{"id":1226,"date":"2021-01-21T20:49:51","date_gmt":"2021-01-21T19:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1226"},"modified":"2025-12-28T21:28:07","modified_gmt":"2025-12-28T20:28:07","slug":"der-sandmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-sandmann\/","title":{"rendered":"Der Sandmann"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hans-Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der ganzen Welt gibt es niemand, der so viele Geschichten wei\u00df, wie der Sandmann. Er versteht das Erz\u00e4hlen!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der Sandmann: M\u00e4rchen von Hans Christian Andersen (H\u00f6rbuch zum Einschlafen)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/-3EghKj6RG8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Gegen Abend, wenn die Kinder noch h\u00fcbsch artig am Tisch oder auf ihrer Hutsche sitzen, kommt der Sandmann. Er kommt leise die Treppe herauf, denn er geht auf Socken; ganz leise \u00f6ffnet er die T\u00fcre und husch! wirft er den Kindern feinen Sand in die Augen, so fein, so fein, aber doch immer genug, dass sie nicht l\u00e4nger die Augen aufzuhalten verm\u00f6gen. Deshalb sind sie auch nicht im Stande, ihn zu sehen. Er schl\u00fcpft gerade hinter sie, bl\u00e4st ihnen sanft in den Nacken und dann wird ihnen das K\u00f6pfchen schwer. O ja, aber es tut ihnen nicht weh, denn der Sandmann meint es mit den Kindern gut. Er verlangt nur, dass sie ruhig sein sollen, und das sind sie am besten, wenn man sie zu Bett bringt. Sie sollen still sein, damit er ihnen Geschichten erz\u00e4hlen kann.<br>Sobald die Kinder nun schlafen, setzt sich der Sandmann zu ihnen auf das Bett. Er geht stattlich einher, sein Frack ist von Seidenzeug, aber es ist unm\u00f6glich, dessen Farben zu bestimmen, denn er schillert gr\u00fcn, rot und blau, je nach welcher Richtung er sich dreht. Unter jedem Arm h\u00e4lt er einen Regenschirm, einen mit Bildern darauf, den er \u00fcber die Kinder aufspannt, und dann tr\u00e4umen sie die ganze Nacht die herrlichsten Geschichten, und einen ohne irgendeine Zeichnung. Diesen stellt er \u00fcber die unartigen Kinder, damit sie ganz bewusstlos schlafen. Wenn sie am Morgen aufwachen, haben sie dann nicht das Allermindeste getr\u00e4umt.<br>Nun wollen wir h\u00f6ren, wie der Sandmann eine ganze Woche lang je den Abend zu einem kleinen Knaben, der Hjalmar hie\u00df, kam und was er ihm erz\u00e4hlte! Es sind im ganzen sieben Geschichten, weil es sieben Wochentage gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Montag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;H\u00f6r einmal!&#8220; sagte der Sandmann am Abend, als er Hjalmar zu Bett gebracht hatte, &#8222;nun will ich dir meinen ganzen Staat zeigen!&#8220; Da verwandelten sich alle Blumen in den Blument\u00f6pfen zu gro\u00dfen B\u00e4umen, die ihre langen Zweige unter der Decke hin und die W\u00e4nde entlang streckten, so dass die ganze Stube wie das herrlichste Lusthaus aussah. Alle Zweige waren voll Blumen und jede Blume war sch\u00f6ner als eine Rose, duftete balsamisch und wollte man sie essen, war sie s\u00fc\u00dfer als Eingemachtes. Die Fr\u00fcchte gl\u00e4nzten gerade wie Gold, und Wecken waren da, die vor lauter Rosinen platzten &#8211; es war unvergleichlich sch\u00f6n. Pl\u00f6tzlich aber lie\u00df sich in dem Tischkasten, wo Hjalmars Schulb\u00fccher lagen, ein entsetzliches Jammern vernehmen.<br>&#8222;Was ist das nur?