{"id":1259,"date":"2021-02-15T02:04:48","date_gmt":"2021-02-15T01:04:48","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1259"},"modified":"2025-12-28T21:16:33","modified_gmt":"2025-12-28T20:16:33","slug":"der-zwerg-nase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-zwerg-nase\/","title":{"rendered":"Der Zwerg Nase"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wilhelm Hauff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Herr! Diejenigen tun sehr unrecht, welche glauben, es habe nur zu Zeiten Haruns Al-Raschid, des Beherrschers von Bagdad, Feen und Zauberer gegeben, oder die gar behaupten, jene Berichte von dem Treiben der Genien und ihrer F\u00fcrsten, welche man von den Erz\u00e4hlern auf den M\u00e4rkten der Stadt h\u00f6rt, seien unwahr. Noch heute gibt es Feen, und es ist nicht so lange her, dass ich selbst Zeuge einer Begebenheit war, wo offenbar die Genien im Spiele waren, wie ich euch berichten werde.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes, Deutschlands, lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und recht. Er sa\u00df bei Tag an der Ecke der Stra\u00dfe und flickte Schuhe und Pantoffeln und machte wohl auch neue, wenn ihm einer welche anvertrauen mochte; doch musste er dann das Leder erst einkaufen, denn er war arm und hatte keine Vorr\u00e4te. Seine Frau verkaufte Gem\u00fcse und Fr\u00fcchte, die sie in einem kleinen G\u00e4rtchen vor dem Tore pflanzte, und viele Leute kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und sauber gekleidet war und ihr Gem\u00fcse auf gef\u00e4llige Art auszubreiten wusste.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Leutchen hatten einen sch\u00f6nen Knaben, angenehm von Gesicht, wohlgestaltet und f\u00fcr das Alter von zw\u00f6lf Jahren schon ziemlich gro\u00df. Er pflegte gew\u00f6hnlich bei der Mutter auf dem Gem\u00fcsemarkt zu sitzen, und den Weibern oder K\u00f6chen, die viel bei der Schustersfrau eingekauft hatten, trug er wohl auch einen Teil der Fr\u00fcchte nach Hause, und selten kam er von einem solchen Gang zur\u00fcck ohne eine sch\u00f6ne Blume oder ein St\u00fcckchen Geld oder Kuchen; denn die Herrschaften dieser K\u00f6che sahen es gerne, wenn man den sch\u00f6nen Knaben mit nach Hause brachte, und beschenkten ihn immer reichlich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der Zwerg Nase: M\u00e4rchen von Wilhelm Hauff (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/faIFix6iKvI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Eines Tages sa\u00df die Frau des Schusters wieder wie gew\u00f6hnlich auf dem Markte, sie hatte vor sich einige K\u00f6rbe mit Kohl und anderem Gem\u00fcse, allerlei Kr\u00e4uter und S\u00e4mereien, auch in einem kleineren K\u00f6rbchen fr\u00fche Birnen, \u00c4pfel und Aprikosen. Der kleine Jakob, so hie\u00df der Knabe, sa\u00df neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus: &#8222;Hierher, ihr Herren, seht, welch sch\u00f6ner Kohl, wie wohlriechend diese Kr\u00e4uter; fr\u00fche Birnen, ihr Frauen, fr\u00fche \u00c4pfel und Aprikosen, wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil.&#8220; So rief der Knabe. Da kam ein altes Weib \u00fcber den Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus, hatte ein kleines, spitziges Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen und eine spitzige, gebogene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem langen Stock, und doch konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn sie hinkte und rutschte und wankte; es war, als habe sie R\u00e4der in den Beinen und k\u00f6nne alle Augenblicke umst\u00fclpen und mit der spitzigen Nase aufs Pflaster fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Es waren jetzt doch schon sechzehn Jahre, dass sie t\u00e4glich auf dem Markte sa\u00df, und nie hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt. Aber sie erschrak unwillk\u00fcrlich, als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren K\u00f6rben stillstand.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Seid Ihr Hanne, die Gem\u00fcseh\u00e4ndlerin?&#8220; fragte das alte Weib mit unangenehmer, kr\u00e4chzender Stimme, indem sie best\u00e4ndig den Kopf hin und her sch\u00fcttelte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, die bin ich&#8220;, antwortete die Schustersfrau, &#8222;ist Euch etwas gef\u00e4llig?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wollen sehen, wollen sehen! Kr\u00e4utlein schauen, Kr\u00e4utlein schauen, ob du hast, was ich brauche&#8220;, antwortete die Alte, beugte sich nieder vor den K\u00f6rben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen, h\u00e4sslichen H\u00e4nden in den Kr\u00e4uterkorb hinein, packte die Kr\u00e4utlein, die so sch\u00f6n und zierlich ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, brachte sie dann eins um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sie hin und her. Der Frau des Schusters wollte es fast das Herz abdrucken, wie sie das alte Weib also mit ihren seltenen Kr\u00e4utern hantieren sah; aber sie wagte nichts zu sagen; denn es war das Recht des K\u00e4ufers, die Ware zu pr\u00fcfen, und \u00fcberdies empfand sie ein sonderbares Grauen vor dem Weibe. Als jene den ganzen Korb durchgemustert hatte, murmelte sie: &#8222;Schlechtes Zeug, schlechtes Kraut, nichts von allem, was ich will, war viel besser vor f\u00fcnfzig Jahren; schlechtes Zeug, schlechtes Zeug!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Reden verdrossen nun den kleinen Jakob. &#8222;H\u00f6re, du bist ein unversch\u00e4mtes, altes Weib&#8220;, rief er unmutig, &#8222;erst f\u00e4hrst du mit deinen garstigen, braunen Fingern in die sch\u00f6nen Kr\u00e4uter hinein und dr\u00fcckst sie zusammen, dann h\u00e4ltst du sie an deine lange Nase, dass sie niemand mehr kaufen mag, wer zugesehen, und jetzt schimpfst du noch unsere Ware schlechtes Zeug, und doch kauft selbst der Koch des Herzogs alles bei uns!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das alte Weib schielte den mutigen Knaben an, lachte widerlich und sprach mit heiserer Stimme: &#8222;S\u00f6hnchen, S\u00f6hnchen! Also gef\u00e4llt dir meine Nase, meine sch\u00f6ne lange Nase? Sollst auch eine haben mitten im Gesicht bis \u00fcbers Kinn herab.&#8220; W\u00e4hrend sie so sprach, rutschte sie an den andern Korb, in welchem Kohl ausgelegt war. Sie nahm die herrlichsten wei\u00dfen Kohlh\u00e4upter in die Hand, dr\u00fcckte sie zusammen, dass sie \u00e4chzten, warf sie dann wieder unordentlich in den Korb und sprach auch hier: &#8222;Schlechte Ware, schlechter Kohl!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wackle nur nicht so garstig mit dem Kopf hin und her!&#8220; rief der Kleine \u00e4ngstlich. &#8222;Dein Hals ist ja so d\u00fcnne wie ein Kohlstengel, der k\u00f6nnte leicht abbrechen, und dann fiele dein Kopf hinein in den Korb; wer wollte dann noch kaufen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gefallen sie dir nicht, die d\u00fcnnen H\u00e4lse?&#8220; murmelte die Alte lachend. &#8222;Sollst gar keinen haben, Kopf muss in den Schultern stecken, dass er nicht herabf\u00e4llt vom kleinen K\u00f6rperlein!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schwatzt doch nicht so unn\u00fctzes Zeug mit dem Kleinen da&#8220;, sagte endlich die Frau des Schusters im Unmut \u00fcber das lange Pr\u00fcfen, Mustern und Beriechen, &#8222;wenn Ihr etwas kaufen wollt, so sputet Euch, Ihr verscheucht mir ja die anderen Kunden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gut, es sei, wie du sagst&#8220;, rief die Alte mit grimmigem Blick. &#8222;Ich will dir diese sechs Kohlh\u00e4upter abkaufen; aber siehe, ich muss mich auf den Stab st\u00fctzen und kann nichts tragen; erlaube deinem S\u00f6hnlein, dass es mir die Ware nach Hause bringt, ich will es daf\u00fcr belohnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kleine wollte nicht mitgehen und weinte; denn ihm graute vor der h\u00e4sslichen Frau, aber die Mutter befahl es ihm ernstlich, weil sie es doch f\u00fcr eine S\u00fcnde hielt, der alten, schw\u00e4chlichen Frau diese Last allein aufzub\u00fcrden; halb weinend tat er, wie sie befohlen, raffte die Kohlh\u00e4upter in ein Tuch zusammen und folgte dem alten Weibe \u00fcber den Markt hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging nicht sehr schnell bei ihr, und sie brauchte beinahe drei Viertelstunden, bis sie in einen ganz entlegenen Teil der Stadt kam und endlich vor einem kleinen, bauf\u00e4lligen Hause stillhielt. Dort zog sie einen alten, rostigen Haken aus der Tasche, fuhr damit geschickt in ein kleines Loch in der T\u00fcre, und pl\u00f6tzlich sprang diese krachend auf. Aber wie war der kleine Jakob \u00fcberrascht, als er eintrat! Das Innere des Hauses war prachtvoll ausgeschm\u00fcckt, von Marmor waren die Decke und die W\u00e4nde, die Ger\u00e4tschaften vom sch\u00f6nsten Ebenholz, mit Gold und geschaffenen Steinen eingelegt, der Boden aber war von Glas und so glatt, dass der Kleine einige Mal ausglitt und umfiel. Die Alte aber zog ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche und pfiff eine Weise darauf, die gellend durch das Haus t\u00f6nte. Da kamen sogleich einige Meerschweinchen die Treppe herab; dem Jakob wollte es aber ganz sonderbar d\u00fcnken, dass sie aufrecht auf zwei Beinen gingen, Nussschalen statt Schuhen an den Pfoten trugen, menschliche Kleider angelegt und sogar H\u00fcte nach der neuesten Mode auf die K\u00f6pfe gesetzt hatten. &#8222;Wo habt ihr meine Pantoffeln, schlechtes Gesindel?