{"id":131,"date":"2015-10-06T02:34:46","date_gmt":"2015-10-06T00:34:46","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=131"},"modified":"2025-12-15T20:16:30","modified_gmt":"2025-12-15T19:16:30","slug":"der-arme-und-der-reiche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-arme-und-der-reiche\/","title":{"rendered":"Der Arme und der Reiche"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Vor alten Zeiten, als der liebe Gott noch selber auf Erden unter den Menschen wandelte, trug es sich zu, dass er eines Abends m\u00fcde war und ihn die Nacht \u00fcberfiel, bevor er zu einer Herberge kommen konnte. Nun standen auf dem Wege vor ihm zwei H\u00e4user einander gegen\u00fcber, das eine gro\u00df und sch\u00f6n, das andere klein und \u00e4rmlich anzusehen, und das gro\u00dfe geh\u00f6rte einem Reichen, das kleine einem armen Manne. Da dachte unser Herrgott: &#8222;Dem Reichen werde ich nicht beschwerlich fallen, bei ihm will ich \u00fcbernachten.&#8220; Der Reiche, als er an seine T\u00fcr klopfen h\u00f6rte, machte das Fenster auf und fragte den Fremdling, was er suche. Der Herr antwortete: &#8222;Ich bitte um ein Nachtlager.&#8220; Der Reiche guckte den Wandersmann vom Haupt bis zu den F\u00fc\u00dfen an, und weil der liebe Gott schlichte Kleider trug und nicht aussah wie einer, der viel Geld in der Tasche hat, sch\u00fcttelte er mit dem Kopfe und sprach: &#8222;Ich kann Euch nicht aufnehmen, meine Kammern liegen voll Kr\u00e4uter und Samen, und sollte ich einen jeden beherbergen, der an meine T\u00fcr klopft, so k\u00f6nnte ich selber den Bettelstab in die Hand nehmen. Sucht Euch anderswo ein Unterkommen.&#8220; Schlug damit sein Fenster zu und lie\u00df den lieben Gott stehen. Also kehrte ihm der liebe Gott den R\u00fccken und ging hin\u00fcber zu dem kleinen Hause. Kaum hatte er angeklopft, so klinkte der Arme schon sein T\u00fcrchen auf und bat den Wandersmann einzutreten. &#8222;Bleibt die Nacht \u00fcber bei mir&#8220;, sagte er, &#8222;es ist schon finster, und heute k\u00f6nnt Ihr doch nicht weiterkommen.&#8220; Das gefiel dem lieben Gott, und er trat zu ihm ein. Die Frau des Armen reichte ihm die Hand, hie\u00df ihn willkommen und sagte, er m\u00f6chte sich&#8217;s bequem machen und vorliebnehmen; sie h\u00e4tten nicht viel, aber was es w\u00e4re, g\u00e4ben sie von Herzen gern. Dann setzte sie Kartoffeln ans Feuer, und derweil sie kochten, melkte sie ihre Ziege, damit sie ein wenig Milch dazu h\u00e4tten. Und als der Tisch gedeckt war, setzte sich der liebe Gott nieder und a\u00df mit ihnen, und die schlichte Kost schmeckte ihm gut, denn es waren vergn\u00fcgte Gesichter dabei. Nachdem sie gegessen hatten und Schlafenszeit war, rief die Frau heimlich ihren Mann und sprach: &#8222;H\u00f6r&#8216;, lieber Mann, wir wollen uns heute nacht eine Streu machen, damit sich der arme Wanderer in unser Bett legen und ausruhen kann; er ist den ganzen Tag \u00fcber gegangen, da wird einer m\u00fcde.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der Arme und der Reiche von den Br\u00fcdern Grimm (M\u00e4rchen | H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/KnaNmDGKVI4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">&#8222;Von Herzen gern&#8220;, antwortete er, &#8222;ich will&#8217;s ihm anbieten&#8220;, ging zu dem lieben Gott und bat ihn, wenn&#8217;s ihm recht w\u00e4re, m\u00f6chte er sich in ihr Bett legen und seine Glieder ordentlich ausruhen. Der liebe Gott wollte den beiden Alten ihr Lager nicht nehmen, aber sie lie\u00dfen nicht ab, bis er es endlich tat und sich in ihr Bett legte; sich selbst aber machten sie eine Streu auf die Erde. Am andern Morgen standen sie vor Tag schon auf und kochten dem Gast ein Fr\u00fchst\u00fcck, so gut sie es hatten. Als nun die Sonne durchs Fensterlein schien und der liebe Gott aufgestanden war, a\u00df er wieder mit ihnen und wollte dann seines Weges ziehen. Als er in der T\u00fcr stand, kehrte er sich um und sprach: &#8222;Weil ihr so mitleidig und fromm seid, so w\u00fcnscht euch dreierlei, das will ich euch erf\u00fcllen.