{"id":1285,"date":"2021-03-18T21:53:16","date_gmt":"2021-03-18T20:53:16","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1285"},"modified":"2025-12-28T03:55:59","modified_gmt":"2025-12-28T02:55:59","slug":"der-treue-johannes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-treue-johannes\/","title":{"rendered":"Der treue Johannes"},"content":{"rendered":"\n<p>Gebr. Grimm<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein alter K\u00f6nig, der war krank und dachte: &#8222;Es wird wohl das Totenbett sein, auf dem ich liege.&#8220; Da sprach er: &#8222;Lasst mir den getreuen Johannes kommen.&#8220; Der getreue Johannes war sein liebster Diener und hie\u00df so, weil er ihm sein Lebelang so treu gewesen war. Als er nun vor das Bett kam, sprach der K\u00f6nig zu ihm: &#8222;Getreuester Johannes, ich f\u00fchle, dass mein Ende herannaht, und da habe ich keine andere Sorge als um meinen Sohn: er ist noch in jungen Jahren, wo er sich nicht immer zu raten wei\u00df, und wenn du mir nicht versprichst, ihn zu unterrichten in allem, was er wissen muss, und sein Pflegevater zu sein, so kann ich meine Augen nicht in Ruhe schlie\u00dfen.&#8220; &#8211; Da antwortete der getreue Johannes: &#8222;Ich will ihn nicht verlassen und will ihm mit Treue dienen, wenn&#8217;s auch mein Leben kostet.&#8220; &#8211; Da sagte der alte K\u00f6nig: &#8222;So sterb&#8216; ich getrost und in Frieden.&#8220; Und sprach dann weiter: &#8222;Nach meinem Tode sollst du ihm das ganze Schloss zeigen, alle Kammern, S\u00e4le und Gew\u00f6lbe und alle Sch\u00e4tze, die darin liegen, aber die letzte Kammer in dem langen Gange sollst du ihm nicht zeigen, worin das Bild der K\u00f6nigstochter vom goldenen Dache verborgen steht. Wenn er das Bild erblickt, wird er eine heftige Liebe zu ihr empfinden und wird in Ohnmacht niederfallen und wird ihretwegen in gro\u00dfe Gefahren geraten; davor sollst du ihn h\u00fcten.&#8220; Und als der treue Johannes nochmals dem alten K\u00f6nig die Hand darauf gegeben hatte, ward dieser still, legte sein Haupt auf das Kissen und starb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der treue Johannes: M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm zum Tr\u00e4umen und Einschlafen (H\u00f6rbuch)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/AGHQ19jqOiI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Als der alte K\u00f6nig zu Grabe getragen war, da erz\u00e4hlte der treue Johannes dem jungen K\u00f6nig, was er seinem Vater auf dem Sterbelager versprochen hatte, und sagte: &#8222;Das will ich gewisslich halten und will dir treu sein, wie ich ihm gewesen bin, und sollte es mein Leben kosten.&#8220; Die Trauer ging vor\u00fcber, da sprach der treue Johannes zu ihm: &#8222;Es ist nun Zeit, dass du dein Erbe siehst, ich will dir dein v\u00e4terliches Schloss zeigen.&#8220; Da f\u00fchrte er ihn \u00fcberall herum, auf und ab, und lie\u00df ihn alle die Reicht\u00fcmer und pr\u00e4chtigen Kammern sehen, nur die eine Kammer \u00f6ffnete er nicht, worin das gef\u00e4hrliche Bild stand. Das Bild war aber so gestellt, dass, wenn die T\u00fcre aufging, man gerade darauf sah, und war so herrlich gemacht, dass man meinte, es leibte und lebte, und es g\u00e4be nichts Lieblicheres und Sch\u00f6neres auf der ganzen Welt. Der junge K\u00f6nig aber merkte wohl, dass der getreue Johannes immer an einer T\u00fcr vor\u00fcberging, und sprach: &#8222;Warum schlie\u00dfest du mir diese niemals auf?