{"id":1262,"date":"2021-02-17T22:01:32","date_gmt":"2021-02-17T21:01:32","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1262"},"modified":"2025-12-27T21:20:51","modified_gmt":"2025-12-27T20:20:51","slug":"die-beiden-wanderer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-beiden-wanderer\/","title":{"rendered":"Die beiden Wanderer"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Berg und Tal begegnen sich nicht, wohl aber die Menschenkinder, zumal gute und b\u00f6se. So kamen auch einmal ein Schuster und ein Schneider auf der Wanderschaft zusammen. Der Schneider war ein kleiner,h\u00fcbscher Kerl und war immer lustig und guter Dinge. Er sah den Schuster von der andern Seite heran kommen, und da er an seinem Ranzen merkte, was er f\u00fcr ein Handwerk trieb, rief er ihm ein Spottliedchen zu:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&#8222;N\u00e4he mir die Naht,<br>Ziehe mir den Draht,<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die beiden Wanderer: M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/IRoU7HidyPM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Streich ihn rechts und links mit Pech,<br>Schlage, schlag mir fest den Zweck.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schuster aber konnte keinen Spa\u00df vertragen; er verzog sein Gesicht, als wenn er Essig getrunken h\u00e4tte, und machte Miene, das Schneiderlein am Kragen zu packen. Der kleine Kerl fing aber an zu lachen, reichte ihm seine Flasche und sprach: &#8222;Es ist nicht b\u00f6s gemeint, trink&#8216; einmal und schluck&#8216; die Galle hinunter.&#8220; Der Schuster tat einen gewaltigen Schluck, und das Gewitter auf seinem Gesicht fing an, sich zu verziehen. Er gab dem Schneider die Flasche zur\u00fcck und sprach:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe ihr ordentlich zugesprochen, man sagt wohl vom vielen Trinken, aber nicht vom gro\u00dfen Durst. Wollen wir zusammen wandern?&#8220; &#8211; &#8222;Mir ist&#8217;s recht&#8220;, antwortete der Schneider, &#8222;wenn du nur Lust hast, in eine gro\u00dfe Stadt zu gehen, wo es nicht an Arbeit fehlt.&#8220; &#8211; &#8222;Gerade dahin wollte ich auch&#8220;, antwortete der Schuster; &#8222;in einem kleinen Nest ist nichts zu verdienen, und auf dem Lande gehen die Leute lieber barfuss.&#8220; Sie wanderten also zusammen weiter und setzten immer einen Fu\u00df vor den andern, wie die Wiesel im Schnee.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit genug hatten sie beide, aber wenig zu bei\u00dfen und zu brechen. Wenn sie in eine Stadt kamen, gingen sie umher und gr\u00fc\u00dften das Handwerk, und weil das Schneiderlein so frisch und munter aussah und so h\u00fcbsche rote Backen hatte, gab ihm jeder gern, und wenn das Gl\u00fcck gut war, gab ihm die Meistertochter unter der Haust\u00fcr auch noch einen Kuss auf den Weg. Wenn er mit dem Schuster wieder zusammentraf, hatte er immer mehr in seinem B\u00fcndel. Der griesgr\u00e4mige Schuster schnitt ein schiefes Gesicht und meinte: &#8222;Je gr\u00f6\u00dfer der Schelm, je gr\u00f6\u00dfer das Gl\u00fcck.&#8220; Aber der Schneider fing an zu lachen und zu singen und teilte alles, was er bekam, mit seinem Kameraden. Klingelten nun ein paar Groschen in seiner Tasche, so lie\u00df er auftragen, schlug vor Freude auf den Tisch, dass die Gl\u00e4ser tanzten, und es hie\u00df bei ihm: Leicht verdient und leicht vertan.