&#8220; fragte der Sandmann und ging nach dem Tisch und zog den Kasten aus. Es war die Tafel, in der es zerrte und zupfte, denn es hatte sich eine falsche Zahl in das Rechenexempel eingeschlichen, so dass die Zahlen auseinander laufen wollten. Der Griffel h\u00fcpfte und sprang an seiner Schnur, als stellte er einen kleinen Hund vor, der dem Rechenexempel helfen m\u00f6chte, aber er war es nicht im Stande. Und dann jammerte es auch in Hjalmars Schreibebuch, dass es ordentlich h\u00e4sslich mit anzuh\u00f6ren war. Auf jeder Seite standen der L\u00e4nge nach von oben nach unten s\u00e4mtliche gro\u00dfe Buchstaben, ein jeder mit einem kleinen zur Seite einer hinter dem andern. Das bildete die Vorschrift, und neben dieser standen wieder einige Buchstaben, die sich einbildeten ebenso auszusehen, weil sie aus Hjalmars eigener Feder herr\u00fchrten. Aber 0 weh! sie sahen fast aus, als ob sie \u00fcber die Linien, auf denen sie doch stehen sollten, gestolpert w\u00e4ren.<br>&#8222;Seht, so solltet ihr euch halten!&#8220; sagte die Vorschrift. &#8222;Seht, etwas schr\u00e4g, aber mit kr\u00e4ftigem Schwung!&#8220;<br>&#8222;Oh, wir wollen gern&#8220;, sagten Hjalmars Buchstaben, &#8222;aber wir k\u00f6nnen nicht, wir sind so klein und unwissend!&#8220;<br>&#8222;Dann sollt ihr Kinderpulver bekommen!&#8220; sagte der Sandmann.<br>&#8222;O nein!&#8220; riefen sie, und dann standen sie mit einem Mal kerzengerade, dass es eine Lust war.<br>&#8222;Heute werden keine Geschichten erz\u00e4hlt!&#8220; sagte der Sandmann. &#8222;Jetzt m\u00fcssen sie \u00fcben! Eins, zwei! Eins, zwei!&#8220; Nun \u00fcbte er mit den Buchstaben, und sie standen so gerade und gesund da, wie nur eine Vorschrift immer stehen kann. Als aber der Sandmann ging, und Hjalmar am Morgen nachlas, da waren sie ebenso j\u00e4mmerlich wie zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Dienstag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Sobald Hjalmar im Bett war, benetzte der Sandmann mit seiner kleinen Zauberspritze alle M\u00f6bel in der Stube, und sofort begannen sie zu plaudern und plauderten s\u00e4mtlich von sich selbst, mit Ausnahme des Spucknapfes, der schweigend dastand und sich dar\u00fcber \u00e4rgerte, dass sie so eitel sein konnten, nur von sich zu reden, nur an sich zu denken und sich auch nicht mit einem einzigen Gedanken an den zu erinnern, der doch so bescheiden in der Ecke stand und sich bespeien lie\u00df.<br>\u00dcber der Kommode hing ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde in einem reich vergoldeten Rahmen, das eine Landschaft darstellte. Man sah hohe alte B\u00e4ume, Blumen im Gras und ein gro\u00dfes Wasser, durch das ein Fluss hin durchstr\u00f6mte, der sich um den Wald an vielen Schl\u00f6ssern vor\u00fcberschl\u00e4ngelte und sich fernab in das wilde Meer ergoss.<br>Der Sandmann benetzte mit seiner Zauberspritze das Gem\u00e4lde, und dann begannen die V\u00f6gel darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken flogen so nat\u00fcrlich, dass man ihren Schatten \u00fcber die Landschaft konnte dahinschweben sehen.<br>Nun hob der Sandmann den kleinen Hjalmar so hoch, dass er seine F\u00fc\u00dfe in den Rahmen hineinstellen konnte und zwar gerade in das hohe Gras. Da stand er nun. Die Sonne schien durch die Zweige auf ihn hernieder. Er lief hin an das Wasser und setzte sich in ein kleines Boot, das da lag. Es war rot und wei\u00df angestrichen, die Segel leuchteten wie Silber und sechs Schw\u00e4ne, alle mit goldenen Kronen, die vom Halse herniederhingen, und einem strahlenden blauen Sterne auf dem Kopfe, zogen das Boot an dem gr\u00fcnen Walde vor\u00fcber, wo die B\u00e4ume von R\u00e4ubern und Hexen und die Blumen von den niedlichen kleinen Elfen und von dem erz\u00e4hlten, was ihnen die Schmetterlinge zugefl\u00fcstert hatten.