&#8220; &#8211; &#8222;Es ist etwas darin&#8220;, antwortete er, &#8222;vor dem du erschrickst.&#8220; Aber der K\u00f6nig antwortete: &#8222;Ich habe das ganze Schloss gesehen, so will ich auch wissen, was darin ist&#8220;, ging und wollte die T\u00fcre mit Gewalt \u00f6ffnen. Da hielt ihn der getreue Johannes zur\u00fcck und sagte: &#8222;Ich habe es deinem Vater vor seinem Tode versprochen, dass du nicht sehen sollst, was in der Kammer steht, es k\u00f6nnte dir und mir zu gro\u00dfem Ungl\u00fcck ausschlagen.&#8220; &#8211; &#8222;Ach nein&#8220;, antwortete der junge K\u00f6nig, &#8222;wenn ich nicht hineinkomme, so ist&#8217;s mein sicheres Verderben; ich w\u00fcrde Tag und Nacht keine Ruhe haben, bis ich&#8217;s mit meinen Augen gesehen h\u00e4tte. Nun gehe ich nicht von der Stelle, bis du aufgeschlossen hast.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da sah der getreue Johannes, dass es nicht mehr zu \u00e4ndern war, und suchte mit schwerem Herzen und vielem Seufzen aus dem gro\u00dfen Bund den Schl\u00fcssel heraus. Als er die T\u00fcre ge\u00f6ffnet hatte, trat er zuerst hinein und dachte, er wolle das Bildnis bedecken, dass es der K\u00f6nig vor ihm nicht s\u00e4he. Aber was half das? Der K\u00f6nig stellte sich auf die Fu\u00dfspitzen und sah ihm \u00fcber die Schulter. Und als er das Bildnis der Jungfrau erblickte, das so herrlich war und von Gold und Edelsteinen gl\u00e4nzte, da fiel er ohnm\u00e4chtig zur Erde nieder. Der getreue Johannes hob ihn auf, trug ihn in sein Bett und dachte voll Sorge: &#8222;Das Ungl\u00fcck ist geschehen, Herr Gott, was will daraus werden!&#8220; Dann st\u00e4rkte er ihn mit Wein, bis er wieder zu sich selbst kam. Das erste Wort, das er sprach, war: &#8222;Ach! wer ist das sch\u00f6ne Bild?&#8220; &#8211; &#8222;Das ist die K\u00f6nigstochter vom goldenen Dache&#8220;, antwortete der treue Johannes. Da sprach der K\u00f6nig weiter: &#8222;Meine Liebe zu ihr ist so gro\u00df, wenn alle Bl\u00e4tter an den B\u00e4umen Zungen w\u00e4ren, sie k\u00f6nnten&#8217;s nicht aussagen; mein Leben setze ich daran, dass ich sie erlange. Du bist mein getreuester Johannes, du musst mir beistehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der treue Diener besann sich lange, wie die Sache anzufangen w\u00e4re; denn es hielt schwer, nur vor das Angesicht der K\u00f6nigstochter zu kommen. Endlich hatte er ein Mittel ausgedacht und sprach zu dem K\u00f6nig: &#8222;Alles, was sie um sich hat, ist von Gold, Tische, St\u00fchle, Sch\u00fcsseln, Becher, N\u00e4pfe und alles Hausger\u00e4t; in deinem Schatze liegen f\u00fcnf Tonnen Goldes, lass eine von den Goldschmieden verarbeiten zu allerhand Gef\u00e4\u00dfen und Ger\u00e4tschaften, zu allerhand V\u00f6geln, Gewild und wunderbaren Tieren, das wird ihr gefallen, wir wollen damit hinfahren und unser Gl\u00fcck versuchen.