{"id":1276,"date":"2021-03-10T00:51:00","date_gmt":"2021-03-09T23:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1276"},"modified":"2026-01-24T22:37:55","modified_gmt":"2026-01-24T21:37:55","slug":"von-einem-der-auszog-das-fuerchten-zu-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/von-einem-der-auszog-das-fuerchten-zu-lernen\/","title":{"rendered":"Von einem, der auszog, das F\u00fcrchten zu lernen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Ein Vater hatte zwei S\u00f6hne, davon war der \u00e4ltere klug und gescheit und wusste sich in alles wohl zu schicken, der j\u00fcngere aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen, und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie: &#8222;Mit dem wird der Vater noch seine Last haben!&#8220; Wenn nun etwas zu tun war, musste es allzeit der \u00e4ltere ausrichten; hie\u00df ihn aber der Vater noch sp\u00e4t oder gar in der Nacht etwas holen, und der Weg ging dabei \u00fcber den Kirchhof oder sonst einen schaurigen Ort, so antwortete er wohl: &#8222;Ach nein, Vater, ich gehe nicht dahin, es gruselt mir!&#8220; denn er f\u00fcrchtete sich. Oder wenn abends beim Feuer Geschichten erz\u00e4hlt wurden, wobei einem die Haut schaudert, sprachen die Zuh\u00f6rer manchmal:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, es gruselt mir!&#8220; Der j\u00fcngere Sohn sa\u00df in einer Ecke, h\u00f6rte das mit an und konnte nicht begreifen, was es hei\u00dfen sollte. &#8222;Immer sagen sie: Es gruselt mir! Es gruselt mir! Mir gruselt&#8217;s nicht; das wird wohl auch eine Kunst sein, von der ich nichts verstehe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Von Einem der auszog, das F\u00fcrchten zu lernen: M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/UTCUsTirH2A?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Nun geschah es, dass der Vater einmal zu ihm sprach: &#8222;H\u00f6r&#8216;, du in der Ecke dort, du wirst gro\u00df und stark, du musst auch etwas lernen, womit du dein Brot verdienst. Siehst du, wie sich dein Bruder M\u00fche gibt? Aber an dir ist Hopfen und Malz verloren.- &#8222;Ei Vater&#8220;, antwortete er, &#8222;ich will gern was lernen; ja, wenn&#8217;s anginge, m\u00f6cht&#8216; ich lernen, dass mir&#8217;s gruselte; davon verstehe ich noch gar nichts.&#8220;Der \u00e4ltere lachte, als er das h\u00f6rte, und dachte bei sich: &#8222;Du lieber Gott, was ist mein Bruder ein Dummbart! Aus dem wird sein Lebtag nichts; was ein H\u00e4kchen werden will, muss sich beizeiten kr\u00fcmmen.&#8220; Der Vater seufzte und antwortete ihm: &#8222;Das Gruseln, das sollst du schon lernen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Bald danach kam der K\u00fcster zum Besuch ins Haus, da klagte ihm der Vater seine Not und erz\u00e4hlte, wie sein j\u00fcngerer Sohn in allen Dingen so schlecht beschlagen w\u00e4re, er wusste nichts und lernte nichts. &#8222;Denkt Euch, als ich ihn fragte, womit er sein Brot verdienen wollte, hat er gar verlangt, das Gruseln zu lernen.&#8220;- &#8222;Wenn&#8217;s weiter nichts ist&#8220;, antwortete der K\u00fcster, &#8222;das kann er bei mir lernen; tut ihn nur zu mir, ich werde ihn schon abhobeln.&#8220; Der Vater war es zufrieden, weil er dachte: &#8222;Der Junge wird doch ein wenig zugestutzt.