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie eine Zeitlang gewandert waren, kamen sie an einen gro\u00dfen Wald, durch den der Weg nach der K\u00f6nigsstadt ging. Es f\u00fchrten aber zwei Fu\u00dfsteige hindurch, davon war der eine sieben Tage lang, der andere nur zwei, aber nie mand von ihnen wusste, welcher der k\u00fcrzere Weg war. Die zwei Wanderer setzten sich unter einen Eichbaum und ratschlagten, wie sie sich vorsehen und f\u00fcr wie viel Tage sie Brot mitnehmen wollten. Der Schuster sagte: &#8222;Man muss weiterdenken, als man geht; ich will f\u00fcr sieben Tage Brot mitnehmen.&#8220; &#8222;Was&#8220;, sagte der Schneider, &#8222;f\u00fcr sieben Tage Brot auf dem R\u00fccken schleppen wie ein Lasttier und sich nicht umschauen? Ich halte mich an Gott und kehre mich an nichts. Das Geld, das ich in der Tasche habe, das ist im Sommer so gut als im Winter, aber das Brot wird in der hei\u00dfen Zeit trocken und obendrein schimmlig. Mein Rock geht auch nicht l\u00e4nger als auf die Kn\u00f6chel. Warum sollen wir den richtigen Weg nicht finden? F\u00fcr zwei Tage Brot und damit gut!&#8220; Es kaufte sich also ein jeder sein Brot, dann gingen sie auf gut Gl\u00fcck in den Wald hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Walde war es still wie in einer Kirche. Kein Wind wehte, kein Baum rauschte, kein Vogel sang, und durch die dichtbelaubten \u00c4ste drang kein Sonnenstrahl. Der Schuster sprach kein Wort, ihn dr\u00fcckte das schwere Brot auf dem R\u00fccken, dass ihm der Schwei\u00df \u00fcber sein verdrie\u00dfliches und finsteres Gesicht herab floss. Der Schneider aber war ganz munter, sprang daher, pfiff auf einem Blatt oder sang ein Liedchen und dachte: &#8222;Gott im Himmel muss sich freuen, dass ich so lustig bin.&#8220; Zwei Tage ging das so fort, aber als am dritten Tage der Wald kein Ende nehmen wollte und der Schneider sein Brot aufgegessen hatte, fiel ihm das Herz doch eine Elle tiefer hinab; indessen verlor er den Mut nicht, sondern ver lie\u00df sich auf Gott und sein Gl\u00fcck. Den dritten Tag legte er sich abends hungrig unter einen Baum und stand den andern Morgen hungrig wieder auf. So ging es auch den vierten Tag, und wenn der Schuster sich auf einen umgest\u00fcrzten Baum setzte und seine Mahlzeit verzehrte, blieb dem Schneider nichts als das Zusehen. Bat er um ein St\u00fcckchen Brot, so lachte der andere h\u00f6hnisch und sagte: &#8222;Du bist immer so lustig gewesen, da kannst du auch einmal versuchen, wie&#8217;s tut, wenn man unlustig ist; die V\u00f6gel, die morgens zu fr\u00fch singen, die st\u00f6\u00dft abends der Habicht&#8220;, &#8211; kurz, er war ohne Barmherzigkeit. Aber am f\u00fcnften Morgen konnte der arme Schneider nicht mehr aufstehen und vor Mattigkeit kaum ein Wort herausbringen; die Backen waren ihm hei\u00df und die Augen rot. Da sagte der Schuster zu ihm: &#8222;Ich will dir heute ein St\u00fcck Brot geben, aber daf\u00fcr will ich dir dein rechtes Auge ausstechen.