{"id":1360,"date":"2021-06-04T13:31:16","date_gmt":"2021-06-04T11:31:16","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1360"},"modified":"2026-01-11T01:57:44","modified_gmt":"2026-01-11T00:57:44","slug":"der-wassermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-wassermann\/","title":{"rendered":"Der Wassermann"},"content":{"rendered":"\n<p>In Schnepfenburg lebten einmal ein Bruder und eine Schwester, die hatten sich sehr lieb, und eines mochte vom anderen nicht lassen. Da sie arm waren, wohnten sie in einer H\u00fctte, die am Waldrand stand, der Bruder arbeitete als Tagl\u00f6hner bei einem Bauern, und das M\u00e4dchen k\u00fcmmerte sich um den kleinen Haushalt, spann wohl auch, wenn sie Zeit hatte, und verdiente sich auf diese Art manchen Groschen dazu.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der Wassermann: langes M\u00e4rchen H\u00f6rbuch zum Einschlafen von Heinrich Seidel (untertitelt)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/wrHsU1YKHV8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Zwischen den Geschwistern fiel nie ein b\u00f6ses Wort, und oftmals sagte der Bruder zu der Schwester: &#8222;Ich wollte, es bliebe immer so zwischen uns, dann w\u00e4ren wir gl\u00fccklich bis an unser Lebensende.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da geschah es, dass der Bruder sich eines Tages in ein reiches M\u00e4dchen verliebte, das im Nachbardorf bei den Eltern lebte. Es war nicht sonderlich sch\u00f6n, es war auch nicht sonderlich gut, es war nur reich. Die Schwester zu Hause mochte weinen und den Bruder immer wieder anflehen, doch von der Bauerntochter zu lassen, es br\u00e4chte nichts als Unheil \u00fcber sie, der Bruder h\u00f6rte nicht darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Er l\u00e4chelte nur einf\u00e4ltig, nahm die Schwester in den Arm, k\u00fcsste sie und sagte: &#8222;Lass mich gehen, ich kann nichts daf\u00fcr, dass ich das M\u00e4dchen liebe. Zwischen uns bleibt alles, wie es war. Nur muss ich jetzt fort, denn ich will mich auf die Lauer legen, viel- leicht sehe ich sie. Man sagt, sie kommt heute zum Tanz in unser Dorf. Ach, Schwester, ich g\u00e4be vieles darum, wenn ich mit ihr tanzen k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da sah die Schwester wohl, dass ihr Reden nutzlos war. Sie b\u00fcrstete den Anzug des Bruders aus, damit er sich auf dem Tanzboden sehen lassen k\u00f6nne, richtete ihm ein gutes Essen, k\u00fcsste ihn zum Abschied, und obwohl sie traurig war, dass sie allein zu Hause bleiben musste, so w\u00fcnschte sie ihm doch von Herzen Gl\u00fcck. Denn mehr als die eigene Freude galt ihr die Freude des Bruders.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ging zum Tanzboden und lie\u00df den ganzen Abend kein Auge von dem M\u00e4dchen, und wie es so geht, auch er gefiel ihr, sie tanzten zusammen und blieben zusammen, und als sie den Heimweg antreten musste, legte er ihr den Arm um die Schulter und f\u00fchrte sie nach Hause. Am anderen Abend aber wollten sie sich wiedersehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abend kam, der Bruder ging wieder zum Tanz. Doch diesmal dachte die Schwester bei sich:<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn er sich freut, so will ich mich wenigstens mit ihm freuen k\u00f6nnen. Ich will auch hingehen und ihn und sein M\u00e4dchen ansehen, denn ich muss wissen, ob sie auch die Rechte f\u00fcr ihn ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie k\u00e4mmte sich das lange Haar, schloss die H\u00fctte zu und ging ins Dorf. Dort sah sie ihren Bruder tanzen, aber wenn sie geglaubt h\u00e4tte, dass sein Anblick sie erfreuen w\u00fcrde, so hatte sie sich arg get\u00e4uscht. Kaum sah sie, wie er den Arm um das fremde M\u00e4dchen legte, da wurde ihr das