{"id":133,"date":"2015-10-06T02:35:52","date_gmt":"2015-10-06T00:35:52","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=133"},"modified":"2026-01-17T04:00:36","modified_gmt":"2026-01-17T03:00:36","slug":"die-armen-seelen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-armen-seelen\/","title":{"rendered":"Die armen Seelen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die armen Seelen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen aus der Provence<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Vor langer Zeit lebte einmal ein junges M\u00e4dchen, das Isabeau hie\u00df. Isabeau war sehr ungl\u00fccklich, denn ihre Mutter war gestorben, und ihr Vater hatte sich wieder verheiratet mit einer Frau namens S\u00e9raphine. Diese aber war alt und b\u00f6sartig, so b\u00f6sartig, dass die Bewohner sich abwandten, um sie nicht anschauen zu m\u00fcssen. Die arme Isabeau hatte sehr unter der Boshaftigkeit ihrer Stiefmutter zu leiden. Als ihre Mutter noch lebte, hatte Isabeau sich mit Pierre, einem braven Burschen, verlobt. Pierre war stark und k\u00fchn, und er war t\u00fcchtig bei der Arbeit und war schon beim ersten Hahnenschrei auf den Beinen. Um ihre Stieftochter zu qu\u00e4len, verbot die b\u00f6se S\u00e9raphine Pierre, das Haus zu betreten.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Isabeau und Pierre aber hatten einander sehr lieb. Und sie beschlossen, sich trotzdem nach dem abendlichen Angelusl\u00e4uten hinter der Gartenhecke zu treffen. Doch kaum hatten sie sich umarmt, so sahen sie die b\u00f6se S\u00e9raphine mit einem Stock herbeieilen. Pierre und Isabeau flohen eilends hinweg, aber die b\u00f6se Stiefmutter erreichte die arme Isabeau und schlug sie ohne Erbarmen. Isabeau f\u00fcrchtete, von S\u00e9raphine noch grausamer geschlagen zu werden, wenn sie nach Hause zur\u00fcckkehrte, und so wanderte sie immer geradeaus.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Lange wanderte sie, ohne zu schauen, wohin sie ging, und als sie endlich aufschaute, befand sie sich mitten auf einer weiten gro\u00dfen Wiese. Vor M\u00fcdigkeit ersch\u00f6pft, lie\u00df sich Isabeau am Fu\u00dfe eines Felsblocks nieder, und wieder flossen ihre Tr\u00e4nen, und unterm Weinen schlief sie ein.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als sie erwachte, stand der Mond hoch am Himmel. Die Sterne funkelten, und Isabeau f\u00fcrchtete sich, so allein in dieser \u00f6den kahlen Ebene. Sie h\u00f6rte den Schrei einer Eule, des Ungl\u00fccksvogels, und sie zitterte vor Angst. Sie bebte, als sie Sterne \u00fcber den Himmel hinwegfliegen sah, denn in ihrem Dorf sagte man, dass die Sternschnuppen die Seelen der Toten w\u00e4ren, die in eine andere Welt gehen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da h\u00f6rte sie in der Stille der Nacht von ferne eine Uhr Mitternacht schlagen. Als, der letzte Schlag verklungen war, sah sie die Heide pl\u00f6tzlich zittern und sich bewegen. Zuerst erblickten ihre Augen ein kleines Wesen, nicht gr\u00f6\u00dfer als ein Kind, welches unter einem Stein hervorschl\u00fcpfte. Es hatte einen dicken Kopf und einen langen wei\u00dfen Bart, der bis zum Boden reichte. Gleich darauf sah sie eine kleine alte Frau. Dann kroch unter jedem Stein, unter jedem Heidekraut ein kleines \u00e4hnliches Wesen hervor. Es waren unz\u00e4hlige, so viele, wie Hirsek\u00f6rner auf einen Scheffel gehen, und alle liefen durcheinander. Auf einmal begannen sie zu tanzen und zu singen:<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAlle frommen Seelen, alle frommen Seelen!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Isabeau wollte fliehen. Aber eines der kleinen Wesen nahm sie bei der Hand und sagte: \u00bbHier ist Isabeau, ein Menschenkind. Sie soll mit uns tanzen und singen!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbTanze mit uns, tanze mit uns!