<br>Die pr\u00e4chtigsten Fische mit silbernen und goldenen Schuppen schwammen hinter dem Boot her; bisweilen schnellten sie sich \u00fcber das Wasser empor, dass es pl\u00e4tscherte, und V\u00f6gel, rote und blaue, kleine und gro\u00dfe, flogen in zwei langen Reihen hinten nach, die M\u00fccken tanzten und die Maik\u00e4fer brummten. Alle wollten Hjalmar folgen und jeder hatte eine Geschichte zu erz\u00e4hlen.<br>Das war allerdings eine Segelfahrt, wie sie sein musste! Bald waren die W\u00e4lder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Park mit Sonnenschein und Blumen, und gro\u00dfe Schl\u00f6sser aus Gras und Marmor lagen darin. Auf den Altanen standen Prinzessinnen, und alle waren kleine M\u00e4dchen, die Hjalmar recht wohl kannte, denn er hatte schon fr\u00fcher mit ihnen gespielt. Sie streckten die Hand aus und jede hielt ihm das reizendste Zuckerwerk hin, das nur je eine Kuchenfrau verkaufen konnte, und Hjalmar ergriff beim Vor\u00fcbersegeln das eine Ende des St\u00fccks Zuckerwerk und die Prinzessin hielt recht fest, so dass jedes seinen Teil erhielt, sie den kleinsten, Hjalmar den allergr\u00f6\u00dften. Bei jedem Schloss standen kleine Prinzen Schildwache. Sie schulterten goldene S\u00e4bel und lie\u00dfen Rosinen und Zinnsoldaten regnen. Das waren wirkliche Prinzen!<br>Bald segelte Hjalmar durch W\u00e4lder, bald gerade durch gro\u00dfe S\u00e4le oder mitten durch eine Stadt. Er kam auch durch diejenige, in der sein Kinderm\u00e4dchen wohnte, das gute M\u00e4dchen, das ihn getragen hatte, als er ein ganz kleiner Knabe war, und das ihn so lieb gehabt. Es nickte und winkte und sang den niedlichen Vers, den es selbst gedichtet und Hjal mar gesandt hatte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Ich denke dein in mancher Stund&#8216;,<br>Du s\u00fc\u00dfes Kind, du Liebling mein!<br>Ich hab&#8216; gek\u00fcsst dir deinen Mund,<br>Die Stirne, Wangen, rot und fein!<br>Dein erstes Wort vernahm mein Ohr!<br>Doch musst&#8216; ich fort, vergi\u00df mein nicht!<br>Gott segne dich, den ich verlor,<br>Du Engel aus des Herren Licht!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Und alle V\u00f6gel sangen mit, die Blumen tanzten auf ihren Stengeln und die alten B\u00e4ume nickten, als ob der Sandmann auch ihnen Geschichten erz\u00e4hlte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Mittwoch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Nein, wie der Regen herniederstr\u00f6mte! Hjalmar konnte es im Schlaf h\u00f6ren, und als der Sandmann ein Fenster \u00f6ffnete, stand das Wasser gerade bis an das Fenster hinauf. Ein ganzer See w\u00e4lzte sich schon da drau\u00dfen, und das pr\u00e4chtigste Schiff lag hart vor dem Haus.<br>&#8222;Willst du mitsegeln, kleiner Hjalmar?&#8220; fragte der Sandmann, &#8222;dann kannst du heute Nacht nach fremden L\u00e4ndern reisen und morgen doch wieder hier sein!