{"id":1351,"date":"2021-05-12T00:56:54","date_gmt":"2021-05-11T22:56:54","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1351"},"modified":"2026-01-17T03:15:31","modified_gmt":"2026-01-17T02:15:31","slug":"vom-unsichtbaren-koenigreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/vom-unsichtbaren-koenigreich\/","title":{"rendered":"Vom unsichtbaren K\u00f6nigreich"},"content":{"rendered":"\n<p>In einem kleinen Haus, das wohl eine Viertelstunde abseits von dem \u00fcbrigen Dorf auf der halben Bergh\u00f6he lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer namens J\u00f6rg. Es geh\u00f6rten zu dem Haus soviel Acker und Feld, dass beide keine Sorgen hatten. Gleich hinter dem Haus fing der Wald an, mit Eichen und Buchen und so alt, dass die Enkelkinder von denen. die sie gepflanzt hatten, schon seit mehr als hundert Jahren tot waren. Vor dem Haus lag ein alter, zerbrochener M\u00fchlstein &#8211; wer wei\u00df, wie er dahin gekommen war. Wer sich auf ihn setzte, der hatte eine wundersch\u00f6ne Aussicht hinab ins Tal, auf den Fluss, der das Tal durchstr\u00f6mte, und die Berge, die jenseits des Flusses aufstiegen. Hier sa\u00df der J\u00f6rg am Abend, wenn er seine Arbeit auf dem Feld getan hatte, den Kopf auf die H\u00e4nde und die Ellbogen auf die Knie gest\u00fctzt, oft stundenlang und tr\u00e4umte Und weil er sich wenig um die Leute im Dorf k\u00fcmmerte und meist still und in sich gekehrt einherging wie einer, der an allerhand denkt, nannten ihn die Leute sp\u00f6ttisch den Traumj\u00f6rg.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Vom unsichtbaren K\u00f6nigreich von R. von Volkmann (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DxQtImznKOc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Je \u00e4lter er wurde, desto stiller wurde er noch. Als sein alter Vater starb und er ihn unter einer gro\u00dfen, alten Eiche begraben hatte, wurde er ganz still. Wenn er dann auf dem alten, zerbrochenen M\u00fchlstein sa\u00df, was er jetzt noch viel h\u00e4ufiger tat als zuvor, und hinab in das herrliche Tal sah, wie die Abendnebel an dem einen Ende hereintraten und langsam an den Bergen hinwandelten, wie es dann dunkler wurde und dunkler, bis zuletzt der Mond und die Sterne in ihrer ganzen Herrlichkeit am Himmel heraufzogen, wurde ihm recht wunderbar ums Herz. Denn dann fingen die Wellen im Fluss zu singen an, zuerst ganz leise, bald aber deutlich vernehmbar, und sie sangen von den Bergen, von denen sie kamen, vom Meer, wohin sie wollten, und von den Nixen, die tief auf dem Grunde des Flusses wohnen. Dann begann auch der Wald zu rauschen, ganz anders wie ein gew\u00f6hnlicher Wald, und erz\u00e4hlte die wunderbarsten Dinge. Besonders der alte Eichbaum, der an seines Vaters Grab stand, der wusste noch viel mehr als die anderen B\u00e4ume. Die Sterne aber, die hoch am Himmel standen, flimmerten und zitterten, als ob sie es gar nicht mehr aushalten k\u00f6nnten, in den gr\u00fcnen Wald und in den blauen Fluss herabzufallen. Doch die Engel, von denen hinter jedem Stern einer steht, hielten sie fest und sagten: &#8222;Sterne, Sterne, macht keine Torheiten! Ihr seid ja viel zu alt dazu, viel tausend Jahre und noch mehr! Bleibt im Lande und seid zu frieden!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein wunderbares Tal! Aber alles das sah und h\u00f6rte nur der Traumj\u00f6rg. Die Leute, die im Dorf wohnten, ahnten nichts davon, denn es waren ganz gew\u00f6hnliche Leute. Dann und wann schlugen sie einen von den alten Baumriesen um, zers\u00e4gten und zerspellten ihn, und wenn sie eine h\u00fcbsche Klafter aufgerichtet hatten, sprachen sie: &#8222;Nun k\u00f6nnen wir uns wieder eine Weile Kaffee kochen.