{"id":1255,"date":"2021-02-12T01:00:28","date_gmt":"2021-02-12T00:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1255"},"modified":"2025-12-27T22:24:31","modified_gmt":"2025-12-27T21:24:31","slug":"das-tapfere-schneiderlein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/das-tapfere-schneiderlein\/","title":{"rendered":"Das tapfere Schneiderlein"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebr. Grimm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An einem Sommermorgen sa\u00df ein Schneiderlein auf seinem Tische am Fenster, war guter Dinge und n\u00e4hte aus Leibeskr\u00e4ften. Da kam eine Bauersfrau die Stra\u00dfe herab und rief: &#8222;Gut Mus feil! Gut Mus feil!&#8220; Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren; er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: &#8222;Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los!&#8220; Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und musste die T\u00f6pfe s\u00e4mtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die H\u00f6he, hielt die Nase daran und sagte endlich: &#8222;Das Mus scheint mir gut, wieg&#8216; sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn&#8217;s auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.&#8220; Die Frau, die gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte. ging aber ganz \u00e4rgerlich und brummig fort. &#8222;Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen&#8220;, rief das Schneiderlein, &#8222;und soll mir Kraft und St\u00e4rke geben!&#8220; holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein St\u00fcck \u00fcber den, ganzen Laib und strich das Mus dar\u00fcber. &#8222;Das wird nicht bitter schmecken&#8220;, sprach er, &#8222;aber erst will ich das Wams fertig machen, eh&#8216; ich anbei\u00dfe.&#8220; Er legte das Brot neben sich, n\u00e4hte weiter und machte vor Freude immer gr\u00f6\u00dfere Stiche. Indes stieg der Geruch von dem s\u00fc\u00dfen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in gro\u00dfer Menge sa\u00dfen, so dass sie herangelockt wurden und sich scharenweise darauf niederlie\u00dfen. &#8222;Ei, wer hat euch eingeladen?&#8220; sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen G\u00e4ste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, lie\u00dfen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer gr\u00f6\u00dferer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus \u00fcber die Leber, es langte nach einem Tuchlappen, und &#8211; &#8222;Wart&#8216;, ich will es euch geben!&#8220; &#8211; schlug es unbarmherzig drauf. Als es den Lappen abzog und z\u00e4hlte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. &#8222;Bist du so ein Kerl?&#8220; sprach er und musste selbst seine Tapferkeit bewundern; &#8222;das soll die ganze Stadt erfahren!&#8220; Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen G\u00fcrtel, n\u00e4hte ihn und stickte mit gro\u00dfen Buchstaben darauf: Siebene auf einen Streich! &#8222;Ei was Stadt!&#8220; sprach er weiter, &#8222;die ganze Welt soll&#8217;s erfahren!&#8220; und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein L\u00e4mmerschw\u00e4nzchen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Das tapfere Schneiderlein von den Br\u00fcdern Grimm | M\u00e4rchen zum Tr\u00e4umen und Einschlafen (H\u00f6rbuch)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/p4_Z1nHVBSM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Schneider band sich den G\u00fcrtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkst\u00e4tte sei zu klein f\u00fcr seine Tapferkeit. Eh&#8216; er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da w\u00e4re, was er mitnehmen k\u00f6nnte; er fand aber nichts als einen alten K\u00e4se, den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gestr\u00e4uch gefangen hatte, der musste zu dem K\u00e4se in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war, f\u00fchlte er keine M\u00fcdigkeit. Der Weg f\u00fchrte ihn auf einen Berg, und als er den h\u00f6chsten Gipfel erreicht hatte, so sa\u00df da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gem\u00fctlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: &#8222;Guten Tag, Kamerad! Gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitl\u00e4ufige Welt? Ich bin eben auf dem Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzugehen?&#8220; Der Riese sah den Schneider ver\u00e4chtlich an und sprach: &#8222;Du Lump! Du miserabler Kerl!&#8220; &#8211; &#8222;Das w\u00e4re!&#8220; antwortete das Schneiderlein, kn\u00f6pfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den G\u00fcrtel; &#8222;da kannst du lesen, was ich f\u00fcr ein Mann bin.&#8220; Der Riese las: &#8222;Siebene auf einen Streich!