{"id":1282,"date":"2021-03-18T21:46:42","date_gmt":"2021-03-18T20:46:42","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1282"},"modified":"2025-12-28T21:27:47","modified_gmt":"2025-12-28T20:27:47","slug":"die-weisse-schlange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-weisse-schlange\/","title":{"rendered":"Die wei\u00dfe Schlange"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Es ist schon lange her, da lebte ein K\u00f6nig, dessen Weisheit im ganzen Lande ber\u00fchmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war, als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen w\u00fcrde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, musste ein vertrauter Diener noch eine Sch\u00fcssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wusste selbst nicht, was darin lag, und kein Mensch wusste es, denn der K\u00f6nig deckte sie nicht eher auf und a\u00df nicht davon, bis er ganz allein war. Das hatte schon lange gedauert, da \u00fcberkam eines Tages den Diener, der die Sch\u00fcssel wieder wegtrug, die Neugierde, dass er nicht widerstehen konnte, sondern die Sch\u00fcssel in seine Kammer brachte. Als er die T\u00fcr sorgf\u00e4ltig verschlossen hatte, hob er den Deckel auf, und da sah er, dass eine wei\u00dfe Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zur\u00fcckhalten, sie zu kosten, er schnitt ein St\u00fcckchen davon ab und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge ber\u00fchrt, so h\u00f6rte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen. Er ging und horchte; da merkte er, dass es die Sperlinge waren, die miteinander sprachen und sich allerlei erz\u00e4hlten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten; denn kaum hatte seine Zunge das Schlangenfleisch ber\u00fchrt, da verstand er die Sprache der Tiere.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die wei\u00dfe Schlange: M\u00e4rchen der Br\u00fcder Grimm (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DDPcWatULdM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Nun trug es sich zu, dass gerade an diesem Tage der K\u00f6nigin ihr sch\u00f6nster Ring wegkam und auf den vertrauten Diener, der \u00fcberall Zugang hatte, der Verdacht fiel, er habe ihn gestohlen. Der K\u00f6nig lie\u00df ihn vor sich kommen und drohte ihm unter heftigen Scheltworten, wenn er bis morgen den T\u00e4ter nicht zu nennen w\u00fcsste, so sollte er daf\u00fcr angesehen und gerichtet werden. Es half nichts, dass er seine Unschuld beteuerte, er ward mit keinem besseren Bescheid entlassen. In seiner Unruhe und Angst ging er hinab auf den Hof und bedachte, wie er sich aus seiner Not behelfen k\u00f6nne. Da sa\u00dfen die Enten an einem flie\u00dfenden Wasser friedlich nebeneinander und ruhten; sie putzten sich mit ihren Schn\u00e4beln glatt und hielten ein vertrauliches Gespr\u00e4ch. Der Diener blieb stehen und h\u00f6rte ihnen zu. Sie erz\u00e4hlten sich, wo sie heute morgen \u00fcberall herumgewackelt w\u00e4ren, und was f\u00fcr gutes Futter sie gefunden h\u00e4tten; da sagte eine verdrie\u00dflich: &#8222;Mir liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der K\u00f6nigin Fenster lag, in der Hast mit hinuntergeschluckt.&#8220; Gleich packte sie der Diener beim Kragen, trug sie in die K\u00fcche und sprach zum Koch: &#8222;Schlachte doch diese ab, sie ist wohlgen\u00e4hrt.&#8220; &#8211; &#8222;Ja&#8220;, sagte der Koch und wog sie in der Hand, &#8222;die hat keine M\u00fche gescheut, sich zu m\u00e4sten, und schon lange darauf gewartet, gebraten zu werden.&#8220; Er schnitt ihr den Hals ab, und als sie ausgenommen ward, fand sich der Ring der K\u00f6nigin in ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem K\u00f6nige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gutmachen wollte, erlaubte er ihm, sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die gr\u00f6\u00dfte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe w\u00fcnschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Diener schlug alles aus und bat nur um ein Pferd und Reisegeld&#8216; denn er hatte Lust, die Welt zu sehen und eine Weile darin herumzuziehen. Als seine Bitte erf\u00fcllt war, machte er sich auf den Weg und kam eines Tages an einem Teiche vorbei, wo er drei Fische bemerkte, die sich im Rohr gefangen hatten und nach Wasser schnappten. Obgleich man sagt, die Fische w\u00e4ren stumm, vernahm er doch ihre Klage, dass sie so elend umkommen m\u00fcssten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, stieg er vom Pferde und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, streckten die K\u00f6pfe heraus und riefen ihm zu: &#8222;Wir wollen dir&#8217;s gedenken und dir&#8217;s vergelten, dass du uns errettet hast.&#8220; Er ritt weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor, als h\u00f6rte er zu seinen F\u00fc\u00dfen im Sand ein Stimme. Er horchte und vernahm, wie ein Ameisenk\u00f6nig klagte: &#8222;Wenn uns nur die Menschen mit den ungeschickten Tieren vom Leib blieben! Da tritt mir das dumme Pferd mit seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder!&#8220; Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenk\u00f6nig rief ihm zu: &#8222;Wir wollen dir&#8217;s gedenken und dir&#8217;s vergelten.&#8220; Der Weg f\u00fchrte ihn in einen Wald, und da sah er einen Rabenvater und eine Rabenmutter, die standen bei ihrem Neste und warfen ihre Jungen hinaus. &#8222;Fort mit euch, ihr Galgenschwengel!