&#8220; rief die Alte und schlug mit dem Stock nach ihnen, dass sie jammernd in die H\u00f6he sprangen. &#8222;Wie lange soll ich noch so dastehen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprangen schnell die Treppe hinauf und kamen wieder mit ein Paar Schalen von Kokosnuss, mit Leder gef\u00fcttert, welche sie der Alten geschickt an die F\u00fc\u00dfe steckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war alles Hinken und Rutschen vorbei. Sie warf den Stab von sich und glitt mit gro\u00dfer Schnelligkeit \u00fcber den Glasboden hin, indem sie den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog. Endlich hielt sie in einem Zimmer stille, das, mit allerlei Ger\u00e4tschaften ausgeputzt, beinahe einer K\u00fcche glich, obgleich die Tische von Mahagoniholz und die Sofas, mit reichen Teppichen beh\u00e4ngt, mehr zu einem Prunkgemach passten. &#8222;Setze dich, S\u00f6hnchen&#8220;, sagte die Alte recht freundlich, indem sie ihn in die Ecke eines Sofas dr\u00fcckte und einen Tisch also vor ihn hinstellte, dass er nicht mehr hervorkommen konnte. &#8222;Setze dich, du hast gar schwer zu tragen gehabt, die Menschenk\u00f6pfe sind nicht so leicht, nicht so leicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber, Frau, was sprechet Ihr so wunderlich&#8220;, rief der Kleine. &#8222;M\u00fcde bin ich zwar, aber es waren ja Kohlk\u00f6pfe, die ich getragen, Ihr habt sie meiner Mutter abgekauft.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ei, das wei\u00dft du falsch&#8220;, lachte das Weib, deckte den Deckel des Korbes auf und brachte einen Menschenkopf hervor, den sie am Schopf gefasst hatte. Der Kleine war vor Schrecken au\u00dfer sich; er konnte nicht fassen, wie dies alles zuging; aber er dachte an seine Mutter; wenn jemand von diesen Menschenk\u00f6pfen etwas erfahren w\u00fcrde, dachte er bei sich, da w\u00fcrde man gewiss meine Mutter daf\u00fcr anklagen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Muss dir nun auch etwas geben zum Lohn, weil du so artig bist&#8220;, murmelte die Alte, &#8222;gedulde dich nur ein Weilchen, will dir ein S\u00fcppchen einbrocken, an das du dein Leben lang denken wirst.&#8220; So sprach sie und pfiff wieder. Da kamen zuerst viele Meerschweinchen in menschlichen Kleidern; sie hatten K\u00fcchensch\u00fcrzen umgebunden und im G\u00fcrtel R\u00fchrl\u00f6ffel und Tranchiermesser; nach diesen kam eine Menge Eichh\u00f6rnchen hereingeh\u00fcpft; sie hatten weite t\u00fcrkische Beinkleider an, gingen aufrecht, und auf dem Kopf trugen sie gr\u00fcne M\u00fctzchen von Samt. Diese schienen die K\u00fcchenjungen zu sein; denn sie kletterten mit gro\u00dfer Geschwindigkeit an den W\u00e4nden hinauf und brachten Pfannen und Sch\u00fcsseln, Eier und Butter, Kr\u00e4uter und Mehl herab und trugen. es auf den Herd; dort aber fuhr die alte Frau auf ihren Pantoffeln von Kokosschalen best\u00e4ndig hin und her, und der Kleine sah, dass sie es sich recht angelegen sein lasse, ihm etwas Gutes zu kochen. Jetzt knisterte das Feuer h\u00f6her empor, jetzt rauchte und sott es in der Pfanne, ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer; die Alte aber rannte auf und ab, die Eichh\u00f6rnchen und Meerschweinchen ihr nach, und so oft sie am Herde vorbeikam, guckte sie mit ihrer langen Nase in den Topf. Endlich fing es an zu sprudeln und zu zischen, Dampf stieg aus dem Topf hervor, und der Schaum floss herab ins Feuer. Da nahm sie ihn weg, goss davon in eine silberne Schale und setzte sie dem kleinen Jakob vor.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So, S\u00f6hnchen, so&#8220;, sprach sie, &#8222;i\u00df nur dieses S\u00fcppchen, dann hast du alles, was dir an mir so gefallen! Sollst auch ein geschickter Koch werden, dass du noch etwas bist; aber Kr\u00e4utlein, nein, das Kr\u00e4utlein sollst du nimmer finden &#8211; Warum hat es deine Mutter nicht in ihrem Korb gehabt?&#8220; Der Kleine verstand nicht recht, was sie sprach, desto aufmerksamer behandelte er die Suppe, die ihm ganz trefflich schmeckte. Seine Mutter hatte ihm manche schmackhafte Speise bereitet; aber so gut war ihm noch nichts geworden. Der Duft von feinen Kr\u00e4utern und Gew\u00fcrzen stieg aus der Suppe auf, dabei war sie s\u00fc\u00df und s\u00e4uerlich zugleich und sehr stark. W\u00e4hrend er noch die letzten Tropfen der k\u00f6stlichen Speise austrank, z\u00fcndeten die Meerschweinchen arabischen Weihrauch an, der in bl\u00e4ulichen Wolken durch das Zimmer schwebte; dichter und immer dichter wurden diese Wolken und sanken herab, der Geruch des Weihrauchs wirkte bet\u00e4ubend auf den Kleinen, er mochte sich zurufen, so oft er wollte, dass er zu seiner Mutter zur\u00fcckkehren m\u00fcsse; wenn er sich ermannte, sank er immer wieder von neuem in den Schlummer zur\u00fcck und schlief endlich wirklich auf dem Sofa des alten Weibes ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonderbare Tr\u00e4ume kamen \u00fcber ihn. Es war ihm, als ziehe ihm die Alte seine Kleider aus und umh\u00fclle ihn daf\u00fcr mit einem Eichh\u00f6rnchenbalg. Jetzt konnte er Spr\u00fcnge machen und klettern wie ein Eichh\u00f6rnchen; er ging mit den \u00fcbrigen Eichh\u00f6rnchen und Meerschweinchen, die sehr artige, gesittete Leute waren, um und hatte mit ihnen den Dienst bei der alten Frau. Zuerst wurde er nur zu den Diensten eines Schuhputzers gebraucht, d. h. er musste die Kokosn\u00fcsse, welche die Frau statt der Pantoffeln trug, mit \u00d6l salben und durch Reiben gl\u00e4nzend machen. Da er nun in seines Vaters Hause zu \u00e4hnlichen Gesch\u00e4ften oft angehalten worden war, so ging es ihm flink von der Hand; etwa nach einem Jahre, tr\u00e4umte er weiter, wurde er zu einem feineren Gesch\u00e4ft gebraucht; er musste n\u00e4mlich mit noch einigen Eichh\u00f6rnchen Sonnenst\u00e4ubchen fangen und, wenn sie genug hatten, solche durch das feinste Haarsieb sieben. Die Frau hielt n\u00e4mlich die Sonnenst\u00e4ubchen f\u00fcr das Allerfeinste, und weil sie nicht gut bei\u00dfen konnte, denn sie hatte keinen Zahn mehr, so lie\u00df sie sich ihr Brot aus Sonnenst\u00e4ubchen zubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wiederum nach einem Jahre wurde er zu den Dienern versetzt, die das Trinkwasser f\u00fcr die Alte sammelten. Man denke nicht, dass sie sich hierzu etwa eine Zisterne h\u00e4tte graben lassen oder ein Fass in den Hof stellte, um das Regenwasser darin aufzufangen; da ging es viel feiner zu; die Eichh\u00f6rnchen, und Jakob mit ihnen, mussten mit Haselnuss-schalen den Tau aus den Rosen sch\u00f6pfen, und das war das Trinkwasser der Alten. Da sie nun bedeutend viel trank, so hatten die Wassertr\u00e4ger schwere Arbeit. Nach einem Jahr wurde er zum inneren Dienst des Hauses bestellt; er hatte n\u00e4mlich das Amt, die B\u00f6den rein zu machen; da nun diese von Glas waren, worin man jeden Hauch sah, war das keine geringe Arbeit. Sie mussten sie b\u00fcrsten und altes ach an die F\u00fc\u00dfe schnallen und auf diesem k\u00fcnstlich im Zimmer umherfahren. Im vierten Jahre ward er endlich zur K\u00fcche versetzt. Es war dies ein Ehrenamt, zu welchem man nur nach langer Pr\u00fcfung gelangen konnte. Jakob diente dort vom K\u00fcchenjungen aufw\u00e4rts bis zum ersten Pastetenmacher und erreichte eine so ungemeine Geschicklichkeit und Erfahrung in allem, was die K\u00fcche betrifft, dass er sich oft \u00fcber sich selbst wundern musste; die schwierigsten Sachen, Pasteten von zweihunderterlei Essenzen, Kr\u00e4utersuppen, von allen Kr\u00e4utlein der Erde zusammengesetzt, alles lernte er, alles verstand er schnell und kr\u00e4ftig zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>So waren etwa sieben Jahre im Dienste des alten Weibes vergangen, da befahl sie ihm eines Tages, indem sie die Kokosschuhe auszog, Korb und Kr\u00fcckenstock zur Hand nahm, um auszugehen, er sollte ein H\u00fchnlein rupfen, mit Kr\u00e4utern f\u00fcllen und solches sch\u00f6n br\u00e4unlich und gelb r\u00f6sten, bis sie wiederk\u00e4me. Er tat dies nach den Regeln der Kunst. Er drehte dem H\u00fchnlein den Kragen um, br\u00fchte es in hei\u00dfem Wasser, zog ihm geschickt die Federn aus, schabte ihm nachher die Haut, dass sie glatt und fein wurde, und nahm ihm die Eingeweide heraus. Sodann fing er an, die Kr\u00e4uter zu sammeln, womit er das H\u00fchnlein f\u00fcllen sollte. In der Kr\u00e4uterkammer gewahrte er aber diesmal ein Wandschr\u00e4nkchen, dessen T\u00fcre halb ge\u00f6ffnet war und das er sonst nie bemerkt hatte. Er ging neugierig n\u00e4her, um zu sehen, was es enthalte, und siehe da, es standen viele K\u00f6rbchen darinnen, von welchen ein starker, angenehmer Geruch ausging. Er \u00f6ffnete eines dieser K\u00f6rbchen und fand darin Kr\u00e4utlein von ganz besonderer Gestalt und Farbe. Die St\u00e4ngel und Bl\u00e4tter waren blaugr\u00fcn und trugen oben eine kleine Blume von brennendem Rot, mit Gelb verbr\u00e4mt; er betrachtete sinnend diese Blume, beroch sie, und sie str\u00f6mte denselben starken Geruch aus, von dem einst jene Suppe, die ihm die Alte gekocht, geduftet hatte. Aber so stark war der Geruch, dass er zu niesen anfing, immer heftiger niesen musste und &#8211; am Ende niesend erwachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da lag er auf dem Sofa des alten Weibes und blickte verwundert umher. &#8222;Nein, wie man aber so lebhaft tr\u00e4umen kann!&#8220; sprach er zu sich, &#8222;h\u00e4tte ich jetzt doch schw\u00f6ren wollen, dass ich ein schn\u00f6des Eichh\u00f6rnchen, ein Kamerad von Meerschweinen und anderem Ungeziefer, dabei aber ein gro\u00dfer Koch geworden sei. Wie wird die Mutter lachen, wenn ich ihr alles erz\u00e4hle! Aber wird sie nicht auch schm\u00e4len, dass ich in einem fremden Hause einschlafe, statt ihr zu helfen auf dem Markte?&#8220; Mit diesen Gedanken raffte er sich auf, um hinwegzugehen; noch waren seine Glieder vom Schlafe ganz steif, besonders sein Nacken, denn er konnte den Kopf nicht recht hin und her bewegen; er musste auch selbst \u00fcber sich l\u00e4cheln, dass er so schlaftrunken war; denn alle Augenblicke, ehe er es sich versah, stie\u00df er mit der Nase an einen Schrank oder an die Wand oder schlug sie, wenn er sich schnell umwandte, an einen T\u00fcrpfosten. Die Eichh\u00f6rnchen und Meerschweinchen liefen winselnd um ihn her, als wollten sie ihn begleiten, er lud sie auch wirklich ein, als er auf der Schwelle war, denn es waren niedliche Tierchen; aber sie fuhren auf ihren Nussschalen schnell ins Haus zur\u00fcck, und er h\u00f6rte sie nur noch in der Ferne heulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein ziemlich entlegener Teil der Stadt, wohin ihn die Alte gef\u00fchrt hatte, und er konnte sich kaum aus den engen Gassen herausfinden, auch war dort ein gro\u00dfes Gedr\u00e4nge; denn es musste sich, wie ihm d\u00fcnkte, gerade in der N\u00e4he ein Zwerg sehen lassen; \u00fcberall h\u00f6rte er rufen: &#8222;Ei, sehet den h\u00e4sslichen Zwerg! Wo kommt der Zwerg her? Ei, was hat er doch f\u00fcr eine lange Nase, und wie ihm der Kopf in den Schultern steckt, und die braunen, h\u00e4sslichen H\u00e4nde!