&#8220; Der K\u00f6nig hie\u00df alle Goldschmiede herbeiholen, die mussten Tag und Nacht arbeiten, bis endlich die herrlichsten Dinge fertig waren. Als alles auf ein Schiff geladen war, zog der getreue Johannes Kaufmannskleider an, und der K\u00f6nig musste ein Gleiches tun, um sich ganz unkenntlich zu machen. Dann fuhren sie \u00fcber das Meer und fuhren so lange, bis sie zu der Stadt kamen, worin die K\u00f6nigstochter vom goldenen Dache wohnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der treue Johannes hie\u00df den K\u00f6nig auf dem Schiffe zur\u00fcckbleiben und auf ihn warten. &#8222;Vielleicht&#8220;, sprach er, &#8222;bring&#8216; ich die K\u00f6nigstochter mit, darum sorgt, dass alles in Ordnung ist, lasst die Goldgef\u00e4\u00dfe aufstellen und das ganze Schiff ausschm\u00fccken.&#8220; Darauf suchte er sich in sein Sch\u00fcrzchen allerlei von den Goldsachen zusammen, stieg ans Land und ging gerade nach dem k\u00f6niglichen Schloss. Als er in den Schlosshof kam, stand da beim Brunnen ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen, das hatte zwei goldene Eimer in der Hand und sch\u00f6pfte damit. Und als es das blinkende Wasser forttragen wollte und sich umdrehte, sah es den fremden Mann und fragte, wer er w\u00e4re. Da antwortete er: &#8222;Ich bin ein Kaufmann&#8220;, und \u00f6ffnete sein Sch\u00fcrzchen und lie\u00df sie hineinschauen. Da rief sie: &#8222;Ei, was f\u00fcr sch\u00f6nes Goldzeug!&#8220; setzte die Eimer nieder und betrachtete eins nach dem andern. Da sprach das M\u00e4dchen: &#8222;Das muss die K\u00f6nigstochter sehen, die hat so gro\u00dfe Freude an den Goldsachen, dass sie Euch alles abkauft.&#8220; Es nahm ihn bei der Hand und f\u00fchrte ihn hinauf; denn es war die Kammerjungfer. Als die K\u00f6nigstochter die Ware sah, war sie ganz vergn\u00fcgt und sprach: &#8222;Es ist so sch\u00f6n gearbeitet dass ich dir alles abkaufen will.&#8220; Aber der getreue Johannes sprach: &#8222;Ich bin nur der Diener von einem reichen Kaufmann, was ich hier habe, ist nichts gegen das, was mein Herr auf seinem Schiff stehen hat; und das ist das K\u00fcnstlichste und K\u00f6stlichste, was je in Gold ist gearbeitet worden.&#8220; Sie wollte alles heraufgebracht haben, aber er sprach: &#8222;Dazu geh\u00f6ren viele Tage, so gro\u00df ist die Menge, und so viel S\u00e4le, um es aufzustellen, dass Euer Haus nicht Raum daf\u00fcr hat.&#8220; Da ward ihre Neugierde und Lust immer mehr angeregt, so dass sie endlich sagte: &#8222;F\u00fchre mich hin zu dem Schiff, ich will selbst hingehen und deines Herrn Sch\u00e4tze betrachten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da f\u00fchrte sie der getreue Johannes zu dem Schiffe hin und war ganz freudig, und der K\u00f6nig, als er sie erblickte, sah, dass ihre Sch\u00f6nheit noch gr\u00f6\u00dfer war, als das Bild sie dargestellt hatte, und meinte nicht anders, als das Herz wollte ihm zerspringen. Nun stieg sie in das Schiff, und der K\u00f6nig f\u00fchrte sie hinein; der getreue Johannes aber blieb zur\u00fcck bei dem Steuermann und hie\u00df das Schiff absto\u00dfen: &#8222;Spannt alle Segel auf, dass es fliegt wie ein Vogel in der Luft.&#8220; Der K\u00f6nig aber zeigte ihr drinnen das goldene Geschirr, jedes einzeln, die Sch\u00fcsseln, Becher, N\u00e4pfe, die V\u00f6gel, das Gewild und die wunderbaren Tiere. Viele Stunden gingen herum, w\u00e4hrend sie alles besah, und in ihrer Freude merkte sie nicht, dass das Schiff dahinfuhr. Nachdem sie das Letzte betrachtet hatte, dankte sie dem Kaufmann und wollte heim; als sie aber an des Schiffes Rand kam, sah sie, dass es fern vom Land auf hohem Meere ging und mit vollen Segeln forteilte. &#8222;Ach&#8220;, rief sie erschrocken, &#8222;ich bin betrogen, ich bin entf\u00fchrt und in die Gewalt eines Kaufmanns geraten; lieber wollt&#8216; ich sterben!