&#8220; Der ungl\u00fcckliche Schneider, der doch gern sein Leben erhalten wollte, konnte sich nicht anders helfen; er weinte noch einmal mit beiden Augen und hielt sie dann hin, und der Schuster, der ein Herz von Stein hatte, stach ihm mit einem scharfen Messer das rechte Auge aus. Dein Schneider kam in den Sinn, was ihm sonst seine Mutter gesagt hatte, wenn er in der Speisekammer genascht hatte: &#8222;Essen, soviel man mag, und leiden, was man muss.&#8220; Als er sein teuer bezahltes Brot verzehrt hatte, machte er sich wieder auf die Beine, verga\u00df sein Ungl\u00fcck und tr\u00f6stete sich damit, dass er mit einem Auge noch immer genug sehen k\u00f6nnte. Aber am sechsten Tag meldete sich der Hunger aufs neue und zehrte ihm fast das Herz auf. Er fiel abends bei einem Baume nieder, und am siebenten Morgen konnte er sich vor Mattigkeit nicht erheben, und der Tod sa\u00df ihm im Nacken. Da sagte der Schuster: &#8222;Ich will Barm herzigkeit aus\u00fcben und dir nochmals Brot geben; umsonst bekommst du es aber nicht, ich steche dir daf\u00fcr das andere Auge noch aus.&#8220; Da erkannte der Schneider sein leichtsinniges Leben, bat den lieben Gott um Verzeihung und sprach: &#8222;Tue, was du musst, ich will leiden, was ich muss, aber bedenke, dass unser Herrgott nicht jeden Augenblick richtet und dass eine andere Stunde kommt, wo die b\u00f6se Tat vergolten wird, die du an mir ver\u00fcbst, und die ich nicht an dir verdient habe. Ich habe in guten Tagen mit dir geteilt, was ich hatte. Mein Handwerk ist derart, dass Stich muss Stich vertreiben. Wenn ich keine Augen mehr habe und nicht mehr n\u00e4hen kann, so muss ich betteln gehen. Lass&#8216; mich nur, wenn ich blind bin, hier nicht allein liegen, sonst muss ich verschmachten.&#8220; Der Schuster aber, der Gott aus seinem Herzen vertrieben hatte, nahm das Messer und stach ihm noch das linke Auge aus. Dann gab er ihm ein St\u00fcckchen Brot zu essen, reichte ihm einen Stock und f\u00fchrte ihn hinter sich her. Als die Sonne unterging, kamen sie aus dem Walde, und vor dem Walde auf dein Felde stand ein Galgen. Dahin leitete der Schuster den blinden Schneider, lie\u00df ihn dann liegen und ging seiner Wege. Vor M\u00fcdigkeit und Hunger schlief der Ungl\u00fcckliche ein und schlief die ganze Nacht. Als der Tag d\u00e4mmerte, erwachte er, wusste aber nicht, wo er lag. An dem Galgen hingen zwei arme S\u00fcnder, und auf dem Kopfe eines jeden sa\u00df eine Kr\u00e4he. Da fing der eine an zu sprechen: &#8222;Bruder, wachst du?&#8220; &#8211; &#8222;Ja, ich wache&#8220;, antwortete der zweite. &#8222;So will ich dir etwas sagen&#8220;, fing der erste wieder an, &#8222;der Tau, der heute Nacht \u00fcber uns vom Galgen herabgefallen ist, der gibt jedem, der sich damit w\u00e4scht, die Augen wieder. Wenn das die Blinden w\u00fcssten, wie mancher k\u00f6nnte sein Gesicht wieder haben, der nicht glaubt, dass das m\u00f6glich sei!&#8220; Als der Schneider das h\u00f6rte, nahm er sein Taschentuch, dr\u00fcckte es auf das Gras, und als es mit dem Tau befeuchtet war, wusch er seine Augenh\u00f6hlen damit. Alsbald ging in Erf\u00fcllung, was der Gehenkte gesagt hatte, und ein Paar frische und gesunde Augen f\u00fcllten die H\u00f6hlen. Es dauerte nicht lange, so sah der Schneider die Sonne hinter den Bergen aufsteigen; vor ihm in der Ebene lag die gro\u00dfe K\u00f6nigsstadt mit ihren pr\u00e4chtigen Toren und hundert T\u00fcrmen, und die goldenen Kn\u00f6pfe und Kreuze, die auf den