{"id":1250,"date":"2021-02-07T13:25:42","date_gmt":"2021-02-07T12:25:42","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1250"},"modified":"2026-01-26T01:30:44","modified_gmt":"2026-01-26T00:30:44","slug":"maerchen-als-almanach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/maerchen-als-almanach\/","title":{"rendered":"M\u00e4rchen als Almanach"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wilhelm Hauff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>In einem sch\u00f6nen fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, dass die Sonne in seinen ewig gr\u00fcnen G\u00e4rten niemals untergehe, herrschte von Anfang an bis heute, die K\u00f6nigin Phantasie. Mit vollen H\u00e4nden spendete diese seit vielen Jahrhunderten die F\u00fclle des Segens \u00fcber die Ihrigen und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. Das Herz der K\u00f6nigin war aber zu gro\u00df, als dass sie mit ihren Wohltaten bei ihrem Lande stehen geblieben w\u00e4re; sie selbst, im k\u00f6niglichen Schmuck ihrer ewigen Jugend und Sch\u00f6nheit stieg herab auf die Erde; denn sie hatte geh\u00f6rt, dass dort Menschen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernst unter M\u00fche und Arbeit hinbringen. Diesen hatte sie die sch\u00f6nsten Gaben aus ihrem Reiche mitgebracht, und seit die sch\u00f6ne K\u00f6nigin durch die Fluren der Erde gegangen war, waren die Menschen fr\u00f6hlich bei der Arbeit, heiter in ihrem Ernst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Die sch\u00f6nsten M\u00e4rchen von Wilhelm Hauff: M\u00e4rchen als Almanach (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/gpQmx41ym38?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch ihre Kinder, nicht minder sch\u00f6n und lieblich als die k\u00f6nigliche Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu begl\u00fccken. Einst kam M\u00e4rchen, die \u00e4lteste Tochter der K\u00f6nigin, von der Erde zur\u00fcck. Die Mutter bemerkte, dass M\u00e4rchen traurig sei, ja, hie und da wollte es ihr bed\u00fcnken, als ob sie verweinte Augen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas hast du, liebes M\u00e4rchen\u201c, sprach die K\u00f6nigin zu ihr; \u201edu bist seit deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter nicht anvertrauen, was dir fehlt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch! liebe Mutter\u201c, antwortete M\u00e4rchen, \u201eich h\u00e4tte gewiss nicht solange geschwiegen, wenn ich nicht w\u00fcsste, dass mein Kummer auch der deinige ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSprich immer, meine Tochter\u201c, bat die sch\u00f6ne K\u00f6nigin, \u201eder Gram ist ein Stein, der den einzelnen niederdr\u00fcckt, aber zwei tragen ihn leicht aus dem Wege.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu willst es\u201c, antwortete M\u00e4rchen, \u201eso h\u00f6re: Du wei\u00dft, wie gerne ich mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch zu dem \u00c4rmsten vor seine H\u00fctte sitze, um nach der Arbeit ein St\u00fcndchen mit ihm zu verplaudern; sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum Gru\u00df, wenn ich kam, und sahen mir l\u00e4chelnd und zufrieden nach, wenn ich weiter ging; aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eArmes M\u00e4rchen\u201c, sprach die K\u00f6nigin und streichelte ihr die Wange, die von einer Tr\u00e4ne feucht war; \u201eaber du bildest dir vielleicht dies alles nur ein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGlaube mir, ich f\u00fchle es nur zu gut\u201c, entgegnete M\u00e4rchen, \u201esie lieben mich nicht mehr. \u00dcberall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte Blicke; nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch immer so lieb hatte, lachen \u00fcber mich und wenden mir altklug den R\u00fccken zu.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6nigin st\u00fctzte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd woher soll es denn\u201c, fragte die K\u00f6nigin, \u201ekommen, M\u00e4rchen, dass sich die Leute da unten so ge\u00e4ndert haben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSieh\u2019, die Menschen haben kluge W\u00e4chter aufgestellt, die alles, was aus deinem Reich kommt, o K\u00f6nigin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern und pr\u00fcfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so erheben sie ein gro\u00dfes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn doch so sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, dass man gar keine Liebe, kein F\u00fcnkchen Zutrauen mehr findet. Ach! wie gut haben es meine Br\u00fcder, die Tr\u00e4ume, fr\u00f6hlich und leicht h\u00fcpfen sie auf die Erde hinab, fragen nichts nach jenen klugen M\u00e4nnern, besuchen die schlummernden Menschen und weben und malen ihnen, was das Herz begl\u00fcckt und das Auge erfreut!