{"id":122,"date":"2015-10-06T02:25:48","date_gmt":"2015-10-06T00:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=122"},"modified":"2025-12-15T20:17:48","modified_gmt":"2025-12-15T19:17:48","slug":"anne-lisbeth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/anne-lisbeth\/","title":{"rendered":"Anne Lisbeth"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Hans-Christian Andersen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nAnne Lisbeth war wie Milch und Blut, jung, frisch und fr\u00f6hlich, wundersch\u00f6n sah sie aus, blendend wei\u00dfe Z\u00e4hne, klare Augen hatte sie, leicht war ihr Fu\u00df im Tanze und ihr Sinn noch leichter! Was kam aber dabei heraus? &#8222;Ein h\u00e4sslicher Bube!&#8220; Nein, sch\u00f6n war er nicht!&#8220; Er wurde bei der Frau des Feldarbeiters &#8222;abgegeben&#8220;. Anne Lisbeth kam ins gr\u00e4fliche Schloss, sa\u00df dort im Prunkzimmer, angetan mit Sammet und Seide, kein Wind durfte sie anwehen, niemand ihr ein hartes Wort sagen, h\u00e4tte ihr das doch Schaden bringen k\u00f6nnen, und das dufte ja nicht sein. Sie stillte das gr\u00e4fliche Kind, und das war fein und zart wie ein Prinz, sch\u00f6n wie ein Engel; wie liebte sie dieses Kind! Ihr eigenes, ja, das war untergebracht, war bei dem Feldarbeiter, wo nicht der Topf, wohl aber der Mund \u00fcberkochte und wo in der Regel niemand zu Hause war bei dem Knaben. Dieser weinte dann &#8211; aber was ich nicht wei\u00df, macht mich nicht hei\u00df -, er weinte sich in den Schlaf und im Schlaf empfindet man weder Hunger noch Durst; der Schlaf ist eine gar gute Erfindung. Mit den Jahren &#8211; auch Unkraut schie\u00dft empor &#8211; schoss Anne Lisbeths Knabe in die H\u00f6he, und doch war er im Wachstum zur\u00fcck, sagte man; aber in die Familie war er ganz und gar hineingewachsen, sie hatten Geld daf\u00fcr erhalten. Anne Lisbeth war ihn ganz los, sie war eine Stadtdame geworden, hatte es gut und gem\u00fctlich zu Hause und trug Hut und Schleier, wenn sie spazieren ging; aber sie spazierte nie zu dem Feldarbeiter hinaus, das war zu weit von der Stadt entfernt, und sie hatte ja dort auch nichts zu tun, der Knabe geh\u00f6rte den Arbeiterleuten, und sein Essen hatte er, sagte Sie, und was tun f\u00fcrs Essen m\u00fcsse er auch, und deshalb h\u00fctete er Matz Matzens rote Kuh, er konnte schon Vieh h\u00fcten und sich n\u00fctzlich machten.<\/p>\n<p>Der Kettenhund auf der Bleiche des Herrenhofes sitzt stolz im Sonnenschein oben auf seiner H\u00fctte und bellt jeden an, der vor\u00fcbergeht; gibt es Regen, verkriecht er sich in die H\u00fctte und liegt dort warm und trocken. Anne Lisbeths Knaben sa\u00df auf dem Feldzaun im Sonnenschein und schnitzte einen Spannpflock, denn im Fr\u00fchling hatte er drei Erdbeerpflanzen entdeckt, die in Bl\u00fcte standen, die w\u00fcrden sicher Beeren tragen. Er sa\u00df drau\u00dfen in Regen und Wetter und ward nass bis auf die Haut, der scharfe Wind trocknete ihm nachher die Kleider am Leib. Kam er einmal auf den Herrenhof, wurde er geknufft und gesto\u00dfen, er sei gar zu h\u00e4sslich, sagten die M\u00e4gde und Knechte, daran war er gew\u00f6hnt, niemand liebte ihn!<\/p>\n<p>So erging es Anne Lisbeths Knaben, und wie sollte es ihm anders ergehen! Sein Los war nun einmal, niemals geliebt zu werden.