Spitzen standen, fingen an zu gl\u00fchen. Er unterschied jedes Blatt an den B\u00e4umen, erblickte die V\u00f6gel, die vorbeiflogen, und die M\u00fccken, die in der Luft tanzten. Er holte eine N\u00e4hnadel aus der Tasche, sah als er den Zwirn einf\u00e4deln konnte, so gut, als er es je gekonnt hatte, da sprang sein Herz vor Freude. Er warf sich auf seine Knie, dankte Gott f\u00fcr die erwiesene Gnade und sprach seinen Morgensegen; er verga\u00df auch nicht f\u00fcr die armen S\u00fcnder zu bitten, die da hingen wie der Schwengel in der Glocke, und die der Wind aneinanderschlug. Dann nahm er sein B\u00fcndel auf den R\u00fccken, verga\u00df bald das ausgestandene Herzeleid und ging unter Singen und Pfeifen weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste, was ihm begegnete, war ein braunes F\u00fcllen, das frei im Felde herum- sprang. Er packte es an der M\u00e4hne, wollte sich aufschwingen und in die Stadt reiten. Das F\u00fcllen aber bat um seine Freiheit: &#8222;Ich bin noch zu jung&#8220;, sprach es, &#8222;auch ein leichter Schneider wie du bricht mir den R\u00fccken entzwei, lass&#8216; mich laufen, bis ich stark geworden bin. Es kommt vielleicht eine Zeit, wo ich dir&#8217;s lohnen kann.&#8220; &#8211; &#8222;Lauf&#8216; hin&#8220;, sagte der Schneider, &#8222;ich sehe, du bist auch so ein Springinsfeld.&#8220; Er gab ihm noch einen Hieb mit der Gerte \u00fcber den R\u00fccken, dass es vor Freude mit den Hinterbeinen ausschlug, \u00fcber Hecken und Gr\u00e4ben setzte und in das Feld hineinjagte. Aber das Schneiderlein hatte seit gestern nichts gegessen. &#8222;Die Sonne&#8220;, sprach er, &#8222;f\u00fcllt mir zwar die Augen, aber das Brot nicht den Mund. Das erste, was mir begegnet und halbwegs genie\u00dfbar ist, das muss herhalten.&#8220; Indem schritt ein Storch ganz ernsthaft \u00fcber die Wiese daher. &#8222;Halt, halt!&#8220; rief der Schneider und packte ihn am Bein; &#8222;ich wei\u00df nicht, ob du zu genie\u00dfen bist, aber mein Hunger erlaubt mir keine lange Wahl, ich muss dir den Kopf abschneiden und dich braten.&#8220; &#8211; &#8222;Tue das nicht&#8220;, antwortete der Storch, &#8222;ich bin ein heiliger Vogel, dem niemand ein Leid zuf\u00fcgt, und der den Menschen gro\u00dfen Nutzen bringt. L\u00e4sst du mir mein Leben, so kann ich dir&#8217;s ein andermal vergelten.&#8220; &#8211; &#8222;So zieh&#8216; ab, Vetter Langbein&#8220;&#8218; sagte der Schneider. Der Storch erhob sich, lie\u00df die langen Beine h\u00e4ngen und flog gem\u00e4chlich fort. &#8222;Was soll daraus werden?&#8220; sagte der Schneider zu sich selbst; &#8222;mein Hunger wird immer gr\u00f6\u00dfer und mein Magen immer leerer. Was mir jetzt in den Weg kommt, das ist verloren.&#8220; Indem sah er auf einem Teich ein paar junge Enten daherschwimmen. &#8222;Ihr kommt ja wie gerufen&#8220;, sagte er, packte eine davon und wollte ihr den Hals umdrehen. Da fing die alte Ente, die in dem Schilfe steckte, laut an zu kreischen, schwamm mit aufgesperrtem Schnabel herbei und bat ihn flehentlich, sich ihrer lieben Kinder zu erbarmen. &#8222;Denkst du nicht&#8220;, sagte sie &#8222;wie deine Mutter jammern w\u00fcrde, wenn dich einer wegholen und dir den Gar aus machen wollte?