&#8220; Der K\u00fcster nahm ihn also ins Haus, und er musste die Glocke l\u00e4uten. Nach ein paar Tagen weckte er ihn um Mittemacht, hie\u00df ihn aufstehen, in den Kirchturm steigen und l\u00e4uten. &#8222;Du sollst schon lernen, was Gruseln ist&#8220;, dachte er, ging heimlich voraus, und als der Junge oben war und sich umdrehte und das Glockenseil fassen wollte, sah er auf der Treppe, dem Schalloch gegen\u00fcber, eine wei\u00dfe Gestalt stehen. &#8222;Wer da?&#8220; rief er, aber die Gestalt gab keine Antwort, regte und bewegte sich nicht &#8222;Gib Antwort&#8220;, rief der Junge, &#8222;oder mache, dass du wegkommst, du hast hier in der Nacht nichts zu schaffen!&#8220;Der K\u00fcster aber blieb unbeweglich stehen, damit der Junge glauben sollte, es w\u00e4re ein Gespenst. Der Junge rief zum zweiten Mal: &#8222;Was willst du hier? Sprich, wenn du ein ehrlicher Kerl bist, oder ich werfe dich die Treppe hinab!&#8220; Der K\u00fcster dachte: &#8222;Das wird so schlimm nicht gemeint sein&#8220;, gab keinen Laut von sich und stand, als wenn er von Stein w\u00e4re. Da rief ihn der Junge zum dritten Mal an, und als das auch vergeblich war, nahm er einen Anlauf und stie\u00df das Gespenst die Treppe hinab, dass es zehn Stufen hinabfiel und in einer Ecke liegen blieb. Darauf l\u00e4utete er die Glocke, ging heim, legte sich, ohne ein Wort zu sagen, ins Bett und schlief fort. Die K\u00fcsterfrau wartete lange Zeit auf ihren Mann, aber er wollte nicht wiederkommen. Da ward ihr endlich angst, sie weckte den Jungen und fragte: &#8222;Wei\u00dft du nicht, wo mein Mann geblieben ist? Er ist vor dir auf den Turm gestiegen.&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, antwortete der Junge, &#8222;aber da hat einer dem Schalloch gegen\u00fcber auf der Treppe gestanden, und weil er keine Antwort geben und auch nicht weggehen wollte, habe ich ihn f\u00fcr einen Spitzbuben gehalten und hinuntergesto\u00dfen. Geht nur hin, so werdet Ihr sehen, ob er&#8217;s gewesen ist, es sollte mir leid tun.&#8220; Die Frau sprang fort und fand ihren Mann, der in einer Ecke lag und jammerte und ein Bein gebrochen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie trug ihn hinab und eilte dann mit lautem Geschrei zu dem Vater des Jungen. &#8222;Euer Junge&#8220;, rief sie, &#8222;hat ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck angerichtet, meinen Mann hat er die Treppe hinabgeworfen, dass er ein Bein gebrochen hat; schafft den Taugenichts aus unserem Hause!&#8220; Der Vater erschrak, kam herbeigelaufen und schalt den Jungen aus. &#8222;Was sind das f\u00fcr gottlose Streiche? Die muss dir der B\u00f6se eingegeben haben.&#8220; &#8211; &#8222;Vater&#8220;, antwortete er, &#8222;h\u00f6rt nur an, ich bin ganz unschuldig: er stand da in der Nacht, wie einer, der B\u00f6ses im Sinne hat. Ich wusste nicht, wer&#8217;s war, und habe ihn dreimal ermahnt, zu reden oder wegzugehen. &#8211; &#8222;Ach&#8220;, sprach der Vater, &#8222;mit dir erleb&#8216; ich nur Ungl\u00fcck, geh&#8216; mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr ansehen!&#8220; &#8211; &#8222;Ja, Vater, recht gern, wartet nur, bis es Tag ist, da will ich ausgehen und das Gruseln lernen, so versteh&#8216; ich doch eine Kunst, die mich ern\u00e4hren kann.&#8220; &#8211; &#8222;Lerne, was du willst&#8220;, sprach der Vater, &#8222;mir ist alles einerlei. Da hast du f\u00fcnfzig Taler, damit geh&#8216; in die weite Welt und sage keinem Menschen, wo du her bist und wer dein Vater ist, denn ich muss mich deiner sch\u00e4men.