<\/p>\n<p>Bisher eine &#8222;Landkrabbe&#8220;, wurde er nun vom Land &#8222;\u00fcber Bord&#8220; geworfen, er fuhr zur See mit einem elenden Fahrzeug, sa\u00df am Ruder, w\u00e4hrend der Schiffer beim Schnapsglas sa\u00df; schmutzig und h\u00e4sslich war er, durchgefroren und hei\u00dfhungrig, man sollte meinen, er sei nie satt gewesen, und das war auch der Fall. Es war Sp\u00e4therbst, raues, nasses, windiges Wetter; der Wind schnitt kalt durch die dicken Kleider, namentlich auf See; und da fuhr ein elendes Fahrzeug mit einem einzigen Segel und nur zwei Mann an Bord, ja, nur anderthalb, h\u00e4tte man sagen k\u00f6nnen, dem Schiffer und seinem Schiffsjungen. D\u00e4mmerlicht war den ganzen Tag \u00fcber gewesen, jetzt wurde es finster; es herrschte eine schneidende K\u00e4lte Der Schiffer trank einen Schnaps, der ihn von innen erw\u00e4rmen konnte! Die Flasche war alt, das Glas auch, oben war es ganz, aber der Fu\u00df war abgebrochen, und nun stand es auf einem geschnitzten, blau angestrichenen Holzkl\u00f6tzchen. Ein Schnaps tut wohl, zwei tun noch wohler, meinte der Schiffer. Der Junge sa\u00df am Ruder, das er mit seinen harten, schwieligen H\u00e4nden festkeilt; h\u00e4sslich war er, das Haar struppig, er selber verkr\u00fcppelt und verk\u00fcmmert, er war des Feldarbeiters Kind &#8211; im Kirchenbuch hie\u00df er Anne Lisbeths Kind.<\/p>\n<p>Der Wind flog auf seine Weise, das Fahrzeug auf seine dahin. Das Segel bl\u00e4hte sich, der Wind war hineingesprungen, es ging in sausender Fahrt, rau, nass ringsumher, und noch \u00e4rger konnte es kommen! Halt! Was war nur das? Was stie\u00df da, was zersprang dort, was ergriff das Schiff? Es drehte sich, legte sich um! War das ein Wolkenbruch? erhob sich eine Sturzsee? Der Junge am Ruder schrie laut auf: &#8222;In Jesu Namen!&#8220; Das Fahrzeug war auf einen gro\u00dfen Fels am Meeresoden gesto\u00dfen und sank wie ein alter Schuh in der Gosse, versank mit Mann und Maus, wie man sagt; und M\u00e4use waren an Bord, aber nur anderthalb Mann: Der Fischer und des Feldarbeiters Junge. Niemand sah es, au\u00dfer den schwimmenden M\u00f6wen und den Fischen dort unten, und die sahen es auch nicht einmal recht, denn sie fuhren erschrocken auseinander, als das Wasser ins Schiff hineinbrauste und es versank. Kaum einen Faden unter dem Wasserspiegel lag es; diese beiden waren untergebracht, begraben und vergessen! Nur das Glas mit dem blauen h\u00f6lzernen Fu\u00df sank nicht. der Fu\u00df hielt es oben; das Glas trieb dahin um zerbrochen und an die K\u00fcste gesp\u00fclt zu werden &#8211; wo und wann? Ja, wem l\u00e4ge wohl daran? Hatte es doch jetzt ausgedient und war es doch geliebt worden, nicht so Anne Lisbeths Knaben&#8220; Doch im Himmel wird keine Seele mehr sagen k\u00f6nnen: &#8222;Niemals geliebt!&#8220;<\/p>\n<p>Anne Lisbeth wohnte in der Stadt, und zwar seit vielen Jahren hie\u00df Madame und f\u00fchlte sich erst recht, wenn sie auf die alten Erinnerungen zu sprechen kam, auf die &#8222;gr\u00e4fliche&#8220; Zeit, als sie in der Kutsche fuhr und mit Gr\u00e4finnen und Baroninnen verkehren konnte. Ihr s\u00fc\u00dfes Grafenkind war der sch\u00f6nste Engel, die liebste Seele, es hatte sie so sehr geliebt und sie es wieder geliebt; sie hatten sich gek\u00fcsst und geherzt, der Knabe war ihre Freude, ihr halbes Leben. Jetzt war er gro\u00df, vierzehn Jahre alt, sch\u00f6n und gelehrt; sie hatte ihn nicht wiedergesehen, seit sie ihn auf ihren Armen getragen; sie war seit vielen Jahren nicht mehr im gr\u00e4flichen Schloss gewesen, war es doch eine ganze Reise bis dorthin!