&#8220; Und im Fluss waschen sie ihre W\u00e4sche. Das war ihnen sehr bequem. Von den Sternen aber, wenn sie so recht funkelten, sagten sie weiter nichts als: &#8222;Es wird heute Nacht recht kalt werden, wenn nur unsere Kartoffeln nicht einfrieren.&#8220; Versuchte es einmal der Traumj\u00f6rg, ihnen eine andere Meinung beizubringen, so lachten sie ihn aus. Es waren eben ganz gew\u00f6hnliche Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als J\u00f6rg eines Tages wieder auf dem alten M\u00fchlstein sa\u00df und bei sich bedachte, dass er doch auf der ganzen Welt mutterseelenallein sei, schlief er ein. Da tr\u00e4umte ihm, es hinge vom Himmel eine goldene Schaukel an zwei silbernen Seilen herab. Jedes Seil war an einem Stern befestigt. Auf der Schaukel aber sa\u00df eine reizende Prinzessin, die schaukelte sich so hoch, dass sie vom Himmel zur Erde herab- und von der Erde wieder zum Himmel hinaufflog. Jedes Mal, wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre H\u00e4nde und warf ihm eine Rose zu. Aber pl\u00f6tzlich rissen die Seile, und die Schaukel mit der Prinzessin flog weit in den Himmel hinein, immer weiter, immer weiter, bis er sie zu letzt nicht mehr sehen konnte. Da wachte er auf, und als er sich umsah, lag neben ihm auf dem M\u00fchlstein ein gro\u00dfer Strau\u00df Rosen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag schlief er wieder ein und tr\u00e4umte das gleiche, und beim Erwachen lagen wieder die Rosen da.<\/p>\n\n\n\n<p>So ging es die ganze Woche hindurch. Da sagte sich Traumj\u00f6rg, es m\u00fcsse doch irgend etwas Wahres an dem Traum sein, weil er ihn immer wieder tr\u00e4umte. Er schloss sein Haus zu und machte sich auf, die Prinzessin zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er viele Tage gegangen war, erblickte er von weitem ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hingen. Er wanderte r\u00fcstig darauf zu, kam aber in einen gro\u00dfen Wald. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte er hier ein \u00e4ngstliches St\u00f6hnen und Wimmern, und als er auf die Stelle zugegangen war, sah er einen ehrw\u00fcrdigen Greis mit silbergrauem Bart auf der Erde liegen. Zwei h\u00e4ssliche, splitternackte Kerle knieten auf ihm und versuchten, ihn zu erw\u00fcrgen. Da blickte er um sich, ob er nicht irgendeine Waffe f\u00e4nde, mit der er den Kerlen zu Leibe gehen k\u00f6nnte, und da er nichts fand, riss er in seiner Todesangst einen gro\u00dfen Baumast ab. Kaum jedoch hatte er diesen erfasst, da verwandelte er sich in seinen H\u00e4nden in eine m\u00e4chtige Hellebarde. Damit st\u00fcrmte er auf die beiden Ungeheuer los und rannte sie ihnen durch den Leib, so dass sie mit Geheul den Alten loslie\u00dfen und fortsprangen<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Darauf hob er den ehrw\u00fcrdigen Greis auf, tr\u00f6stete ihn und fragte, war um ihn die beiden nackten Kerle hatten erw\u00fcrgen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da erz\u00e4hlte der Alte, er sei der K\u00f6nig der Tr\u00e4ume und aus Versehen etwas vom Wege ab in das Reich seines gr\u00f6\u00dften Feindes, des K\u00f6nigs der Wirklichkeit, gekommen. Sobald dies der K\u00f6nig der Wirklichkeit bemerkt hatte, habe er ihm durch zwei Diener auflauern lassen, damit sie ihm den Garaus machten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hast du denn dem K\u00f6nig der Wirklichkeit etwas zuleide getan?&#8220; fragte Traumj\u00f6rg.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Beh\u00fcte Gott!