&#8220; Der K\u00f6nig aber fasste sie bei der Hand und sprach: &#8222;Ein Kaufmann bin ich nicht, ich bin ein K\u00f6nig und nicht geringer an Geburt, als du es bist, aber dass ich dich mit Listen entf\u00fchrt habe, das ist aus \u00fcbergro\u00dfer Liebe geschehen. Das erste Mal, als ich dein Bildnis gesehen habe, bin ich ohnm\u00e4chtig zur Erde gefallen.&#8220; Als die K\u00f6nigstochter vom goldenen Dache das h\u00f6rte, ward sie getr\u00f6stet, und ihr Herz ward ihm geneigt, so dass sie gerne einwilligte, seine Gemahlin zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es trug sich aber zu, w\u00e4hrend sie auf dem hohen Meere dahinfuhren, dass der getreue Johannes, als er vorn auf dem Schiffe sa\u00df und Musik machte, in der Luft drei Raben erblickte, die dahergeflogen kamen. Da h\u00f6rte er auf zu spielen und horchte, was sie miteinander sprachen, denn er verstand das wohl. Die eine rief: &#8222;Ei, da f\u00fchrt er die K\u00f6nigstochter vom goldenen Dache heim.&#8220; &#8211; &#8222;Ja&#8220;, antwortete die zweite, &#8222;er hat sie noch nicht.&#8220; Sprach die dritte: &#8222;Er hat sie doch, sie sitzt bei ihm im Schiffe.&#8220; Da fing die erste wieder an und rief: &#8222;Was hilft ihm das! Wenn sie ans Land kommen, wird ihm ein fuchsrotes Pferd entgegenspringen, da wird er sich aufschwingen wollen, und tut er das, so sprengt es mit ihm fort und in die Luft hinein, dass er nimmermehr seine Jungfrau wiedersieht.&#8220; Sprach die zweite: &#8222;Ist gar keine Rettung?&#8220; &#8211; &#8222;0 ja, wenn ein anderer schnell aufsitzt, das Feuergewehr, das in den Halftern stecken muss, herausnimmt und das Pferd damit totschie\u00dft, so ist der junge K\u00f6nig gerettet. Aber wer wei\u00df das! Und wer&#8217;s wei\u00df und sagt&#8217;s ihm, der wird zu Stein von den Fu\u00dfzehen bis zum Knie.&#8220; Da sprach die zweite: &#8222;Ich wei\u00df noch mehr wenn das Pferd auch get\u00f6tet wird, so beh\u00e4lt der junge K\u00f6nig doch nicht seine Braut. Wenn sie zusammen ins Schloss kommen, so liegt dort ein gemachtes Brauthemd in einer Sch\u00fcssel und sieht aus, als w\u00e4r&#8217;s von Gold und Silber gewebt, ist aber nichts als Schwefel und Pech; wenn er&#8217;s antut, verbrennt es ihn bis auf Mark und Knochen.&#8220; Sprach die dritte: &#8222;Ist da gar keine Rettung?&#8220; &#8211; &#8222;0 ja&#8220;, antwortete die zweite, &#8222;wenn einer mit Hand schuhen das Hemd packt und wirft es ins Feuer, dass es verbrennt, so ist der junge K\u00f6nig gerettet. Aber was hilft&#8217;s! Wer&#8217;s wei\u00df und es ihm sagt, der wird halbes Leibes Stein vom Knie bis zum Herzen.&#8220; Da sprach die dritte: &#8222;Ich wei\u00df noch mehr, wird das Brauthemd auch verbrannt, so hat der junge K\u00f6nig seine Braut doch noch nicht: Wenn nach der Hochzeit der Tanz anhebt, und die junge K\u00f6nigin tanzt, wird sie pl\u00f6tzlich erbleichen und wie tot hinfallen, und, hebt sie nicht einer auf und zieht aus ihrer rechten Brust drei Tropfen Blut und speit sie wieder aus, so stirbt sie. Aber verr\u00e4t das einer, der es wei\u00df, so wird er ganzes Leibes zu Stein vom Wirbel bis zur Fu\u00dfzehe.