<\/p>\n<p>&#8222;Ich muss mich mal aufraffen!&#8220; sagte Anna Lisbeth, &#8222;ich muss hin zu meiner Herrlichkeit, zu meinem s\u00fc\u00dfen Grafenkind! Ja, er sehnt sich gewiss auch nach mir. Der junge Graf denkt an mich, liebt mich wie damals, als er mit seinen Engelsarmen an meinem Halse hing und rief &#8222;An-Lis!&#8220; es klang wie eine Violine! Ja, ich muss mich aufraffen und ihn wiedersehen!&#8220;<\/p>\n<p>Sie fuhr in einem Schl\u00e4chterwagen ins Land hinein, ging weiter zu Fu\u00df und gelangte auf das gr\u00e4fliche Schloss. Es war gro\u00df und pr\u00e4chtig, wie es immer gewesen, der Garten wie fr\u00fcher, von au\u00dfen gesehen, aber die Leute drinnen im Hause waren ihr alle fremd, nicht einer unter ihnen kannte Anne Lisbeth, sie wussten nicht, was sie einst hier bedeutet hatte, aber die Gr\u00e4fin w\u00fcrde es ihnen schon sagen, auch ihr eigener s\u00fc\u00dfer Knabe; wie sehnte sie sich nach ihm!<\/p>\n<p>Nun war Anne Lisbeth da; lange musste sie oben warten, und dem Wartenden wird die Zeit lang! Ehe die Herrschaft zur Tafel ging, wurde sie zur Gr\u00e4fin beschieden und sehr freundlich angesprochen. Ihren s\u00fc\u00dfen Knaben sollte sie nach der Tafel sehen, sie sollte wieder hereingerufen werden.<\/p>\n<p>Wie war er gro\u00df und lang und d\u00fcnn geworden! Aber die wundersch\u00f6nen Augen hatte er noch und den engels\u00fc\u00dfen Mund! Er sah sie an, aber er sprach kein Wort. Er erkannte sie gewiss nicht wieder. Er wandte sich um, wollte weitergehen, da ergriff sie seine Hand und dr\u00fcckte sie an ihren Mund. &#8222;Gut, gut!&#8220; sagte er, und daraufhin ging er aus der Stube, er, der Gedanke ihrer Liebe, er, den sie am meisten geliebt hatte und am meisten liebte, er, ihr ganzer Erdenstolz!<\/p>\n<p>Anne Lisbeth ging vor das Schloss und auf die offene Landstra\u00dfe, ihr war traurig zumute; hatte er doch so fremd mit ihr getan, hatte er doch keinen Gedanken, kein Wort f\u00fcr sie gehabt, er, den sie einst bei Tag und Nacht getragen und immer noch in ihren Gedanken trug!<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer, schwarzer Rabe schoss vor ihr auf der Landstra\u00dfe nieder und schrie wieder und wieder auf. &#8222;Eia&#8220; sagte sie, &#8222;was bist du doch f\u00fcr ein Ungl\u00fccksvogel!&#8220; Sie kam an dem Haus des Feldarbeiters vor\u00fcber; die Frau stand in der T\u00fcr, und beide sprachen miteinander.<\/p>\n<p>&#8222;Du siehst gut aus!&#8220; sagte die Frau, &#8222;du bist dick und fett, dir geht es gut!&#8220; &#8222;Oh ja! antwortete Anne Lisbeth. &#8222;Das Schiff ist mit ihnen untergegangen!&#8220; sagte die Frau. &#8222;Lars Schiffer und der Junge sind ertrunken, alle beide. Mit ihnen hat es ein Ende. Hatte ich doch immer geglaubt, der Junge w\u00fcrde mir einmal mit ein paar Talern aushelfen k\u00f6nnen, dich kostet er nun nichts mehr, Anne Lisbeth!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sie sind ertrunken?&#8220; sagte Anne Lisbeth, und sie sprachen nicht mehr \u00fcber die Angelegenheit. Anne Lisbeth war recht betr\u00fcbt, weil ihr Grafenkind keine Lust gehabt hatte, mit ihr zu sprechen, mit ihr, die sie ihn so sehr liebte und den langen Weg zur\u00fcckgelegt hatte, um zu ihm zu gelangen; und Geld hatte die Reise auch gekostet, aber das Vergn\u00fcgen, welches ihr auf dem Schloss zuteil geworden, war nicht gro\u00df, doch hier sprach sie davon kein Wort, sie wollte ihr Herz nicht dadurch erleichtern, dass sie der Arbeitersfrau davon erz\u00e4hlte, k\u00f6nnte die doch leicht glauben, sie genie\u00dfe nicht mehr das fr\u00fchere Ansehen bei der Grafenfamilie.