&#8220; versicherte der Alte. &#8222;Er wird \u00fcberhaupt sehr leicht gegen andere ausf\u00e4llig. Das liegt in seinem Charakter &#8211; und mich hasst er besonders.&#8220; &#8222;Aber die Kerle, die dich erw\u00fcrgen sollten, waren ja ganz nackt!&#8220; warf Traumj\u00f6rg ein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jawohl&#8220;, sagte der K\u00f6nig, &#8222;splitterfasernackt. Das ist so Mode im Lande der Wirklichkeit. Alle Leute gehen dort nackt, selbst der K\u00f6nig, und sch\u00e4men sich nicht. Es ist ein abscheuliches Volk! &#8211; Weil du mir nun aber das Leben gerettet hast, will ich mich dankbar gegen dich erweisen und dir mein Land zeigen. Es ist wohl das herrlichste der Welt, und die Tr\u00e4ume sind meine Untertanen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf ging der K\u00f6nig der Tr\u00e4ume voran, und J\u00f6rg folgte ihm. Als sie an die Stelle kamen, wo die Wolken auf die Erde hingen, wies der K\u00f6nig auf eine Fallt\u00fcr, die so versteckt im Busch lag, dass sie gar nicht zu finden war, wenn man es nicht wusste. Er hob sie auf und f\u00fchrte seinen Begleiter f\u00fcnfhundert Stufen hinab in eine hellerleuchtete Grotte, welche sich meilenweit in wunderbarer Pracht dahinzog. Es war unsagbar sch\u00f6n! Da waren Schl\u00f6sser auf Inseln mitten in gro\u00dfen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Wenn man in ein solches Schloss hineingehen wollte, brauchte man sich nur ans Ufer zu stellen und zu rufen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Schl\u00f6sslein, Schl\u00f6sslein, schwinun heran,<\/p><p>dass ich in dich &#8218;reingehn kann!&#8220;<\/p><p>Dann kam es von selbst an das Ufer. Aber es waren noch andere Schl\u00f6sser da auf Wolken, die flogen langsam durch die Luft. Sprach man:<\/p><p>&#8222;Steig herab, mein Luftschl\u00f6sslein,<\/p><p>dass ich kann in dich hinein!&#8220;,<\/p><p>so senkten sie sich langsam nieder. Au\u00dferdem waren noch G\u00e4rten da mit Blumen, die am Tag dufteten und in der Nacht leuchteten, schillernde V\u00f6gel, die M\u00e4rchen erz\u00e4hlten,und eine Menge anderer, wunderbarer Dinge. Traumj\u00f6rg konnte mit dem Staunen und Wundern gar nicht fertig werden.<\/p><p>&#8222;Nun will ich dir noch meine Untertanen, die Tr\u00e4ume, zeigen&#8220;, sagte der K\u00f6nig. &#8222;Ich habe deren drei Arten: gute Tr\u00e4ume f\u00fcr die guten Menschen, b\u00f6se Tr\u00e4ume f\u00fcr die b\u00f6sen und Traumkobolde, mit denen ich zu weilen Spa\u00df treibe, denn ein K\u00f6nig muss doch auch seinen Spa\u00df haben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Zuerst f\u00fchrte er ihn also in eins der Schl\u00f6sser, das eine so verzwickte Bauart hatte, dass es f\u00f6rmlich komisch aussah. &#8222;Hier wohnen die Traumkobolde&#8220;, sprach er, &#8222;kleines, \u00fcberm\u00fctiges, schabernackiges Volk. Tut niemandem etwas zuleide, aber neckt gern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Komm einmal her, Kleiner&#8220;, rief er darauf einem der Kobolde zu, &#8222;und sei einmal einen einzigen Augenblick ernsthaft.&#8220; Dann fuhr er fort, zu Traumj\u00f6rg gewandt: &#8222;Wei\u00dft du, was der Schelm tut, wenn ich ihm ein mal ausnahmsweise erlaube, auf die Erde hinaufzusteigen? Er l\u00e4uft in das n\u00e4chste Haus, holt den erstbesten Menschen, der gerade wundersch\u00f6n schl\u00e4ft, aus den Federn, tr\u00e4gt ihn auf den Kirchturm und wirft ihn kopf \u00fcber hinunter. Dann springt er eiligst die Turmtreppe hinab, so dass er unten eher ankommt, f\u00e4ngt ihn auf, tr\u00e4gt ihn wieder nach Haus und schmei\u00dft ihn so ins Bett, dass es kracht und er davon aufwacht. Dann reibt sich der den Schlaf aus den Augen, sieht sich ganz verwundert um und spricht: ,Ei du lieber Gott, war&#8217;s mir doch gerade, als ob ich vom Kirchturm herabfiele. Es ist nur gut, dass ich nur getr\u00e4umt habe.'