&#8220; meinte, das w\u00e4ren Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen h\u00e4tte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst pr\u00fcfen, nahm einen Stein in die Hand und dr\u00fcckte ihn zusammen, dass das Wasser heraustropfte. &#8222;Das mach&#8216; mir nach&#8220;, sprach der Riese, &#8222;wenn du St\u00e4rke hast.&#8220; -&#8222;Ist&#8217;s weiter nichts?&#8220; sagte das Schneiderlein, &#8222;das ist bei unsereinem Spielwerk&#8220;, griff in die Tasche, holte den weichen K\u00e4se und dr\u00fcckte ihn, dass der Saft herauslief. &#8222;Gelt&#8220;, sprach er, &#8222;das war ein wenig besser?&#8220; Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem M\u00e4nnlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn mit den Augen kaum noch sehen konnte: &#8222;Nun, du Erpelm\u00e4nnchen, das tu mir nach!&#8220; -&#8222;Gut geworfen&#8220;, sagte der Schneider, &#8222;aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen m\u00fcssen, ich will dir einen werfen, der soll gar nicht wiederkommen&#8220;, griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh \u00fcber seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder. -&#8222;Werfen kannst du wohl&#8220;, sagte der Riese, &#8222;aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.&#8216; Er f\u00fchrte das Schneiderlein zu einem m\u00e4chtigen Eichbaum, der da gef\u00e4llt auf dem Boden lag, und sagte: &#8222;Wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde hinaustragen.&#8220; &#8211; ,Gern&#8220;, antwortete der kleine N4ann; &#8222;nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die \u00c4ste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das schwerste.&#8220; Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, musste den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war dahinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen: &#8222;Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus&#8220;, als w\u00e4re das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein St\u00fcck Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter und rief: &#8222;H\u00f6r&#8216;, ich muss den Baum fallen lassen!&#8220; Der Schneider sprang behendiglich herab, fasste den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen h\u00e4tte, und sprach zum Riesen: &#8222;Du bist ein so gro\u00dfer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen, fasste der Riese die Krone des Baumes, wo die zeitigsten Fr\u00fcchte hingen. bog se herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hie\u00df ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese loslie\u00df, fuhr der Baum in die H\u00f6he, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: &#8222;Was ist das, hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?&#8220; &#8211; &#8222;An Kraft fehlt es nicht&#8220;, antwortete das Schneiderlein; &#8222;meinst du, das w\u00e4re etwas f\u00fcr einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin \u00fcber den Baum gesprungen, weil die J\u00e4ger da unten in das Geb\u00fcsch schie\u00dfen. Spring&#8216; nach, wenn du&#8217;s vermagst!&#8220; Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht \u00fcber den Baum kommen, sondern blieb in den \u00c4sten h\u00e4ngen, also dass das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt. Der Riese sprach: &#8222;Wenn du ein tapferer Kerl bist, so komm&#8216; mit in unsere H\u00f6hle und \u00fcbernachte bei uns.&#8220; Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der H\u00f6hle anlangten, sa\u00dfen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und a\u00df davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: &#8222;Es ist doch hier viel weitl\u00e4ufiger als in meiner Werkstatt.&#8220; Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er solle sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu gro\u00df, es legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein l\u00e4ge in tiefem Schlafe, stand er auf, nahm eine gro\u00dfe Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch und meinte, er h\u00e4tte dem Grash\u00fcpfer den Garaus gemacht. Mit dem fr\u00fchesten Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, f\u00fcrchteten, es schl\u00fcge sie alle tot, und liefen fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines k\u00f6niglichen Palastes, und da es M\u00fcdigkeit empfand, legte es sich ins Gras und schlief ein. W\u00e4hrend es so dalag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem G\u00fcrtel: &#8222;Siebene auf einen Streich!&#8220; &#8211; &#8222;Ach&#8220;, sprachen sie, &#8222;was will der gro\u00dfe Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muss ein m\u00e4chtiger Herr sein.