<\/p>\n<p>Da schrie der Rabe wieder und flog \u00fcber sie hin. &#8222;Das schwarze Untier!&#8220; sagte Anne Lisbeth. &#8222;Wird mir heute noch einen Schrecken einjagen!&#8220;<\/p>\n<p>Sie hatte Kaffeebohnen und Zichorie mitgebracht, weil sie dachte, es w\u00e4re f\u00fcr die arme Frau eine Wohltat, wenn sie ihr dies gab, damit sie eine Tasse Kaffee kochen k\u00f6nne; sie selbst k\u00f6nnte dann auch eine Tasse trinken. Die Frau machte sich daran, den Kaffee zu kochen, w\u00e4hrend Anne Lisbeth sich auf einem Stuhl niederlie\u00df und dort erm\u00fcdet einschlief. Es tr\u00e4umte ihr von dem, von dem ihr noch nie getr\u00e4umt hatte; sonderbar, ihr tr\u00e4umte von ihrem eigenen Kind, das hier in der armen H\u00fcte des Feldarbeiters gehungert und geweint hatte, sich in Wind und Wetter umhergetrieben hatte und jetzt in der Meerestiefe lag, der liebe Gott wusste, wo! Ihr tr\u00e4umte, dass sie s\u00e4\u00dfe, wo sie gerade sa\u00df, und dass die Frau mit Kaffeekochen besch\u00e4ftigt wein, sie roch sogar die Bohnen, und in der T\u00fcr der H\u00fctte, auf der Schwelle, stand eine wundersch\u00f6ne Gestalt, die war ebenso sch\u00f6n wie das Grafenkind, und dieses Kind sprach zu ihr:<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt geht die Welt unter! Halte dich an mir fest, denn du bist doch meine Mutter. Du hast einen Engel im Himmel! Halte dich an mir fest!&#8220; Und das Kind, der Engel, griff nach ihr, und ein grausiges Gekrach ert\u00f6nte, die Welt ging aus den Fugen, und der Engel erhob sich \u00fcber die Erde und hielt sie fest an ihrem Hemd\u00e4rmel, so fest, schien ihr, dass sie von der Erde emporgehoben wurde; aber es h\u00e4ngte sich wiederum etwas sehr schwer an ihre F\u00fc\u00dfe, lag schwer \u00fcber ihrem K\u00f6rper, es war, als klammerten sich Hunderte von Weibern fest an sie und als riefen sie: &#8222;Sollst du gerettet werden, m\u00fcssen wir auch gerettet werden! Angeklammert! Angeklammert!&#8220; Und dann klammerten sie sich alle an; es waren zu viele, ritsch ratsch! und der \u00c4rmel riss, und Anne Lisbeth fiel entsetzt herunter, so dass sie dabei erwachte! &#8211; und sie war in der Tat eben nahe daran, mitsamt dem Stuhl, auf dem sie sa\u00df, umzust\u00fcrzen; sie war derma\u00dfen erschrocken und verwirrt, dass sie sich dessen nicht entsinnen konnte, was sie getr\u00e4umt hatte, aber etwas B\u00f6ses war es gewesen.<\/p>\n<p>Nun wurde der Kaffee getrunken, dann wurde geplaudert, und endlich ging Anne Lisbeth weiter auf das St\u00e4dtchen zu, wo sie den Fuhrmann antreffen wollte, um noch in derselben Nacht mit diesem in ihre Heimat zu fahren. Als sie aber mit dem Fuhrmann sprach, sagte derselbe, er k\u00f6nne erst am Abend des n\u00e4chsten Tages zum Fahren fertig sein. Sie sann jetzt \u00fcber die Kosten und die L\u00e4nge des Weges nach, und indem sie bedachte, dass der Weg, wenn sie l\u00e4ngs der Meeresk\u00fcste ging, schon zwei Meilen k\u00fcrzer sei als der Fahrweg und dass es klares Wetter und wohl auch Mondschein geben w\u00fcrde, da entschloss sie sich, ihn zu Fu\u00df zur\u00fcckzulegen und sogleich weiterzuwandern, so w\u00fcrde sie schon am n\u00e4chsten Tage zu Hause sein.