\u00ab riefen alle im Chor.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWie soll ich denn mit euch tanzen?\u00ab sprach das arme M\u00e4dchen. \u00bbIhr singt ja immer dasselbe.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbKannst du uns nicht helfen, Isabeau? Wir sind arme Seelen und sind dazu verdammt, von Mitternacht bis zum ersten Strahl der Sonne zu tanzen und zu singen, und das soll so lange geschehen, bis wir unseren Lobgesang zum Preise des Herrn vollendet haben. Schon hundert Jahre tanzen und singen wir also, und wir haben erst das gefunden, was du soeben geh\u00f6rt. Deshalb hilf uns, Isabeau, damit du unsere Leiden beendest!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und alle armen Seelen begannen mit flehender Stimme zu rufen: \u00bbHilf uns, Isabeau, hilf uns, hilf uns!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Isabeau dachte einen Augenblick nach, dann nahm sie eine der armen Seelen und sang:<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAlle frommen Seelen, alle frommen Seelen loben Gott den Herrn, loben Gott den Herrn!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die kleinen Wesen freuten sich \u00fcber alle Ma\u00dfen. Sie fingen in unb\u00e4ndiger Freude wieder an zu tanzen und sangen, was Isabeau sie soeben gelehrt hatte. Sie tanzten und sangen bis zum Morgengrauen. Isabeau wollte vor M\u00fcdigkeit umsinken, doch die armen Seelen baten immerfort: \u00bbSinge weiter, singe weiter, Isabeau!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbHeute nicht\u00ab, antwortete sie, \u00bbdoch ehe der Hahn viermal gekr\u00e4ht hat, werde ich wiederkommen.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da sprach die Seele, welche die \u00e4lteste war: \u00bbDu hast uns einen Dienst erwiesen, und wir werden dir nun danken. Sprich eine Bitte aus, und wir werden sie dir gew\u00e4hren, was immer es auch sein mag.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAch, meine Stiefmutter will nicht, dass ich mich mit meinem Liebsten treffe, helft mir doch, dass sie sich entfernen muss, wenn ich bei ihm bin. \u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbNimm diesen Ring. Und immer, wenn du ihn an den Finger streifst, wird deine Stiefmutter gezwungen sein, in den Garten zu gehen und ihren Kohl zu z\u00e4hlen. Und sie muss ihn so lange z\u00e4hlen, wie du willst.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Isabeau nahm den Ring mit Dank, und sie kehrte zu ihrem Vater zur\u00fcck. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie nach Hause kam. Da begegnete sie Pierre, der, in der Hoffnung, sie zu sehen, in der N\u00e4he des Hofes auf sie wartete. Doch als die b\u00f6se S\u00e9raphine ihrer gewahr wurde, lief sie mit einem Stock herbei, um sie zu pr\u00fcgeln. Doch Isabeau streifte ihren Ring \u00fcber, und sogleich lie\u00df die Stiefmutter den Stock fallen, und sie wandte sich mit eiligen Schritten nach dem Garten, um ihren Kohl zu z\u00e4hlen. Vom Garten ging sie auf den Acker, und sie z\u00e4hlte und z\u00e4hlte, und als sie fertig war, fing sie wieder von vorne an. Als sie nach Hause kam, war sie so m\u00fcde, dass sie Isabeau ganz vergessen hatte. Am n\u00e4chsten Tag kam Pierre wieder, um seine Verlobte zu besuchen. Isabeau wollte, dass ihr Liebster l\u00e4nger bei ihr bleiben solle. Doch Pierres Charakter war so wankelm\u00fctig wie eine Wetterfahne.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Am dritten Tag sprach er zu Isabeau: \u00bbDu brauchst deine Stiefmutter nicht mehr zum Kohlz\u00e4hlen zu schicken. Ich mag nicht mehr kommen. Ich gehe heute mit Miette auf den Ball. Sie hat nicht so rote Augen vom Weinen wie du und ist viel h\u00fcbscher. Adieu, Isabeau.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Das arme M\u00e4dchen weinte und gr\u00e4mte sich sehr.