{"id":1274,"date":"2021-03-09T01:06:15","date_gmt":"2021-03-09T00:06:15","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1274"},"modified":"2026-01-24T16:03:27","modified_gmt":"2026-01-24T15:03:27","slug":"der-gaukler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-gaukler\/","title":{"rendered":"Der Gaukler"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Aachener M\u00e4rchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Vor langer langer Zeit zog einmal ein Seilt\u00e4nzer durch die Stadt Aachen. Dieser eroberte sich die Herzen der Menschen durch seine Kunstfertigkeit und seinen Witz. Er trug wei\u00df-rot gestreifte Beinkleider, eine schwarze Samtjacke und eine merkw\u00fcrdige, kronen\u00e4hnliche Haube aus abgeschlissenem Brokat, die am Rande mit kleinen blindgeworden Perlen besetzt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun traf es sich, dass eine vornehme Frau ihn sah, die gerade in einer Kutsche vorbeifuhr. Ihr kleiner, blasser Sohn presste seine Stirn gegen das Fensterglas und lachte pl\u00f6tzlich laut auf. Die Frau winkte dem Kutscher, und die Pferde standen still. Sie lie\u00df den Seilt\u00e4nzer an den an den Wagen kommen und sagte: \u201eMein Junge hat \u00fcber euch lachen m\u00fcssen, ihr wisst nicht was das f\u00fcr mich bedeutet ich danke euch! Kommt mit mir, ich muss mit Euch reden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fremde Mann nahm also sein Seil und stieg in die Kutsche. \u201eIhr m\u00fcsst eine Zeit lang bei uns wohnen\u201c, fuhr die Frau fort, \u201eseht dies ist mein Sohn Lysander, er kann nicht lustig sein, und ihr habt ihn zum Lachen gebracht.\u201c \u201eIch werde es mir \u00fcberlegen,\u201c sprach der Mann. \u201eO, ich flehe Euch an, &nbsp;tut es\u201c, rief die Frau, \u201eich bitte euch darum!\u201c<br><br>Nun hatte auch der Mann einen kleinen Sohn. Die Mutter war lange tot und darum allein. \u00dcberlegte er das alles? Gewiss w\u00fcrde die vornehme Frau auch ihn mit aufnehmen, aber er blieb dann doch der Sohn eines Dieners, eines Gauklers. So ging der Mann sp\u00e4ter nachdenklich durch die Stadt. Da begegnete ihm eine uralte Frau mit meergr\u00fcnen Augen, und sie sagte: \u201eNun, mein Herzchen, was fehlt dir?\u201c \u201eIch habe keine Lust, dir das zu erz\u00e4hlen\u201c, erwiderte der Mann. \u201eIch bin aber die Einzige, die dir helfen kann,\u201c sagte die Frau, \u201eich wei\u00df, was dich bedr\u00fcckt, ich sehe es an deinen Augen. Du kannst das Kind mir bringen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da erschrak der Mann heftig, aber die alte Frau lachte und sagte: \u201eDu traust mir das wohl nich zu? O, ich bin noch hurtig wie ein junges M\u00e4dchen in meinem Haushalt und versorge deinen Kleinen gut. Zudem bin ich nicht weit von dir entfernt, du kannst dein Kind jeden Tag sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6re gut zu: Das Haus deiner Herrin steht in der Franzstrasse, dahinter liegt ein kleiner Park mit einer Mauer darum. An der rechten Seite der Mauer befindet sich ein Brunnen, und daneben erblickst du hinter Efeu versteckt eine eiserne T\u00fcr. Hier ist der Schl\u00fcssel dazu.<br>Jeden Mittag, wenn dein Prinz schl\u00e4ft, kommst du zu mir, denn im Garten hinter der T\u00fcr steht mein Haus. Nun z\u00f6gere nicht und bringe mir den Knaben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Mann keinen anderen Ausweg fand, brachte er an einem Mittag seinen Sohn der alten Frau. 0 Die Alte verbot ihm, nur ein Wort dar\u00fcber zu sagen, und er versprach es ihr. Jeden Mittag, wenn Lysander schlief, ging der Gaukler heimlich zu seinem Sohn. Dieser wurde immer sch\u00f6ner und kr\u00e4ftiger. Seine Augen strahlten vor Freude, und sein Haar schimmerte in der Sonne wie Gold. Auch Lysander wurde gro\u00df, aber seine Traurigkeit wuchs gleichsam mit. Er konnte stundenlang unter den B\u00e4umen des Parks sitzen und den V\u00f6geln nachschauen. Manchmal gelang es dem Gaukler in fr\u00f6hlich zu machen aber das war sehr selten. Einmal nun wurde Lysander krank, und der Gaukler wachte Tag und Nacht bei ihm. Es war ihm nicht mehr m\u00f6glich seinen Sohn zu besuchen. Er h\u00f6rte immer nur seine Lieder hinter der Mauer. An einem Mittag \u00f6ffnete sich pl\u00f6tzlich die T\u00fcr, und ein J\u00fcngling trat ein, in einem wei\u00dfen seidenen Gewand. \u201eIch will f\u00fcr dich wachen,\u201c sagte er, \u201egeh schnell zu deinem Kind, aber beeile dich!