&#8220; Zu einer andern Zeit w\u00e4re er wohl auch nachgelaufen, denn er sah f\u00fcr sein Leben gern Riesen oder Zwerge oder seltsame fremde Trachten, aber so musste er sich sputen, um zur Mutter zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ihm ganz \u00e4ngstlich zumute, als er auf den Markt kam. Die Mutter sa\u00df noch da und hatte noch ziemlich viele Fr\u00fcchte im Korb, lange konnte er also nicht geschlafen haben; aber doch kam es ihm von weitem schon vor, als sei sie sehr traurig; denn sie rief die Vor\u00fcbergehenden nicht an, einzukaufen, sondern hatte den Kopf in die Hand gest\u00fctzt, und als er n\u00e4her kam, glaubte er auch, sie sei bleicher als sonst. Er zauderte, was er tun sollte; endlich fasste er sich ein Herz, schlich sich hinter sie hin, legte traulich seine Hand auf ihren Arm und sprach: &#8222;M\u00fctterchen, was fehlt dir? Bist du b\u00f6se auf mich?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau wandte sich um nach ihm, fuhr aber mit einem Schrei des Entsetzens zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was willst du von mir, h\u00e4sslicher Zwerg?&#8220; rief sie. &#8222;Fort, fort! Ich kann dergleichen Possenspiele nicht leiden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber, Mutter, was hast du denn?&#8220; fragte Jakob ganz erschrocken. &#8222;Dir ist gewiss nicht wohl; warum willst du denn deinen Sohn von dir jagen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe dir schon gesagt, gehe deines Weges!&#8220; entgegnete Frau Hanne z\u00fcrnend. &#8222;Bei mir verdienst du kein Geld durch deine Gaukeleien, h\u00e4ssliche Mi\u00dfgeburt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wahrhaftig, Gott hat ihr das Licht des Verstandes geraubt!&#8220; sprach der Kleine bek\u00fcmmert zu sich. &#8222;Was fange ich nur an, um sie nach Haus zu bringen? Lieb M\u00fctterchen, so sei doch nur vern\u00fcnftig; sieh mich doch nur recht an; ich bin ja dein Sohn, dein Jakob.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, jetzt wird mir der Spa\u00df zu unversch\u00e4mt&#8220;, rief Hanne ihrer Nachbarin zu, &#8222;seht nur den h\u00e4sslichen Zwerg da; da steht er und vertreibt mir gewiss alle K\u00e4ufer, und mit meinem Ungl\u00fcck wagt er zu spotten. Spricht zu mir: Ich bin ja dein Sohn, dein Jakob! Der Unversch\u00e4mte!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da erhoben sich die Nachbarinnen und fingen an zu schimpfen, so arg sie konnten &#8211; und Marktweiber, wisset ihr wohl, verstehen es -, und schalten ihn, dass er des Ungl\u00fccks der armen Hanne spotte, der vor sieben Jahren ihr bildsch\u00f6ner &#8218;Knabe gestohlen worden sei, und drohten, insgesamt \u00fcber ihn herzufallen und ihn zu zerkratzen, wenn er nicht alsobald ginge.<\/p>\n\n\n\n<p>Der arme Jakob wusste nicht, was er von diesem allem denken sollte. War er doch, wie er glaubte, heute fr\u00fch wie gew\u00f6hnlich mit der Mutter auf den Markt gegangen, hatte ihr die Fr\u00fcchte aufstellen helfen, war nachher mit dem alten Weib in ihr Haus gekommen, hatte ein S\u00fcppchen verzehrt, ein kleines Schl\u00e4fchen gemacht und war jetzt wieder da, und doch sprachen die Mutter und die Nachbarinnen von sieben Jahren! Und sie nannten ihn einen garstigen Zwerg! Was war denn nun mit ihm vorgegangen? &#8211; Als er sah, dass die Mutter gar nichts mehr von ihm h\u00f6ren wollte, traten ihm die Tr\u00e4nen in die Augen, und er ging trauernd die Stra\u00dfe hinab nach der Bude, wo sein Vater den Tag \u00fcber Schuhe flickte. &#8222;Ich will doch sehen&#8220;, dachte er bei sich, &#8222;ob er mich auch nicht kennen will, unter die T\u00fcre will ich mich stellen und mit ihm sprechen.&#8220; Als er an der Bude des Schusters angekommen war, stellte er sich unter die T\u00fcre und schaute hinein. Der Meister war so emsig mit seiner Arbeit besch\u00e4ftigt, dass er ihn gar nicht sah; als er aber zuf\u00e4llig einen Blick nach der T\u00fcre warf, lie\u00df er Schuhe, Draht und Pfriem auf die Erde fallen und rief mit Entsetzen: &#8222;Um Gottes willen, was ist das, was ist das!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Guten Abend, Meister!&#8220; sprach der Kleine, indem er vollends in den Laden trat. &#8222;Wie geht es Euch?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schlecht, schlecht, kleiner Herr!&#8220; antwortete der Vater zu Jakobs gro\u00dfer Verwunderung; denn er schien ihn auch nicht zu kennen. &#8222;Das Gesch\u00e4ft will mir nicht von der Hand. Bin so allein und werde jetzt alt; doch ist mir ein Geselle zu teuer.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber habt Ihr denn kein S\u00f6hnlein, das Euch nach und nach an die Hand gehen k\u00f6nnte bei der Arbeit?&#8220; forschte der Kleine weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich hatte einen, er hie\u00df Jakob und m\u00fcsste jetzt ein schlanker, gewandter Bursche von zwanzig Jahren sein, der mir t\u00fcchtig unter die Arme greifen k\u00f6nnte. Ha, das m\u00fcsste ein Leben sein! Schon als er zw\u00f6lf Jahre alt war, zeigte er sich so anstellig und geschickt und verstand schon manches vom Handwerk, und h\u00fcbsch und angenehm war er auch; der h\u00e4tte mir eine Kundschaft hergelockt, dass ich bald nicht mehr geflickt, sondern nichts als Neues geliefert h\u00e4tte! Aber so geht&#8217;s in der Welt!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wo ist denn aber Euer Sohn?&#8220; fragte Jakob mit zitternder Stimme seinen Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das wei\u00df Gott&#8220;, antwortete er, &#8222;vor sieben Jahren, ja, so lange ist&#8217;s jetzt her, wurde er uns vom Markte weg gestohlen.&#8220; &#8218;Vor sieben Jahren!&#8220; rief Jakob mit Entsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, kleiner Herr, vor sieben Jahren; ich wei\u00df noch wie heute, wie mein Weib nach Hause kam, heulend und schreiend, das Kind sei den ganzen Tag nicht zur\u00fcckgekommen, sie aber \u00fcberall geforscht und gesucht und es nicht gefunden. Ich habe es immer gedacht und gesagt, dass es so kommen w\u00fcrde; er Jakob war ein sch\u00f6nes Kind, das muss man sagen; da war meine Frau stolz auf ihn und sah es gerne, wenn ihn die Leute lobten, und schickte ihn oft mit Gem\u00fcse und dergleichen in vornehme H\u00e4user. Das war schon recht; er wurde allemal reichlich beschenkt; aber, sagte ich, gib acht! Die Stadt ist gro\u00df; viele schlechte Leute wohnen da, gib mir auf den Jakob acht! Und so war es, wie ich sagte. Kommt einmal ein altes, h\u00e4ssliches Weib auf den Markt, feilscht um Fr\u00fcchte und Gem\u00fcse und kauft am Ende so viel, dass sie es nicht selbst tragen kann. Mein Weib, die mitleidige Seele, gibt ihr den Jungen mit und &#8211; hat ihn zur Stunde nicht mehr gesehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und das ist jetzt sieben Jahre, sagt Ihr?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sieben Jahre wird es im Fr\u00fchling. Wir lie\u00dfen ihn ausrufen, wir gingen von Haus zu Haus und fragten; manche hatten den h\u00fcbschen Jungen gekannt und liebgewonnen und suchten jetzt mit uns, alles vergeblich. Auch die Frau, welche das Gem\u00fcse gekauft hatte, wollte niemand kennen; aber ein steinaltes Weib, die schon neunzig Jahre gelebt hatte, sagte, es k\u00f6nne wohl die b\u00f6se Fee Kr\u00e4uterweis gewesen sein, die alle f\u00fcnfzig Jahre einmal in die Stadt komme, um sich allerlei einzukaufen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So sprach Jakobs Vater und klopfte dabei seine Schuhe weidlich und zog den Draht mit beiden F\u00e4usten weit hinaus. Dem Kleinen aber wurde es nach und nach klar, was mit ihm vorgegangen, dass er n\u00e4mlich nicht getr\u00e4umt, sondern dass er sieben Jahre bei der b\u00f6sen Fee als Eichh\u00f6rnchen gedient habe. Zorn und Gram erf\u00fcllten sein Herz so sehr, dass es beinahe zerspringen wollte. Sieben Jahre seiner Jugend hatte ihm die Alte gestohlen, und was hatte er f\u00fcr Ersatz daf\u00fcr? Dass er Pantoffeln von Kokosn\u00fcssen blank putzen, dass er ein Zimmer mit gl\u00e4sernem Fu\u00dfboden reinmachen konnte? Dass er von den Meerschweinchen alle Geheimnisse der K\u00fcche gelernt hatte? Er stand eine gute Weile so da und dachte \u00fcber sein Schicksal nach; da fragte ihn endlich sein Vater: &#8222;Ist Euch vielleicht etwas von meiner Arbeit gef\u00e4llig, junger Herr? Etwa ein Paar neue Pantoffeln oder&#8220;, setzte er l\u00e4chelnd hinzu, &#8222;vielleicht ein Futteral f\u00fcr Eure Nase?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was wollt Ihr nur mit meiner Nase?&#8220; fragte Jakob, &#8222;warum sollte ich denn ein Futteral dazu brauchen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun&#8220;, entgegnete der Schuster, &#8222;jeder nach seinem Geschmack; aber das muss ich Euch sagen, h\u00e4tte ich diese schreckliche Nase, ein Futteral lie\u00df ich mir dar\u00fcber machen von rosenfarbigem Glanzleder. Schaut, da habe ich ein sch\u00f6nes St\u00fcckchen zur Hand; freilich w\u00fcrde man eine Elle wenigstens dazu brauchen. Aber wie gut w\u00e4ret Ihr verwahrt, kleiner Herr; so, wei\u00df ich gewiss, sto\u00dft Ihr Euch an jedem T\u00fcrpfosten, an jedem Wagen, dem Ihr ausweichen wollet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kleine stand stumm vor Schrecken; er belastete seine Nase, sie war dick und wohl zwei H\u00e4nde lang! So hatte also die Alte auch seine Gestalt verwandelt! Darum kannte ihn also die Mutter nicht? Darum schalt man ihn einen h\u00e4sslichen Zwerg?! &#8222;Meister!