<\/p>\n<p>Die Sonne war untergegangen, das Abendl\u00e4uten von den Glocken der Dorfkirchen hallte noch durch die Luft &#8211; doch nein, es waren die Glocken nicht, sondern die Unken, die im Schilfe klagten. Jetzt schwiegen sie, alles ringsum war still, nicht einen Vogel vernahm man, alle waren zur Ruhe gegangen, selbst die Eule mochte nicht zu Hause sein; lautlose Stille herrschte am Waldesrand und Meeresstrand; wie sie dahinschritt am Ufer, h\u00f6rte sie ihre eigenen Fu\u00dftritte im Sand; das Meer hatte keinen Wellenschlag, alles drau\u00dfen \u00fcber dem tiefen Gew\u00e4sser war verstummt. Alle waren verstummt, die Lebendigen und die Toten des Meeres.<\/p>\n<p>Anne Lisbeth schritt dahin, sie dachte, wie man sagt, an gar nichts, sie war abwesend von ihren Gedanken, aber die Gedanken waren von ihr nicht abwesend, die sind niemals von uns abwesend, sie schlummern nur so, sowohl die gedachten Gedanken, die untergetaucht sind, als auch diejenigen, die sich noch nicht ger\u00fchrt haben. Aber diese Gedanken brechen zu ihrer Zeit hervor, sie r\u00fchren sich bald im Herzen, bald im Kopfe; sie st\u00fcrzen sich gleichsam auf uns herab!<\/p>\n<p>Es steht geschrieben: &#8222;Eine gute Tat tr\u00e4gt ihre segensreiche Frucht!&#8220; Und so steht auch geschrieben: &#8222;In der S\u00fcnde ist der Tod!&#8220; Vieles steht geschrieben, vieles ist gesagt worden, man wei\u00df es nicht, man entsinnt sich dessen nicht, so erging es Anne Lisbeth; allein es kann einem ein Licht aufgehen, das Vergessene kann sich einem nahen!<\/p>\n<p>Alle Laster, alle Tugenden liegen in unserm Herzen: in deinem, in meinem; sie liegen dort als kleine unscheinbare Samenk\u00f6rner; von au\u00dfen her kommt dann ein Sonnenstrahl, die Ber\u00fchrung einer b\u00f6sen Hand. Du biegst um die Ecke, nach rechts oder links, ja, das kann entscheidend sein, und das kleine Samenkorn wird ersch\u00fcttert, es schwillt auf dabei, es zerspringt und ergie\u00dft seine S\u00e4fte in all dein Blut, und nun bist du schon getrieben von dir selbst! Es gibt qualvolle Gedanken, die hat man nicht, wenn man so gleichsam schlummernd umherwandelt, aber sie sind da, sie g\u00e4ren im Herzen; Anne Lisbeth schritt so mit schlummernden Sinnen dahin, die Gedanken g\u00e4rten! Von Lichtmess zu Lichtmess ist dem Herzen viel aufgerechnet worden, es hat eine ganze Jahresrechnung. Vieles ist vergessen, S\u00fcnden in Worten und Gedanken gegen Gott, unseren N\u00e4chsten und gegen unser eigenes Gewissen, wir denken nicht dar\u00fcber nach, und Anne Lisbeth tat das auch nicht; sie hatte nichts verbrochen gegen das \u00f6ffentliche Recht und Gesetz, sie war sehr gut angesehen, eine ehrenwerte, geachtete Person, das wusste sie. Und wie sie so einherschritt am Meeresufer &#8211; was lag denn dort? Sie blieb stehen; was war dort angeschwemmt? Ein alter M\u00e4nnerhut lag da. Wo m\u00f6chte der wohl \u00fcber Bord gegangen sein? Sie trat n\u00e4her heran, blieb stehen und blickte den Hut an. Ja, was lag den dort? Sie fuhr erschrocken zusammen; allein es war nichts, wor\u00fcber sie erschrocken war, es war Seegras und Schilf, das sich \u00fcber einen gro\u00dfen l\u00e4nglichen Stein gelegt hatte, sah es doch ganz aus wie ein Mensch, es war nur Schilf und Seegras, aber sie erschrak doch, und indem sie weiterschritt, kam ihr so vieles in den