&#8220;<br>Im Nu stand da Hjalmar in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem pr\u00e4chtigsten Schiff, und sofort heiterte sich das Wetter auf, und sie segelten durch die Stra\u00dfen, kreuzten um die Kirche, und nun war alles eine gro\u00dfe, wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu er blicken war. Sie bemerkten auch eine Schar St\u00f6rche, die gleichfalls die Heimat verlassen hatten und nach den warmen L\u00e4ndern wollten. Ein Storch flog dicht hinter dem anderen und sie waren schon weit, weit geflogen. Einer war so m\u00fcde, dass ihn seine Fl\u00fcgel kaum noch l\u00e4nger zu tragen vermochten. Er war der allerletzte in der Reihe und bald blieb er eine gro\u00dfe Strecke zur\u00fcck, endlich sank er mit ausgebreiteten Schwingen niedriger und niedriger, machte noch ein paar Fl\u00fcgelschl\u00e4ge, aber es half nichts. Jetzt ber\u00fchrte er mit seinen F\u00fc\u00dfen das Tauwerk des Schiffes, glitt das Segel hinunter und bums! da stand er auf dem Verdekke.<br>Da nahm ihn der Schiffsjunge und sperrte ihn in das H\u00fchnerhaus zu den H\u00fchnern, Enten und Truth\u00e4hnen. Der arme Storch stand ganz ein gesch\u00fcchtert mitten unter ihnen.<br>&#8222;Seht ihr den nicht?&#8220; gackerten alle H\u00fchner.<br>Der kalekutische Hahn blies sich aus Leibeskr\u00e4ften auf und fragte ihn, wer er w\u00e4re? Die Enten gingen r\u00fcckw\u00e4rts und stie\u00dfen einander an:<br>&#8222;Spute dich, spute dich!&#8220;<br>Der Storch erz\u00e4hlte von dem warmen Afrika, von den Pyramiden und dem Strau\u00df, der wie ein wildes Pferd durch die W\u00fcste dahinst\u00fcrmte, aber die Enten verstanden nicht, was er sagte, und darum stie\u00dfen sie einander an: &#8222;Wir sind wohl einig dar\u00fcber, dass er dumm ist?&#8220;<br>&#8222;Ja, er ist sicherlich dumm!&#8220; sagte der kalekutische Hahn und kollerte dann. Da schwieg der Storch ganz still und dachte an sein Afrika.<br>&#8222;F\u00fcr d\u00fcnne Beine sind die Eurigen ganz h\u00fcbsch!&#8220; spottete der kalekutische Hahn. &#8222;Was kostet die Elle von ihnen?&#8220;<br>&#8222;Ha, ha, ha, ha!&#8220; grinsten alle Enten, aber der Storch tat, als ob er es gar nicht h\u00f6rte.<br>&#8222;Ihr d\u00fcrft dreist mitlachen!&#8220; sagte der kalekutische Hahn, &#8222;denn es steckt in Wahrheit viel Witz in meinen Worten; oder kamen sie Euch vielleicht zu seicht vor? Ja, ja, er ist nicht vielseitig. Wir wollen unsere Scherze f\u00fcr uns allein behalten!&#8220; Und dann gluckten die H\u00fchner, und die Enten schnatterten: &#8222;Gikgak! Gikgak!&#8220; Es war schrecklich, wie lustig sie ihre eigenen Sp\u00e4\u00dfe fanden.<br>Aber Hjalmar ging hin zum H\u00fchnerhaus, \u00f6ffnete die T\u00fcr, rief den Storch und dieser h\u00fcpfte auf das Verdeck zu ihm hinaus. Nun hatte er sich ausgeruht, und es war gerade, als ob er Hjalmar zunickte, um sich bei ihm zu bedanken. Darauf breitete er seine Schwingen aus und flog nach den warmen L\u00e4ndern, aber die H\u00fchner gluckten, die Enten schnatterten und der kalekutische Hahn wurde ganz rot am Kopf.<br>,,Morgen wollen wir Suppe von euch kochen!&#8220; sagte Hjalmar&#8216; und da erwachte er und lag in seinem Bettchen. Es war doch eine merkw\u00fcrdige Reise, die der Sandmann ihn diese Nacht hatte machen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Donnerstag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">&#8222;Wei\u00dft du was?&#8220; sagte der Sandmann&#8216; &#8222;f\u00fcrchte dich nur nicht; hier wirst du eine kleine Maus gewahren!&#8220; und dabei hielt er ihm seine Hand mit dem leichten, niedlichen Tierchen hin. &#8222;Sie ist gekommen, dich zur Hochzeit einzuladen. Hier sind zwei M\u00e4uschen, die heute Nacht in den Ehestand treten wollen. Sie wohnen unter dem Fu\u00dfboden in deiner Mutter Speisekammer.