{"id":1224,"date":"2021-01-17T13:33:40","date_gmt":"2021-01-17T12:33:40","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1224"},"modified":"2025-12-15T20:09:52","modified_gmt":"2025-12-15T19:09:52","slug":"der-kleine-tuk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-kleine-tuk\/","title":{"rendered":"Der kleine Tuk"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hans Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun kam seine Mutter, die fortgewesen war, heim und nahm ihm die kleine Gustave ab. Tuk lief ans Fenster und las, dass er sich fast die Augen ausgelesen h\u00e4tte; denn es war schon am Dunkelwerden und die Nacht r\u00fcckte n\u00e4her und n\u00e4her. Aber die Mutter hatte nicht die Mittel, Licht zu kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Dort geht die alte Waschfrau aus der Gasse dr\u00fcben&#8220; sagte die Mutter, indem sie aus dem Fenster sah. &#8222;Sie kann sich kaum selbst schleppen und muss doch den Eimer vom Brunnen tragen. Spring Du hinaus, kleiner Tuk, sei ein braver Junge und hilf der alten Frau!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der kleine Tuk: M\u00e4rchen von H. C. Andersen (H\u00f6rbuch zum Einschlafen und Tr\u00e4umen | deutsch)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ChKO9YwIS00?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Tuk sprang gleich hinaus und half. Als er jedoch wieder nachhause kam, war es ganz dunkel geworden; von Licht war keine Rede und er sollte ins Bett. Das war eine alte Schlafbank. Darauf lag er nun und dachte an seine Geographieaufgabe, an Seeland und an alles, was der Lehrer erz\u00e4hlt hatte. Er h\u00e4tte es freilich lernen m\u00fcssen, aber das konnte er ja nun nicht. Da steckte er das Geographiebuch unter das Kopfkissen, denn er hatte geh\u00f6rt, dass dies das Behalten seiner Aufgabe bedeutend erleichtern solle. Doch darauf ist kein Verlass.<\/p>\n\n\n\n<p>Da lag er nun und dachte und dachte, und da war es ihm auf einmal, als ob jemand ihn auf Augen und Mund k\u00fcsse. Er schlief und schlief doch wieder nicht. Ihm war, als sehe er der alten Waschfrau freundliche Augen auf sich niederschauen, und sie sagte: &#8222;Es w\u00e4re eine gro\u00dfe Schande, wenn Du Deine Aufgabe nicht k\u00f6nntest. Du hast mir geholfen, nun werde ich Dir helfen, und der liebe Gott wird es immer tun.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und auf einmal kribbelte und krabbelte das Buch unter dem Kopfe des kleinen Tuk.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kikeriki put, put.&#8220; Das war ein Huhn, das hereinspazierte; es kam aus der Stadt Kj\u00f6ge. &#8222;Ich bin eins von den H\u00fchnern aus Kj\u00f6ge.&#8220; Und dann nannte es die Anzahl der Einwohner und sprach von der Schlacht, die dort geschlagen worden sei, aber das w\u00e4re nichts besonderes.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kribbel, krabbe!, bums&#8220; da fiel einer. Es war ein Vogel aus Holz, der nun heranmarschierte. Das war der Papagei vom Vogelschie\u00dfen in Praest\u00f6. Er sagte, es w\u00e4ren dort so viele Einwohner, wie er N\u00e4gel im Leibe habe; und dann war er auch etwas stolz darauf, dass Torwaldsen an der Ecke bei ihm gewohnt habe. &#8222;Bums, ich liege herrlich!