&#8220; Da sagte der Arme: &#8222;Was soll ich mir sonst w\u00fcnschen als die ewige Seligkeit und dass wir zwei, solange wir leben, gesund dabei bleiben und unser notd\u00fcrftiges t\u00e4gliches Brot haben; f\u00fcrs dritte wei\u00df ich mir nichts zu w\u00fcnschen.&#8220; Der liebe Gott sprach: &#8222;Willst du dir nicht ein neues Haus f\u00fcr das alte w\u00fcnschen?&#8220; -&#8222;0 ja&#8220;, sagte der Mann, &#8222;wenn ich das auch noch erhalten kann, so w\u00e4r&#8216; mir&#8217;s wohl lieb.&#8220; Da erf\u00fcllte der Herr ihre W\u00fcnsche, gab ihnen nochmals seinen Segen und zog weiter.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Es war schon voller Tag, als der Reiche aufstand. Er legte sich ins Fenster und sah gegen\u00fcber ein neues, reinliches Haus mit roten Ziegeln, wo sonst eine alte H\u00fctte gestanden hatte. Da machte er gro\u00dfe Augen, rief seine Frau herbei und sprach: &#8222;Sag&#8216; mir, was ist geschehen? Gestern abend stand noch die alte, elende H\u00fctte und heute steht da ein sch\u00f6nes, neues Haus. Lauf&#8216; hin\u00fcber und h\u00f6re, wie das gekommen ist.&#8220; Die Frau ging und fragte den Armen aus. Er erz\u00e4hlte ihr: &#8222;Gestern abend kam ein Wanderer, der suchte Nachtherberge&#8216; und heute morgen beim Abschied hat er uns drei W\u00fcnsche gew\u00e4hrt, die ewige Seligkeit&#8216; Gesundheit in diesem Leben und das notd\u00fcrftige t\u00e4gliche Brot dazu und zuletzt noch statt unserer alten H\u00fctte ein sch\u00f6nes, neues Haus.&#8220; Die Frau des Reichen lief eilig zur\u00fcck und erz\u00e4hlte, wie alles gekommen war. Der Mann sprach: &#8222;Ich m\u00f6chte mich zerrei\u00dfen und zerschlagen, h\u00e4tte ich das nur gewusst! Er ist zuvor hier gewesen und hat bei uns \u00fcbernachten wollen, ich habe ihn aber abgewiesen.&#8220; &#8211; &#8222;Eil&#8216; dich&#8220;, sprach die Frau, &#8222;und setze dich auf dein Pferd, so kannst du den Mann noch einholen, und dann musst du dir auch drei W\u00fcnsche gew\u00e4hren lassen.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Der Reiche befolgte den guten Rat, jagte mit seinem Pferde davon und holte den lieben Gott noch ein. Er redete fein und lieblich und bat, er m\u00f6cht&#8217;s nicht \u00fcbel nehmen, dass er nicht gleich w\u00e4re eingelassen worden, er h\u00e4tte den Schl\u00fcssel zur Haust\u00fcr gesucht, derweil w\u00e4re er weggegangen; wenn er des Weges zur\u00fcckk\u00e4me, m\u00fcsste er bei ihm einkehren. &#8222;Ja&#8220;, sprach der liebe Gott, &#8222;wenn ich einmal zur\u00fcckkomme, will ich es tun.&#8220; Da fragte der Reiche, ob er nicht auch drei W\u00fcnsche tun d\u00fcrfte, wie sein Nachbar. Ja, sagte der liebe Gott, das d\u00fcrfte er wohl; es w\u00e4re aber nicht gut f\u00fcr ihn und er sollte sich lieber nichts w\u00fcnschen. Der Reiche meinte, er wollte sich schon etwas aussuchen, das zu seinem Gl\u00fcck gereiche, wenn er nur w\u00fcsste, dass es erf\u00fcllt w\u00fcrde. Sprach der liebe Gott: &#8222;Reit heim, und drei W\u00fcnsche, die du tust, die sollen in Erf\u00fcllung gehen.