&#8220; sprach er halb weinend zu dem Schuster, &#8222;habt Ihr keinen Spiegel bei der Hand, worin ich mich beschauen k\u00f6nnte?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Junger Herr&#8220;, erwiderte der Vater mit Ernst, &#8222;Ihr habt nicht gerade eine Gestalt empfangen, die Euch eitel machen k\u00f6nnte, und Ihr habt nicht Ursache, alle Stunden in den Spiegel zu gucken. Gew\u00f6hnt es Euch ab, es ist besonders bei Euch eine l\u00e4cherliche Gewohnheit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, so lasst mich doch in den Spiegel schauen&#8220;, rief der Kleine, &#8222;gewiss, es ist nicht aus Eitelkeit!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Lasset mich in Ruhe, ich hab&#8216; keinen im Verm\u00f6gen; meine Frau hat ein Spiegelchen, ich wei\u00df aber nicht, wo sie es verborgen. M\u00fcsst Ihr aber durchaus in den Spiegel gucken, nun, \u00fcber der Stra\u00dfe hin wohnt Urban, der Barbier, der hat einen Spiegel, zweimal so gro\u00df als Euer Kopf; gucket dort hinein, und indessen guten Morgen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Worten schob ihn der Vater ganz gelinde zur Bude hinaus, schloss die T\u00fcr hinter ihm zu und setzte sich wieder zur Arbeit. Der Kleine aber ging sehr niedergeschlagen \u00fcber die Stra\u00dfe zu Urban, dem Barbier, den er noch aus fr\u00fcheren Zeiten wohl kannte. &#8222;Guten Morgen, Urban&#8220;, sprach er zu ihm, &#8222;ich komme, Euch um eine Gef\u00e4lligkeit zu bitten; seid so gut und lasset mich ein wenig in Euren Spiegel schauen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mit Vergn\u00fcgen, dort steht er&#8220;, rief der Barbier lachend, und seine Kunden, denen er den Bart scheren sollte, lachten weidlich mit. &#8222;Ihr seid ein h\u00fcbsches B\u00fcrschchen, schlank und fein, ein H\u00e4lschen wie ein Schwan, H\u00e4ndchen wie eine K\u00f6nigin, und ein Stumpfn\u00e4schen, man kann es nicht sch\u00f6ner sehen. Ein wenig eitel seid Ihr darauf, das ist wahr; aber beschauet Euch immer! Man soll nicht von mir sagen, ich habe Euch aus Neid nicht in meinen Spiegel schauen lassen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So sprach der Barbier, und wieherndes Gel\u00e4chter f\u00e4llte die Baderstube. Der Kleine aber war indes vor den Spiegel getreten und hatte sich beschaut. Tr\u00e4nen traten ihm in die Augen. &#8222;Ja, so konntest du freilich deinen Jakob nicht wiedererkennen, liebe Mutter&#8220;, sprach er zu sich, &#8222;so war er nicht anzuschauen in den Tagen der Freude, wo du gerne mit ihm prangtest vor den Leuten!&#8220; Seine Augen waren klein geworden wie die der Schweine, seine Nase war ungeheuer und hing \u00fcber Mund und Kinn herunter, der Hals schien g\u00e4nzlich weggenommen worden zu sein; denn sein Kopf stak tief in den Schultern, und nur mit den gr\u00f6\u00dften Schmerzen konnte er ihn rechts und links bewegen. Sein K\u00f6rper war noch so gro\u00df als vor sieben Jahren, da er zw\u00f6lf Jahre alt war; aber wenn andere vom zw\u00f6lften bis ins zwanzigste in die H\u00f6he wachsen, so wuchs er in die Breite, der R\u00fccken und die Brust waren weit ausgebogen und waren anzusehen wie ein kleiner, aber sehr dick gef\u00e4llter Sack; dieser dicke Oberleib sa\u00df auf kleinen, schwachen Beinchen, die dieser Last nicht gewachsen schienen, aber um so gr\u00f6\u00dfer waren die Arme, die ihm am Leib herabhingen, sie hatten die Gr\u00f6\u00dfe wie die eines wohlgewachsenen Mannes, seine H\u00e4nde waren grob und braungelb, seine Finger lang und spinnenartig, und wenn er sie recht ausstreckte, konnte er damit auf den Boden reichen, ohne dass er sich b\u00fcckte. So sah er aus, der kleine Jakob, zum missgestalteten Zwerg war er geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gedachte er auch jenes Morgens, an welchem das alte Weib an die K\u00f6rbe seiner Mutter getreten war. Alles, was er damals an ihr getadelt hatte, die lange Nase, die h\u00e4sslichen Finger, alles hatte sie ihm angetan, und nur den langen, zitternden Hals hatte sie g\u00e4nzlich weggelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nun, habt Ihr Euch jetzt genug beschaut, mein Prinz?&#8220; sagte der Barbier, indem er zu ihm trat und ihn lachend betrachtete. &#8222;Wahrlich, wenn man sich dergleichen tr\u00e4umen lassen wollte, so komisch k\u00f6nnte es einem im Traume nicht vorkommen. Doch ich will Euch einen Vorschlag machen, kleiner Mann. Mein Barbierzimmer ist zwar sehr besucht, aber doch seit neuerer Zeit nicht so, wie ich w\u00fcnsche. Das kommt daher, weil mein Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen Riesen aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt. Nun, ein Riese zu werden, ist gerade keine Kunst, aber so ein M\u00e4nnchen wie Ihr, ja, das ist schon ein ander Ding. Tretet bei mir in Dienste, kleiner Mann, Ihr sollt Wohnung, Essen, Trinken, Kleider, alles sollt Ihr haben; daf\u00fcr stellt Ihr Euch morgens unter meine T\u00fcre und ladet die Leute ein, hereinzukommen. Ihr schlaget den Seifenschaum, reichet den Kunden das Handtuch und seid versichert, wir stehen uns beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden als jener mit dem Riesen, und jeder gibt Euch gerne noch ein Trinkgeld.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kleine war in seinem Innern emp\u00f6rt \u00fcber den Vorschlag, als Lockvogel f\u00fcr einen Barbier zu dienen. Aber musste er sich nicht diesen Schimpf geduldig gefallen lassen? Er sagte dem Barbier daher ganz ruhig, dass er nicht Zeit habe zu dergleichen Diensten, und ging weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Hatte das b\u00f6se alte Weib seine Gestalt unterdr\u00fcckt, so hatte sie doch seinem Geist nichts anhaben k\u00f6nnen, das f\u00fchlte er wohl; denn er dachte und f\u00fchlte nicht mehr, wie er vor sieben Jahren getan; nein, er glaubte in diesem Zeitraum weiser, verst\u00e4ndiger geworden zu sein; er trauerte nicht um seine verlorene Sch\u00f6nheit, nicht \u00fcber diese h\u00e4ssliche Gestalt, sondern nur dar\u00fcber, dass er wie ein Hund von der T\u00fcre seines Vaters gejagt werde. Darum beschloss er, noch einen Versuch bei seiner Mutter zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er trat zu ihr auf den Markt und bat sie, ihm ruhig zuzuh\u00f6ren. Er erinnerte sie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weibe gegangen, er erinnerte sie an alle einzelnen Vorf\u00e4lle seiner Kindheit, erz\u00e4hlte ihr dann, wie er sieben Jahre als Eichh\u00f6rnchen gedient habe bei der Fee und wie sie ihn verwandelte, weil er sie damals getadelt. Die Frau des Schusters wusste nicht, was sie denken sollte. Alles traf zu, was er ihr von seiner Kindheit erz\u00e4hlte, aber wenn er davon sprach, dass er sieben Jahre lang ein Eichh\u00f6rnchen gewesen sei, da sprach sie: &#8222;Es ist unm\u00f6glich, und es gibt keine Feen&#8220;, und wenn sie ihn ansah, so verabscheute sie den h\u00e4sslichen Zwerg und glaubte nicht, dass dies ihr Sohn sein k\u00f6nne. Endlich hielt sie es f\u00fcrs beste, mit ihrem Manne dar\u00fcber zu sprechen. Sie raffte also ihre K\u00f6rbe zusammen und hie\u00df ihn mitgehen. So kamen sie zu der Bude des Schusters.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sieh einmal&#8220;, sprach sie zu diesem, &#8222;der Mensch da will unser verlorner Jakob sein. Er hat mir alles erz\u00e4hlt, wie er uns vor sieben Jahren gestohlen wurde und wie er von einer Fee verzaubert worden sei.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So?&#8220; unterbrach sie der Schuster mit Zorn, &#8222;hat er dir dies erz\u00e4hlt? Warte, du Range! Ich habe ihm alles erz\u00e4hlt noch vor einer Stunde, und jetzt geht er hin, dich so zu foppen! Verzaubert bist du worden, mein S\u00f6hnchen? Warte doch, ich will dich wieder entzaubern.&#8220; Dabei nahm er ein B\u00fcndel Riemen, die er eben zugeschnitten hatte, sprang auf den Kleinen zu und schlug ihn auf den hohen R\u00fccken und auf die langen Arme, dass der Kleine vor Schmerz aufschrie und weinend davonlief.<\/p>\n\n\n\n<p>In jener Stadt gibt es, wie \u00fcberall, wenige mitleidige Seelen, die einen Ungl\u00fccklichen, der zugleich etwas L\u00e4cherliches an sich tr\u00e4gt, unterst\u00fctzen. Daher kam es, dass der ungl\u00fcckliche Zwerg den ganzen Tag ohne Speise und Trank blieb und abends die Treppen einer Kirche, so hart und kalt sie waren, zum Nachtlager w\u00e4hlen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihn aber am n\u00e4chsten Morgen die ersten Strahlen der Sonne erweckten, da dachte er ernstlich dar\u00fcber nach, wie er sein Leben fristen k\u00f6nne, da ihn Vater und Mutter versto\u00dfen. Er f\u00fchlte sich zu stolz, um als Aush\u00e4ngeschild eines Barbiers zu dienen, er wollte nicht zu einem Possenrei\u00dfer sich verdingen und sich um Geld sehen lassen. Was sollte er anfangen? Da fiel ihm mit einemmal bei, dass er als Eichh\u00f6rnchen gro\u00dfe Fortschritte in der Kochkunst gemacht habe; er glaubte nicht mit Unrecht, hoffen zu d\u00fcrfen, dass er es mit manchem Koch aufnehmen k\u00f6nne; er beschloss, seine Kunst zu ben\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald es daher lebhafter wurde auf den Stra\u00dfen und der Morgen ganz heraufgekommen war, trat er zuerst in die Kirche und verrichtete sein Gebet. Dann trat er seinen Weg an. Der Herzog, der Herr des Landes, o Herr, war ein bekannter Schlemmer und Lecker, der eine gute Tafel liebte und seine K\u00f6che in allen Weltteilen aufsuchte. Zu seinem Palast begab sich der Kleine. Als er an die \u00e4u\u00dferste Pforte kam, fragten die T\u00fcrh\u00fcter nach seinem Begehr und hatten ihren Spott mit ihm; er aber verlangte nach dem Oberk\u00fcchenmeister. Sie lachten und f\u00fchrten ihn durch die Vorh\u00f6fe, und wo er hinkam, blieben die Diener stehen, schauten nach ihm, lachten weidlich und schlossen sich an, so dass nach und nach ein ungeheurer Zug von Dienern aller Art sich die Treppe des Palastes hinaufbewegte; die Stallknechte warfen ihre Striegel weg, die L\u00e4ufer liefen, was sie konnten, die Teppichbreiter verga\u00dfen, die Teppiche auszuklopfen, alles dr\u00e4ngte und trieb sich, es war ein Gef\u00fchl, als sei der Feind vor den Toren, und das Geschrei: &#8222;Ein Zwerg, ein Zwerg! Habt ihr den Zwerg gesehen?