{"id":1328,"date":"2021-05-11T21:25:13","date_gmt":"2021-05-11T19:25:13","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1328"},"modified":"2025-12-28T04:02:57","modified_gmt":"2025-12-28T03:02:57","slug":"marienkind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/marienkind\/","title":{"rendered":"Marienkind"},"content":{"rendered":"\n<p>Gebr. Grimm<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem gro\u00dfen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte nur ein einziges Kind, das war ein M\u00e4dchen von drei Jahren. Sie waren aber so arm, dass sie nicht mehr das t\u00e4gliche Brot hatten und nicht wussten, was sie dem Kinde sollten zu essen geben. Eines Morgens ging der Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie er da Holz hackte, stand auf einmal eine sch\u00f6ne, gro\u00dfe Frau vor ihm, die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupte und sprach zu ihm: &#8222;Ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins; du bist arm und d\u00fcrftig, bring&#8216; mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mutter sein und f\u00fcr es sorgen.&#8220; Der Holzhacker gehorchte, holte sein Kind und \u00fcbergab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Da ging es ihm wohl, es a\u00df Zuckerbrot und trank s\u00fc\u00dfe Milch, und seine&#8216; Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die sch\u00f6nsten M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm: langes H\u00f6rbuch zum Einschlafen (deutsch)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/hzsdbZTh_wU?start=2390&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Als es nun vierzehn Jahre alt geworden war, rief die Jungfrau Maria es einmal zu sich und sprach: &#8222;Liebes Kind, ich habe eine gro\u00dfe Reise vor, da nimm die Schl\u00fcssel zu den dreizehn T\u00fcren des Himmelreichs in Verwahrung. Zw\u00f6lf davon darfst du aufschlie\u00dfen und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die dreizehnte, wozu dieser kleine Schl\u00fcssel geh\u00f6rt, die ist dir verboten; h\u00fcte dich, dass du sie nicht aufschlie\u00dfest, sonst wirst du ungl\u00fccklich.&#8220; Das M\u00e4dchen versprach, gehorsam zu sein, und als nun die Jungfrau Maria weg war, fing es an und besah die Wohnungen des Himmelreichs: jeden Tag schloss es eine auf, bis die zw\u00f6lfe herum waren. In jeder aber sa\u00df ein Apostel und war von gro\u00dfem Glanz umgeben, und es freute sich \u00fcber all die Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die es immer begleiteten, freuten sich mit ihm. Nun war&#8216; die verbotene T\u00fcr allein noch \u00fcbrig, da empfand es eine gro\u00dfe Lust zu wissen, was dahinter verborgen w\u00e4re, und sprach zu den Englein: &#8222;Ganz <a>aufmachen will ich sie nicht und will auch nicht hinein gehen, aber ich will sie aufschlie\u00dfen, damit wir ein wenig durch den Ritz sehen.&#8220; &#8211; &#8222;Ach nein&#8220;, sagten die Englein, &#8222;das w\u00e4re S\u00fcnde, die Jungfrau Maria hat&#8217;s verboten, und es k\u00f6nnte leicht dein Ungl\u00fcck werden.&#8220; Da schwieg es still, aber die Begierde in seinem Herzen schwieg nicht still, sondern nagte und pickte ordentlich daran und lie\u00df ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal alle hinaus gegangen waren, dachte es: &#8222;Nun bin ich ganz allein und k\u00f6nnte hineingucken, es wei\u00df es ja niemand, wenn ich&#8217;s tue.&#8220; Es suchte den Schl\u00fcssel heraus, und als es ihn in der Hand hielt, steckte es ihn auch in das Schloss, und als es ihn hineingesteckt hatte, drehte es auch um. Da sprang die T\u00fcr auf, und es sah da die Drei einigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Es blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alles mit Erstaunen, dann r\u00fchrte es ein wenig mit dem Finger an dem Glanz, da wurde der Finger ganz golden. Alsbald empfand es eine gewaltige Angst, schlug die T\u00fcr heftig zu und lief fort. Die Angst wollte auch nicht wieder weichen, es mochte anfangen, was es wollte, und das Herz klopfte in einem fort und wollte nicht ruhig werden; auch das Gold blieb am Finger und ging nicht ab, es mochte waschen und reiben, soviel es wollte. Gar nicht lange, so kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zur\u00fcck. Sie rief das M\u00e4dchen zu sich und forderte ihm die Himmelsschl\u00fcssel wieder ab. Als es den Bund hinreichte, blickte ihm die Jungfrau in die Augen und sprach: &#8222;Hast du auch nicht die dreizehnte T\u00fcr ge\u00f6ffnet?