&#8220; riefen sie. &#8222;Wir k\u00f6nnen euch nicht mehr satt machen, ihr seid gro\u00df genug und k\u00f6nnt euch selbst ern\u00e4hren.&#8220; Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen und schrien: &#8222;Wir hilflosen Kinder, wir sollen uns selbst ern\u00e4hren und k\u00f6nnen noch nicht fliegen! Was bleibt uns \u00fcbrig, als hier Hungers zu sterben!&#8220; Da stieg der gute J\u00fcngling ab, t\u00f6tete das Pferd mit seinem Degen und \u00fcberlie\u00df es den jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigeh\u00fcpft, s\u00e4ttigten sich und riefen: &#8222;Wir wollen dir&#8217;s gedenken und dir&#8217;s vergelten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er musste jetzt seine eigenen Beine gebrauchen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine gro\u00dfe Stadt. Da war gro\u00dfer L\u00e4rm und Gedr\u00e4nge in den Stra\u00dfen, und kam einer zu Pferde und machte bekannt, die K\u00f6nigstochter suche einen Gemahl; wer sich aber um sie bewerben wolle, der m\u00fcsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und k\u00f6nne er&#8217;s nicht gl\u00fccklich ausf\u00fchren, so habe er sein Leben verwirkt. Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben darangesetzt. Als der J\u00fcngling die K\u00f6nigstochter sah, ward er von ihrer gro\u00dfen Sch\u00f6nheit so verblendet, dass er alle Gefahr verga\u00df, vor den K\u00f6nig trat und sich als Freier meldete.<\/p>\n\n\n\n<p>Alsbald ward er hinaus ans Meer gef\u00fchrt und vor seinen Augen ein goldener Ring hineingeworfen. Dann hie\u00df ihn der K\u00f6nig diesen Ring aus dem Meeresgrund wieder hervorholen und f\u00fcgte hinzu: &#8222;Wenn du ohne ihn wieder in die H\u00f6he kommst, so wirst du immer aufs neue hinabgest\u00fcrzt&#8216; bis du in den Wellen umkommst.&#8220; Alle bedauerten den sch\u00f6nen J\u00fcngling und lie\u00dfen ihn dann einsam am Meere zur\u00fcck. Er stand am Ufer und \u00fcberlegte, was er wohl tun sollte; da sah er auf einmal drei Fische daherschwimmen, und es waren keine andern als die, denen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den F\u00fc\u00dfen des J\u00fcnglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und \u00f6ffnete, so lag der Goldring darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Voll Freude brachte er ihn dem K\u00f6nige und erwartete, dass er ihm den verhei\u00dfenen Lohn gew\u00e4hren w\u00fcrde. Die stolze K\u00f6nigstochter aber, als sie vernahm, dass er ihr nicht ebenb\u00fcrtig war, verschm\u00e4hte ihn und verlangte, er sollte zuvor eine zweite Aufgabe l\u00f6sen. Sie ging hinab in den Garten und streute selbst zehn S\u00e4cke voll Hirse ins Gras. &#8222;Die muss er morgen, eh&#8216; die Sonne hervorkommt, aufgelesen haben&#8220;, sprach sie, &#8222;und darf kein K\u00f6rnchen fehlen.&#8220; Der J\u00fcngling setzte sich in den Garten und dachte nach, wie es m\u00f6glich w\u00e4re, die Aufgabe zu l\u00f6sen; aber er konnte nichts ersinnen, sa\u00df ganz traurig da und erwartete, bei Anbruch des Morgens zum Tode gef\u00fchrt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, sah er die zehn S\u00e4cke alle wohlgef\u00fcllt nebeneinander stehen, und kein K\u00f6rnehen fehlte darin. Der Ameisenk\u00f6nig war mit seinen tausend und tausend Ameisen in der Nacht angekommen, und die dankbaren Tiere hatten die Hirse mit gro\u00dfer Emsigkeit gelesen und in die S\u00e4cke gesammelt. Die K\u00f6nigstochter kam selbst in den Garten herab und sah mit Verwunderung, dass der J\u00fcngling vollbracht hatte, was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen und sprach: &#8222;Hat er auch die beiden Aufgaben gel\u00f6st, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden, als bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat.&#8220; Der J\u00fcngling wusste nicht, wo der Baum des Lebens stand; er machte sich auf und wollte immerzu gehen, solange ihn seine Beine tr\u00fcgen, aber er hatte keine Hoffnung, ihn zu finden. Als er schon durch drei K\u00f6nigreiche gewandert war und abends in einen Wald kam, setzte er sich unter einen Baum und wollte schlafen: da h\u00f6rte er in den \u00c4sten ein Ger\u00e4usch, und ein goldener Apfel fiel in seine Hand. Zugleich flogen drei Raben zu ihm herab, setzten sich auf seine Knie und sagten: &#8222;Wir sind die drei jungen Raben, die du vom Hungertod errettet hast; als wir gro\u00df geworden waren und h\u00f6rten, dass du den goldenen Apfel suchtest, sind wir \u00fcber das Meer geflogen bis ans Ende der Welt, wo der Baum des Lebens steht, und haben dir den Apfel geholt.&#8220; Voll Freude machte sich der J\u00fcngling auf den Heimweg und brachte den goldenen Apfel der sch\u00f6nen K\u00f6nigstochter, der nun keine Ausrede mehr \u00fcbrigblieb. Sie teilten den Apfel des Lebens und a\u00dfen ihn zusammen: da ward ihr Herz mit Liebe zu ihm erf\u00fcllt, und sie erreichten in ungest\u00f6rtem Gl\u00fcck ein hohes Alter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. Grimm Es ist schon lange her, da lebte ein K\u00f6nig, dessen Weisheit im ganzen Lande ber\u00fchmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war, als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen w\u00fcrde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. 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