Sinn, was sie als Kind geh\u00f6rt hatte, alter Aberglaube von Gespenstern am Meeresufer, dem Geist des Ertrunkenen und nicht Begrabenen, der an der \u00f6den Meeresk\u00fcste angeschwemmt liegt. Der tote Leib, der tue niemandem etwas zu Leide, aber sein Geist, ja, der verfolge den einsamen Wanderer, h\u00e4nge sich an denselben und fordere, zum Kirchhof getragen zu werden, um in geweihter Erde zu liegen. Angeklammert! Angeklammert! rufe das Gespenst. Und als Anne Lisbeth still f\u00fcr sich diese Worte wiederholte, stand ihr pl\u00f6tzlich ihr ganzer Traum vor Augen, leibhaftig wie er gewesen war, wie die Mutter sich an sie angeklammert und dieses Wort immerfort gerufen hatten, als die Welt versank, ihr Hemd\u00e4rmel zerriss und sie aus den H\u00e4nden ihres Kindes fiel, das sie in der Stunde des J\u00fcngsten Gerichts hatte retten wollen. Ihr Kind, ihr eigenes, leibliches Kind, das sie nie geliebt hatte, ja, f\u00fcr das sie nicht einmal einen Gedanken gehabt hatte, dieses Kind lag jetzt auf dem Meeresgrunde, es konnte als Gespenst aus den Wellen auftauchen und rufen: &#8222;Angeklammert! Trage mich in geweihte Erde!&#8220; Und als sie daran dachte, prickelte ihr die Angst in den Fersen, so dass sie schneller dahinschritt; die Furcht kam heran als eine kalte, nasse Hand und legte sich in ihre Herzgrube, so dass sie fast ohnm\u00e4chtig ward, und wie sie nun \u00fcber das Meer hinausblickte, wurde dort alles dicker und dichter; ein schwerer Nebel w\u00e4lzte sich heran, legte sich um Geb\u00fcsch und Baum, diese sonderbar gestaltend. Sie wandte sich um und schaute nach dem Mond, der hinter ihr stand; der war wie eine blasse Scheibe, ohne Strahlen, es war, als habe sich ein Etwas schwer auf alle ihre Gliedma\u00dfen gelegt. Angekammert! Angeklammert! dachte sie, und als sie sich wieder umdrehte und den Mond anblickte, schien es ihr, als sei dessen wei\u00dfes Gesicht ihr ganz nahe, und der Nebel hing ihr wie ein Gewand von den Schultern herab. &#8222;Angeklammert! Trage mich in geweihte Erde!&#8220; klang es in ihren Ohren, so hohl, sogar sonderbar, der Laut kam nicht von den Unken, nicht von den Raben oder Kr\u00e4hen, es war nichts von ihnen zu sehen. &#8222;Ein Grab! Grab mir ein Grab!&#8220; klang es ganz laut; ja, es war der Strandgeist von ihrem Kinde, das auf dem Meeresgrunde lag, das keinen Frieden fand, bevor es nicht auf den Kirchhof getragen und ihm ein Grab in geweihter Erde geschaufelt worden war. Dorthin wollte sie gehen, dort wollte sie graben, und sie schritt dahin in der Richtung, in der die Kirche lag, und es schien ihr dabei, als werde die Last ihr leichter, ja, sie verschwand, und da wollte sie wieder umkehren und auf dem k\u00fcrzesten Wege nach Hause gehen, aber da fasste es sie wieder an: &#8222;Angeklammert! Angeklammert!&#8220; Es h\u00f6rte sich an wie das Quaken der Fr\u00f6sche, wie das Klagen eines Vogels, nein, es klang ganz deutlich: &#8222;Ein Grab! Grab mir ein Grab!&#8220;<\/p>\n<p>Der Nebel war kalt und feucht, Hand und Gesicht waren ihr kalt und nass vor Entsetzen, an ihren K\u00f6rper fasste es und legte sich schwer darauf, in ihrem Innern \u00f6ffnete sich ein unendlicher Raum f\u00fcr Gedanken, die niemals fr\u00fcher gekommen waren.