&#8220; &#8211; &#8222;Ja, Vater, wie Ihr&#8217;s haben wollt; wenn Ihr nicht mehr verlangt, das kann ich leicht in acht behalten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Als nun der Tag anbrach, steckte der Junge seine f\u00fcnfzig Taler in die Tasche, ging hinaus auf die gro\u00dfe Landstra\u00dfe und sprach immer vor sich hin: &#8222;Wenn mir&#8217;s nur gruselte! Wenn mir&#8217;s nur gruselte!&#8220; Da kam ein Mann heran, der h\u00f6rte das Gespr\u00e4ch, das der Junge mit sich selber f\u00fchrte, und als sie ein St\u00fcck weiter waren, dass man den Galgen sehen konnte, sagte der Mann zu ihm: ,,Siehst du, dort ist der Baum, wo siebene mit des Seilers Tochter Hochzeit gehalten haben und jetzt das Fliegen lernen, setz&#8216; dich darunter und warte, bis die Nacht kommt,<\/p>\n\n\n\n<p>so wirst du schon das Gruseln lernen.&#8220; &#8211; ,,Wenn weiter nichts dazu geh\u00f6rt&#8220; antwortete der Junge, ,,das ist leicht getan. Lerne ich aber so geschwind das Gruseln, so sollst du meine f\u00fcnfzig Taler haben; komm&#8216; nur morgen fr\u00fch wieder zu mir.&#8216; Da ging der Junge zu dem Galgen, setzte sich darunter und wartete, bis der Abend kam. Und weil ihn fror, machte er sich ein Feuer an; aber um Mitternacht ging der Wind so kalt, dass er trotz des Feuers nicht warm werden wollte. Und als der Wind die Gehenkten gegeneinander stie\u00df, dass sie sich hin und her bewegten, dachte er: &#8222;Du frierst unten bei dem Feuer, was m\u00f6gen die da oben erst frieren und zappeln.&#8220; Und weil er mitleidig war, legte er die Leiter an, stieg hinauf, kn\u00fcpfte einen nach dem andern los und holte sie alle siebene herab. Darauf sch\u00fcrte er das Feuer, blies es an und setzte sie ringsherum, dass sie sich w\u00e4rmen sollten. Aber sie sa\u00dfen da und regten sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider. Da sprach er: ,,Nehmt euch in acht, sonst h\u00e4ng&#8216; ich euch wieder hinauf.&#8220; Die Toten aber h\u00f6rten nicht, schwiegen und lie\u00dfen ihre Lumpen fort-brennen. Da ward er b\u00f6se und sprach: ,,Wenn ihr nicht achtgeben wollt, so kann ich euch nicht helfen, Ich will nicht mit euch verbrennen&#8220;, und h\u00e4ngte sie nach der Reihe wieder hinauf. Nun setzte er sich zu seinem Feuer und schlief ein, und am andern Morgen, da kam der Mann zu ihm, wollte die f\u00fcnfzig Taler haben und sprach: ,,Nun, wei\u00dft du jetzt, was Gruseln ist?&#8220; &#8211; ,,Nein&#8220;, antwortete er, ,,woher sollt&#8216; ich&#8217;s wissen? Die da droben haben das Maul nicht aufgetan und waren so dumm, dass sie die paar alten Lappen, die sie am Leibe haben, brennen lie\u00dfen.&#8220; Da sah der Mann, dass er die f\u00fcnfzig Taler heute nicht davontragen w\u00fcrde, ging fort und sprach: ,,So einer ist mir noch nicht vorgekommen.&#8220; Der Junge ging auch seines Wegs und fing wieder an, vor sich hin zu reden: &#8222;Ach, wenn mir&#8217;s nur gruselte! Ach, wenn mir&#8217;s nur gruselte!&#8220; Das h\u00f6rte ein Fuhrmann, der hinter ihm herschritt, und fragte: &#8222;Wer bist du?&#8220; &#8211; &#8222;Ich wei\u00df nicht&#8220;, antwortete der Junge. Der Fuhrmann fragte weiter: &#8222;Wo bist du her?&#8220; -&#8222;Ich wei\u00df nicht.&#8220; &#8211; &#8222;Wer ist dein Vater?&#8220; &#8211; &#8222;Das darf ich nicht sagen.&#8220; &#8211; &#8222;Was brummst du best\u00e4ndig in den Bart hinein?&#8220; &#8211; &#8222;Ei&#8220;, antwortete der Junge, &#8222;ich wollte, dass mir&#8217;s gruselte, aber niemand kann mich&#8217;s lehren.