&#8220; f\u00e4llte die L\u00fcfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da erschien der Aufseher des Hauses mit grimmigem Gesicht, eine ungeheure Peitsche in der Hand, in der T\u00fcre. &#8222;Um des Himmels willen, ihr Hunde, was macht ihr solchen L\u00e4rm! Wisset ihr nicht, dass der Herr noch schl\u00e4ft?&#8220; Und dabei schwang er die Gei\u00dfel und lie\u00df sie unsanft auf den R\u00fccken einiger Stallknechte und T\u00fcrhalter niederfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, Herr!&#8220; riefen sie, &#8222;seht Ihr denn nicht? Da bringen wir einen Zwerg, einen Zwerg, wie Ihr noch keinen gesehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufseher des Palastes zwang sich mit M\u00fche, nicht laut aufzulachen, als er des Kleinen ansichtig wurde; denn er f\u00fcrchtete, durch Lachen seiner W\u00fcrde zu schaden. Er trieb daher mit der Peitsche die \u00fcbrigen hinweg, f\u00fchrte den Kleinen ins Haus und fragte nach seinem Begehr. Als er h\u00f6rte, jener wolle zum K\u00fcchenmeister, erwiderte er &#8211; &#8222;Du irrst dich, mein S\u00f6hnchen; zu mir, dem Aufseher des Hauses, willst du; du willst Leibzwerg werden beim Herzog; ist es nicht also?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein, Herr!&#8220; antwortete der Zwerg. &#8222;Ich bin ein geschickter Koch und erfahren in allerlei seltenen Speisen; wollet mich zum Oberk\u00fcchenmeister bringen; vielleicht kann er meine Kunst brauchen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Jeder nach seinem Willen, kleiner Mann; \u00fcbrigens bist du doch ein unbesonnener Junge. In die K\u00fcche! Als Leibzwerg h\u00e4ttest du keine Arbeit gehabt und Essen und Trinken nach Herzenslust und sch\u00f6ne Kleider. Doch, wir wollen sehen, deine Kochkunst wird schwerlich so weit reichen, als ein Mundkoch des Herren n\u00f6tig hat, und zum K\u00fcchenjungen bist du zu gut.&#8220; Bei diesen Worten nahm ihn der Aufseher des Palastes bei der Hand und f\u00fchrte ihn in die Gem\u00e4cher des Oberk\u00fcchenmeisters.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gn\u00e4diger Herr&#8220;, sprach dort der Zwerg und verbeugte sich so tief, dass er mit der Nase den Fu\u00dfteppich ber\u00fchrte, &#8222;brauchet Ihr keinen geschickten Koch?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Oberk\u00fcchenmeister betrachtete ihn vom Kopf bis zu den F\u00fc\u00dfen, brach dann in lautes Lachen aus und sprach: &#8222;Wie?&#8220; rief er, &#8222;du ein Koch? Meinst du, unsere Herde seien so niedrig, dass du nur auf einen hinaufschauen kannst, wenn du dich auch auf die Zehen stellst und den Kopf recht aus den Schultern herausarbeitest? O lieber Kleiner! Wer dich zu mir geschickt hat, um dich als Koch zu verdingen, der hat dich zum Narren gehabt.&#8220; So sprach der Oberk\u00fcchenmeister und lachte weidlich, und mit ihm lachten der Aufseher des Palastes und alle Diener, die im Zimmer waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zwerg aber lie\u00df sich nicht aus der Fassung bringen. &#8222;Was liegt an einem Ei oder zweien, an ein wenig Sirup und Wein, an Mehl und Gew\u00fcrze in einem Hause, wo man dessen genug hat?&#8220; sprach er. &#8222;Gebet mir irgendeine leckerhafte Speise zu bereiten auf, schaffet mir, was ich dazu brauche, und sie soll vor Euren Augen schnell bereitet sein, und Ihr sollet sagen m\u00fcssen, er ist ein Koch nach Regel und Recht.&#8220; Solche und \u00e4hnliche Reden f\u00fchrte der Kleine, und es war wunderlich anzuschauen, wie es dabei aus seinen kleinen \u00c4uglein hervorblitzte, wie seine lange Nase sich hin und her schl\u00e4ngelte und seine d\u00fcnnen Spinnenfinger seine Rede begleiteten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wohlan!&#8220; rief der K\u00fcchenmeister und nahm den Aufseher des Palastes unter dem Arme, &#8222;wohlan, es sei um des Spa\u00dfes willen; lasset uns zur K\u00fcche gehen!&#8220; Sie gingen durch mehrere S\u00e4le und G\u00e4nge und kamen endlich in die K\u00fcche. Es war dies ein gro\u00dfes, weitl\u00e4ufiges Geb\u00e4ude, herrlich eingerichtet; auf zwanzig Herden brannten best\u00e4ndig Feuer; ein klares Wasser, das zugleich zum Fischbeh\u00e4lter diente, floss mitten durch sie, in Schr\u00e4nken von Marmor und k\u00f6stlichem Holz waren die Vorr\u00e4te aufgestellt, die man immer zur Hand haben musste, und zur Rechten und Linken waren zehn S\u00e4le, in welchen alles aufgespeichert war, was man in allen L\u00e4ndern von Frankistan und selbst im Morgenlande K\u00f6stliches und Leckeres f\u00fcr den Gaumen erfunden. K\u00fcchenbedienstete aller Art liefen umher und rasselten und hantierten mit Kesseln und Pfannen, mit Gabeln und Schauml\u00f6ffeln; als aber der Oberk\u00fcchenmeister in die K\u00fcche eintrat, blieben sie alle regungslos stehen, und nur das Feuer h\u00f6rte man noch knistern und das B\u00e4chlein rieseln. &#8222;Was hat der Herr heute zum Fr\u00fchst\u00fcck befohlen?&#8220; fragte der Meister den ersten Fr\u00fchst\u00fccksmacher, einen alten Koch. &#8222;Herr, die d\u00e4nische Suppe hat er geruht zu befehlen und rote Hamburger Kl\u00f6\u00dfchen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gut&#8220;, sprach der K\u00fcchenmeister weiter, &#8222;hast du geh\u00f6rt, was der Herr speisen will? Getraust du dich, diese schwierigen Speisen zu bereiten? Die Kl\u00f6\u00dfchen bringst du auf keinen Fall heraus, das ist ein Geheimnis.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nichts leichter als dies&#8220;, erwiderte zu allgemeinem Erstaunen der Zwerg; denn er hatte diese Speisen als Eichh\u00f6rnchen oft gemacht; &#8222;nichts leichter! Man gebe mir zu der Suppe die und die Kr\u00e4uter, dies und jenes Gew\u00fcrz, Fett von einem wilden Schwein, Wurzeln und Eier; zu den Kl\u00f6\u00dfchen aber&#8220;, sprach er leiser, dass es nur der K\u00fcchenmeister und der Fr\u00fchst\u00fccksmacher h\u00f6ren konnten, &#8222;zu den Kl\u00f6\u00dfchen brauche ich viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz, Ingwer und ein gewisses Kraut, das man Magentrost hei\u00dft.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ha! Bei St. Benedikt! Bei welchem Zauberer hast du gelernt?&#8220; rief der Koch mit Staunen. &#8222;Alles bis auf ein Haar hat er gesagt, und das Kr\u00e4utlein Magentrost haben wir selbst nicht gewusst; ja, das muss es noch angenehmer machen. O du Wunder von einem Koch!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das h\u00e4tte ich nicht gedacht&#8220;, sagte der Oberk\u00fcchenmeister, &#8222;doch lassen wir ihn die Probe machen; gebt ihm die Sachen, die er verlangt, Geschirr und alles, und lasset ihn das Fr\u00fchst\u00fcck bereiten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man tat, wie er befohlen, und r\u00fcstete alles auf dem Herde zu; aber da fand es sich, dass der Zwerg kaum mit der Nase bis an den Herd reichen konnte. Man setzte daher ein paar St\u00fchle zusammen, legte eine Marmorplatte dar\u00fcber und lud den kleinen Wundermann ein, sein Kunstst\u00fcck zu beginnen. In einem gro\u00dfen Kreise standen die K\u00f6che, K\u00fcchenjungen, Diener und allerlei Volk umher und sahen zu und staunten, wie ihm alles so flink und fertig von der Hand ging, wie er alles so reinlich und niedlich bereitete. Als er mit der Zubereitung fertig war, befahl er, beide Sch\u00fcsseln ans Feuer zu setzen und genau so lange kochen zu lassen, bis er rufen werde; dann fing er an zu z\u00e4hlen, eins, zwei drei und so fort, und gerade als er f\u00fcnfhundert gez\u00e4hlt hatte, rief er: &#8222;Halt!&#8220; Die T\u00f6pfe wurden weggesetzt, und der Kleine lud den K\u00fcchenmeister ein, zu kosten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mundkoch lie\u00df sich von einem K\u00fcchenjungen einen goldenen L\u00f6ffel reichen, sp\u00fclte ihn im Bach und \u00fcberreichte ihn dem Oberk\u00fcchenmeister. Dieser trat mit feierlicher Miene an den Herd, nahm von den Speisen, kostete, dr\u00fcckte die Augen zu, schnalzte vor Vergn\u00fcgen mit der Zunge und sprach dann: &#8222;K\u00f6stlich, bei des Herzogs Leben, k\u00f6stlich! Wollet Ihr nicht auch ein L\u00f6ffelchen zu Euch nehmen, Aufseher des Palastes?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser verbeugte sich, nahm den L\u00f6ffel, versuchte und war vor Vergn\u00fcgen und Lust au\u00dfer sich. &#8222;Eure Kunst in Ehren, lieber Fr\u00fchst\u00fccksmacher, Ihr seid ein erfahrener Koch; aber so herrlich habt Ihr weder die Suppe noch die Hamburger Kl\u00f6\u00dfe machen k\u00f6nnen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch der Koch kostete jetzt, sch\u00fcttelte dann dem Zwerg ehrfurchtsvoll die Hand und sagte: &#8222;Kleiner! Du bist Meister in der Kunst, ja, das Kr\u00e4utlein Magentrost, das gibt allem einen ganz eigenen Reiz.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in die K\u00fcche und berichtete, dass der Herr das Fr\u00fchst\u00fcck verlange. Die Speisen wurden nun auf silberne Platten gelegt und dem Herzog zugeschickt; der Oberk\u00fcchenmeister aber nahm den Kleinen in sein Zimmer und unterhielt sich mit ihm. Kaum waren sie aber halb so lange da, als man ein Paternoster spricht (es ist dies das Gebet der Franken, o Herr, und dauert nicht halb so lange als das Gebet der Gl\u00e4ubigen), so kam schon ein Bote und rief den Oberk\u00fcchenmeister zum Herrn. Er kleidete sich schnell in sein Festkleid und folgte dem Boten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Herzog sah sehr vergn\u00fcgt aus. Er hatte alles aufgezehrt, was auf den silbernen Platten gewesen war, und wischte sich eben den Bart ab, als der Oberk\u00fcchenmeister zu ihm eintrat. &#8222;H\u00f6re, K\u00fcchenmeister&#8220;, sprach er, &#8222;ich bin mit deinen K\u00f6chen bisher immer sehr zufrieden gewesen; aber sage mir, wer hat heute mein Fr\u00fchst\u00fcck bereitet? So k\u00f6stlich war es nie, seit ich auf dem Thron meiner V\u00e4ter sitze; sage an, wie er hei\u00dft, der Koch, dass wir ihm einige Dukaten zum Geschenk schicken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Herr, das ist eine wunderbare Geschichte&#8220;, antwortete der Oberk\u00fcchenmeister und erz\u00e4hlte, wie man ihm heute fr\u00fch einen Zwerg gebracht, der durchaus Koch werden wollte und wie sich dies alles begeben. Der Herzog verwunderte sich h\u00f6chlich, lie\u00df den Zwerg vor sich rufen und fragte ihn aus, wer er sei und woher er komme. Da konnte nun der arme Jakob freilich nicht sagen, dass er verzaubert worden sei und fr\u00fcher als Eichh\u00f6rnchen gedient habe; doch blieb er bei der Wahrheit, indem er erz\u00e4hlte, er sei jetzt ohne Vater und Mutter und habe bei einer alten Frau kochen gelernt. Der Herzog fragte nicht weiter, sondern erg\u00f6tzte sich an der sonderbaren Gestalt seines neuen Kochs.