&#8220; &#8211; &#8222;Sei nur still&#8220;, sagte der gutm\u00fctige Schneider, &#8222;du sollst deine Kinder behalten&#8220;, und setzte die Gefangene wieder ins Wasser. Als er sich umkehrte&#8216; stand er vor einem alten Baume, der halb hohl war, und sah die wilden Bienen aus- und einfliegen. &#8222;Da finde ich gleich den Lohn f\u00fcr meine gute Tat&#8220;, sagte der Schneider, &#8222;der Honig wird mich laben.&#8220; Aber der Weisel kam heraus, drohte und sprach: &#8222;Wenn du mein Volk anr\u00fchrst und mein Nest zerst\u00f6rst, sollen dir unsere Stachel wie zehntausend gl\u00fchende Nadeln in die Haut fahren. L\u00e4sst du uns aber in Ruhe und gehst deiner Wege, so wollen wir dir ein andermal daf\u00fcr einen Dienst leisten.&#8220; Das Schneiderlein sah, dass auch hier nichts anzufangen war. &#8222;Drei Sch\u00fcsseln leer&#8220;, sagte er, &#8222;und auf der vierten nichts, das ist eine schlechte Mahlzeit.&#8220; Er schleppte sich also mit seinem ausgehungerten Magen in die Stadt, und da es eben zu Mittag l\u00e4utete, war f\u00fcr ihn im Gasthaus schon gekocht, und er konnte sich gleich zu Tisch setzen. Als er satt war, sagte er: &#8222;Nun will ich auch arbeiten.&#8220; Er ging auch in der Stadt umher, suchte einen Meister und fand auch bald ein gutes Unterkommen. Da er aber sein Handwerk von Grund aus gelernt hatte, so dauerte es nicht lange, er ward ber\u00fchmt, und jeder wollte seinen neuen Rock von dem kleinen Schneider gemacht haben. Alle Tage nahm sein Ansehen zu. &#8222;Ich kann in meiner Kunst nicht weiterkommen&#8220;, sprach er, &#8222;und doch geht&#8217;s jeden Tag besser.&#8220; Endlich bestellte ihn der K\u00f6nig zu seinem Hofschneider.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie&#8217;s in der Welt geht; an demselben Tage war sein ehemaliger Kamerad, der Schuster, auch Hofschuster geworden. Als dieser den Schneider erblickte und sah, dass er wieder zwei gesunde Augen hatte, peinigte ihn das Gewissen. &#8222;Ehe er Rache an mir nimmt&#8220;, dachte er bei sich selbst, &#8222;muss ich ihm eine Grube graben.&#8220; Wer aber andern eine Grube gr\u00e4bt, f\u00e4llt selbst hinein. Abends, als er Feierabend gemacht hatte und es d\u00e4mmrig geworden war, schlich er sich zu dem K\u00f6nige und sagte: &#8222;Herr K\u00f6nig, der Schneider ist ein \u00fcberm\u00fctiger Mensch und hat sich vermessen, er wollte die goldene Krone wieder herbeischaffen, die vor alten Zeiten verlorengegangen ist.&#8220; &#8211; &#8222;Das sollte mir lieb sein&#8220;, sprach der K\u00f6nig, lie\u00df den Schneider am andern Morgen vor sich fordern und befahl ihm, die Krone wieder herbeizuschaffen, oder f\u00fcr immer die Stadt zu verlassen. &#8222;Oho&#8220;, dachte der Schneider, &#8222;ein Schelm gibt mehr, als er hat. Wenn der murrk\u00f6pfige K\u00f6nig von mir verlangt, was kein Mensch leisten kann, so will ich nicht warten bis morgen, sondern gleich heute wieder zur Stadt hinauswandern.