<\/p>\n<p>Hier im Norden schl\u00e4gt der Buchenwald oft w\u00e4hrend einer einzigen Fr\u00fchlingsnacht aus und steht im Tagessonnenschein da in seiner jungen, hellgr\u00fcnen Pracht &#8211; in einer einzigen Sekunde kann in unserm Innern die Saat der S\u00fcnde in Gedanken, Worten und Taten aufgehen, die in unser bisheriges Leben ges\u00e4t worden ist; sie sprie\u00dft empor und entfaltet sich w\u00e4hrend einer einzigen Sekunde, wenn das Gewissen erwacht, und Gott weckt es, wenn wir es am wenigsten vermuten. Als dann ist nichts zu entschuldigen, die Tat ist da und zeugt wider uns; die Gedanken werden zu Worten, und die Worte klingen laut in die Welt hinaus. Wir entsetzen uns \u00fcber das, was wir in uns getragen und nicht erstickt haben, \u00fcber das, was wir in \u00dcbermut und Gedankenlosigkeit ausges\u00e4t haben. Das Herz birgt in sich alle Tugenden, aber auch alle Laster, und die gedeihen selbst auf kargstem Boden.<\/p>\n<p>Anne Lisbeth hatte Raum f\u00fcr all die Gedanken, die wir hier in Worte gekleidet haben; sie war von ihnen \u00fcberw\u00e4ltigt, sie brach zusammen und kroch eine Stecke auf der Erde hin. &#8222;Ein Grab, grab mir ein Grab!&#8220; ert\u00f6nte es wieder, und am liebsten h\u00e4tte sie sich selber begraben, wenn das Grab ein ewiges Vergessen jeglicher Tat w\u00e4re. Es war die ernste Stunde der Erweckung in \u00c4ngsten und Grauen. Der Aberglaube machte sie bald fr\u00f6stelnd zittern, bald trieb er Fieberglut in ihr Blut. Gar vielen, von dem sie nie hatte reden m\u00f6gen, kam ihr in den Sinn. Lautlos, wie die Wolkenschatten im hellen Mondenschein, fuhr eine gespenstische Erscheinung an ihr vor\u00fcber, sie hatte davon fr\u00fcher schon geh\u00f6rt. Dicht an ihr jagten vor\u00fcber vier schnaubende Rosse, das Feuer spr\u00fchte ihnen aus Augen und N\u00fcstern, sie zogen eine gl\u00fchende Kutsche, in der Kutsche sa\u00df der b\u00f6se Gutsherr, der vor mehr als hundert Jahren in dieser Gegend sein Wesen getrieben hatte. Um jede Mitternacht, hie\u00df es, fahre er in seinen Herrenhof hinein und kehre sogleich wieder um. Da! Da! Er war nicht bleich, wie man es von Toten sagt, nein, er war schwarz wie Kohle. Er nickte Anne Lisbeth zu und winkte ihr: &#8222;Angeklammert! Angeklammert! Dann kannst du wieder in gr\u00e4flicher Kutsche fahren und kannst dein Kind vergessen. &#8220;<\/p>\n<p>Sie raffte sich zusammen und eilte zum Kirchhof; aber die schwarzen Kreuze und die schwarzen Raben tanzten vor ihren Augen, und sie vermochte es nicht, die einen von den anderen zu unterscheiden. Die Raben schrien, wie der Rabe am Tage geschrien hatte, doch jetzt verstand sie, was sie schrien: &#8222;Ich bin die Rabenmutter! Die Rabenmutter&#8220; schrie jeder Rabe, und Anne Lisbeth wusste jetzt, dass dieser Name auch ihr galt; sie w\u00fcrde vielleicht in einen solchen schwarzen Vogel verwandelt werden und m\u00fcsste vielleicht immerfort schreien, was die schrien, wenn sie das Grab nicht gr\u00fcbe.<\/p>\n<p>Und sie warf sich auf die Erde, und sie grub mit ihren H\u00e4nden ein Grab in den harten Boden, dass das Blut ihr aus den N\u00e4geln sprang.<\/p>\n<p>&#8222;Ein Grab, grab mir ein Grab!&#8220; t\u00f6nte es immerfort, sie f\u00fcrchtete, dass der Hahnenschrei und der erste rote Streifen im Osten kommen konnten, bevor sie ihre Arbeit beendigt hatte, dann war sie verloren.<\/p>\n<p>Und der Hahn schrie, und es leuchtete im Osten auf &#8211; das Grab war nur halb gegraben; eine eisige Hand glitt \u00fcber ihr Haupt und Antlitz hin bis in die Herzgrube. &#8222;Nur halbes Grab&#8220;, seufzte es und entschwebte hinab auf den Meeresgrund, ja, es war der Strandgeist; Anne Lisbeth sank \u00fcberw\u00e4ltigt und erstarrt zu Boden, alle Sinne schwanden ihr.