&#8220; Sie gingen und meldeten es dem K\u00f6nig und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, w\u00e4re das ein wichtiger und n\u00fctzlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen d\u00fcrfte. Dem K\u00f6nig gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht w\u00e4re, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schl\u00e4fer stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen Antrag vor. &#8222;Eben deshalb bin ich hierher gekommen&#8220;, antwortete er; &#8222;ich bin bereit, in des K\u00f6nigs Dienste zu treten.&#8220; Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere Wohnung angewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und w\u00fcnschten, es w\u00e4re tausend Meilen weit weg.&#8220; Was soll daraus werden?&#8220; sprachen sie untereinander; &#8222;wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen.&#8220; Also fassten sie einen Entschluss, begaben sich allesamt zum K\u00f6nig und baten um ihren Abschied. &#8222;Wir sind nicht gemacht&#8220;, sprachen sie, &#8222;neben einem Manne auszuhalten, der siebene auf einen Streich schl\u00e4gt.&#8220; Der K\u00f6nig war traurig, dass er um des einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, w\u00fcnschte, dass seine Augen ihn nie gesehen h\u00e4tten, und w\u00e4re ihn gern wieder los gewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er f\u00fcrchtete, er m\u00f6chte ihn samt seinem Volke totschlagen und sich auf den k\u00f6niglichen Thron setzen. Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem Schneiderlein und lie\u00df ihm sagen, weil er ein so gro\u00dfer Kriegsheld w\u00e4re, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen gro\u00dfen Schaden stifteten; niemand d\u00fcrfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen \u00fcberw\u00e4nde und t\u00f6tete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe K\u00f6nigreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten. &#8222;Das w\u00e4re so etwas f\u00fcr einen Mann, wie du bist&#8220;, dachte das Schneiderlein; &#8222;eine sch\u00f6ne K\u00f6nigstochter und ein halbes K\u00f6nigreich werden einem nicht alle Tage angeboten.&#8220; &#8211; &#8222;0 ja&#8220;, gab er zur Antwort, &#8222;die Riesen will ich schon b\u00e4ndigen und habe die hundert Reiter dabei nicht n\u00f6tig: wer siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu f\u00fcrchten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er zu dem Rande des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern&#8230;, Bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden.&#8220; Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. \u00dcber ein Weilchen erblickte er beide Riesen; sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, dass sich die \u00c4ste auf und nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es gerade \u00fcber die Schl\u00e4fer zu sitzen kam, und lie\u00df dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen. Der Riese sp\u00fcrte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stie\u00df seinen Gesellen an und sprach: &#8222;Was schl\u00e4gst du mich?&#8220; &#8211; &#8222;Du tr\u00e4umst&#8220;, sagte der andere, &#8222;ich schlage dich nicht.&#8220; Sie legten sich wieder zum Schlaf; da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. &#8222;Was soll das?&#8220; rief der andere, &#8222;warum wirfst du mich?&#8220; &#8211; &#8222;Ich werfe dich nicht&#8220;, antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie m\u00fcde waren, lie\u00dfen sie&#8217;s gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Kraft auf die Brust. &#8222;Das ist zu arg!&#8220; schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stie\u00df seinen Gesellen gegen den Baum, dass dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher M\u00fcnze, und sie gerieten in solche Wut, dass sie B\u00e4ume ausrissen und so lange aufeinander losschlugen, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen. Nun sprang das Schneiderlein herab. &#8222;Ein Gl\u00fcck nur&#8220;, sprach es, &#8222;dass sie den Baum, auf dem ich sa\u00df, nicht ausgerissen haben, sonst h\u00e4tte ich wie ein Eichh\u00f6rnchen auf einen andern springen m\u00fcssen; doch unsereiner ist behende!&#8220; Es zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar t\u00fcchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: &#8222;Die Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht; aber hart ist es hergegangen, sie haben in der Not B\u00e4ume ausgerissen und sich gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schl\u00e4gt.&#8220; &#8211; &#8222;Seid Ihr denn nicht verwundet?&#8220; fragten die Reiter. &#8211; &#8222;Das hat gute Wege&#8220;, antwortete der Schneider; &#8222;kein Haar haben sie mir gekr\u00fcmmt.