&#8220; Er schn\u00fcrte also sein B\u00fcndel; als er aber aus dem Tore hinaus war, tat es ihm doch leid, dass er sein Gl\u00fcck aufgeben und die Stadt, in der es ihm so wohl gegangen war, mit dem R\u00fccken ansehen sollte. Er kam zu dem Teiche, wo er mit den Enten Bekanntschaft gemacht hatte, da sa\u00df gerade die Alte, der er ihre Jungen gelassen hatte, am Ufer und putzte sich mit dem Schnabel. Sie erkannte ihn gleich und fragte, warum er den Kopf so h\u00e4ngen lasse. &#8222;Du wirst dich nicht wundern, wenn du h\u00f6rst, was mir begegnet ist&#8220;, antwortete der Schneider und erz\u00e4hlte ihr sein Schicksal. &#8222;Wenn&#8217;s weiter nichts ist&#8220;, sagte die Ente, &#8222;da k\u00f6nnen wir Rat schaffen. Die Krone ist ins Wasser gefallen und liegt auf dem Grunde, wie bald haben wir sie wieder heraufgeholt! Breite nur derweil dein Taschentuch am Ufer aus.&#8220; Sie tauchte mit ihren zw\u00f6lf Jungen unter, und nach f\u00fcnf Minuten war sie wieder oben und sa\u00df mitten in der Krone, die auf ihren Fittichen ruhte, und die zw\u00f6lf Jungen schwammen rund herum, hatten ihre Schn\u00e4bel untergelegt und halfen tragen. Sie schwammen ans Land und legten die Krone auf das Tuch. Du glaubst nicht, wie pr\u00e4chtig die Krone war, wenn die Sonne darauf schien; sie gl\u00e4nzte da wie hunderttausend Karfunkelsteine. Der Schneider band sein Tuch mit vier Zipfeln zusammen und trug sie zum K\u00f6nig, der in einer Freude war und dem Schneider eine goldene Kette um den Hals h\u00e4ngte. Als der Schuster sah, dass der eine Streich misslungen war, besann er sich auf einen zweiten, trat vor den K\u00f6nig und sprach: &#8222;Herr K\u00f6nig, der Schneider ist wieder so \u00fcberm\u00fctig geworden, er vermisst sich, das ganze k\u00f6nigliche Schloss mit allem, was darin ist, los und fest, innen und au\u00dfen, in Wachs abzubilden.&#8220; Der K\u00f6nig lie\u00df den Schneider kommen und befahl ihm, das ganze k\u00f6nigliche Schloss, mit allem, was darin w\u00e4re, los und fest, innen und au\u00dfen, in Wachs abzubilden, und wenn er es nicht zuzustande br\u00e4chte, oder es fehlte nur ein Nagel an der Wand, so sollte er zeitlebens unter der Erde gefangen sitzen. Der Schneider dachte: &#8222;Es kommt immer \u00e4rger, das h\u00e4lt kein Mensch aus&#8220;, warf sein B\u00fcndel auf den R\u00fccken und wanderte fort. Als er an den hohlen Baum kam, setzte er sich nieder und lie\u00df den Kopf h\u00e4ngen. Die Bienen kamen herausgeflogen, und der Weisel fragte ihn, ob er einen steifen Hals h\u00e4tte, weil er den Kopf so schief halte. &#8222;Ach nein&#8220;, antwortete der Schneider, &#8222;mich dr\u00fcckt etwas anderes&#8220;, und erz\u00e4hlte, was der K\u00f6nig von ihm gefordert hatte. Die Bienen fingen an untereinander zu summen und zu brummen, und der Weisel sprach: &#8222;Geh&#8216; nur wieder nach Hause, komm&#8216; aber morgen um diese Zeit wieder her und bring&#8216; ein gro\u00dfes Tuch mit, so wird alles gut gehen.&#8220; Da kehrte er wieder heim, die Bienen aber flogen nach dem k\u00f6niglichen Schlosse geradezu in die Fenster hinein, krochen in alle Ecken herum und besahen sich alles aufs genaueste. Dann flogen sie zur\u00fcck und bildeten das Schloss in Wachs nach mit solcher Geschwindigkeit, dass man meinte, es w\u00fcchse einem vor den Augen. Schon am Abend war alles fertig, und als der Schneider am folgenden Morgen kam, stand das ganze pr\u00e4chtige Geb\u00e4ude da, und es fehlte kein Nagel an der Wand und kein Ziegel auf dem Dache; dabei war es zart und schneewei\u00df und roch s\u00fc\u00df wie Honig. Der Schneider packte es vorsichtig in sein Tuch und brachte es dem K\u00f6nig, der aber konnte sich nicht genug verwundern, stellte es in seinem gr\u00f6\u00dften Saal auf und schenkte dem Schneider daf\u00fcr ein gro\u00dfes, steinernes Haus. Der Schuster aber lie\u00df nicht nach, ging zum dritten Mal zu dem K\u00f6nig und sprach: &#8222;Herr K\u00f6nig, dem Schneider ist zu Ohren gekommen, dass auf dem Schlosshofe kein Wasser springen will, da hat er sich vermessen, es solle mitten im Hofe mannshoch aufsteigen und hell sein wie Kristall.