste des deutschen Vaterlandes verbreitet hat, so fanden die Erdgeister so viele Arbeit in der Tiefe, den Fortgang der Feuerstr\u00f6me zu hemmen, dass sich seitdem keiner mehr auf der Oberfl\u00e4che der Erde hat blicken lassen. Denn dass die L\u00e4nder am Rhein und Neckarstrom auf ihrer alten Erdscholle noch so grund- und bodenfest stehen wie der Brocken und das Riesengebirge, das ist das Werk der wachsamen Gnomen und ihrer unerm\u00fcdlichen Arbeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erste Legende Auf den oft besungenen Sudeten haust in friedlicher Eintracht der berufene Berggeist, R\u00fcbezahl genannt, der das Riesengebirge ber\u00fchmt gemacht hat. 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