&#8220;<br>&#8222;Aber wie kann ich mich durch das kleine M\u00e4useloch im Fu\u00dfboden hindurchdr\u00e4ngen?&#8220; fragte Hjalmar.<br>&#8222;Lass mich nur machen!&#8220; versetzte der Sandmann. &#8222;Ich will dich schon klein genug bekommen!&#8220; Darauf benetzte er Hjalmar mit seitier Zauberspritze, der nun sofort kleiner und kleiner wurde, bis er zuletzt nur fingergro\u00df war. &#8222;Nun kannst du dir vom Zinnsoldaten die Kleider borgen, ich denke, sie werden dir jetzt schon passen, und es nimmt sich gut aus, sich in Gesellschaft in Uniform zu zeigen.&#8220;<br>&#8222;Jawohl!&#8220; sagte Hjalmar&#8216; und dann war er im Augenblick wie der niedlichste Zinnsoldat angekleidet.<br>&#8222;Wollen Sie nicht so freundlich sein, sich in Ihrer Frau Mutter Fingerhut zu setzen?&#8220; sagte die kleine Maus, &#8222;dann werde ich die Ehre haben, Sie zu ziehen!&#8220;<br>&#8222;0 Himmel! Will sich das Fr\u00e4ulein vielleicht selbst bem\u00fchen!&#8220; sagte Hjalmar, und so fuhren sie zur M\u00e4usehochzeit.<br>Zuerst gelangten sie in einen weitl\u00e4ufigen Gang unter dem Fu\u00dfboden, der nicht h\u00f6her war, als dass sie ohne anzusto\u00dfen mit dem Fingerhut darin fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holz er leuchtet.<br>&#8222;Riecht es hier nicht pr\u00e4chtig?&#8220; sagte die Maus, die ihn zog, &#8222;der ganze Gang ist mit Speckschwarten eingerieben! Es kann nichts Vortrefflicheres geben!&#8220;<br>Nun kamen sie in den Brautsaal hinein; hier standen zur Rechten alle die kleinen M\u00e4usefr\u00e4ulein, und die zischelten und tuschelten, als ob sie sich \u00fcber einander lustig machten. Zur Linken standen alle jungen M\u00e4useherren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; aber mitten im Kreis erblickte man das Brautpaar. Sie standen in einer aus geh\u00f6hlten K\u00e4serinde und k\u00fcssten sich vor aller Augen ganz erschrecklich viel, denn sie waren ja nun Verlobte und sollten gleich Hochzeit halten.<br>Immer mehr und mehr Fremde erschienen; es fehlte nicht viel, so h\u00e4tten die M\u00e4use einander totgetreten; dazu hatte sich das Brautpaar mitten in die T\u00fcr gestellt, so dass man weder hinein noch hinaus gelangen konnte. Wie der Gang, so war auch das ganze Zimmer mit Speck schwarten eingerieben; das war die ganze Bewirtung; indes wurde zum Nachtisch eine Erbse vorgewiesen, in die eine kleine Maus aus der Familie die Namen des Brautpaares hineingebissen, d.h. die ersten Buchstaben. Es war etwas ganz Au\u00dferordentliches.<br>Alle M\u00e4use versicherten, es w\u00e4re eine ausgezeichnete Hochzeit und die Unterhaltung w\u00e4re sehr angeregt gewesen.<br>Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause. Er war zwar in vornehmer Gesellschaft gewesen, hatte aber auch geh\u00f6rig zusammenkriechen, sich klein machen und in Zinnsoldaten-Uniform erscheinen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Freitag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">&#8222;Es ist unglaublich, wie viele \u00e4ltere Leute es gibt, die mich gernhaben und festhalten m\u00f6chten!&#8220; sagte der Sandmann. &#8222;Es sind vorz\u00fcglich diejenigen, die etwas B\u00f6ses getan haben. &#8222;Guter, lieber Schlaf!&#8220;&#8218; sagen sie zu mir, &#8222;kein Schlaf kommt in unsere Augen, und so liegen wir denn die ganze Nacht und sehen alle unsere schlechten Taten, die, wie kleine Kobolde, auf der Kante der Bettstelle sitzen und uns \u00fcber und \u00fcber mit hei\u00dfem Wasser bespritzen. Komm doch und verjage sie, damit wir ein mal recht fest schlafen k\u00f6nnen.