Herz schwer, sie wandte sich ab, ging durch den Abend zum See, der in der N\u00e4he des Dorfes lag, setzte sich ins Gras und begann zu weinen, so bitterlich, dass sogar die Nachtigall, die soeben singen wollte, angesichts eines solchen Schmerzes innehielt. Wie das M\u00e4dchen so sa\u00df, rauschte es pl\u00f6tzlich neben ihm, und ein Wassermann stieg aus dem See herauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kam ans Ufer, setzte sich zu ihr und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Deine Tr\u00e4nen sind auf das Wasser gefallen und haben mich gerufen. Nun sage mir, was dich bedr\u00fcckt. Vielleicht kann ich dir helfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst erschrak das M\u00e4dchen sehr, als es aber sah, dass der Wassermann ein gutes Gesicht hatte, ja, dass er sogar sch\u00f6n war, erz\u00e4hlte es ihm von seinem Bruder und dem fremden M\u00e4dchen. Der Wassermann l\u00e4chelte darauf nur, stand auf deutete zum Dorf hin und hob das M\u00e4dchen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Komm&#8220;, sagte er, &#8222;wir wollen zusammen zum Tanz gehen. Ich will mit dir tanzen, besser als es die Menschen verm\u00f6gen. Du bist nur traurig, weil du meinst, das fremde M\u00e4dchen h\u00e4tte dir die Liebe deines Bruders gestohlen. Dein Bruder liebt dich noch wie fr\u00fcher aber es ist jemand gekommen, der ist ihm wichtiger als du. Das tut weh, ich wei\u00df. Vielleicht aber kommt auch zu dir jemand, der dir wich tiger wird als dein Bruder. Dann wirst du wieder gl\u00fccklich sein.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen zum Tanzboden und tanzten zusammen, und sie waren das sch\u00f6nste Paar weit und breit. Die anderen Burschen und M\u00e4dchen schauten zu ihnen hin und fl\u00fcsterten miteinander, nur der Bruder merkte nichts, denn er hatte nur Augen f\u00fcr seine Liebste. Die Schwester tanzte so viel, wie sie noch nie getanzt hatte, doch als die Kirchglocke Mitternacht schlug, k\u00fcsste der Wassermann sie auf die Stirn und verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Nacht lag das M\u00e4dchen lange wach und dachte dar\u00fcber nach, wie es doch merkw\u00fcrdig sei, dass der Wassermann ihm nach den kurzen Stunden fast lieber sei als der eigene Bruder. Eine Sehnsucht wurde in ihm wach, und es h\u00e4tte nicht viel gefehlt, dann w\u00e4re es zum See geeilt und h\u00e4tte den Wassermann gerufen. Aber da kehrte gerade der Bruder zur\u00fcck, und so blieb das M\u00e4dchen in der H\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Morgen ging sie zum B\u00e4cker, um Brot zu holen Da stand pl\u00f6tzlich der Wassermann vor ihr, gr\u00fc\u00dfte sie freundlich und sagte: &#8222;Ich h\u00e4tte gestern nicht mit dir tanzen sollen. Denn nun habe ich dich liebgewonnen und will ohne dich nicht mehr leben. Werde meine Frau, in meinem Schloss soll es dir wohl ergehen. Sagst du aber nein, dann werde ich meinem Leben ein Ende setzen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen erschrak sehr, dann aber l\u00e4chelte es und meinte: &#8222;Sieh an, und wie klug hast du gestern abend die Worte gesetzt und hast mich getr\u00f6stet, weil ich um meinen Bruder weinte. Ich will aber nicht, dass du meinetwegen leidest Warte drei Tage. In diesen drei Tagen will ich nachdenken und \u00fcberlegen. Am dritten Tag komme ich zu dir zum See, dann sollst du meine Antwort h\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wassermann f\u00fcgte sich darein, das M\u00e4dchen aber ging umher voller Unruhe und Unrast und wusste nicht, was es tun sollte. Gern h\u00e4tte es mit dem Bruder gesprochen, doch war der schon am fr\u00fchen Morgen davongegangen, und als der Mond hoch am Himmel stand, war er noch nicht zur\u00fcckgekommen. Ja, auch am zweiten Tag kam er nicht, und auch am dritten Tag trat er nicht in die H\u00fctte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da weinte die Schwester und sagte: &#8222;Hat er mich vergessen, dann will ich ihn auch vergessen.