&#8220; &#8211; &#8222;Lass dein dummes Geschw\u00e4tz&#8220;, sprach der Fuhrmann, &#8222;komm&#8216;, geh&#8216; mit mir, ich will sehen, dass ich dich unterbringe.&#8220; Der Junge ging mit dem Fuhrmann, und abends gelangten sie zu einem Wirtshause, wo sie \u00fcbernachten wollten. Da sprach er beim Eintritt in die Stube wieder ganz laut: &#8222;Wenn mir&#8217;s nur gruselte! Wenn mir&#8217;s nur gruselte!&#8220; Der Wirt, der das h\u00f6rte, lachte und sprach: &#8222;Wenn dich danach l\u00fcstet, dazu sollte hier wohl Gelegenheit sein.&#8220; &#8211; &#8222;Ach, schweig&#8216; stille&#8220;, sprach die Wirtsfrau&#8216; &#8222;so mancher Vorwitzige hat schon sein Leben eingeb\u00fc\u00dft; es w\u00e4re jammerschade um die sch\u00f6nen Augen, wenn die das Tageslicht nicht wieder sehen sollten.&#8220; Der Junge aber sagte: &#8222;Wenn&#8217;s noch so schwer w\u00e4re, ich will&#8217;s einmal lernen, deshalb bin ich ja ausgezogen.&#8220; Er lie\u00df dem Wirt auch keine Ruhe, bis dieser erz\u00e4hlte, nicht weit davon st\u00fcnde ein verw\u00fcnschtes Schloss, wo einer wohl lernen k\u00f6nnte, was Gruseln w\u00e4re, wenn er nur drei N\u00e4chte darin wachen wollte. Der K\u00f6nig hatte dem, der&#8217;s wagen wollte, seine Tochter zur Frau versprochen, und die w\u00e4re die sch\u00f6nste Jungfrau, die die Sonne beschien; in dem Schlosse steckten auch gro\u00dfe Sch\u00e4tze, von b\u00f6sen Geistern bewacht, die w\u00fcrden dann frei und k\u00f6nnten einen Armen reich genug machen. Schon viele w\u00e4ren wohl hinein,aber noch keiner wieder herausgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ging der Junge am andern Morgen vor den K\u00f6nig und sprach: &#8222;Wenn&#8217;s erlaubt w\u00e4re, so wollte ich wohl drei N\u00e4chte in dem verw\u00fcnschten Schlosse wachen.&#8220; Der K\u00f6nig sah ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er: &#8222;Du darfst dir noch dreierlei ausbitten, aber es m\u00fcssen leblose Dinge sein, und die darfst du mit ins Schloss nehmen.&#8220; Da antwortete er: &#8222;So bitt&#8216; ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig lie\u00df ihm das alles bei Tage in das Schloss tragen. Als es Nacht werden wollte, ging der Junge hinauf, machte sich in einer Kammer ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Messer daneben und setzte sich auf die Drehbank. &#8222;Ach, wenn mir&#8217;s nur gruselte!&#8220; sprach er, &#8222;aber hier werde ich&#8217;s auch nicht lernen.&#8220; Gegen Mitternacht wollte er sich sein Feuer einmal aufsch\u00fcren&#8216; und wie er so hineinblies, da schrie&#8217;s pl\u00f6tzlich aus einer Ecke: &#8222;Au, miau! Was uns friert!&#8220; &#8211; &#8222;Ihr Narren&#8220;, rief er, &#8222;was schreit ihr? Wenn euch friert, so kommt, setzt euch ans Feuer und w\u00e4rmt euch.&#8220; Und wie er das gesagt hatte, kamen zwei gro\u00dfe schwarze Katzen in einem gewaltigen Sprunge herbei, setzten sich ihm zu beiden Seiten und sahen ihn mit ihren feurigen Augen ganz wild an. \u00dcber ein Weilchen, als sie sich gew\u00e4rmt hatten, sprachen sie: &#8222;Kamerad, wollen wir ein wenig Karten spielen?&#8220; &#8211; &#8222;Warum nicht?&#8220; antwortete er, &#8222;aber zeigt einmal eure Pfoten her.&#8220; Da streckten sie die Krallen aus. &#8222;Ei&#8220;, sagte er, &#8222;was habt ihr lange N\u00e4gel Wartet, die muss ich euch erst abschneiden.