&#8220; Da lie\u00df der K\u00f6nig den Schneider herbeiholen und sagte: &#8222;Wenn nicht morgen ein Strahl von Wasser in meinem Hofe springt, wie du versprochen hast, so soll dich der Scharfrichter auf demselben Hofe um einen Kopf k\u00fcrzer machen.&#8220; Der arme Schneider besann sich nicht lange und eilte zum Tore hinaus, und weil es ihm diesmal ans Leben gehen sollte, rollten ihm die Tr\u00e4nen \u00fcber die Backen herab. Indem er so voll Trauer dahinging, kam das F\u00fcllen herangesprungen, dem er einmal die Freiheit geschenkt hatte und aus dem ein h\u00fcbscher Brauner geworden war. &#8222;Jetzt kommt die Stunde&#8220;, sprach er zu ihm, &#8222;wo ich dir deine Guttat vergelten kann. Ich wei\u00df schon, was dir fehlt, aber es soll dir bald geholfen werden; sitz&#8216; nur auf, mein R\u00fccken kann deiner zweitragen.&#8220; Dem Schneider kam das Herz wieder, er sprang in einem Satz auf, und das Pferd rannte in vollem Lauf zur Stadt hinein geradezu auf den Schlosshof. Da jagte es dreimal rund herum, schnell wie der Blitz, und beim dritten Mal st\u00fcrzte es nieder. In dem Augenblick aber krachte es furchtbar; ein St\u00fcck Erde sprang in der Mitte des Hofes wie eine Kugel in die Luft und \u00fcber das Schloss hinaus, und gleich dahinter erhob sich ein Strahl von Wasser so hoch wie Mann und Pferd, und das Wasser war so rein wie Kristall, und die Sonnenstrahlen fingen an darauf zu tanzen. Als der K\u00f6nig das sah, stand er vor Verwunderung auf, ging und umarmte das Schneiderlein im Angesicht aller Menschen. Aber das Gl\u00fcck dauerte nicht lange. Der K\u00f6nig hatte T\u00f6chter genug, eine immer sch\u00f6ner als die andere, aber keinen Sohn. Da begab sich der boshafte Schuster zum vierten Mal zu dem K\u00f6nig und sprach: &#8222;Herr K\u00f6nig, der Schneider l\u00e4sst nicht ab von seinem \u00dcbermut. Jetzt hat es sich vermessen, wenn er wolle, so k\u00f6nne er dem Herrn K\u00f6nig einen Sohn durch die L\u00fcfte herbeitragen lassen.&#8220; Der K\u00f6nig lie\u00df den Schneider rufen und sprach: &#8222;Wenn du mir binnen neun Tagen einen Sohn bringen l\u00e4sst, sollst du meine \u00e4lteste Tochter zur Frau haben.&#8220; &#8211; &#8222;Der Lohn ist freilich gro\u00df&#8220;, dachte das Schneiderlein, &#8222;da t\u00e4te man wohl ein \u00fcbriges, aber die Kirschen h\u00e4ngen mir zu hoch: wenn ich danach steige, so bricht unter mir der Ast und ich falle hinab.&#8220; Er ging nach Hause, setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf seinen Arbeitstisch und bedachte sich, was zu tun w\u00e4re. &#8222;Es geht nicht&#8220;, rief er endlich aus, &#8222;ich will fort, hier kann ich doch nicht in Ruhe leben!