\u201c Der Gaukler f\u00fcrchtete sich, doch seine Sehnsucht war so stark, dass er auf den Vorschlag des Fremden einging.<br>\u201eVielleicht ist der Fremde ein Engel\u201c, dachte der Gaukler. Das geschah eine ganze Zeit lang. Als der Gaukler einmal wieder durch die kleine T\u00fcr zur\u00fcckkam, sah er einen Mann aus Lysanders Krankengemach kommen, der genauso angekleidet war wie er selbst. In der Hand aber trug er ein rotes Herz. Der Gaukler ging auf ihn zu und rief: \u201eWer bist du?\u201c<br>Er stand wie vor seinem Spiegelbild, die gleichen rot-weissen Beinkleider, die gleiche schwarze Samtjacke und die gleiche brokatene Haube.<br>\u201eIch bin der Teufel\u201c, sagte der Fremde, \u201edu hast es mir leicht gemacht. Dein Sch\u00fctzling hat mir sein Herz verkauft.\u201c \u201eUnd was gibst du ihm daf\u00fcr?\u201c schrie der Gaukler. &nbsp;\u201eLeichtsinn, Lachen, Fr\u00f6hlichkeit!\u201c rief der Teufel und war verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun begann eine schwere Zeit f\u00fcr den Gaukler. Lysander war voller b\u00f6ser Einf\u00e4lle und nicht mehr wieder zu erkennen. Die Mutter aber h\u00f6rte nur sein Lachen und \u00fcbersch\u00fcttete den Gaukler mit Gold und Edelstein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser wusste in seiner Not keinen Rat und ging an einem Abend heimlich zu der alten Frau.<br>\u201eDer Teufel hat das Herz versteckt\u201c, sagte sie, \u201ewir m\u00fcssen nur herausfinden, wo. Aber zeigt doch mal Eure M\u00fctze her, ach, so was tragt Ihr auf Eurem Kopf? Es wird Zeit, dass ihr die Perlen einmal putzt, wir wollen das schnell machen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte holte ein feuchtes Tuch und rieb jede Perle einzeln ab. Da nahm sie noch ein trockenes Tuch, und indem sie die erste Perle rieb, h\u00f6rte man die T\u00f6ne einer Geige. Bei der n\u00e4chsten Perle hub eine Fl\u00f6te an zu jubilieren, und bei der dritten Perle blies irgendjemand Trompete. So ging es fort, bis alle Instrumente beisammen waren. Nein, es war einfach nicht zu begreifen. Die Musik hing in der Luft, und das war ein Klingen und Pfeifen, wie man es selten zu h\u00f6ren bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo weit w\u00e4ren wir\u201c, sagte die alte Frau, \u201eund nun wollen wir weitersehen.\u201c<br>Sie schlug ein Tuch um ihre Schultern und ging hinaus. Der Gaukler folgte ihr. Drau\u00dfen schwenkte sie die M\u00fctze immer im Kreise herum und murmelte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Perlen, Perlen, r\u00fchrt euch schnell,<br>bringt uns eilig zu der Stell\u2018,<br>wo das Herz verborgen liegt,<br>wo es sich in Seide schmiegt.<br>Unter Erde, unter Steinen<br>muss es nach dem Knaben weinen,<br>der es l\u00e4ngst verga\u00df.<br>Perlen, zeigt eure Kraft,<br>was ihr wirkt und was ihr schafft,<br>zeigt in den Sternstunden,<br>l\u00f6st euch, frei und ungebunden,<br>seid doch nicht aus Glas!<\/p>\n\n\n\n<p>Da fiel die M\u00fctze zu Boden, und aus jeder Perle wurde ein Vogel. Das war wunderbar anzusehen, da gab es rote, gelbe, gr\u00fcne Federn, betupft, gestreift und in allen Arten.<br>Es war wie ein lebendiger Regenbogen. Diese V\u00f6gel zogen an feinen, goldenen Ketten eine Waage aus Kristall.