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Willst du bei mir bleiben&#8220;, sprach er, &#8222;so will ich dir j\u00e4hrlich f\u00fcnfzig Dukaten, ein Festkleid und noch \u00fcberdies zwei Paar Beinkleider reichen lassen. Daf\u00fcr musst du aber t\u00e4glich mein Fr\u00fchst\u00fcck selbst bereiten, musst angeben, wie das Mittagessen gemacht werden soll, und Oberhaupt dich meiner K\u00fcche annehmen. Da jeder in meinem Palast seinen eigenen Namen von mir empf\u00e4ngt, so sollst du Nase hei\u00dfen und die W\u00fcrde eines Unterk\u00fcchenmeisters bekleiden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zwerg Nase fiel nieder vor dem m\u00e4chtigen Herzog in Frankenland, k\u00fcsste ihm die F\u00fc\u00dfe und versprach, ihm treu zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>So war nun der Kleine f\u00fcrs erste versorgt, und er machte seinem Amt Ehre. Denn man kann sagen, dass der Herzog ein ganz anderer Mann war, w\u00e4hrend der Zwerg Nase sich in seinem Hause aufhielt. Sonst hatte es ihm oft beliebt, die Sch\u00fcsseln oder Platten, die man ihm auftrug, den K\u00f6chen an den Kopf zu werfen; ja, dem Oberk\u00fcchenmeister selbst warf er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfa\u00df, der nicht weich genug geworden war, so heftig an die Stirne, dass er umfiel und drei Tage zu Bett liegen musste. Der Herzog machte zwar, was er im Zorn getan, durch einige H\u00e4nde voll Dukaten wieder gut, aber dennoch war nie ein Koch ohne Zittern und Zagen mit den Speisen zu ihm gekommen. Seit der Zwerg im Hause war, schien alles wie durch Zauber umgewandelt. Der Herr a\u00df jetzt statt dreimal des Tages f\u00fcnfmal, um sich an der Kunst seines kleinsten Dieners recht zu laben, und dennoch verzog er nie eine Miene zum Unmut. Nein, er fand alles neu, trefflich, war leutselig und angenehm und wurde von Tag zu Tag fetter.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft lie\u00df er mitten unter der Tafel den K\u00fcchenmeister und den Zwerg Nase rufen, setzte den einen rechts, den anderen links zu sich und schob ihnen mit seinen eigenen Fingern einige Bissen der k\u00f6stlichsten Speisen in den Mund, eine Gnade, welche sie beide wohl zu sch\u00e4tzen wussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zwerg war das Wunder der Stadt. Man erbat sich flehentlich Erlaubnis vom Oberk\u00fcchenmeister, den Zwerg kochen zu sehen, und einige der vornehmsten M\u00e4nner hatten es so weit gebracht beim Herzog, dass ihre Diener in der K\u00fcche beim Zwerg Unterrichtsstunden genie\u00dfen durften, was nicht wenig Geld eintrug; denn jeder zahlte t\u00e4glich einen halben Dukaten. Und um die \u00fcbrigen K\u00f6che bei guter Laune zu erhalten und sie nicht neidisch auf ihn zu machen, \u00fcberlie\u00df ihnen Nase dieses Geld, das die Herren f\u00fcr den Unterricht ihrer K\u00f6che zahlen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>So lebte Nase beinahe zwei Jahre in \u00e4u\u00dferlichem Wohlleben und Ehre, und nur der Gedanke an seine Eltern betr\u00fcbte ihn; so lebte er, ohne etwas Merkw\u00fcrdiges zu erfahren, bis sich folgender Vorfall ereignete. Der Zwerg Nase war besonders geschickt und gl\u00fccklich in seinen Eink\u00e4ufen. Daher ging er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, immer selbst auf den Markt, um Gefl\u00fcgel und Fr\u00fcchte einzukaufen. Eines Morgens ging er auch auf den G\u00e4nsemarkt und forschte nach schweren, fetten G\u00e4nsen, wie sie der Herr liebte. Er war musternd schon einige Mal auf und ab gegangen. Seine Gestalt, weit entfernt, hier Lachen und Spott zu erregen, gebot Ehrfurcht; denn man erkannte ihn als den ber\u00fchmten Mundkoch des Herzogs, und jede G\u00e4nsefrau f\u00fchlte sich gl\u00fccklich, wenn er ihr die Nase zuwandte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke eine Frau sitzen, die auch G\u00e4nse feil hatte, aber nicht wie die \u00fcbrigen ihre Ware anpries; zu dieser trat er und ma\u00df und wog ihre G\u00e4nse. Sie waren, wie er sie w\u00fcnschte, und er kaufte drei samt dem K\u00e4fig, lud sie auf seine breiten Schultern und trat den R\u00fcckweg an. Da kam es ihm sonderbar vor, dass nur zwei von diesen G\u00e4nsen schnatterten und schrien, wie rechte G\u00e4nse zu tun pflegen, die dritte aber ganz still und in sich gekehrt dasa\u00df und Seufzer ausstie\u00df und \u00e4chzte wie ein Mensch &#8211; &#8222;Die ist halbkrank&#8220;, sprach er vor sich hin, &#8222;ich muss eilen, dass ich sie umbringe und zurichte.&#8220; Aber die Gans antwortete ganz deutlich und laut:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Stichst du mich, So bei\u00df&#8216; ich dich. Dr\u00fcckst du mir die Kehle ab, Bring&#8216; ich dich ins fr\u00fche Grab.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz erschrocken setzte der Zwerg Nase seinen K\u00e4fig nieder, und die Gans sah ihn mit sch\u00f6nen, klugen Augen an und seufzte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ei der Tausend!&#8220; rief Nase. &#8222;Sie kann sprechen, Jungfer Gans? Das h\u00e4tte ich nicht gedacht. Na, sei Sie nur nicht \u00e4ngstlich! Man wei\u00df zu leben und wird einem so seltenen Vogel nicht zu Leibe gehen. Aber ich wollte wetten, Sie ist nicht von jeher in diesen Federn gewesen. War ich ja selbst einmal ein schn\u00f6des Eichh\u00f6rnchen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du hast recht&#8220;, erwiderte die Gans, &#8222;wenn du sagst, ich sei nicht in dieser schmachvollen H\u00fclle geboren worden. Ach, an meiner Wiege wurde es mir nicht gesungen, dass Mimi, des gro\u00dfen Wetterbocks Tochter, in der K\u00fcche eines Herzogs get\u00f6tet werden soll!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sei Sie doch ruhig, liebe Jungfer Mimi&#8220;, tr\u00f6stete der Zwerg. &#8222;So war ich ein ehrlicher Kerl und Unterk\u00fcchenmeister Seiner Durchlaucht bin, es soll Ihr keiner an die Kehle. Ich will Ihr in meinen eigenen Gem\u00e4chern einen Stall anweisen, Futter soll Sie genug haben, und meine freie Zeit werde ich Ihrer Unterhaltung widmen; den \u00fcbrigen K\u00fcchenmenschen werde ich sagen, dass ich eine Gans mit allerlei besonderen Kr\u00e4utern f\u00fcr den Herzog m\u00e4ste, und sobald sich Gelegenheit findet, setze ich Sie in Freiheit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gans dankte ihm mit Tr\u00e4nen; der Zwerg aber tat, wie er versprochen, schlachtete die zwei anderen G\u00e4nse, f\u00fcr Mimi aber baute er einen eigenen Stall unter dem Vorwande, sie f\u00fcr den Herzog ganz besonders zuzurichten. Er gab ihr auch kein gew\u00f6hnliches G\u00e4nsefutter, sondern versah sie mit Backwerk und s\u00fc\u00dfen Speisen.<\/p>\n\n\n\n<p>So oft er freie Zeit hatte, ging er hin, sich mit ihr zu unterhalten und sie zu tr\u00f6sten. Sie erz\u00e4hlten sich auch gegenseitig ihre Geschichten, und Nase erfuhr auf diesem Wege, dass die Gans eine Tochter des Zauberers Wetterbock sei, der auf der Insel Gotland lebe. Er sei in Streit geraten mit einer alten Fee, die ihn durch R\u00e4nke und List \u00fcberwunden und sie zur Rache in eine Gans verwandelt und weit hinweg bis hierher gebracht habe. Als der Zwerg Nase ihr seine Geschichte ebenfalls erz\u00e4hlt hatte, sprach sie: &#8222;Ich bin nicht unerfahren in &#8222;lesen Sachen. Mein Vater hat mir und meinen Schwestern einige Anleitung gegeben, so viel er n\u00e4mlich davon mitteilen durfte. Die Geschichte mit dem Streit am Kr\u00e4uterkorb, deine pl\u00f6tzliche Verwandlung, als du an jenem Kr\u00e4utlein rochst, auch einige Worte der Alten, die du mir sagtest, beweisen mir, dass du auf Kr\u00e4uter verzaubert bist, das hei\u00dft, wenn du das Kraut auffindest, das sich die Fee bei deiner Verzauberung gedacht hat, so kannst du erl\u00f6st werden.&#8220; Es war dies ein geringer Trost f\u00fcr den Kleinen; denn wo sollte er das Kraut auffinden? Doch dankte er ihr und sch\u00f6pfte einige Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Zeit bekam der Herzog einen Besuch von einem benachbarten F\u00fcrsten, seinem Freunde. Er lie\u00df daher seinen Zwerg Nase vor sich kommen und sprach zu ihm: &#8222;Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du mir zeigen musst, ob du mir treu dienst und Meister deiner Kunst bist. Dieser F\u00fcrst, der bei mir zu Besuch ist, speist bekanntlich au\u00dfer mir am besten und ist ein gro\u00dfer Kenner einer feinen K\u00fcche und ein weiser Mann. Sorge nun daf\u00fcr, dass meine Tafel t\u00e4glich also besorgt werde, dass er immer mehr in Erstaunen ger\u00e4t. Dabei darfst du, bei meiner Ungnade, so lange er da ist, keine Speise zweimal bringen. Daf\u00fcr kannst du dir von meinem Schatzmeister alles reichen lassen, was du nur brauchst. Und wenn du Gold und Diamanten in Schmalz baden musst so tu es! Ich will lieber ein armer Mann werden, als err\u00f6ten vor ihm.