&#8220; Als die Raben das miteinander gesprochen hatten, flogen sie weiter, und der getreue Johannes hatte alles wohl verstanden, aber von der Zeit an war er still und traurig; denn verschwieg er seinem Herrn, was er geh\u00f6rt hatte, so war dieser ungl\u00fccklich, entdeckte er es ihm, so musste er selbst sein Leben hingeben. Endlich aber sprach er bei sich: &#8222;Meinen Herrn will ich retten, und sollt&#8216; ich selbst dar\u00fcber zugrunde gehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie nun ans Land kamen, da geschah es, wie die Raben vorher gesagt hatten, und es sprengte ein pr\u00e4chtiger fuchsroter Gaul daher. &#8222;Wohlan&#8220;, sprach der K\u00f6nig, &#8222;der soll mich in mein Schloss tragen&#8220;, und wollte sich aufsetzen, doch der treue Johannes kam ihm zuvor, schwang sich schnell darauf, zog das Gewehr aus den Halftern und schoss den Gaul nieder. Da riefen die andern Diener des K\u00f6nigs, die dem treuen Johannes doch nicht gut waren: &#8222;Wie sch\u00e4ndlich, das sch\u00f6ne Tier zu t\u00f6ten, das den K\u00f6nig in sein Schloss tragen sollte!&#8220; Aber der K\u00f6nig sprach: &#8222;Schweigt und lasst ihn gehen, es ist mein getreuester Johannes, wer wei\u00df, wozu das gut ist!&#8220; Nun gingen sie ins Schloss, und da stand im Saal eine Sch\u00fcssel, und das gemachte Brauthemd lag darin und sah aus nicht anders, als w\u00e4re es von Gold und Silber. Der junge K\u00f6nig ging darauf zu und wollte es ergreifen, aber der treue Johannes schob ihn weg, packte es mit Handschuhen an, trug es schnell ins Feuer und lie\u00df es verbrennen. Die anderen Diener fingen wieder an zu murren und sagten: &#8222;Seht, nun verbrennt er gar des K\u00f6nigs Brauthemd.&#8220; Aber der junge K\u00f6nig sprach: &#8222;Wer wei\u00df, wozu es gut ist, lasst ihn gehen, es ist mein getreuester Johannes.&#8220; Nun ward die Hochzeit gefeiert, der Tanz hub an, und die Braut trat auch hinein, da hatte der treue Johannes acht und schaute ihr ins Antlitz; auf einmal erbleichte sie und fiel wie tot zur Erde. Da sprang er eilends hinzu, hob sie auf und trug sie in eine Kammer, da legte er sie nieder, kniete und sog die drei Blutstropfen aus ihrer rechten Brust und speite sie aus. Alsbald atmete sie wieder und erholte sich, aber der junge K\u00f6nig hatte es mitangesehen und wusste nicht, warum es der getreue Johannes getan hatte, ward zornig dar\u00fcber und rief: &#8222;Werft ihn ins Gef\u00e4ngnis.&#8220; Am andern Morgen ward der getreue Johannes verurteilt und zum Galgen gef\u00fchrt, und als er oben stand und gerichtet werden sollte, sprach er: &#8222;Jeder, der sterben soll, darf vor seinem Ende noch einmal reden, soll ich das Recht auch haben?&#8220; &#8211; &#8222;Ja&#8220;, antwortete der K\u00f6nig, &#8222;es soll dir verg\u00f6nnt sein.&#8220; Da sprach der treue Johannes: &#8222;Ich bin mit Unrecht verurteilt und bin dir immer treu gewesen&#8220;, und erz\u00e4hlte, wie er auf dem Meer das Gespr\u00e4ch der Raben geh\u00f6rt, und wie er, um seinen Herrn zu retten, das alles h\u00e4tte tun m\u00fcssen. Da rief der K\u00f6nig: &#8222;0 mein treuester Johannes, Gnade! Gnade! f\u00fchrt ihn herunter.