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der kleine Tuk lag nicht. Er sa\u00df auf einmal zu Pferde. Im Galopp, im Galopp ging es. Ein pr\u00e4chtig gekleideter Ritter mit leuchtendem Helm und wehendem Federbusch hatte ihn vor sich auf dem Pferde. Sie ritten durch den Wald zu der alten Stadt Vordingborg. Das war eine gro\u00dfe Stadt voller Leben. Hohe T\u00fcrme prangten auf der K\u00f6nigsburg, und die Lichter gl\u00e4nzten weit durch die Fenster hinaus. Drinnen war Gesang und Tanz. K\u00f6nig Waldemar schritt zum Tanze und mit ihm die geputzten jungen Hofdamen. \u2013 Es wurde Morgen, und sobald die Sonne aufging, versank die Stadt und des K\u00f6nigs Schloss; ein Turm nach dem anderen verschwand, zuletzt stand nur noch ein einziger auf der H\u00f6he, wo das Schloss gestanden hatte, und die Stadt war klein und \u00e4rmlich geworden. Und es kamen Schuljungen mit ihren B\u00fcchern unter dem Arm und sagten: &#8222;Zweitausend Einwohner.&#8220; Aber das stimmte nicht, so viele waren es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der kleine Tuk lag in seinem Bett; ihm war, als ob er tr\u00e4umte und doch nicht tr\u00e4umte. Aber jemand stand ganz dicht bei ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Kleiner Tuk! Kleiner Tuk!&#8220; sagte es. Es war ein Seemann, eine ganz kleine Person, als sei er nur ein Kadett; aber es war kein Kadett. &#8222;Ich soll Dich vielmals gr\u00fc\u00dfen von Kors\u00f6r; das ist eine Stadt, die im Aufbl\u00fchen ist, eine lebhafte Stadt, die Dampfschiffe und Postwagen hat. Fr\u00fcher hatte sie den Ruf, h\u00e4sslich zu sein, aber das ist eine veraltete Meinung. \u2013 Ich liege am Meere, sagt Kors\u00f6r; ich habe Landstra\u00dfen und Lusthaine, und ich habe einen Dichter geboren, der lustig ist; das sind nicht alle. Ich habe ein Schiff rings um die Welt fahren lassen wollen; ich tat es dann zwar nicht, h\u00e4tte es aber tun k\u00f6nnen. Und dann rieche ich so herrlich; dicht am Tore bl\u00fchen die sch\u00f6nsten Rosen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Tuk sah sie, es wurde ihm rot und gr\u00fcn vor Augen; aber als wieder Ruhe in das Farbengewirr kam, war es ein waldbewachsener Abhang dicht am klaren Meerbusen. Oben dar\u00fcber lag eine pr\u00e4chtige, alte Kirche mit zwei hohen, spitzen Kircht\u00fcrmen. Von dem Abhange sprudelten Quellen in dicken Wasserstrahlen herab und pl\u00e4tscherten lustig. Dicht dabei sa\u00df ein alter K\u00f6nig mit einer goldenen Krone auf dem langen Haar; das war K\u00f6nig Hroar bei den Quellen. Es war die Stadt Roselinde, wie man sie nun hei\u00dft. Und \u00fcber den Abhang hin in die alte Kirche hinein schritten alle K\u00f6nige und K\u00f6niginnen D\u00e4nemarks Hand in Hand, alle mit ihren goldenen Kronen auf dem Kopfe, und die Orgel spielte und die Quellen rieselten. Der kleine Tuk sah alles und h\u00f6rte alles. &#8222;Vergiss nicht die St\u00e4nde!&#8220; sagte K\u00f6nig Hroar.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Male war alles wieder verschwunden; ja, wo war es geblieben? Es war gerade, als ob man ein Blatt im Buche umwendet. Und nun stand eine alte Frau da; das war eine J\u00e4terin, die aus Sor\u00f6 kam, wo das Gras auf dem Markte w\u00e4chst. Sie hatte ihre graue Linnen Sch\u00fcrze \u00fcber Kopf und R\u00fccken h\u00e4ngen, die war so nass; es musste geregnet haben. &#8222;Ja, das hat es&#8220; sagte sie, und dann erz\u00e4hlte sie allerlei Lustiges aus Holbergs Kom\u00f6dien und wusste auch etwas \u00fcber Waldemar und Absalon. Pl\u00f6tzlich aber schrumpfte sie zusammen, wackelte mit dem Kopfe und tat, als ob sie springen wolle: &#8222;Koax!