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So sprach der Herzog! Der Zwerg aber sagte, indem er sich anst\u00e4ndig verbeugte: &#8222;Es sei, wie du sagst, o Herr! So es Gott der gef\u00e4llt, werde ich alles so machen, dass es diesem F\u00fcrsten der Gutschmecker wohlgef\u00e4llt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Koch suchte nun seine ganze Kunst hervor. Er schonte die Sch\u00e4tze seines Herrn nicht, noch weniger aber sich selbst. Denn man sah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingeh\u00fcllt, und seine Stimme hallte best\u00e4ndig durch das Gew\u00f6lbe der K\u00fcche; denn er befahl als Herrscher den K\u00fcchenjungen und niederen K\u00f6chen. Herr! Ich k\u00f6nnte es machen wie die Kameltreiber von Aleppo, wenn sie in ihren Geschichten, die sie den Reisenden erz\u00e4hlen, die Menschen herrlich speisen lassen. Sie f\u00fchren eine ganze Stunde lang alle die Gerichte an, die aufgetragen worden sind, und erwecken dadurch gro\u00dfe Sehnsucht und noch gr\u00f6\u00dferen Hunger in ihren Zuh\u00f6rern, so dass diese unwillk\u00fcrlich die Vorr\u00e4te \u00f6ffnen und eine Mahlzeit halten und den Kameltreibern reichlich mitteilen; doch ich nicht also.<\/p>\n\n\n\n<p>Der fremde F\u00fcrst war schon vierzehn Tage beim Herzog und lebte herrlich und in Freuden. Sie speisten des Tages nicht weniger als f\u00fcnfmal, und der Herzog war zufrieden mit der Kunst des Zwerges; denn er sah Zufriedenheit auf der Stirne seines Gastes. Am f\u00fcnfzehnten Tage aber begab es sich, dass der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen lie\u00df, ihn seinem Gast, dem F\u00fcrsten, vorstellte und diesen fragte, wie er mit dem Zwerg zufrieden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du bist ein wunderbarer Koch&#8220;, antwortete der fremde F\u00fcrst, &#8222;und wei\u00dft, was anst\u00e4ndig essen hei\u00dft. Du hast in der ganzen Zeit, da ich hier bin, nicht eine einzige Speise wiederholt und alles trefflich bereitet. Aber sage mir doch, warum bringst du so lange nicht die K\u00f6nigin der Speisen, die Pastete Souzeraine?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zwerg war sehr erschrocken; denn er hatte von dieser Pastetenk\u00f6nigin nie geh\u00f6rt; doch fasste er sich und antwortete: &#8222;O Herr! Noch lange, hoffte ich, sollte dein Angesicht leuchten an diesem Hoflager, darum wartete ich mit dieser Speise; denn womit sollte dich denn der Koch begr\u00fc\u00dfen am Tage des Scheidens als mit der K\u00f6nigin der Pasteten?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So?&#8220; entgegnete der Herzog lachend. &#8222;Und bei mir wolltest du wohl warten bis an meinen Tod, um mich dann noch zu begr\u00fc\u00dfen? Denn auch mir hast du die Pastete noch nie vorgesetzt. Doch denke auf einen anderen Scheidegru\u00df; denn morgen musst du die Pastete auf die Tafel setzen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es sei, wie du sagst, Herr!&#8220; antwortete der Zwerg und ging. Aber er ging nicht vergn\u00fcgt; denn der Tag seiner Schande und seines Ungl\u00fccks war gekommen. Er wusste nicht, wie er die Pastete machen sollte. Er ging daher in seine Kammer und weinte \u00fcber sein Schicksal.<\/p>\n\n\n\n<p>Da trat die Gans Mimi, die in seinem Gemach umhergehen durfte, zu ihm und fragte ihn nach der Ursache seines Jammers. &#8222;Stille deine Tr\u00e4nen&#8220;, antwortete sie, als sie von der Pastete Souzeraine geh\u00f6rt, &#8222;dieses Gericht kam oft auf meines Vaters Tisch, und ich wei\u00df ungef\u00e4hr, was man dazu braucht; du nimmst dies und jenes, so und so viel, und wenn es auch nicht durchaus alles ist, was eigentlich dazu n\u00f6tig, die Herren werden keinen so feinen Geschmack haben.&#8220; So sprach Mimi. Der Zwerg aber sprang auf vor Freuden, segnete den Tag, an welchem er die Gans gekauft hatte, und schickte sich an, die K\u00f6nigin der Pasteten zuzurichten. Er machte zuerst einen kleinen Versuch, und siehe, es schmeckte trefflich, und der Oberk\u00fcchenmeister, dem er davon zu kosten gab, pries aufs Neue seine ausgebreitete Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p>Den anderen Tag setzte er die Pastete in gr\u00f6\u00dferer Form auf und schickte sie warm, wie sie aus dem Ofen kam, nachdem er sie mit Blumenkr\u00e4nzen geschmeckt hatte, auf die Tafel. Er selbst aber zog sein bestes Festkleid an und ging in den Speisesaal. Als r eintrat, war der Obervorschneider gerade damit besch\u00e4ftigt, die Pastete zu zerschneiden und auf einem silbernen Sch\u00e4ufelein dem Herzog und seinem Gaste hinzureichen. Der Herzog tat einen t\u00fcchtigen Biss hinein, schlug die Augen auf zur Decke und sprach, nachdem er geschluckt hatte: &#8222;Ah, ah, ah! Mit Recht nennt man dies die K\u00f6nigin der Pasteten; aber mein Zwerg ist auch der K\u00f6nig aller K\u00f6che! Nicht also, lieber Freund?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gast nahm einige kleine Bissen zu sich, kostete und pr\u00fcfte aufmerksam und l\u00e4chelte dabei h\u00f6hnisch und geheimnisvoll. &#8222;Das Ding ist recht artig gemacht&#8220;, antwortete er, indem er den Teller hinwegr\u00fcckte, &#8222;aber die Souzeraine ist es denn doch nicht ganz; das habe ich mir wohl gedacht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da runzelte der Herzog vor Unmut die Stirne und err\u00f6tete vor Besch\u00e4mung. &#8222;Hund von einem Zwerg!&#8220; rief er, &#8222;wie wagst du es, deinem Herrn dies anzutun? Soll ich dir deinen gro\u00dfen Kopf abhacken lassen zur Strafe f\u00fcr deine schlechte Kocherei?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, Herr! Um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch zubereitet nach den Regeln der Kunst, es kann gewiss nichts fehlen!&#8220; so sprach der Zwerg und zitterte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Es ist eine L\u00fcge, du Bube!&#8220; erwiderte der Herzog und stie\u00df ihn mit dem Fu\u00dfe von sich. &#8222;Mein Gast w\u00fcrde sonst nicht sagen, es fehlt etwas. Dich selbst will ich zerhacken und backen lassen in eine Pastete!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Habt Mitleiden!&#8220; rief der Kleine und rutschte auf den Knien zu dem Gast, dessen F\u00fc\u00dfe er umfasste. &#8222;Saget, was fehlt in dieser Speise, dass sie Eurem Gaumen nicht zusagt? Lasset mich nicht sterben wegen einer Handvoll Fleisch und Mehl.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das wird dir wenig helfen, mein lieber Nase&#8220;, antwortete der Fremde mit Lachen, &#8222;das habe ich mir schon gestern gedacht, dass du diese Speise nicht machen kannst wie mein Koch . Wisse, es fehlt ein Kr\u00e4utlein, das man hierzulande gar nicht kennt, das Kraut Niesmitlust; ohne dieses bleibt die Pastete ohne W\u00fcrze, und dein Herr wird sie nie essen wie ich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da geriet der Herrscher in Frankistan in Wut. &#8222;Und doch werde ich sie essen&#8220;, rief er mit funkelnden Augen, &#8222;denn ich schw\u00f6re bei meiner f\u00fcrstlichen Ehre: Entweder zeige ich Euch morgen die Pastete, wie Ihr sie verlangt &#8211; oder den Kopf dieses Burschen, aufgespie\u00dft auf dem Tor meines Palastes. Gehe, du Hund, noch einmal gebe ich dir vierundzwanzig Stunden Zeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So rief der Herzog; der Zwerg aber ging wieder weinend in sein K\u00e4mmerlein und klagte der Gans sein Schicksal und dass er sterben m\u00fcsse; denn von dem Kraut habe er nie geh\u00f6rt. &#8222;Ist es nur dies&#8220;, sprach sie, &#8222;da kann ich dir schon helfen; denn mein Vater lehrte mich alle Kr\u00e4uter kennen. Wohl w\u00e4rest du vielleicht zu einer anderen Zeit des Todes gewesen; aber gl\u00fccklicherweise ist es gerade Neumond, und um diese Zeit bl\u00fcht das Kr\u00e4utlein. Doch, sage an, sind alte Kastanienb\u00e4ume in der N\u00e4he des Palastes?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;O ja!&#8220; erwiderte Nase mit leichterem Herzen. &#8222;Am See, zweihundert Schritte vom Haus, steht eine ganze Gruppe; doch warum diese?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nur am Fu\u00dfe alter Kastanien bl\u00fcht das Kr\u00e4utlein&#8220;, sagte Mimi, &#8222;darum lass uns keine Zeit vers\u00e4umen und suchen, was du brauchst; nimm mich auf deinen Arm und setze mich im Freien nieder; ich will dir suchen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er tat, wie sie gesagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palastes. Dort aber streckte der T\u00fcrh\u00fcter das Gewehr vor und sprach: &#8222;Mein guter Nase, mit dir ist&#8217;s vorbei; aus dem Hause darfst du nicht, ich habe den strengsten Befehl dar\u00fcber.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen?&#8220; erwiderte der Zwerg. &#8222;Sei so gut und schicke einen deiner Gesellen zum Aufseher des Palastes und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kr\u00e4uter suchen d\u00fcrfe?&#8220; Der T\u00fcrh\u00fcter tat also, und es wurde erlaubt; denn der Garten hatte hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu denken. Als aber Nase mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war, setzte er sie behutsam nieder, und sie ging schnell vor ihm her dem See zu, wo die Kastanien standen. Er folgte ihr nur mit beklommenem Herzen; denn es war ja seine letzte, einzige Hoffnung; fand sie das Kr\u00e4utlein nicht, so stand sein Entschluss fest, er st\u00fcrzte sich dann lieber in den See, als dass er sich k\u00f6pfen lie\u00df. Die Gans suchte vergebens, sie wandelte unter allen Kastanien, sie wandte mit dem Schnabel jedes Gr\u00e4schen um, es wollte sich nichts zeigen, und sie fing aus Mitleid und Angst an zu weinen; denn schon wurde der Abend dunkler und die Gegenst\u00e4nde umher waren schwerer zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da fielen die Blicke des Zwerges \u00fcber den See hin, und pl\u00f6tzlich rief er: &#8222;Siehe, siehe, dort \u00fcber dem See steht noch ein gro\u00dfer, alter Baum; lass uns dorthin gehen und suchen, vielleicht bl\u00fcht dort mein Gl\u00fcck.