&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das ist er?&#8220; rief Traumj\u00f6rg. &#8222;Siehst du, der ist auch schon einmal bei mir gewesen! Wenn er aber wieder kommt und ich erwische ihn, soll&#8217;s ihm schlecht gehen.&#8220; Kaum hatte er dies gesagt, so sprang ein anderer Traumkobold unter dem Tisch hervor. Der sah fast aus wie ein kleiner Hund, denn er hatte ein ganz zottiges W\u00e4mslein an, und die Zunge streckte er auch heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der ist auch nicht viel besser&#8220;, meinte der Traumk\u00f6nig, &#8222;er bellt wie ein Hund, und dabei hat er Kr\u00e4fte wie ein Riese. Wenn dann die Leute im Traum Angst bekommen, h\u00e4lt er sie an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen fest, damit sie nicht fort k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Den kenne ich auch&#8220;, fiel Traumj\u00f6rg ein. &#8222;Wenn man fort will, ist es einem, als ob man starr und steif wie ein St\u00fcck Holz w\u00e4re. Will man den Arm aufheben, geht es nicht, und will man die Beine r\u00fchren, geht es auch nicht. Manchmal aber ist&#8217;s kein Hund, sondern ein B\u00e4r oder ein R\u00e4uber oder sonst etwas Schlinunes.&#8220; &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich werde ihnen nie wieder erlauben, dich zu besuchen, Traumj\u00f6rg&#8220;, beruhigte ihn der K\u00f6nig. &#8222;Nun komm einmal zu den b\u00f6sen Tr\u00e4umen, aber f\u00fcrchte dich nicht, sie werden dir keinen Schaden zuf\u00fcgen. Sie sind nur f\u00fcr die b\u00f6sen Menschen.&#8220; Damit traten sie in einen ungeheuren Raum, der von einer hohen Mauer umgeben und mit einer gewaltigen T\u00fcr verschlossen war. Hier wimmelte es von gr\u00e4ulichen Gestalten und entsetzlichen Ungeheuern. Manche sahen halb wie Menschen, halb wie Tiere, manche ganz wie Tiere aus. Erschrocken wich Traumj\u00f6rg bis an die eiserne T\u00fcr zur\u00fcck Doch der K\u00f6nig redete ihm freundlich zu und sprach: &#8222;Willst du dir nicht genauer besehen, was b\u00f6se Menschen tr\u00e4umen?&#8220; Und er winkte einem Traum, der zun\u00e4chst stand, das war ein scheu\u00dflicher Riese, der hatte unter jedem Arm ein M\u00fchlrad.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Erz\u00e4hle, was du heute nacht tun wirst!&#8220; herrschte ihn der K\u00f6nig an. Da zog das Ungeheuer den Kopf zwischen die Schultern und den Mund bis zu den Ohren, wackelte mit dem R\u00fccken wie einer, der sich so recht freut, und sagte grinsend: &#8222;Ich gehe zum reichen Mann, der seinen Vater hungern lie\u00df. Als der alte Mann sich eines Tages auf die steinerne Treppe vor dem Haus seines Sohnes gesetzt hatte und um Brot bat, kam der Sohn und sagte zum Gesinde: ,Jagt mir einmal den Hampelmann fort!&#8216; Da gehe ich nun nachts zu ihm und ziehe ihn zwischen den beiden M\u00fchlr\u00e4dern durch, bis alle seine Knochen h\u00fcbsch kurz und klein gebrochen sind. Ist er dann so recht geschmeidig und zappelig geworden, so nehme ich ihn am Kragen, sch\u00fcttle ihn und sage: ,Siehst du, wie h\u00fcbsch du nun zappelst, du Hampelmann!&#8216; Dann wacht er auf, klappert mit den Z\u00e4hnen und ruft: ,Frau, bring mir noch ein Deckbett, mich friert.&#8216; Und wenn er wieder ein geschlafen ist, mache ich&#8217;s noch einmal!&#8220; Als Traumj\u00fcrg das h\u00f6rte, dr\u00e4ngte er mit Gewalt zur T\u00fcr hinaus, den K\u00f6nig nach sich ziehend, und rief: &#8222;Nicht einen Augenblick l\u00e4nger bleibe ich hier bei den b\u00f6sen Tr\u00e4umen. Das ist ja entsetzlich.