&#8220; Und sie eilte sogleich zum See, rief den Wassermann und sagte zu ihm, er solle sie mit sich nehmen, sie wolle fortan seine Frau sein. Da trug der Wassermann sie hinab in sein Schloss, und von Stund an wurde das M\u00e4dchen von keinem Menschen mehr gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bruder hatte indessen bei dem Vater seines M\u00e4dchens um dessen Hand angehalten, doch der Vater hatte ihn ausgelacht und ihn mit Spott und Hohn davon gejagt. Da war der Bruder davongest\u00fcrzt, war im Wald zusammengebrochen, und erst am Mittag des dritten Tages war ihm die Besinnung zur\u00fcckgekehrt. Nun stand er auf und wanderte zu seiner H\u00fctte, voller Sehnsucht nach der Schwester, an die er so lange nicht gedacht hatte Wie er aber die H\u00fctte betrat, war sie leer, und die Schwester war weit und breit nicht zu sehen. Am Abend erschien sie nicht und auch nicht am anderen Tag. Da fiel eine tiefe Schwermut \u00fcber den Bruder, er arbeitete nicht mehr, lebte nur von dem, was der Wald und mitleidige Menschen f\u00fcr ihn hatten, und nach Jahr und Tag war es so weit mit ihm gekommen, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>So wanderte er an einem Sommermorgen zum See, um sich dort zu ertr\u00e4nken. Er st\u00fcrzte sich auch hinein, doch f\u00fchlte er im gleichen Augenblick, wie eine Hand nach seinem Bein griff und wie ihn jemand in die Tiefe zog. Die Sinne schwanden ihm, er meinte, es sei der Tod, der ihn mit sich n\u00e4hme. Wie aber erstaunte er, als er sich nach Minuten in einem herrlichen Saal wiederfand, der in allen Farben leuchtete. Und nun beugte sich eine Frau zu ihm nieder und k\u00fcsste ihn auf den Mund, und diese Frau war seine Schwester.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da sehe ich dich endlich wieder&#8220;, sagte sie fr\u00f6hlich zu ihm. &#8222;Ich hatte schon solche Sehnsucht nach dir, aber du kamst nie zum See, und so konnte ich dich nicht zu mir ziehen. Ich wei\u00df um dein Leid. Aber auch ich war damals sehr ungl\u00fccklich, und als du nicht nach Hause kamst, ging ich zum Wassermann und wurde seine Frau. Es geht mir gut hier, und ich bin gl\u00fccklich und zufrieden. Nur du hast mir sehr gefehlt. Nun bleib bei mir, solange du willst, und wenn du zur Erde zur\u00fcckkehrst, werde ich dir soviel Edelsteine mitgeben, wie du bedarfst, um dein M\u00e4dchen zu gewinnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bruder kam aus dem Verwundern nicht heraus. Endlich aber, als er begriffen hatte, dass alles, was ihn umgab, kein Traum, sondern Wirklichkeit war, sagte er: &#8222;Jenes M\u00e4dchen mag ich nicht mehr. Aber wenn du es erlaubst, dann m\u00f6chte ich bei dir bleiben. Denn ich wei\u00df nun, dass ich keine andere liebe als dich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da freute sich die Schwester. Sie rief den Wassermann herbei, er war&#8217;s zufrieden, dass der Bruder bei ihnen blieb, und sie lebten in Ruhe und Zufriedenheit auf dem Grunde des Sees zusammen. Nur zuweilen, wenn des Nachts der Mond schien, kamen sie zum Ufer herauf, setzten sich ins Gras und sahen sich die Sterne an.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal bin ich dort vorbeigekommen und habe mich zu ihnen gesetzt. Sie waren sehr freundlich und erz\u00e4hlten mir ihre Geschichte. So habe ich sie erfahren und aufgeschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Schnepfenburg lebten einmal ein Bruder und eine Schwester, die hatten sich sehr lieb, und eines mochte vom anderen nicht lassen. 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