&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, antwortete es. Da legte die Jungfrau ihre Hand auf des M\u00e4dchens Herz, f\u00fchlte, wie es klopfte und klopfte, und merkte wohl, dass es ihr Gebot \u00fcbertreten und die T\u00fcr aufgeschlossen hatte. Da sprach sie noch einmal: &#8222;Hast du es gewiss nicht getan?&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, sagte das M\u00e4dchen zum zweiten Mal. Da erblickte sie den Finger, der von der Ber\u00fchrung des himmlischen Feuers golden geworden war, sah wohl, dass es ges\u00fcndigt hatte, und sprach zum dritten Mal: &#8222;Hast du es nicht getan?&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, sagte das M\u00e4dchen zum dritten Mal. Da sprach die Jung frau Maria: &#8222;Du hast mir nicht gehorcht und hast noch dazu gelogen, du bist nicht mehr w\u00fcrdig, im Himmel zu sein.&#8220;<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Da versank das M\u00e4dchen in einen tiefen Schlaf, und als es erwachte, lag es unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis. Es wollte rufen, aber es konnte keinen Laut hervorbringen. Es sprang auf und wollte fortlaufen; aber wo es sich hinwendete, immer ward es von dichten Domhecken zur\u00fcckgehalten, die es nicht durchbrechen konnte. In der Ein\u00f6de, in die es eingeschlossen war, stand ein alter, hohler Baum, das musste seine Wohnung sein. Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam, und schlief darin, und wenn es st\u00fcrmte und regnete, fand es darin Schutz; aber es war ein j\u00e4mmerliches Leben, und wenn es daran dachte, wie es im Himmel so sch\u00f6n gewesen war, und die Engel mit ihm gespielt hatten, so weinte es bitterlich. Wurzeln und Waldbeeren waren seine einzige Nahrung, die suchte es sich, soweit es kommen konnte. Im Herbst sammelte es die herabgefallenen N\u00fcsse und Bl\u00e4tter und trug sie in die H\u00f6hle: die N\u00fcsse waren im Winter seine Speise, und wenn Schnee und Eis kamen, kroch es wie ein armes Tierchen in die Bl\u00e4tter, dass es nicht fror. Nicht lange, so zerrissen seine Kleider, und es fiel ein St\u00fcck nach dem andern vom Leib herab. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, ging es hinaus und setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel. So sa\u00df es ein Jahr nach dem andern und f\u00fchlte den Jammer und das Elend der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal, als die B\u00e4ume wieder in frischem Gr\u00fcn standen, jagte der K\u00f6nig des Landes in dem Walde und verfolgte ein Reh, und weil es in das Geb\u00fcsch geflohen war, das den Waldplatz einschloss, stieg er vom Pferde, riss das Gestr\u00fcpp aus einander und hieb sich mit seinem Schwert einen Weg. Als er endlich hindurch- gedrungen war, sah er unter dem Baum ein wundersch\u00f6nes M\u00e4dchen sitzen, das sa\u00df da und war von seinem goldenen Haar bis zu den Fu\u00dfzehen bedeckt. Er stand still und betrachtete es voll Erstaunen, dann redete er es an und sprach: &#8222;Wer bist du? Warum sitzest du hier in der Ein\u00f6de?&#8220; Es gab aber keine Antwort, denn es konnte seinen Mund nicht auftun. Der K\u00f6nig sprach weiter: &#8222;Willst du mit mir auf mein Schloss gehen?&#8220; Da nickte es nur ein wenig mit dem Kopfe. Der K\u00f6nig nahm es auf seinen Arm, trug es auf sein Pferd und ritt mit ihm heim; und als er auf das k\u00f6nigliche Schloss kam, lie\u00df er ihm sch\u00f6ne Kleider anziehen und gab ihm alles im \u00dcberfluss. Und ob es gleich nicht sprechen konnte, war es doch sch\u00f6n und holdselig, dass er es von Herzen liebgewann, und dauerte nicht lange, da verm\u00e4hlte er sich mit ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Als etwa ein Jahr verflossen war, bekam die K\u00f6nigin einen Sohn. Darauf in der Nacht, wie sie allein in ihrem Bette lag, erschien ihr wiederum die Jungfrau Maria und sprach: &#8222;Willst du die Wahrheit sagen und gestehen, dass du die verbotene T\u00fcr aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund \u00f6ffnen und dir die Sprache wiedergeben; verharrst du aber in der S\u00fcnde und leugnest hartn\u00e4ckig, so nehm&#8216; ich dein neugeborenes Kind mit mir.