&#8220; Und der K\u00f6nig f\u00fchrte ihn nun in einen pr\u00e4chtigen Garten, in dem die Wege von Silber, die Beete von Gold und die Blumen von geschliffenen Edelsteinen waren. Hier gingen die guten Tr\u00e4ume spazieren. Das erste, was er sah, war eine blasse, junge Frau, die hatte unter dem Arm eine Arche Noah und unter dem andern einen Baukasten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer ist denn das?&#8220; fragte Traumj\u00f6rg. &#8222;Die geht abends immer zu einem kleinen kranken Jungen, dem die Mutter gestorben ist. Am Tage ist er ganz allein, und niemand k\u00fcmmert sich um ihn. Aber gegen Abend geht sie zu ihm, spielt mit ihm und bleibt die ganze Nacht. Er schl\u00e4ft immer schon sehr fr\u00fch ein, darum geht sie auch so zeitig. Die anderen Tr\u00e4ume gehen viel sp\u00e4ter. &#8211; Komm nur weiter, wenn du alles sehen willst, dann m\u00fcssen wir uns sputen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen nun tiefer in den Garten hinein, mitten unter die guten Tr\u00e4ume. Es waren M\u00e4nner, Frauen, Greise und Kinder, alle mit lieben und guten Gesichtern und in den sch\u00f6nsten Kleidern. In den H\u00e4nden trugen viele von ihnen alle m\u00f6glichen Dinge, die sich das Herz nur w\u00fcnschen kann. &#8211; Auf einmal blieb Traumj\u00f6rg stehen und schrie so laut auf, dass alle Tr\u00e4ume sich umsahen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was hast du denn?&#8220; fragte der K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Da ist ja meine Prinzessin, die mir so oft erschienen ist und mir die Rosen geschenkt hat!&#8220; rief Traumj\u00f6rg voll Freude. &#8222;Freilich, freilich!&#8220; erwiderte der K\u00f6nig, &#8222;das ist sie. Nicht wahr, ich habe dir immer einen sehr h\u00fcbschen Traum geschickt? Es ist beinahe der h\u00fcbscheste, den ich habe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da lief Traumj\u00f6rg auf die Prinzessin zu, die gerade wieder auf ihrer kleinen goldenen Schaukel sa\u00df und sich schaukelte. Sobald sie ihn kommen sah, sprang sie herab und ihm gerade in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und f\u00fchrte sie zu einer goldenen Bank. Da setzten sich beide hin und erz\u00e4hlten einander, wie h\u00fcbsch es sei, sich wieder zu sehen. Als sie damit fertig waren, fingen sie wieder von vorne an. Der K\u00f6nig der Tr\u00e4ume ging mittlerweile auf dem gro\u00dfen Weg. der schnurgerade durch den Garten f\u00fchrte, auf und ab, die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken, und sah zuweilen nach der Uhr, weil Traumj\u00f6rg und die Prinzessin immer noch nicht mit dem fertig waren, was sie sich zu erz\u00e4hlen hatten. Zuletzt ging er doch zu ihnen und sagte: &#8222;Kinder, nun ist es genug! Du, Traumj\u00f6rg, hast noch weit nach Hause, und \u00fcber Nacht kann ich dich nicht hier behalten, denn ich habe keine Betten, weil die Tr\u00e4ume nicht schlafen, sondern nachts immer zu den Menschen auf die Erde gehen m\u00fcssen. Du, Prinzesschen, du musst dich Fertigmachen. Zieh dich heute einmal ganz rosa an, und nachher komm zu mir, damit ich dir sage, wem du heute erscheinen und was du ihm sagen sollst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als Traumj\u00f6rg das h\u00f6rte, wurde er auf einmal so mutig wie noch nie in seinem Leben. Er stand auf und sagte mit fester Stimme: ,.Herr K\u00f6nig, von meiner Prinzessin lass&#8216; ich nie und nimmermehr Entweder Ihr m\u00fcsst mich hier unten behalten oder Ihr m\u00fcsst sie mir mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben, dazu habe ich sie viel zu lieb.