&#8216; Dann setzen sie tief aufseufzend hinzu:<br>Wir wollen es gewiss gern bezahlen. Gute Nacht! Das Geld f\u00fcr dich liegt im Fenster!&#8216; Aber f\u00fcr Geld tue ich es nicht!&#8220; sagte der Sandmann.<br>&#8222;Was werden wir denn diese Nacht unternehmen?&#8220; fragte Hjalmar.<br>&#8222;Ich wei\u00df nicht, ob du heute Nacht wieder Lust hast eine Hochzeit mitzumachen. Sie ist freilich anderer Art als die gestrige. Deiner Schwester gro\u00dfe Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann hei\u00dft, soll sich mit der Puppe Berta verheiraten, und da au\u00dferdem deren Geburtstag ist, wird es an Geschenken nicht fehlen.&#8220;<br>&#8222;Ja, das kenne ich schon!&#8220; sagte Hjalmar, &#8222;sobald die Puppen neue Kleider gebrauchen, l\u00e4sst sie meine Schwester ihren Geburtstag feiern oder Hochzeit halten. Das ist gewiss schon hundert Mal geschehen!&#8220;<br>&#8222;Ja, aber heute Nacht ist die hundert und erste Hochzeit, und wenn die hundert und erste aus ist, dann ist alles vor\u00fcber. Deshalb wird sie auch so unvergleichlich sch\u00f6n. Sieh einmal!&#8220;<br>Hjalmar sah nach dem Tische. Auf ihm stand das kleine Puppenhaus mit dem Licht in den Fenstern, und alle Zinnsoldaten pr\u00e4sentierten vor der T\u00fcr das Gewehr. Das Brautpaar sa\u00df, gegen einen Tischfu\u00df gelehnt, ganz gedankenvoll da, und dazu hatte es auch Grund genug. Aber der Sandmann angetan mit der Gro\u00dfmutter schwarzem Rock, vollzog die Trauung. Nach deren Beendigung stimmten alle M\u00f6bel in der Stube folgendes Lied an, das der Bleistift gedichtet hatte. Es ging nach der Melodie des Zapfenstreichs:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Es brause unser Lied empor<br>F\u00fcr&#8217;s teure Paar in hellem Chor.<br>Sie stehen beide wie ein Pflock&#8216;<br>Denn Handschuhleder ist ihr Rock!<br>Hurrah! Hurrah! dem steifen Paar,<br>Das unsrer Stube Stolz stets war!:,:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Und nun \u00fcberreichte man ihnen Geschenke, doch hatten sie sich alle Esswaren verbeten, denn sie hatten an ihrer Liebe genug.<br>&#8222;Wollen wir nun das Landleben genie\u00dfen, oder eine Hochzeitsreise antreten?&#8220; fragte der Br\u00e4utigam. Darauf wurde die Schwalbe, die sich in vielen L\u00e4ndern umgesehen, und die alte Hofhenne, die f\u00fcnfmal K\u00fcchlein ausgebr\u00fctet hatte, zu Rate gezogen. Die Schwalbe erz\u00e4hlte von den sch\u00f6nen, warmen L\u00e4ndern, wo die Weintrauben gro\u00df und schwer an den St\u00f6cken h\u00e4ngen, wo die Luft so mild w\u00e4re und die Berge Farben h\u00e4tten, wie man sie hier zu Lande niemals sieht.<br>&#8222;Es fehlt ihnen aber doch unser Gr\u00fcnkohl!&#8220; sagte die Henne. &#8222;Ich brachte einen Sommer mit allen meinen K\u00fcchlein auf dem Lande zu. Dort war eine Sandgrube, in der wir umhergehen und scharren konnten. Auch hatten wir Zutritt zu einem Garten mit Gr\u00fcnkohl! 0 wie gr\u00fcn der war! Ich kann mir nichts Sch\u00f6neres denken!&#8220;<br>&#8222;Aber ein Kohlkopf sieht wie der andere aus&#8220;, sagte die Schwalbe, &#8222;und dann herrscht hier oft so unangenehme Witterung!&#8220;<br>&#8222;Oh, daran hat man sich schon gew\u00f6hnt!&#8220; sagte die Henne.<br>&#8222;Aber hier ist es kalt, es friert!&#8220;<br>&#8222;Das ist f\u00fcr den Kohl gerade dienlich!