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alte Frau und der Gaukler stiegen hinein, und nun erhoben die V\u00f6gel ihre Schwingen. Der Wagen flog mit ihnen in die Luft. Nun kam die Musik immer n\u00e4her. Als sie den Turm des Marschiertores erreichten, lie\u00dfen die V\u00f6gel sich nieder. Die alte Frau sprang in eine Dachluke hinein, und der Gaukler, der ja recht beweglich und behende war, machte das gleiche.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun standen sie beide auf einem Speicher und sahen auf den verschiedenen Balken Zwerge mit Musikinstrumenten sitzen. Eine Stimme aber sang dazu:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Suchet nun in aller Ruhe<br>eine schwarze Eisentruhe.<br>Jeder findet dort sein Teil!<br>Gaukler, Gaukler, nimm dein Seil<br>und ertanze dir die Gunst<br>einer schwarzen Teufelskunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann schaute nun in jeden Winkel, und da entdeckte er unter Erde und Steinen versteckt, die Truhe. Er \u00f6ffnete sie. Da lag das Herz in wei\u00dfe Seide eingeh\u00fcllt, und die alte Frau stecke es in ihre Sch\u00fcrzentasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt stellten die Zwerge ihre Instrumente zur Seite und reichten dem Gaukler ein Seil. Er nahm es, warf es zur Luke hinaus, aber es fiel nicht auf die Stra\u00dfe.<br>Ein Vogel fing es mit seinem Schnabel auf und trug es weit fort. Das Seil wuchs. Der Vogel trug es bis zu dem Hause des reichen Knaben und band es dort an einem Steinengel fest, der dicht vor dem Giebel stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gaukler sprang auf das Seil und tanzte leichtf\u00fc\u00dfig, bis er das Ende erreicht hatte. Die alte Frau war nicht mehr zu sehen.<br><br>Als er in das Zimmer des Knaben kam, sa\u00df dieser in seinem Bett aufrecht und lachte. \u201eMir tr\u00e4umte, ich h\u00e4tte mein Herz verloren\u201c, sagte er, \u201eund heute bekam ich es wieder. Ach, mir ist so leicht und fr\u00f6hlich zu Mute. Eine alte Frau mit meergr\u00fcnen Augen brachte mir das Herz. Aber wei\u00dft du, ich habe nicht eher Ruhe, bis der Junge aus dem Nachbargarten zu mir kommt. Er singt so sch\u00f6n, gestern sah ich ihn auf der Mauer sitzen, zum ersten Mal.<br>Ich sprach mit ihm, er ist so gut und freundlich. Dann ging er fort, und ich rief mit meiner Mutter lange nach ihm, aber er kam nicht mehr. Du musst mir nun helfen, ihn zu finden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eO, das kann ich wohl gut\u201c, sagte der Mann und atmete tief auf, \u201eich will dir sp\u00e4ter alles erz\u00e4hlen. \u2013\u201e<\/p>\n\n\n\n<p>So kam der Sohn des Gauklers in das Haus des reichen Knaben, und sie wurden wie Br\u00fcder gemeinsam erzogen. Der Zauber war von Lysanders Seele gewichen, und er lebte froh und unbek\u00fcmmert auf<\/p>\n\n\n\n<p>In den Abendstunden aber war ihnen oft, als dr\u00e4nge jene sonderbare Musik durch den Garten, die der Gaukler geh\u00f6rt hatte. \u201eWir wollen die alte Frau noch einmal besuchen\u201c, sagte er, und die Kinder holten den Schl\u00fcssel, um die eiserne T\u00fcr aufzuschlie\u00dfen. Aber der Schl\u00fcssel drehte sich nicht mehr im Schloss, und sie stiegen alle \u00fcber Mauer. Das haus war nicht mehr zu sehen und der Garten verwildert. Ein fremdes Kind sa\u00df im Gras und pfl\u00fcckte Blumen. \u201eWo ist denn das Haus, was hier stand?\u201c fragte der Gaukler. \u201eHier hat kein Haus gestanden\u201c, sagte das Kind, \u201eniemals.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aachener M\u00e4rchen Vor langer langer Zeit zog einmal ein Seilt\u00e4nzer durch die Stadt Aachen. Dieser eroberte sich die Herzen der Menschen durch seine Kunstfertigkeit und seinen Witz. Er trug wei\u00df-rot gestreifte Beinkleider, eine schwarze Samtjacke und eine merkw\u00fcrdige, kronen\u00e4hnliche Haube aus abgeschlissenem Brokat, die am Rande mit kleinen blindgeworden Perlen besetzt war. 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