&#8220; Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den Wald hinein; da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmend, und ringsherum lagen die ausgerissenen B\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schneiderlein verlangte von dem K\u00f6nig die versprochene Belohnung; den aber reute sein Versprechen, und er sann aufs Neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen k\u00f6nnte. &#8222;Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erh\u00e4ltst&#8220;, sprach er zu ihm, &#8222;musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde l\u00e4uft ein Einhorn, das gro\u00dfen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.&#8220; Das Schneiderlein antwortete: &#8222;Vor einem Einhome f\u00fcrchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache!&#8220; Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald und hie\u00df abermals die, die ihm zugeordnet waren, au\u00dfen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umst\u00e4nde aufspie\u00dfen. &#8222;Sachte, sachte&#8220;, sprach er, &#8222;so geschwind geht das nicht!&#8220; blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spie\u00dfte sein Horn so fest in den Stamm, dass es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. &#8222;Jetzt hab&#8216; ich das V\u00f6glein&#8220; sagte der Schneider, kam hinter dem Baume hervor, legte erst dem Einhorn den Strick um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baume, und als alles in Ordnung war, f\u00fchrte er das Tier ab und brachte es dem K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig wollte ihm den verhei\u00dfenen Lohn noch nicht gew\u00e4hren und machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Walde gro\u00dfen Schaden tat; die J\u00e4ger sollten ihm Beistand leisten. &#8222;Gern&#8220;, sprach der Schneider, &#8222;das ist ein Kinderspiel!&#8220; Die J\u00e4ger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren&#8217;s wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, dass sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit sch\u00e4umendem Munde und wetzenden Z\u00e4hnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen; der fl\u00fcchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der N\u00e4he war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber h\u00fcpfte au\u00dfen herum und schlug die T\u00fcr hinter ihm zu; da war das w\u00fctende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbeholfen war, um zu dem Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die J\u00e4ger herbei, die mussten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen; Der Held aber begab sich zum K\u00f6nige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten musste und ihm seine Tochter und das halbe K\u00f6nigreich \u00fcbergab. H\u00e4tte er gewusst, dass kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es w\u00e4re ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit ward also mit gro\u00dfer Pracht und kleiner Freude gehalten und aus einem Schneider ein K\u00f6nig gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit h\u00f6rte die junge K\u00f6nigin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: &#8222;Junge, mach&#8216; mir das Wams und flick&#8216; mir die Hosen, oder ich will dir die Eile \u00fcber die Ohren schlagen!&#8220; Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er m\u00f6chte ihr von dem Manne helfen, der nichts anderes als ein Schneider w\u00e4re. Der K\u00f6nig sprach ihr Trost zu und sagte: &#8222;Lass&#8216; in der n\u00e4chsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen au\u00dfen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt f\u00fchrt.&#8220; Die Frau war damit zufrieden, des K\u00f6nigs Waffentr\u00e4ger aber, der alles mitangeh\u00f6rt hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. &#8222;Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben&#8220;, sagte das Schneiderlein. Abends legte es sich zu gew\u00f6hnlicher Zeit zu Bett; als seine Frau glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, \u00f6ffnete die T\u00fcr und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte, als wenn es schliefe, fing an mit heller Stimme zu rufen: &#8222;Junge, mach&#8216; das Wams und flick&#8216; mir die Hosen, oder ich will dir die Elle \u00fcber die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem Streich getroffen, zwei Riesen get\u00f6tet, ein Einhorn fortgef\u00fchrt und ein Wildschwein gefangen und sollte mich vor denen f\u00fcrchten, die drau\u00dfen vor der Kammer stehen?&#8220; Als diese den Schneider also sprechen h\u00f6rten, \u00fcberkam sie eine gro\u00dfe Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen w\u00e4re, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein K\u00f6nig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebr. Grimm An einem Sommermorgen sa\u00df ein Schneiderlein auf seinem Tische am Fenster, war guter Dinge und n\u00e4hte aus Leibeskr\u00e4ften. Da kam eine Bauersfrau die Stra\u00dfe herab und rief: &#8222;Gut Mus feil! 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