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana; font-size: medium;\">Nun hatte der Reiche, was er verlangte, ritt heimw\u00e4rts und fing an nachzusinnen, was er sich w\u00fcnschen sollte. Wie er sich so bedachte und die Z\u00fcgel fallen lie\u00df, fing das Pferd an zu springen, so dass er immerfort in seinen Gedanken gest\u00f6rt wurde und sie gar nicht zusammenbringen konnte. Er klopfte ihm an den Hals und sagte: &#8222;Sei ruhig, Liese&#8220;; aber das Pferd machte aufs neue M\u00e4nnerchen. Da ward er zuletzt \u00e4rgerlich und rief ganz ungeduldig: &#8222;So wollt&#8216; ich, dass du den Hals zerbr\u00e4chst!&#8220; Wie er das Wort ausgesprochen hatte, plumps&#8216; fiel er auf die Erde, und das Pferd lag tot da und regte sich nicht mehr; damit war der erste Wunsch erf\u00fcllt. Weil er aber von Natur geizig war, wollte er das Sattel zeug nicht im Stich lassen, schnitt&#8217;s ab, h\u00e4ngte es auf seinen R\u00fccken und musste nun zu Fu\u00df gehen. &#8222;Du hast noch zwei W\u00fcnsche \u00fcbrig&#8220;, dachte er und tr\u00f6stete sich damit. Wie er nun langsam durch den Sand dahinging und zu Mittag die Sonne hei\u00df brannte, ward&#8217;s ihm so warm und verdrie\u00dflich zumute: der Sattel dr\u00fcckte ihn auf den R\u00fccken, auch war ihm noch immer nicht eingefallen, was er sich w\u00fcnschen sollte. &#8222;Wenn ich mir auch alle Reiche und Sch\u00e4tze der Welt w\u00fcnsche&#8220;, sprach er zu sich selbst, &#8222;so f\u00e4llt mir hernach noch allerlei ein, dieses und jenes, das wei\u00df ich im voraus; ich will&#8217;s aber so einrichten, dass mir gar nichts mehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrigbleibt.&#8220; Dann seufzte er und sprach: &#8222;Ja, wenn ich der bayrische Bauer w\u00e4re, der auch drei W\u00fcnsche frei hatte, der wusste sich zu helfen, der w\u00fcnschte sieh zuerst recht viel Bier, und zweitens so viel Bier, als er trinken k\u00f6nnte und drittens noch ein Fass Bier dazu.&#8220; Manchmal meinte er, jetzt h\u00e4tte er&#8217;s gefunden, aber hernach schien&#8217;s ihm doch noch zu wenig. Da kam ihm so in die Gedanken, was es seine Frau jetzt gut h\u00e4tte, die s\u00e4\u00dfe daheim in einer k\u00fchlen Stube und lie\u00dfe sich&#8217;s wohl schmecken. Das \u00e4rgerte ihn ordentlich, und ohne dass er&#8217;s wusste, sprach er so hin: &#8222;Ich wollte, die s\u00e4\u00dfe daheim auf dem Sattel und k\u00f6nnte nicht herunter, statt dass ich ihn da auf meinem R\u00fccken schleppe!&#8220; Und wie das letzte Wort aus seinem Munde kam, war der Sattel von seinem R\u00fccken verschwunden, und er merkte, dass sein zweiter Wunsch auch in Erf\u00fcllung gegangen war. Da ward ihm erst recht hei\u00df; er fing an zu laufen und wollte sich daheim ganz einsam in seine Kammer hinsetzen und auf etwas Gro\u00dfes f\u00fcr den letzten Wunsch sinnen. Wie er aber ankommt und die Stubent\u00fcr aufmacht, Sitzt da seine Frau mittendrin auf dem Sattel und kann nicht herunter, jammert und schreit. Da sprach er: &#8222;Gib dich zufrieden, ich will dir alle Reicht\u00fcmer der Welt herbeiw\u00fcnschen, nur bleib&#8216; da sitzen!&#8220; Sie schalt ihn aber einen Schafskopf und sprach: &#8222;Was helfen mir alle Reicht\u00fcmer der Welt, wenn ich auf dem Sattel sitze! Du hast mich darauf gew\u00fcnscht, du musst mir auch wieder herunterhelfen.&#8220; Er mochte wollen oder nicht, er musste den dritten Wunsch tun, dass sie vom Sattel ledig w\u00e4re und heruntersteigen k\u00f6nnte; und der Wunsch ward alsbald erf\u00fcllt. Also hatte er nichts davon als \u00c4rger, M\u00fche, Scheltworte und ein verlorenes Pferd; die Armen aber lebten vergn\u00fcgt, still und fromm bis an ihr seliges Ende.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. 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