&#8220; Aber der treue Johannes war bei dem letzten Wort, das er geredet hatte, leblos herabgefallen und war ein Stein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber trug nun der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin gro\u00dfes Leid, und der K\u00f6nig sprach: &#8222;Ach, was hab&#8216; ich gro\u00dfe Treue so \u00fcbel belohnt!&#8220; und lie\u00df das steinerne Bild aufheben und in seine Schlafkammer neben sein Bett stellen. So oft er es ansah, weinte er und sprach: &#8222;Ach, k\u00f6nnt&#8216; ich dich wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.&#8220; Es ging eine Zeit herum, da bekam die K\u00f6nigin Zwillinge, zwei S\u00f6hnlein, die wuchsen heran und waren ihre Freude. Einmal, als die K\u00f6nigin in der Kirche war, und die zwei Kinder bei dem Vater sa\u00dfen und spielten, sah dieser wieder das steinerne Bildnis voll Trauer an, seufzte und rief: &#8222;Ach, k\u00f6nnt&#8216; ich dich wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.&#8220; Da fing der Stein an zu reden und sprach: &#8222;Ja, du kannst mich wieder lebendig, machen, wenn du dein Liebstes daran wenden willst.&#8220; Da rief der K\u00f6nig: &#8222;Alles, was ich auf der Welt habe, will ich f\u00fcr dich hingeben.&#8220; Sprach der Stein weiter: &#8222;Wenn du mit deiner eigenen Hand deinen beiden Kindern den Kopf abhaust und mich mit ihrem Blute bestreichst, so erhalte ich das Leben wieder.&#8220; Der K\u00f6nig erschrak, als er h\u00f6rte, dass er seine liebsten Kinder selbst t\u00f6ten sollte, doch dachte er an die gro\u00dfe Treue und dass der getreue Johannes f\u00fcr ihn gestorben war, zog sein Schwert und hieb mit eigener Hand den Kindern den Kopf ab. Und als er mit ihrem Blute den Stein bestrichen hatte, so kehrte das Leben zur\u00fcck, und der getreue Johannes stand wieder frisch und gesund vor ihm. Er sprach zum K\u00f6nig: &#8222;Deine Treue soll nicht unbelohnt bleiben&#8220;, und nahm die H\u00e4upter der Kinder, setzte sie auf und bestrich die Wunde mit ihrem Blut, davon wurden sie im Augenblick wieder heil, sprangen herum und spielten fort, als w\u00e4r&#8216; ihnen nichts geschehen. Nun war der K\u00f6nig voll Freude, und als er die K\u00f6nigin kommen sah, versteckte er den getreuen Johannes und die beiden Kinder in einen gro\u00dfen Schrank. Wie sie hereintrat, sprach er zu ihr: &#8222;Hast du gebetet in der Kirche?&#8220; &#8211; &#8222;Ja&#8220;, antwortete sie, &#8222;aber ich habe best\u00e4ndig an den treuen Johannes gedacht, dass er so ungl\u00fccklich durch uns geworden ist.&#8220; Da sprach er: &#8222;Liebe Frau, wir k\u00f6nnen ihm das Leben wiedergeben, aber es kostet uns unsere beiden S\u00f6hnlein, die m\u00fcssen wir opfern.&#8220; Die K\u00f6nigin ward bleich und erschrak im Herzen, doch sprach sie: &#8222;Wir sind&#8217;s ihm schuldig wegen seiner gro\u00dfen Treue.&#8220; Da freute er sich, dass sie dachte, wie er gedacht hatte, ging hin und schloss den Schrank auf, holte die Kinder und den treuen Johannes heraus und sprach: &#8222;Gott sei gelobt, er ist erl\u00f6st, und unsere S\u00f6hnlein haben wir auch wieder&#8220;, und erz\u00e4hlte ihr, wie sich alles zugetragen hatte. Da lebten sie zusammen in Gl\u00fcckseligkeit bis an ihr Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. 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