&#8220; Dabei trat ihm in jedes Auge eine Tr\u00e4ne, so gro\u00df wie eine Haselnuss.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber J\u00f6rg, J\u00f6rg&#8220;, erwiderte der K\u00f6nig, &#8222;es ist ja der allerh\u00fcbscheste Traum, den ich habe! Doch du hast mir das Leben gerettet, so sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hinauf auf die Erde. Sobald du oben angelangt bist, nimm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und wirf ihn mir durch die Fallt\u00fcr wieder herab. Dann wird deine Prinzessin von Fleisch und Blut wie ein anderes Menschenkind sein. Jetzt ist sie ja nur ein Traum!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da bedankte sich Traumj\u00f6rg auf das herzlichste und sagte: &#8222;Lieber K\u00f6nig, weil du nun einmal so \u00fcberaus gut bist, so m\u00f6chte ich wohl noch eine Bitte wagen. Sieh, eine Prinzessin habe ich nun, doch es fehlt mir das K\u00f6nigreich. Und eine Prinzessin ohne K\u00f6nigreich ist ganz unm\u00f6glich Kannst du mir nicht eins verschaffen, wenn es auch nur ein ganz kleines ist?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf antwortete der K\u00f6nig: &#8222;Sichtbare K\u00f6nigreiche, Traumj\u00f6rg, habe ich zwar nicht zu vergeben, aber unsichtbare. Davon sollst du eins haben, und zwar eins der gr\u00f6\u00dften und herrlichsten, die ich besitze.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da fragte Traumj\u00f6rg, wie es mit den unsichtbaren K\u00f6nigreichen beschaffen w\u00e4re, doch der K\u00f6nig bedeutete ihm, er w\u00fcrde das schon alles erfahren und sein blaues Wunder erleben, so sch\u00f6n und herrlich sei es mit den unsichtbaren K\u00f6nigreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mit den gew\u00f6hnlichen, sichtbaren&#8220;, sagte er, &#8222;ist es doch zuweilen eine sehr unangenehme Sache. Zurn Beispiel: Du bist K\u00f6nig in einem gew\u00f6hnlichen K\u00f6nigreich, und fr\u00fchmorgens tritt der Minister an dein Bett und sagt: ,Majest\u00e4t, ich brauche tausend Taler f\u00fcrs Reich.&#8216; Darauf \u00f6ffnest du die Staatskasse und findest nicht einen Heller darin! Was willst du dann anfangen? Oder ein anderes: Du bekommst Krieg und verlierst, und der andere K\u00f6nig, der dich besiegt hat, heiratet deine Prinzessin, dich aber sperrt er in einen Turm. So etwas kann in einem unsichtbaren Reich nicht vorfallen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wenn wir es aber nicht sehen&#8220;, fragte Traumj\u00f6rg, noch immer etwas betreten, &#8222;was kann uns dann unser K\u00f6nigreich n\u00fctzen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du sonderbarer Mensch&#8220;, sagte der K\u00f6nig darauf und hielt den Zeigefinger an die Stirn, &#8222;du und deine Prinzessin, ihr seht es schon. Ihr seht die Schl\u00f6sser und G\u00e4rten, die Wiesen und W\u00e4lder, die zu dem K\u00f6nigreich geh\u00f6ren, wohl! Ihr wohnt darin, geht spazieren und k\u00f6nnt alles damit machen, was euch gef\u00e4llt. Nur die anderen Leute sehen es nicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da war Traumj\u00f6rg hoch erfreut, denn es war ihm schon etwas \u00e4ngstlich geworden, ob die Leute im Dorf ihn nicht scheel ansehen w\u00fcrden, wenn er mit seiner Prinzessin nach Haus k\u00e4me und K\u00f6nig w\u00e4re. Er nahm sehr ger\u00fchrt Abschied vom K\u00f6nig der Tr\u00e4ume, stieg mit der Prinzessin die f\u00fcnfhundert Stufen hinauf, nahm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und warf ihn hinunter. Darauf wollte er die Fallt\u00fcr zumachen, aber sie war sehr schwer. Er konnte sie nicht halten und lie\u00df sie zufallen. Da gab es einen gro\u00dfen Krach, und es vergingen ihm auf einen Augenblick die Sinne. Als er wieder zu sich kam, sa\u00df er vor seinem H\u00e4uschen auf dem alten M\u00fchlstein und neben ihm die Prinzessin. Sie war von Fleisch und Blut wie ein gew\u00f6hnliches Menschenkind. Sie hielt seine Hand, streichelte sie und sagte: &#8222;Du lieber, guter Mensch, du hast dich so lange nicht getraut, mir zu sagen, wie lieb du mich hast! Hast du dich denn vor mir gef\u00fcrchtet?