&#8220; Damit packte er sie beim Kragen, hob sie auf die Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest. &#8222;Euch habe ich auf die Finger gesehen&#8220;, sprach er, &#8222;da vergeht mir die Lust zum Kartenspiel&#8220;, schlug sie tot und warf sie hinaus ins Wasser. Als er aber die zwei zur Ruhe gebracht hatte und sich wieder zu seinem Feuer setzen wollte, da kamen aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde an gl\u00fchenden Ketten, immer mehr und mehr, dass er sich nicht mehr bergen konnte; die schrien gr\u00e4ulich, traten ihm auf sein Feuer, zerrten es auseinander und wollten es ausmachen. Das sah er ein Weilchen ruhig mit an; als es ihm aber zu arg wurde, fasste er sein Schnitzmesser und rief: &#8222;Fort mit euch, ihr Gesindel!&#8220; und hieb auf sie los. Ein Teil sprang weg, die andern schlug er tot und warf sie hinaus in den Teich. Als er zur\u00fcckgekommen war, blies er aus den Funken sein Feuer frisch an und w\u00e4rmte sich. Und als er so dasa\u00df&#8216; wollten ihm die Augen nicht l\u00e4nger offen bleiben, und er bekam Lust zu schlafen. Da blickte er um sich und sah in der Ecke ein gro\u00dfes Bett. &#8222;Das ist mir eben recht&#8220;, sprach er und legte sich hinein. Als er aber die Augen zutun wollte, fing das Bett von selbst an zu fahren und fuhr im ganzen Schloss herum. &#8222;Recht so&#8220;, sprach er, &#8222;nur besser zu!&#8220; Da rollte das Bett fort, als w\u00e4ren sechs Pferde vorgespannt, \u00fcber Schwellen und Treppen auf und ab; auf einmal hopp, hopp! warf es um, das Unterste zu oberst, dass es wie ein Berg auf ihm lag. Aber er schleuderte Decken und Kissen in die H\u00f6he, stieg hinaus und sagte: &#8222;Nun mag fahren, wer Lust hat&#8220;, legte sich an sein Feuer und schlief, bis es Tag war. Am Morgen kam der K\u00f6nig, und als er ihn da auf der Erde liegen sah, meinte er, die Gespenster h\u00e4tten ihn umgebracht, und er w\u00e4re tot. Da sprach er: &#8222;Es ist doch schade um den sch\u00f6nen Menschen!&#8220; Das h\u00f6rte der Junge, richtete sich auf und sprach: &#8222;So weit ist&#8217;s noch nicht!&#8220; Da verwunderte sich der K\u00f6nig, freute sich aber und fragte, wie es ihm gegangen w\u00e4re. ,,Recht gut&#8220;, antwortete er, &#8222;eine Nacht w\u00e4re herum, die zwei andern werden auch herumgehen.&#8220; Und als er zum Wirt kam, machte der gro\u00dfe Augen. &#8222;Ich dachte nicht&#8220;, sprach er, ,,dass ich dich lebendig wiedersehen w\u00fcrde; hast du nun gelernt, was Gruseln ist?&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, sagte er, &#8222;es ist alles vergeblich, wenn mir&#8217;s nur einer sagen k\u00f6nnte!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Nacht ging er abermals hinauf ins alte Schloss, setzte sich zum Feuer und fing sein altes Lied wieder an: &#8222;Wenn mir&#8217;s nur gruselte!&#8220; Wie Mitternacht herankam, lie\u00df sich ein L\u00e4rin und Gepolter h\u00f6ren, erst sachte, dann immer st\u00e4rker, dann war&#8217;s ein bisschen still, endlich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein herab und fiel vor ihm hin. &#8222;Heda!&#8220; rief er, &#8222;noch ein halber geh\u00f6rt dazu, das ist zu wenig.&#8220; Da ging der L\u00e4rm von frischem an, es tobte und heulte, und die andere H\u00e4lfte fiel auch herab. &#8222;Wart&#8220;&#8218;, sprach er, &#8222;ich will dir erst das Feuer ein wenig anblasen.&#8220; Wie er das getan hatte und sich wieder umsah, da waren die beiden St\u00fccke zusammengefahren, und da sa\u00df ein gr\u00e4ulicher Mann auf seinem Platze. &#8222;So haben wir nicht gewettet&#8220;, sprach der Junge, &#8222;die Bank ist mein.