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAch, durch diesen Ring habe ich nun meinen Liebsten, Pierre, verloren. Heute abend werde ich ihn den armen Seelen zur\u00fcckgeben.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Als es Abend wurde, begab sie sich von neuem auf die Heide. Lange, lange Zeit wanderte sie in der tiefsten Finsternis. Ihr Herz pochte wie sieben Schmiedeh\u00e4mmer, und beim geringsten Ger\u00e4usch zitterte sie wie Espenlaub. Als sie zu der Stelle kam, an welcher sie vor drei Tagen eingeschlafen war, schlug es wieder Mitternacht. Und alsbald sah sie wieder die armen Seelen, welche sie umringten mit dem Ruf: \u00bboh, hier ist Isabeau, hier ist Isabeau! Sie wird mit uns tanzen und singen!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie fassten sie bei der Hand und zogen sie in ihren Reigen, indem sie wie das vorige Mal sangen:<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAlle frommen Seelen, alle frommen Seelen loben Gott den Herrn, loben Gott den Herrn.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbEuer Gesang ist noch nicht vollendet\u00ab, sprach Isabeau. \u00bbFahre weiter fort, fahre weiter fort, Isabeau!\u00ab Da sang Isabeau:<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAlle frommen Seelen, alle frommen Seelen loben Gott den Herrn, loben Gott den Herrn, der die Welt erl\u00f6sen wird.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und wieder waren die armen Seelen \u00fcber alle Ma\u00dfen froh, und sie begannen, begeistert zu singen und zu tanzen, bis der Morgen d\u00e4mmerte. Beim ersten Strahl der Morgenr\u00f6te h\u00f6rten die armen Seelen zu tanzen auf, und wieder trat die \u00c4lteste zu Isabeau und sprach: \u00bbIsabeau, du hast uns gro\u00dfe Dienste geleistet, bitte uns um was du willst, und dein Wunsch wird dir erf\u00fcllt.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbIch gebe euch euren Ring zur\u00fcck, er hat mich ungl\u00fccklich gemacht, und ich habe durch ihn meinen Verlobten verloren. Er zieht mir ein anderes M\u00e4dchen vor, das er h\u00fcbscher findet als mich. Ich m\u00f6chte sch\u00f6n sein, sch\u00f6n wie der lichte Tag, damit mich Pierre auf immer liebe.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Da nahm die alte Seele ein Halsband von ihrem Hals und legte es Isabeau um mit den Worten: \u00bbGehe, kein Menschenkind kann sich mit dir vergleichen. Du bist jetzt sch\u00f6ner als der lichte Tag. Aber vielleicht wirst du uns vergessen in deinem Gl\u00fcck. Und ohne dich k\u00f6nnen wir niemals unseren Lobgesang vollenden. Komm wieder zu uns, Isabeau, komm wieder zu uns, wir bitten dich!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbWas auch kommen mag, ehe der Hahn viermal gekr\u00e4ht hat, kehre ich wieder.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Isabeau machte sich wieder auf den Weg nach Hause, doch sie verirrte sich und kam an einem Bauernhof vor\u00fcber, auf welchem man gerade das Korn drosch. Sie bat die Drescher, ihr doch den Weg zu ihrem Dorf zu weisen. Doch kaum hatten die Drescher Isabeau bemerkt, als sie ihre Arbeit im Stich lie\u00dfen und ihre Flegel zur Erde warfen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bboh, seht doch, seht doch, wie sch\u00f6n sie ist, wie sch\u00f6n sie ist! Sie ist sch\u00f6ner als der lichte Tag, sie ist sch\u00f6ner als die Sonne am Himmel!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Alle umringten sie und boten ihre Hilfe an, sie zu ihrem Vater zur\u00fcckzubringen. Der <i>eine schlug seinen <\/i>Wagen vor, der andere seinen Esel, der dritte wollte sie selbst auf seinen R\u00fccken nehmen. Aber die Frauen wurden zornig. Sie bedrohten Isabeau, zeigten ihr die Faust, fuchtelten mit ihren Gabeln und Rechen herum und behandelten sie wie <i>eine lose <\/i>Stra\u00dfendirne. Isabeau setzte ihren Weg fort. Doch je <i>weiter sie <\/i>kam, desto dichter wurde das Gedr\u00e4nge von Bewunderern und<i>Verehrern. Alle <\/i>M\u00e4nner, die ihr auf dem Weg <i>begegneten, wurden <\/i>von ihr angezogen wie das Eisen vom Magneten.