<\/p>\n<p>Es war heller Tag, als sie wieder zu sich kam, zwei M\u00e4nner hoben sie auf; sie lag nicht auf dem Kirchhof, sondern unten am Meeresufer, und dort hatte sie ein tiefes Loch vor sich in den Sand gegraben und ihre Finger blutig geschnitten an einem zerbrochenen Glas, dessen scharfer Stiel in einem kleinen Holzklotz steckte. Anne Lisbeth war krank; das Gewissen hatte die Karten des Aberglaubens gemischt, hatte diese Karten gelegt und aus denselben herausbekommen, dass sie nunmehr nur eine halbe Seele hatte, die andere H\u00e4lfte hatte ihr Kind mit auf den Meeresgrund genommen; nimmer w\u00fcrde sie sich emporschwingen k\u00f6nnen zu der Gnade des Himmels, ehe sie nicht die andere H\u00e4lfte bes\u00e4\u00dfe, die festgehalten wurde in dem tiefen Wasser. Anne Lisbeth kam wieder in ihre Heimat, sie war nicht mehr dieselbe, die sie fr\u00fcher gewesen war, ihre Gedanken waren verwirrt wie verwirrtes Garn; nur einen Faden, nur einen Gedanken hatte sie frei gemacht, das war der, dass sie den Strandgeist zum Kirchhofe tragen und ihm ein Grab graben m\u00fcsse, um dadurch ihre ganze Seele wiederzugewinnen.<\/p>\n<p>Manche Nacht wurde sie in ihrer Wohnung vermisst, und immer fand man sie wieder an der Meeresk\u00fcste, wo sie des Strandgeistes harrte; auf solche Weise verstrich ein ganzes Jahr, da verschwand sie wieder einmal eine Nacht, war aber nicht aufzufinden; der ganze folgende Tag verging mit vergeblichem Suchen.<\/p>\n<p>Gegen Abend, als der K\u00fcster in die Kirche trat, um die Vesperglocke zu l\u00e4uten, erblickte er dort vor dem Altar Anna Lisbeth, hier hatte sie seit dem fr\u00fchesten Morgen verweilt; ihr K\u00f6rper was fast unterlegen, aber ihre Augen strahlten, ihr Antlitz hatte einen rosigen Glanz, die letzten Sonnenstrahlen beschienen sie, strahlten \u00fcber den Altar hin auf die blanken Beschl\u00e4ge der Bibel, die dort aufgeschlagen lag mit den Worten des Propheten Joel: &#8222;Zerrei\u00dfet eure Herzen und nicht eure Kleider, kehret um zum Herrn!&#8220; &#8211; &#8222;Das war nur so zuf\u00e4llig!&#8220; sagten die Leute, &#8222;Wie so vieles zuf\u00e4llig ist!&#8220;<\/p>\n<p>Im Antlitz Anne Lisbeths, bestrahlt von der Sonne, war zu lesen von Frieden und Gnade. Ihr sei so wohl, sagte sie. Nun habe sie \u00fcberwunden! Diese Nacht sei der Strandgeist, ihr eigenes Kind, bei ihr gewesen, er habe zu ihr gesagt: du grubst mir nur ein halbes Grab &#8211; aber du hast jetzt Jahr und Tag mich ganz in deinem Herzen begraben, und dort birgt eine Mutter ihr Kind am besten! Und darauf habe er ihr ihre verlorene Seele wiedergegeben und habe sie hier in die Kirche hineingeleitet.<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt bin ich in Gottes Haus!&#8220; sprach sie, &#8222;und in dem Hause ist man selig!&#8220; Als die Sonne ganz unten war, war Anne Lisbeths Seele ganz oben, wo keine Furcht ist, wenn man hier ausgelitten hat und Anne Lisbeth hatte ausgelitten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-122","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=122"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":123,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/122\/revisions\/123"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}