&#8220; sagte sie; &#8222;es ist nass, es ist nass, man schl\u00e4ft gut und still wie im Grabe in Sor\u00f6!&#8220; Mit einem Male war sie ein Frosch, &#8222;koax&#8220; und dann war sie wieder die alte Frau. &#8222;Man muss sich nach dem Wetter kleiden!&#8220; sagte sie. &#8222;Es ist nass, es ist nass. Meine Stadt ist grade wie eine Flasche; man muss beim Pfropfen hinein, und da muss man auch wieder heraus! Fr\u00fcher habe ich Fische im Grund meiner Flasche gehabt; jetzt habe ich rotb\u00e4ckige Knaben da. Bei mir lernen sie Weisheit: Griechisch! Griechisch! Hebr\u00e4isch! Koax!&#8220; Es klang gerade wie Froschgequak, oder wenn man mit gro\u00dfen Stiefeln in einem Sumpf geht. Es war immer derselbe Ton, so einf\u00f6rmig, so langweilig, so furchtbar langweilig, dass der kleine Tuk in einen tiefen Schlaf fiel, und der tat ihm not.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch in diesen Schlaf schlich sich ein Traum, oder was es sonst war. Seine kleine Schwester Gustave mit den blauen Augen und dem blonden, lockigen Haar war auf einmal ein erwachsenes, sch\u00f6nes M\u00e4dchen und konnte, ohne Schwingen zu haben, fliegen. Und sie flogen \u00fcber das ganze Seeland, \u00fcber die gr\u00fcnen W\u00e4lder und das blaue Wasser dahin.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6rst Du den Hahnenschrei, kleiner Tuk? Kikeriki. Die H\u00fchner fliegen aus der Stadt Kj\u00f6ge auf. Du bekommst einen H\u00fchnerhof, so gro\u00df, so gro\u00df! Du wirst nicht Hunger, nicht Not leiden! Den Vogel sollst Du abschie\u00dfen, wie man so sagt. Du wirst ein reicher und gl\u00fccklicher Mann. Dein Haus soll prangen wie K\u00f6nig Waldemars Turm, und reich wird er gebaut werden, mit Statuen aus Marmor, wie die von der Ecke in Pr\u00e4st\u00f6, Du verstehst mich wohl. Dein Name wird voller Ruhm durch die Welt fliegen, wie das Schiff, das von Kors\u00f6r h\u00e4tte ausgehen sollen, und in Roselinde \u2013 &#8222;Denk an die St\u00e4nde!&#8220; sagte K\u00f6nig Hroar \u2013 da wirst Du gut und klug reden, kleiner Tuk! Und wenn Du dann einmal in Dein Grab kommst, dann wirst Du so stille schlafen&#8220;, &#8222;als l\u00e4ge ich in Sor\u00f6!&#8220; sagte Tuk, und dann erwachte er. Es war heller Morgen, und er konnte sich nicht im mindesten mehr auf seinen Traum besinnen; aber das sollte er auch nicht, denn man darf nicht wissen, was die Zukunft bringen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Und er sprang aus dem Bette und las in seinem Buche, da konnte er seine Aufgabe sogleich. Und die alte Waschfrau steckte den Kopf zur T\u00fcre herein, nickte ihm zu und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sch\u00f6nen Dank f\u00fcr Deine Hilfe gestern, du gutes Kind. Der liebe Gott lasse Deinen sch\u00f6nsten Traum in Erf\u00fcllung gehen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Tuk wusste gar nicht mehr, was er getr\u00e4umt hatte, aber sieh, der liebe Gott wusste es.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen Nun kam seine Mutter, die fortgewesen war, heim und nahm ihm die kleine Gustave ab. Tuk lief ans Fenster und las, dass er sich fast die Augen ausgelesen h\u00e4tte; denn es war schon am Dunkelwerden und die Nacht r\u00fcckte n\u00e4her und n\u00e4her. Aber die Mutter hatte nicht die Mittel, Licht zu kaufen. 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