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gans h\u00fcpfte und flog voran, und er lief nach, so schnell seine kleinen Beine konnten; der Kastanienbaum warf einen gro\u00dfen Schatten, und es war dunkel umher, fast war nichts mehr zu erkennen; aber da blieb pl\u00f6tzlich die Gans stille stehen, schlug vor Freuden mit den Fl\u00fcgeln, fuhr dann schnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pfl\u00fcckte etwas ab, das sie dem erstaunten Nase zierlich mit dem Schnabel \u00fcberreichte und sprach: &#8222;Das ist das Kr\u00e4utlein, und hier w\u00e4chst eine Menge davon, so dass es dir nie daran fehlen kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zwerg betrachtete das Kraut sinnend; ein s\u00fc\u00dfer Duft str\u00f6mte ihm daraus entgegen, der ihn unwillk\u00fcrlich an die Szene seiner Verwandlung erinnerte; die St\u00e4ngel, die Bl\u00e4tter waren bl\u00e4ulichgr\u00fcn, sie trugen eine brennend rote Blume mit gelbem Rande.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gelobt sei Gott!&#8220; rief er endlich aus. &#8222;Welches Wunder! Wisse, ich glaube, es ist dies dasselbe Kraut, das mich aus einem Eichh\u00f6rnchen in diese sch\u00e4ndliche Gestalt umwandelte; soll ich den Versuch machen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noch nicht&#8220;, bat die Gans. &#8222;Nimm von diesem Kraut eine Handvoll mit dir, lass uns auf dein Zimmer gehen und dein Geld, und was du sonst hast, zusammenraffen, und dann wollen wir die Kraft des Krautes versuchen!&#8220; Sie taten also und gingen auf seine Kammer zur\u00fcck, und das Herz des Zwerges pochte h\u00f6rbar vor Erwartung. Nachdem er f\u00fcnfzig oder sechzig Dukaten, die er erspart hatte, einige Kleider und Schuhe zusammen in ein B\u00fcndel gekn\u00fcpft hatte, sprach er: &#8222;So es Gott gef\u00e4llig ist, werde ich diese B\u00fcrde loswerden&#8220;, steckte seine Nase tief in die Kr\u00e4uter und sog ihren Duft ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Da zog und knackte es in allen seinen Gliedern, er f\u00fchlte, wie sich sein Kopf aus den Schultern hob, er schielte herab auf seine Nase und sah sie kleiner und kleiner werden, sein R\u00fccken und seine Brust fingen an, sich zu ebnen, und seine Beine wurden l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gans sah mit Erstaunen diesem allem zu. &#8222;Ha! Was du gro\u00df, was du sch\u00f6n bist!&#8220; rief sie. &#8222;Gott sei gedankt, es ist nichts mehr an dir von allem, was du vorher warst!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da freute sich Jakob sehr, und er faltete die H\u00e4nde und betete. Aber seine Freude lie\u00df ihn nicht vergessen, welchen Dank er der Gans schuldig sei; zwar dr\u00e4ngte ihn sein Herz, zu seinen Eltern zu gehen; doch besiegte er aus Dankbarkeit diesen Wunsch und sprach: &#8222;Wem anders als dir habe ich es zu danken, dass ich mir selbst wiedergeschenkt bin? Ohne dich h\u00e4tte ich dieses Kraut nimmer gefunden, h\u00e4tte also ewig in jener Gestalt bleiben oder vielleicht gar unter dem Beile des Henkers sterben m\u00fcssen. Wohlan, ich will es dir vergelten. Ich will dich zu deinem Vater bringen; er, der erfahren ist in jedem Zauber, wird dich leicht entzaubern k\u00f6nnen.&#8220; Die Gans vergoss Freudentr\u00e4nen und nahm sein Anerbieten an. Jakob kam gl\u00fccklich und unerkannt mit der Gans aus dem Palast und machte sich auf den Weg nach dem Meeresstrand, Mimis Heimat, zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Was soll ich noch weiter erz\u00e4hlen, dass sie ihre Reise gl\u00fccklich vollendeten, dass Wetterbock seine Tochter entzauberte und den Jakob, mit Geschenken beladen, entlie\u00df, dass er in seine Vaterstadt zur\u00fcckkam und dass seine Eltern in dem sch\u00f6nen jungen Mann mit Vergn\u00fcgen ihren verlorenen Sohn erkannten, dass er von den Geschenken, die er von Wetterbock mitbrachte, sich einen Laden kaufte und reich und gl\u00fccklich wurde?<\/p>\n\n\n\n<p>Nur so viel will ich noch sagen, dass nach seiner Entfernung aus dem Palaste des Herzogs gro\u00dfe Unruhe entstand; denn als am anderen Tage der Herzog seinen Schwur erf\u00fcllen und dem Zwerg, wenn er die Kr\u00e4uter nicht gefunden h\u00e4tte, den Kopf abschlagen lassen wollte, war er nirgends zu finden; der F\u00fcrst aber behauptete, der Herzog habe ihn heimlich entkommen lassen, um sich nicht seines besten Kochs zu berauben, und klagte ihn an, dass er wortbr\u00fcchig sei. Dadurch entstand denn ein gro\u00dfer Krieg zwischen beiden F\u00fcrsten, der in der Geschichte unter dem Namen &#8222;Kr\u00e4uterkrieg&#8220; wohlbekannt ist; es wurde manche Schlacht geschlagen, aber am Ende doch Friede gemacht, und diesen Frieden nennt man bei uns den &#8222;Pastetenfrieden&#8220;, weil beim Vers\u00f6hnungsfest durch den Koch des F\u00fcrsten die Souzeraine, die K\u00f6nigin der Pasteten, zubereitet wurde, welche sich der Herr Herzog trefflich schmecken lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>So f\u00fchren oft die kleinsten Ursachen zu gro\u00dfen Folgen; und dies, o Herr, ist die Geschichte des Zwerges Nase.<\/p>\n\n\n\n<p>So erz\u00e4hlte der Sklave aus Frankistan; nachdem er geendet hatte, lie\u00df der Scheik Ali Banu ihm und den anderen Sklaven Fr\u00fcchte reichen, sich zu erfrischen, und unterhielt sich, w\u00e4hrend sie a\u00dfen, mit seinen Freunden. Die jungen M\u00e4nner aber, die der Alte eingef\u00fchrt hatte, waren voll Lobes \u00fcber den Scheik, sein Haus und alle seine Einrichtungen. &#8222;Wahrlich&#8220;, sprach der junge Schreiber, &#8222;es gibt keinen angenehmeren Zeitvertreib als Geschichten anzuh\u00f6ren. Ich k\u00f6nnte tagelang so hinsetzen, die Beine untergeschlagen, einen Arm aufs Kissen gest\u00fctzt, die Stirne in die Hand gelegt, und, wenn es ginge, des Scheiks gro\u00dfe Wasserpfeife in der Hand, und Geschichten anh\u00f6ren &#8211; so ungef\u00e4hr stelle ich mir das Leben vor in den G\u00e4rten Mahomeds.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So lange Ihr jung seid und arbeiten k\u00f6nnt&#8220;, sprach der Alte, &#8222;kann ein solcher tr\u00e4ger Wunsch nicht Euer Ernst sein. Aber das gebe ich Euch zu, dass ein eigener Reiz darin liegt, etwas erz\u00e4hlen zu h\u00f6ren. So alt ich bin, und ich gehe nun ins siebenundsiebzigste Jahr, so viel ich in meinem Leben schon geh\u00f6rt habe, so verschm\u00e4he ich es doch nicht, wenn an der Ecke ein Geschichtenerz\u00e4hler sitzt und um ihn in gro\u00dfem Kreis die Zuh\u00f6rer, mich ebenfalls hinzusetzen und zuzuh\u00f6ren. Man tr\u00e4umt sich ja in die Begebenheiten hinein, die erz\u00e4hlt werden, man lebt mit diesen Menschen, mit diesen wundervollen Geistern, mit Feen und dergleichen Leuten, die uns nicht alle Tage begegnen, und hat nachher, wenn man einsam ist, Stoff, sich alles zu wiederholen, wie der Wanderer, der sich gut versehen hat, wenn er durch die W\u00fcste reist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe nie so dar\u00fcber nachgedacht&#8220;, erwiderte ein anderer der jungen Leute, &#8222;worin der Reiz solcher Geschichten eigentlich liegt. Aber mir geht es wie euch. Schon als Kind konnte man mich, wenn ich ungeduldig war, durch eine Geschichte zum Schweigen bringen. Es war mir anfangs gleichg\u00fcltig, von was es handelte, wenn es nur erz\u00e4hlt war, wenn nur etwas geschah; wie oft habe ich, ohne zu erm\u00fcden, jene Fabeln angeh\u00f6rt, die weise M\u00e4nner erfunden und in welche sie einen Kern ihrer Weisheit gelegt haben, vom Fuchs und vom t\u00f6richten Raben, vom Fuchs und vom Wolf, viele Dutzend Geschichten vom L\u00f6wen und den \u00fcbrigen Tieren. Als ich \u00e4lter wurde und mehr unter die Menschen kam, gen\u00fcgten mir jene kurzen Geschichten nicht mehr; sie mussten schon l\u00e4nger sein, mussten von Menschen und ihren wunderbaren Schicksalen handeln.&#8220; &#8222;Ja, ich entsinne mich noch wohl dieser Zeit&#8220;, unterbrach ihn einer seiner Freunde. &#8222;Du warst es, der uns diesen Drang nach Erz\u00e4hlungen beibrachte. Einer Eurer Sklaven wusste so viel zu erz\u00e4hlen, als ein Kameltreiber von Mekka nach Medina spricht; wenn er fertig war mit seiner Arbeit, musste er sich zu uns setzen, und da baten wir so lange, bis er zu erz\u00e4hlen anfing, und das ging fort und fort, bis die Nacht heraufkam.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und erschloss sich uns&#8220;, entgegnete der Schreiber, &#8222;erschloss sich uns da nicht ein neues, nie gekanntes Reich, das Land der Genien und Feen, bebaut mit allen Wundern der Pflanzenwelt, mit reichen Pal\u00e4sten von Smaragden und Rubinen, mit riesenhaften Sklaven bev\u00f6lkert, die erschienen, wenn man einen Ring hin und wider dreht oder die Wunderlampe reibt oder das Wort Salomos ausspricht, und in goldenen Schalen herrliche Speisen bringen. Wir f\u00fchlten uns unwillk\u00fcrlich in jenes Land versetzt, wir machten mit Sindbad seine wunderbaren Fahrten, wir gingen mit Harun Al-Raschid, dem weisen Beherrscher der Gl\u00e4ubigen, abends spazieren, wir kannten Giaffar, seinen Wesir, so gut als uns selbst, kurz, wir lebten in jenen Geschichten, wie man nachts in Tr\u00e4umen lebt, und es gab keine sch\u00f6nere Tageszeit f\u00fcr uns als den Abend, wo der alte Sklave uns erz\u00e4hlte. Aber sage uns, Alter, worin liegt es denn eigentlich, dass wir damals so gerne erz\u00e4hlen h\u00f6rten, dass es noch jetzt f\u00fcr uns keine angenehmere Unterhaltung gibt?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewegung, die im Zimmer entstand, und die Aufforderung zur Aufmerksamkeit, die der Sklavenaufseher gab, verhinderte den Alten zu antworten. Die jungen Leute wussten nicht, ob sie sich freuen sollten, dass sie eine neue Geschichte anh\u00f6ren durften, oder ungehalten sein dar\u00fcber, dass ihr anziehendes Gespr\u00e4ch mit dem Alten unterbrochen worden war; aber ein zweiter Sklave erhob sich bereits und begann:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Hauff Herr! Diejenigen tun sehr unrecht, welche glauben, es habe nur zu Zeiten Haruns Al-Raschid, des Beherrschers von Bagdad, Feen und Zauberer gegeben, oder die gar behaupten, jene Berichte von dem Treiben der Genien und ihrer F\u00fcrsten, welche man von den Erz\u00e4hlern auf den M\u00e4rkten der Stadt h\u00f6rt, seien unwahr. 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