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">So kam sie endlich in ihr Dorf. Als <i>Pierre sie <\/i>sah, geriet er sogleich in gro\u00dfe Bewunderung. Trotz ihres \u00c4rgers <i>freute <\/i>sich Isabeau dar\u00fcber sehr. Als die b\u00f6se S\u00e9raphine sah, wie ihre <i>Stieftochter bewundert <\/i>wurde, geriet sie in heftigen Zorn. Sie st\u00fcrzte sich auf Isabeau, um sie zu schlagen. Aber als sie das sch\u00f6ne Halsband <i>gewahrte, riss <\/i>sie es ab und legte es sich selbst um den Hals. Im Nu sah sich die b\u00f6se Alte trotz ihres runzeligen Gesichts und ihres wackligen Kopfes von allen M\u00e4nnern, die <i>zugegen waren, <\/i>umringt. Sie st\u00fcrzten sich auf sie, um ihr nahe zu sein. Sie dr\u00fcckten und <i>stie\u00dfen sie, <\/i>so dass die b\u00f6se Alte zerschlagen und halbtot an den Rand des Dorfbrunnens gedr\u00e4ngt wurde. Da merkte sie endlich, dass das Halsband, welches sie trug, all ihre Leiden<i>verursachte. Sie <\/i>riss das Halsband ab und warf <i>es <\/i>in den Brunnen. Und sogleich wich der Zauber. Die M\u00e4nner lachten und <i>verspotteten die <\/i>h\u00e4ssliche Alte, die sie einen Augenblick zuvor noch bewundert hatten. Das b\u00f6se Weib aber <i>eilte nach <\/i>Hause zur\u00fcck und r\u00e4chte sich an Isabeau f\u00fcr die<i>erduldete Schmach<\/i>. Auch <i>Pierre <\/i>\u00fcberh\u00e4ufte Isabeau mit Vorw\u00fcrfen. Er warf ihr vor, dass sie n\u00e4chtens <i>umherstreune und <\/i>Hunderte von M\u00e4nnern hinter sich <\/span><i><span style=\"font-family: Verdana;\">herziehe.<\/span><\/i><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bb\u00dcbrigens, ich <i>werde nicht <\/i>wiederkommen, denn ich besuche jetzt ein junges M\u00e4dchen, <i>welches reicher <\/i>ist als du.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Isabeau <i>weinte und <\/i>weinte. Sie <i>weinte <\/i>den ganzen Tag und die ganze Nacht.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAch, die Gaben der <i>Seelen haben <\/i>mir nicht zum Gl\u00fcck <i>gereicht. N\u00e4chste <\/i>Nacht werde ich zu ihnen zur\u00fcckkehren und sie um Reichtum bitten. \u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Abends, als alles schlafen gegangen war, wanderte Isabeau zum drittenmal auf die gro\u00dfe Heide. Beim Mitternachtsschlag erschienen die armen <\/span><i><span style=\"font-family: Verdana;\">Seelen wieder.<\/span><\/i><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bboh, Isabeau, Isabeau! Hast du unseren Lobgesang vollendet? Singe, Isabeau, singe doch<\/span><i><span style=\"font-family: Verdana;\">wieder!\u00ab<\/span><\/i><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und <i>wiederum begannen <\/i>sie, um das junge M\u00e4dchen zu tanzen, indem sie dabei wie das vorige Mal sangen:<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAlle frommen <i>Seelen, alle <\/i>frommen Seelen loben Gott den Herrn, loben Gott den Herrn, der die Welt <i>erl\u00f6sen wird<\/i>.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Von Zeit zu Zeit unterbrachen sie sich und <i>riefen: \u00bbSinge, <\/i>Isabeau, singe <i>weiter, vollende <\/i>unseren Lobgesang!\u00ab Lange, lange dachte Isabeau nach. Endlich sang sie.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbAlle frommen <i>Seelen, alle <\/i>frommen Seelen loben Gott den Herrn, loben Gott den Herrn, der die Welt <i>erl\u00f6sen wird, <\/i>die Guten und die B\u00f6sen.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Alle armen <i>Seelen sangen <\/i>diese Worte Isabeaus nach. Pl\u00f6tzlich hielten sie in ihrem Tanz inne und brachen in Freudenrufe aus. Die ganze Heide schien in <i>einem Zittern <\/i>des Gl\u00fccks zu erbeben.