&#8220; sagte die Henne. &#8222;\u00dcbrigens kann es auch bei uns sehr warm sein. Hatten wir nicht vor vier Jahren einen Sommer, wo f\u00fcnf Wochen lang eine solche Hitze war, dass man kaum atmen konnte? Dann leben aber bei uns auch keine giftigen Tiere, wie in jenen L\u00e4ndern, und wir sind frei von R\u00e4ubern! Ein B\u00f6sewicht muss der sein, der unser Land nicht f\u00fcr das sch\u00f6nste h\u00e4lt! Er verdiente wahrlich nicht, hier zu weilen!&#8220; Weinend unterbrach sich die Henne und setzte dann schluchzend hinzu: &#8222;Auch ich bin gereist! Ich bin ein mal in einem Korbe \u00fcber zw\u00f6lf Meilen weit gefahren! Das Reisen gew\u00e4hrt schlechterdings kein Vergn\u00fcgen!&#8220;<br>&#8222;Ja, die Henne ist eine vern\u00fcnftige Frau!&#8220; sagte die Puppe Berta. &#8222;Ich halte nichts davon, eine Gebirgsreise zu unternehmen, denn kaum ist man oben, so geht es gleich wieder hinunter! Nein, wir wollen h\u00fcbsch nach der Sandgrube hinausziehen und uns im Kohlgarten ergehen!&#8220;<br>Und dabei blieb es!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Sonnabend<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">&#8222;Erz\u00e4hlst du mir nun Geschichten?&#8220; fragte der kleine Hjalmar&#8216; sobald ihn der Sandmann zu Bett gebracht hatte.<br>&#8222;Heute Abend haben wir nicht Zeit dazu&#8220;, sagte der Sandmann und spannte seinen sch\u00f6nen Regenschirm \u00fcber ihn auf. &#8222;Sieh nur diese Chinesen an!&#8220; Der ganze Schirm glich einer gro\u00dfen chinesischen Schale mit blauen B\u00e4umen und spitzen Br\u00fccken und kleinen Chinesen darauf, die dastanden und mit dem Kopfe nickten. &#8222;Wir m\u00fcssen bis morgen die ganze Welt sch\u00f6n aufgeputzt haben&#8220;, sagte der Sandmann&#8216; &#8222;es ist dann ja ein heiliger Tag, es ist Sonntag. Ich will auf den Kirchturm steigen, um nachzusehen, ob die kleinen Kirchengeister die Glocken putzen, da mit ihr Gel\u00e4ute sch\u00f6n klingt. Auch will ich auf das Feld hinaus und untersuchen, ob die Winde den Staub von den Gr\u00e4sern und Bl\u00e4ttern blasen, und was die allerschwierigste Arbeit ist, ich will alle Sterne herunterholen, um sie aufzupolieren. Ich nehme sie in meine Sch\u00fcrze, aber erst m\u00fcssen sie nummeriert werden und ebenso die L\u00f6cher, in denen sie da oben sitzen, damit sie ihren rechten Platz wieder erhalten k\u00f6nnen, sonst w\u00fcrden sie nicht festsitzen und wir bek\u00e4men zu viele Sternschnuppen, wenn einer nach dem andern herabpurzelte!&#8220;<br>&#8222;H\u00f6ren Sie, wissen Sie was, Herr Sandmann!&#8220; begann ein altes Portr\u00e4t, das an der Wand hing, an der Hjalmar schlief, &#8222;ich bin Hjalmars Urgro\u00dfvater. Ich danke Ihnen zwar, dass Sie dem Knaben Geschichten erz\u00e4hlen, aber sie d\u00fcrfen doch seine Begriffe nicht verwirren. Die Sterne k\u00f6nnen nicht heruntergeholt und geputzt werden! Die Sterne sind Weltk\u00f6rper, gerade so wie unsere Erde, und das ist eben das Gute an ihnen.<br>&#8222;Besten Dank, du alter Urgro\u00dfvater!&#8220; sagte der Sandmann, &#8222;besten Dank! Du bist ja das Haupt der Familie, du bist das Urhaupt! Aber ich bin \u00e4lter als du. Ich bin ein alter Heide. Die R\u00f6mer und Griechen nannten mich den Traumgott. Ich bin in die vornehmsten H\u00e4user gekommen und komme noch hinein. Ich verstehe mit Niedrigen wie mit Gro\u00dfen umzugehen! Nun kannst du statt meiner erz\u00e4hlen!&#8220; Nach diesen Worten verlie\u00df der Sandmann das Zimmer und nahm seinen Schirm mit.