&#8220; Der Mann wollte ihn wegdr\u00e4ngen, aber der Junge lie\u00df sich&#8217;s nicht gefallen, schob ihn mit Gewalt weg und setzte sich wieder auf seinen Platz. Da fielen noch mehr M\u00e4nner herab, einer nach dem andern, die holten neun Totenbeine und zwei Totenk\u00f6pfe, setzten auf und spielten Kegel. Der Junge bekam auch Lust und fragte: &#8222;H\u00f6rt ihr, kann ich mittun?&#8220; &#8211; &#8222;Ja, wenn du Geld hast.&#8220; &#8211; &#8222;Geld genug&#8220;, antwortete er, &#8222;aber eure Kugeln sind nicht recht rund.&#8220; Da nahm er die Totenk\u00f6pfe, setzte sie in die Drehbank und drehte sie rund. &#8222;So, jetzt werden sie besser sch\u00fcppeln&#8220;, sprach er, &#8222;heidal nun geht&#8217;s lustig&#8220;! Er spielte mit und verlor etwas von seinem Gelde, als es aber zw\u00f6lf schlug, war alles vor seinen Augen verschwunden. Er legte sich nieder und schlief ruhig ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Morgen kam der K\u00f6nig und wollte sich erkundigen. &#8222;Wie ist dir&#8217;s diesmal gegangen?&#8220; fragte er. &#8211; &#8222;Ich habe gekegelt&#8220;, antwortete der Junge, &#8222;und ein paar Heller verloren.&#8220; &#8211; &#8222;Hat dir denn nicht gegruselt?&#8220; &#8211; &#8222;Ei was&#8220;, sprach er, &#8222;lustig hab&#8216; ich mich gemacht. Wenn ich nur w\u00fcsste, was Gruseln w\u00e4re!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In der dritten Nacht setzte er sich wieder auf seine Bank und sprach ganz verdrie\u00dflich: &#8222;Wenn mir&#8217;s nur gruselte!&#8220; Als es sp\u00e4t wurde, kamen sechs gro\u00dfe M\u00e4nner und brachten eine Totenlade hereingetragen. Da sprach er: &#8222;Ha ha, das ist gewiss mein Vetterchen, das erst vor ein paar Tagen gestorben ist&#8220;, winkte mit dem Finger und rief: &#8222;Komm&#8216;, Vetterchen, komm&#8216;!&#8220; Sie stellten den Sarg auf die Erde, er aber ging hinzu und nahm den Deckel ab: da lag ein toter Mann darin. Er f\u00fchlte ihm ins Gesicht, aber es war kalt wie Eis. &#8222;Wart&#8220;, sprach er, &#8222;ich will dich ein bisschen w\u00e4rmen&#8220;, ging ans Feuer, w\u00e4rmte seine Hand und legte sie ihm aufs Gesicht; aber der Tote blieb kalt. Nun nahm er ihn heraus und setzte sich ans Feuer, legte ihn auf seinen Scho\u00df und rieb ihm die Arme, damit das Blut wieder in Bewegung kommen sollte. Als auch das nichts helfen wollte, fiel ihm ein: wenn zwei zusammen im Bette liegen, so w\u00e4rmen sie sich, brachte ihn ins Bett, deckte ihn zu und legte sich neben ihn. \u00dcber ein Weilchen wurde auch der Tote warm und fing an, sich zu regen. Da sprach der Junge: &#8222;Siehst du, Vetterchen, h\u00e4tt&#8216; ich dich nicht gew\u00e4rmt!&#8220; Der Tote aber hob an und rief: &#8222;Jetzt will ich dich erw\u00fcrgen?&#8220; &#8211; &#8222;Was&#8220;, sagte der Junge, &#8222;ist das der Dank? Gleich sollst du wieder in deinen Sarg!&#8220; hob ihn auf, warf ihn hinein und machte den Deckel zu. Da kamen die sechs M\u00e4nner und trugen ihn wieder fort. &#8222;Es will mir nicht gruseln&#8220;, sagte er, &#8222;hier lerne ich&#8217;s mein Lebtag nicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da trat ein Mann herein, der war gr\u00f6\u00dfer als alle andern, und sah f\u00fcrchterlich aus; er war aber alt und hatte einen langen, wei\u00dfen Bart. &#8222;0 du Wicht&#8220;, rief er, &#8222;nun sollst du bald lernen, was Gruseln ist, denn du sollst sterben!