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDank dir, Isabeau, Dank dir. Unser Lobgesang ist vollendet. <b>Du hast uns erl\u00f6st, und <\/b>wir d\u00fcrfen nun in die <i>ewige <\/i>Gl\u00fcckseligkeit eingehen. Bitte uns um etwas, Isabeau. Bitte uns um was du willst, und dein Wunsch soll in Erf\u00fcllung gehen. \u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbUm die Liebe <i>meines Pierre zu <\/i>besitzen, m\u00f6chte ich Reichtum.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbDu sollst ihn haben, du sollst ihn haben! Du sollst reich sein, reicher als der K\u00f6nig!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und eine der kleinen Seelen ber\u00fchrte Isabeaus Hand.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbGeh, Menschenkind, und jede deiner Tr\u00e4nen wird von nun an eine Perle sein oder ein Diamant von unermesslichem Werte.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Dann trat ein Greis mit langem wei\u00dfen Bart hinzu. Er hielt in der Hand einen kleinen Gegenstand, eine bescheidene Nadel.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">\u00bbNimm diese Nadel. Solange du sie an dein Mieder steckst, wird dir Pierre mit treuer Liebe zugetan sein. Leb wohl, Isabeau.\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Die Morgenr\u00f6te d\u00e4mmerte herauf, und die Schar der armen Seelen erhob sich wie ein Nebel zum Himmel. Sie stiegen empor und verschwanden im gl\u00fchenden Azur des Firmaments.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Isabeau kehrte zu ihrem Vater zur\u00fcck. Sie war gl\u00fccklich, da Pierre zu ihr zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. Doch kaum hatte sie das Haus betreten, da st\u00fcrzte sich ihre Stiefmutter mit geballten F\u00e4usten auf sie und begann, sie zu schlagen und zu schm\u00e4hen. Isabeau weinte und siehe, ihre Tr\u00e4nen rieselten in Perlen und Diamanten verwandelt auf den Boden. Die b\u00f6se S\u00e9raphine begann wie verr\u00fcckt vor Freude \u00fcber den Anblick des Reichtums und mit Wut auf ihre Stieftochter immer mehr loszupr\u00fcgeln und schrie: \u00bbWeine, weine, du Unselige, weine weiter, weine heftiger!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie holte, um die kostbaren Tr\u00e4nen zu sammeln, den Eimer, den Zuber, und alle waren bald voll von Perlen und Diamanten. In diesem Augenblick ging Pierre vor\u00fcber und f\u00fchlte sich wunderbar angezogen von Isabeau. Er betrat das Haus, und ohne die Reicht\u00fcmer, die er mit F\u00fc\u00dfen trat, zu beachten, erblickte er nur eins, wie seine Liebste von der Stiefmutter grausam geschlagen wurde. Da ergriff ihn ein ungeheurer Zorn. Er st\u00fcrzte sich auf die b\u00f6se Alte, packte sie bei der Gurgel und hielt sie fest. Doch die Alte rief ihm zu: \u00bbPr\u00fcgle sie, Pierre, pr\u00fcgle sie! Sie weint Perlen und Diamanten!\u00ab<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Doch Pierre hielt die Alte immer noch fest. Und rasend vor Zorn, da sie ihre Stieftochter nicht mehr schlagen konnte, um noch mehr Reicht\u00fcmer zu erlangen, erstickte sie und fiel tot zu Boden.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Wenige Wochen sp\u00e4ter heiratete Pierre Isabeau. Sie waren sehr gl\u00fccklich. Sie waren die reichsten Leute des Landes, und sie hatten vierzehn Kinder. Niemals versp\u00fcrte Pierre das Verlangen, sein Verm\u00f6gen dadurch zu mehren, dass er seine Frau zum Weinen brachte. Und bis zu seinem Tod war er Isabeau in treuer Liebe zugetan.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":3653,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[85,172,133],"tags":[],"class_list":["post-133","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-maerchen","category-provence","category-maerchen-weltweit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4177,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/4177"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}