&#8220; Er schn\u00fcrte sein B\u00fcndel und eilte zum Tore hinaus. Als er auf die Wiesen kam, erblickte er seinen alten Freund, den Storch, der da wie ein Weltweiser auf und ab ging, zuweilen stillstand, einen Frosch in n\u00e4here Betrachtung nahm und ihn endlich verschluckte. Der Storch kam heran und begr\u00fc\u00dfte ihn. &#8222;Ich sehe&#8220;, hob er an, (,du hast deinen Ranzen auf dem R\u00fccken, warum willst du die Stadt verlassen?&#8220; Der Schneider erz\u00e4hlte ihm, was der K\u00f6nig von ihm verlangt hatte und er nicht erf\u00fcllen konnte, und jammerte \u00fcber sein Missgeschick. &#8222;Lass&#8216; dir dar\u00fcber keine grauen Haare wachsen&#8220;, sagte der Storch, &#8222;ich will dir aus der Not helfen. Schon lange bringe ich die Wickelkinder in die Stadt, da kann ich auch einmal einen kleinen Prinzen aus dem Brunnen holen. Geh heim und verhalte dich ruhig. Heute \u00fcber neun Tage begib dich in das k\u00f6nigliche Schloss, da will ich kommen.&#8220; Das Schneiderlein ging nach Hause und war zu rechter Zeit in dem Schlosse. Nicht lange, so kam der Storch herangeflogen und klopfte ans Fenster. Der Schneider \u00f6ffnete ihm, und Vetter Langbein stieg vorsichtig herein und ging mit gravit\u00e4tischen Schritten \u00fcber den glatten Marmorboden; er hatte aber ein Kind im Schnabel, das sch\u00f6n war wie ein Engel und seine H\u00e4ndchen nach der K\u00f6nigin aus streckte. Er legte es ihr auf den Scho\u00df, und sie herzte und k\u00fcsste es und war vor Freude au\u00dfer sich. Der Storch nahm, bevor er wieder wegflog, seine Reisetasche von der Schulter herab und \u00fcberreichte sie der K\u00f6nigin. Es steckten T\u00fcten darin mit bunten Zuckererbsen, sie wurden unter die kleinen Prinzessinnen verteilt. Die \u00e4lteste aber erhielt nichts, sondern bekam den lustigen Schneider zum Mann. &#8222;Es ist mir gerade so&#8220;, sprach der Schneider, &#8222;als wenn ich das gro\u00dfe Los gewonnen h\u00e4tte. Meine Mutter hatte doch recht, die sagte: Wer immer auf Gott vertraut und nur Gl\u00fcck hat, dem kann&#8217;s nicht fehlen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schuster musste die Schuhe machen, in denen das Schneiderlein auf dem Hochzeitsfest tanzte, hernach ward ihm befohlen, die Stadt auf immer zu verlassen. Der Weg nach dem Walde f\u00fchrte ihn zu dem Galgen. Von Zorn, Wut und der Hitze des Tages erm\u00fcdet, warf er sich nieder. Als er die Augen zumachte und schlafen wollte, st\u00fcrzten die beiden Kr\u00e4hen von den K\u00f6pfen der Gehenkten mit lautem Geschrei herab und hackten ihm die Augen aus. Unsinnig rannte er in den Wald und muss darin verschmachtet sein, denn es hat ihn niemand wieder gesehen oder etwas von ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. Grimm Berg und Tal begegnen sich nicht, wohl aber die Menschenkinder, zumal gute und b\u00f6se. So kamen auch einmal ein Schuster und ein Schneider auf der Wanderschaft zusammen. 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Er sah den Schuster von der andern Seite heran kommen, und da er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[87,85],"tags":[],"class_list":["post-1262","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gebr-grimm","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1262"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2819,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1262\/revisions\/2819"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}