&#8220; &#8211; &#8222;Nicht so schnell&#8220;, antwortete der Junge, &#8222;soll ich sterben, so muss ich auch dabei sein.&#8220; &#8211; &#8222;Dich will ich schon packen&#8220; sprach der Unhold. &#8222;Sachte, sachte, mach&#8216; dich nicht so breit; so stark wie du hin ich auch und wohl noch st\u00e4rker. &#8211; &#8222;Das wollen wir sehen&#8220;, sprach der Alte, &#8222;bist du st\u00e4rker als ich, so will ich dich gehen lassen; komm&#8216;, wir wollen&#8217;s versuchen!&#8220; Da f\u00fchrte er ihn durch dunkle G\u00e4nge zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und schlug den einen Amboss mit einem Schlage in die Erde. &#8222;Das kann ich noch besser&#8220;, sprach der Junge und ging zu dem andern Amboss; der Alte stellte sich nebenbei und wollte zusehen, und sein wei\u00dfer Bart hing herab. Da fasste der Junge die Axt, spaltete den Amboss auf einen Hieb und klemmte den Bart des Alten mit hinein &#8222;Nun hab&#8216; ich dich&#8220;, sprach der Junge, &#8222;jetzt ist das Sterben an dir!&#8220; Dann fasste er eine Eisenstange und schlug auf den Alten los, bis er wimmerte und bat, er m\u00f6chte aufh\u00f6ren, er wolle ihm gro\u00dfe Reicht\u00fcmer geben. Der Junge zog die Axt heraus und lie\u00df ihn los. Da f\u00fchrte ihn der Alte wieder ins Schloss zur\u00fcck und zeigte ihm in einem Keller drei Kasten voll Gold. &#8222;Davon&#8220;, sprach er, &#8222;ist ein Teil den Armen, der andere dein K\u00f6nig, der dritte dein.&#8220; Indem schlug es die zw\u00f6lfe, und der Geist verschwand, also dass der Junge im Finstern stand. &#8222;Ich werde mir doch hinaushelfen k\u00f6nnen&#8220;, sprach er, tappte herum, fand den Weg in die Kammer und schlief dort bei seinem Feuer ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am andern Morgen kam der K\u00f6nig und sagte: &#8222;Nun wirst du gelernt haben, was Gruseln ist?&#8220; &#8211; &#8222;Nein&#8220;, antwortete er, &#8222;was ist&#8217;s nur? Mein toter Vetter war da, und ein b\u00e4rtiger Mann ist gekommen, der hat mir da unten viel Gold gezeigt, aber was Gruseln ist, hat mir keiner gesagt.&#8220; Da sprach der K\u00f6nig: &#8222;Du hast das Schloss erl\u00f6st und sollst meine Tochter heiraten.&#8220; &#8211; &#8222;Das ist alles recht gut&#8220;, antwortete der Junge, &#8222;aber ich wei\u00df noch immer nicht, was Gruseln ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gold wurde nun heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert, aber der junge K\u00f6nig, so lieb er seine Gemahlin hatte und so vergn\u00fcgt er war, sagte doch immer: &#8222;Wenn mir nur gruselte, wenn mir nur gruselte.&#8220; Das verdross sie endlich. Ihr Kammerm\u00e4dchen sprach: &#8222;Ich will Hilfe schaffen, das Gruseln soll er schon lernen.&#8220; Und sie ging hinaus zum Bach, der durch den Garten floss, und lie\u00df sich einen ganzen Eimer voll Gr\u00fcndlinge holen. Nachts, als der junge K\u00f6nig schlief, musste ihm seine Gemahlin die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Wasser mit den Gr\u00fcndlingen \u00fcber ihn hersch\u00fctten, dass die kleinen Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: &#8222;Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun wei\u00df ich, was Gruseln ist.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. 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