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Mond ging auf und beleuchtete den Fluss, die Wellen schlugen klingend ans Ufer, und der Wald rauschte. Doch sie sa\u00dfen noch immer und schwatzten. Da war es pl\u00f6tzlich, als wenn eine kleine ganz schwarze Wolke vor den Mond tr\u00e4te, und auf einmal fiel etwas vor ihre F\u00fc\u00dfe nieder wie ein gro\u00dfes zusammengelegtes Tuch. Dann leuchtete der Mond wieder in vollem Glanze. Sie hoben das Tuch auf und breiteten es auseinander Es war aber sehr fein und viele hundert Male zusammengelegt, so dass sie viel Zeit brauchten. Als sie es vollst\u00e4ndig auseinandergefaltet hatten, sah es aus wie eine gro\u00dfe Landkarte. In der Mitte zog sich ein Fluss hin, und zu beiden Seiten waren St\u00e4dte, W\u00e4lder und Seen. Da merkten sie, dass es ein K\u00f6nigreich war, das ihnen der gute Traumk\u00f6nig vom Himmel hatte herunterfallen lassen. Und als sie nun ihr kleines H\u00e4uschen besahen, war es zu einem wundervollen Schloss geworden, mit gl\u00e4sernen Treppen, W\u00e4nden von Marmor, Tapeten aus Samt und spitzen T\u00fcrmen mit blauen Schieferd\u00e4chern. Da fassten sie sich an und gingen in das Schloss hinein, und als sie eintraten, waren schon die Untertanen versammelt und verneigten sich tief. Pauken und Trompeten erschollen, und Edelknaben gingen vor ihnen her und streuten Blumen. Da waren sie K\u00f6nig und K\u00f6nigin.<\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Morgen aber lief es wie ein Feuer durch das Dorf, dass der Traumj\u00f6rg wiedergekommen sei und sich ein Frau mitgebracht habe. &#8222;Das wird auch was recht Gescheites sein&#8220;, sagten die Leute. &#8222;Ich habe sie heute fr\u00fch gesehen&#8220;, fiel einer von den Bauern ins Wort, ,als ich in den Wald ging. Sie stand mit ihm vor der T\u00fcr. Es ist nichts Besonderes, eine ganz gew\u00f6hnliche Person, klein und schm\u00e4chtig. Ziemlich \u00e4rmlich war sie angezogen. Wo soll&#8217;s denn am Ende auch herkommen! Er hat nichts, da wird sie wohl auch nichts haben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So schwatzten sie, die dummen Leute, denn sie konnten nicht sehen, dass es eine Prinzessin war. Und dass sich das H\u00e4uschen in ein gro\u00dfes, wundervolles Schloss verwandelt hatte, bemerkten sie in ihrer Einfalt auch nicht, denn es war eben ein unsichtbares K\u00f6nigreich, was dem Traumj\u00f6rg vom Himmel herabgefallen war. Aus diesem Grunde k\u00fcmmerte er sich auch nicht um die dummen Leute, sondern lebte in seinem K\u00f6nigreich mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergn\u00fcgt. Und sie bekamen sechs Kinder, eins sch\u00f6ner als das andere. Das waren lauter Prinzen und Prinzessinnen. Niemand aber wusste es im Dorf, denn dort waren die Leute viel zu einf\u00e4ltig, um es zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem kleinen Haus, das wohl eine Viertelstunde abseits von dem \u00fcbrigen Dorf auf der halben Bergh\u00f6he lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer namens J\u00f6rg. Es geh\u00f6rten zu dem Haus soviel Acker und Feld, dass beide keine Sorgen hatten. 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