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeine Br\u00fcder sind Leichtf\u00fc\u00dfe\u201c, sagte die K\u00f6nigin, \u201eund du, mein Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzw\u00e4chter kenne ich \u00fcbrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er geraden Wegs aus meinem Reiche k\u00e4me, und doch hatte er h\u00f6chstens von einem Berge zu uns her\u00fcbergeschaut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten?\u201c weinte M\u00e4rchen; \u201eAch! wenn du w\u00fcsstest, wie sie es mir gemacht haben! sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das n\u00e4chste Mal gar nicht mehr hereinzulassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie, meine Tochter nicht mehr einzulassen?\u201c rief die K\u00f6nigin, und Zorn erh\u00f6hte die R\u00f6te ihrer Wangen; \u201eaber ich sehe schon, woher dies kommt; die b\u00f6se Muhme hat uns verleumdet!\u201c<br>\u201eDie Mode? nicht m\u00f6glich!\u201c rief M\u00e4rchen, \u201esie tat ja sonst immer so freundlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eO, ich kenne sie, die Falsche\u201c, antwortete die K\u00f6nigin, \u201eaber versuche es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter; wer Gutes tun will, darf nicht rasten.\u201c<br>\u201eAch Mutter! wenn sie mich dann ganz zur\u00fcckweisen, oder wenn sie mich verleumden, dass mich die Menschen nicht ansehen, oder einsam und verachtet in der Ecke stehen lassen?\u201c<br>\u201eWenn die Alten, von der Mode beth\u00f6rt, dich gering sch\u00e4tzen, so wende dich an die Kleinen, wahrlich sie sind meine Lieblinge, ihnen sende ich meine lieblichsten Bilder durch deine Br\u00fcder, die Tr\u00e4ume, ja ich bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und gek\u00fcsst und sch\u00f6ne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl, sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen heraufl\u00e4cheln und morgens, wenn meine gl\u00e4nzenden L\u00e4mmer am Himmel ziehen, vor Freuden die H\u00e4nde zusammenschlagen. Auch wenn sie gr\u00f6\u00dfer werden, lieben sie mich noch, ich helfe dann den lieblichen M\u00e4dchen bunte Kr\u00e4nze flechten, und die wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen blauen Berge hohe Burgen und gl\u00e4nzende Pal\u00e4ste auftauchen lasse und aus den r\u00f6tlichen Wolken des Abends k\u00fchne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtsz\u00fcge bilde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eO die guten Kinder!\u201c rief M\u00e4rchen bewegt aus, \u201eja, es sei! mit ihnen will ich es noch einmal versuchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, du gute Tochter\u201c, sprach die K\u00f6nigin, \u201egehe zu ihnen; aber ich will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, dass du den Kleinen gef\u00e4llst und die Gro\u00dfen dich nicht zur\u00fccksto\u00dfen; siehe, das Gewand eines Almanach will ich dir geben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEines Almanach, Mutter? ach! \u2013 ich sch\u00e4me mich, so vor den Leuten zu prangen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6nigin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand eines Almanach. Es war von gl\u00e4nzenden Farben und sch\u00f6ne Figuren eingewoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zofen flochten dem sch\u00f6nen M\u00e4rchen das lange Haar; sie banden ihr goldene Sandalen unter die F\u00fc\u00dfe und hingen ihr dann das Gewand um.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bescheidene M\u00e4rchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete sie mit Wohlgefallen und schloss sie in ihre Arme: \u201eGehe hin\u201c, sprach sie zu der Kleinen; \u201emein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich verachten und h\u00f6hnen, so kehre zur\u00fcck zu mir, vielleicht, dass sp\u00e4tere Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Also sprach die K\u00f6nigin Phantasie. M\u00e4rchen aber stieg herab auf die Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen W\u00e4chter hauseten; sie senkte das K\u00f6pfchen zur Erde, sie zog das sch\u00f6ne Gewand enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Thor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHalt!\u201c rief eine tiefe, rauhe Stimme; \u201eWache heraus! Da kommt ein neuer Almanach!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen zitterte, als sie dies h\u00f6rte; viele \u00e4ltliche M\u00e4nner von finsterem Aussehen st\u00fcrzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der Faust und hielten sie dem M\u00e4rchen entgegen. Einer aus der Schar schritt auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn; \u201enur auch den Kopf aufgerichtet, Herr Almanach\u201c, schrie er, \u201edass man Ihm in den Augen ansiehet, ob Er was Rechtes ist oder nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Err\u00f6tend richtete M\u00e4rchen das K\u00f6pfchen in die H\u00f6he und schlug das dunkle Auge auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas M\u00e4rchen!\u201c riefen die W\u00e4chter und lachten aus vollem Hals, \u201edas M\u00e4rchen! Haben Wunder gemeint, was da k\u00e4me! wie kommst du nur in diesen Rock?\u201c<br>\u201eDie Mutter hat ihn mir angezogen\u201c, antwortete M\u00e4rchen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo? sie will dich bei uns einschw\u00e4rzen? Nichts da! hebe dich weg, mach\u2019, dass du fortkommst\u201c, riefen die W\u00e4chter untereinander und erhoben die scharfen Federn.<br>\u201eAber ich will ja nur zu den Kindern\u201c, bat M\u00e4rchen; \u201edies k\u00f6nnt ihr mir ja doch erlauben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLauft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?\u201c rief einer der W\u00e4chter; \u201esie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLa\u00dft uns sehen, was sie diesmal wei\u00df\u201c, sprach ein anderer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun ja\u201c, riefen sie, \u201esag\u2019 an, was du wei\u00dft, aber beeile dich, denn wir haben nicht viele Zeit f\u00fcr dich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen streckte die Hand aus und beschrieb mit dem Zeigfinger viele Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vor\u00fcberziehen; Karawanen mit sch\u00f6nen Rossen, geschm\u00fcckte Reiter, viele Zelte im Sand der W\u00fcste; V\u00f6gel und Schiffe auf st\u00fcrmischen Meeren; stille W\u00e4lder und volkreiche Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen; Schlachten und friedliche Nomaden, sie alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vor\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen lie\u00df, nicht bemerkt, wie die W\u00e4chter des Tores nach und nach eingeschlafen waren. Eben wollte sie neue Zeichen beschreiben, als ein freundlicher Mann auf sie zutrat und ihre Hand ergriff: \u201eSiehe her, gutes M\u00e4rchen\u201c, sagte er, indem er auf die Schlafenden zeigte, \u201ef\u00fcr diese sind deine bunten Sachen nichts; schl\u00fcpfe schnell durch das Thor, sie ahnen dann nicht, dass du im Lande bist, und du kannst friedlich und unbemerkt deine Stra\u00dfe ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern f\u00fchren; in meinem Hause geb\u2019 ich dir ein stilles, freundliches Pl\u00e4tzchen; dort kannst du wohnen und f\u00fcr dich leben; wenn dann meine S\u00f6hne und T\u00f6chter gut gelernt haben, d\u00fcrfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir zuh\u00f6ren. Willst du so?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eO, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich mich beflei\u00dfen, ihnen zuweilen ein heiteres St\u00fcndchen zu machen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr \u00fcber die F\u00fc\u00dfe der schlafenden W\u00e4chter hin\u00fcbersteigen. L\u00e4chelnd sah sich M\u00e4rchen um, als sie hin\u00fcber war, und schl\u00fcpfte dann schnell in das Tor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilhelm Hauff In einem sch\u00f6nen fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, dass die Sonne in seinen ewig gr\u00fcnen G\u00e4rten niemals untergehe, herrschte von Anfang an bis heute, die K\u00f6nigin Phantasie. Mit vollen H\u00e4nden spendete diese seit vielen Jahrhunderten die F\u00fclle des Segens \u00fcber die Ihrigen und war geliebt, verehrt von allen, die sie kannten. 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