<br>&#8222;Nun darf man wohl seine Meinung nicht mehr sagen!&#8220; sagte das alte Portr\u00e4t.<br>Und da erwachte Hjalmar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Sonntag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">&#8222;Guten Abend!&#8220; sagte der Sandmann, und Hjalmar nickte, sprang aber dann schnell hin und wandte des Urgro\u00dfvaters Portr\u00e4t gegen die Wand um, damit er nicht wie gestern mitplaudern k\u00f6nnte.<br>&#8222;Nun musst du mir Geschichten erz\u00e4hlen: von den f\u00fcnf gr\u00fcnen Erbsen, die in einer Schote wohnten, von Hahnenfu\u00df, der Hennenfu\u00df den Hof machte, und von der Stopfnadel, deren Spitze so fein war, dass sie sich einbildete, eine N\u00e4hnadel zu sein!&#8220;<br>&#8222;Man kann auch des Guten zu viel bekommen!&#8220; sagte der Sandmann. &#8222;Ich zeige dir am liebsten etwas, wie du wei\u00dft! Ich will dir meinen Bruder zeigen, der auch Schlaf bringt, aber er kommt zu niemand \u00f6fter als ein Mal. Tritt er zu jemand heran, so nimmt er ihn mit auf sein Pferd und erz\u00e4hlt ihm Geschichten. Er wei\u00df nur zwei, die eine ist so unvergleichlich sch\u00f6n, wie sich niemand in der Welt vorstellen kann; und die andere ist \u00fcber alle Beschreibung h\u00e4sslich und abscheulich!&#8220; Darauf hob der Sandmann den kleinen Hjalmar zum Fenster empor und sagte:<br>&#8222;Dort wirst du meinen Bruder sehen, den sie auch den Tod nennen. Siehst du, er sieht gar nicht so schlimm wie in den Bilderb\u00fcchern aus, wo man ihn immer als Knochengerippe malt! Nein, sein Rock ist mit Silberstickerei verziert, er tr\u00e4gt eine stattliche Husarenuniform; ein Mantel von schwarzem Samt flattert bis \u00fcber das Pferd hinaus! Sieh, wie er im Galopp dahinjagt!&#8220;<br>Und Hjalmar sah, wie der Tod vorw\u00e4rtseilte und junge wie alte Leute auf sein Pferd nahm; einige setzte er vorn, andere hinten auf, aber immer fragte er erst: &#8222;Wie steht es mit dem Zensurbuch?&#8220; &#8211; &#8222;Gut!&#8220; sagten sie alle. &#8222;Ja, lass mich nur selbst sehen!&#8220; erwiderte er, und dann mussten sie ihm das Buch zeigen. Alle nun, die &#8222;Sehr gut&#8220; und &#8222;Ausgezeichnet&#8220; hatten, kamen vorn auf das Pferd und ihnen erz\u00e4hlte er die herrliche Geschichte; doch diejenigen, die &#8222;Ziemlich gut&#8220; und &#8222;Mittelm\u00e4\u00dfig&#8220; hatten, mussten hinten auf und die h\u00e4ssliche Geschichte mit anh\u00f6ren. Sie schauderten und weinten, sie wollten vom Pferd springen, vermochten es aber nicht, denn sie waren sofort fest an demselben angewachsen.<br>&#8222;Aber der Tod ist ja der herrlichste Sandmann!&#8220; sagte Hjalmar&#8216; &#8222;vor ihm f\u00fcrchte ich mich gar nicht!&#8220;<br>&#8222;Das sollst du auch nicht!&#8220; sagte der Sandmann, &#8222;siehe nur zu, dass du ein gutes Sittenzeugnis erh\u00e4ltst!&#8220;<br>&#8222;Ja, das ist lehrreich!&#8220; murmelte des Urgro\u00dfvaters Portr\u00e4t. &#8222;Es hilft doch, wenn man seine Meinung sagt!&#8220; und dann freute er sich.<br>Sieh, das ist die Geschichte vom Sandmann! Nun mag er dir selbst heute Abend mehr erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen In der ganzen Welt gibt es niemand, der so viele Geschichten wei\u00df, wie der Sandmann. Er versteht das Erz\u00e4hlen! Gegen Abend, wenn die Kinder noch h\u00fcbsch artig am Tisch oder auf ihrer Hutsche sitzen, kommt der Sandmann. 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