&#8220; Da war der K\u00f6nigin verliehen zu antworten, sie blieb aber verstockt und sprach: &#8222;Nein, ich habe die verbotene T\u00fcr nicht aufgemacht&#8220;, und die Jungfrau Maria nahm ihr das neugeborene Kind aus den Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu finden war, ging ein Gemurmel unter den Leuten, die K\u00f6nigin w\u00e4re eine Menschenfresserin und h\u00e4tte ihr eigenes Kind umgebracht. Sie h\u00f6rte alles und konnte nichts dagegen sagen, der K\u00f6nig aber wollte es nicht glauben, weil er sie so lieb hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Jahr bekam die K\u00f6nigin wieder einen Sohn. In der Nacht trat auch wieder die Jungfrau Maria zu ihr herein und sprach: &#8222;Willst du gestehen, dass du die verbotene T\u00fcr ge\u00f6ffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und deine Zunge l\u00f6sen; verharrst du aber in der S\u00fcnde und leugnest, so nehme ich auch dieses neugeborene mit mir.&#8220; Da sprach die K\u00f6nigin wiederum: &#8222;Nein, ich habe die verbotene T\u00fcr nicht ge\u00f6ffnet&#8220;, und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit sich in den Himmel. Am Morgen, als das Kind abermals verschwunden war, sagten die Leute ganz laut, die K\u00f6nigin h\u00e4tte es verschlungen, und des K\u00f6nigs R\u00e4te verlangten, dass sie gerichtet werden sollte. Der K\u00f6nig aber hatte sie so lieb, dass er es nicht glauben wollte, und befahl den R\u00e4ten bei Leibes- und Lebensstrafe nichts mehr dar\u00fcber zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Jahre bekam die K\u00f6nigin ein sch\u00f6nes T\u00f6chterlein, da erschien ihr zum dritten Mal nachts die Jungfrau Maria und sprach: &#8222;Folge mir!&#8220; Sie nahm sie bei der Hand und f\u00fchrte sie in den Himmel und zeigte ihr da ihre beiden \u00e4ltesten Kinder, die lachten sie an und spielten mit der Weltkugel. Als sich die K\u00f6nigin dar\u00fcber freute, sprach die Jungfrau Maria: &#8222;Ist dein Herz noch nicht erweicht? Wenn du eingestehst, dass du die verbotene T\u00fcr ge\u00f6ffnet hast, will ich dir deine beiden S\u00f6hnlein zur\u00fcckgeben.&#8220; Aber die K\u00f6nigin antwortete zum dritten Mal: &#8222;Nein, ich habe die verbotene T\u00fcr nicht ge\u00f6ffnet.&#8220; Da lie\u00df die Jung frau sie wieder zur Erde hinabsinken und nahm ihr auch das dritte Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Morgen, als es ruchbar wurde, riefen alle Leute laut: &#8222;Die K\u00f6nigin ist eine Menschenfresserin, sie muss verurteilt werden!&#8220; und der K\u00f6nig konnte seine R\u00e4te nicht mehr zur\u00fcckweisen. Es ward ein Gericht \u00fcber sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht verteidigen konnte, ward sie verurteilt, auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als sie an einen Pfahl festgebunden war und das Feuer ringsumher zu brennen anfing, da schmolz das harte Eis des Stolzes, und ihr Herz ward von Reue bewegt, und sie dachte: &#8222;K\u00f6nnt&#8216; ich nur noch vor meinem Ende gestehen, dass ich die T\u00fcr ge\u00f6ffnet habe!&#8220; Da kam ihr die Stimme, dass sie laut ausrief: &#8222;Ja, Maria, ich habe es getan!&#8220; Und alsbald fing der Himmel an zu regnen und l\u00f6schte die Feuer flammen, und \u00fcber ihr brach ein Licht hervor, und die Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden S\u00f6hnlein zu ihren Seiten und das neugeborene T\u00f6chterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu ihr: &#8222;Wer seine S\u00fcnde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben&#8220;, und reichte ihr die drei Kinder, l\u00f6ste ihr die Zunge und gab ihr Gl\u00fcck f\u00fcrs ganze Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. Grimm Vor einem gro\u00dfen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte nur ein einziges Kind, das war ein M\u00e4dchen von drei Jahren. Sie waren aber so arm, dass sie nicht mehr das t\u00e4gliche Brot hatten und nicht wussten, was sie dem Kinde sollten zu essen geben. 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