{"id":1211,"date":"2021-01-12T11:58:35","date_gmt":"2021-01-12T10:58:35","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1211"},"modified":"2025-12-28T21:23:02","modified_gmt":"2025-12-28T20:23:02","slug":"der-rosenelf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-rosenelf\/","title":{"rendered":"Der Rosenelf"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hans-Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen, und in einer derselben, der sch\u00f6nsten von allen, wohnte ein Elf; er war so winzig klein, dass kein menschliches Auge ihn erblicken konnte; hinter jedem Blatte in der Rose hatte er eine Schlafkammer; er war so wohlgebildet und sch\u00f6n, wie nur ein Kind sein konnte und hatte Fl\u00fcgel von den Schultern bis gerade hinunter zu den F\u00fc\u00dfen. O, welcher Duft war in seinen Zimmern, und wie klar und sch\u00f6n waren die W\u00e4nde! Es waren ja die blassroten Rosenbl\u00e4tter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-handler-einbetten wp-block-embed-handler-einbetten wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Der Rosenelf: M\u00e4rchen von H.C. Andersen (H\u00f6rbuch zum Einschlafen f\u00fcr Erwachsene und \u00e4ltere Kinder)\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DtbWukTicDs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Den ganzen Tag erfreute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Fl\u00fcgeln des fliegenden Schmetterlings und ma\u00df, wie viele Schritte er zu gehen hatte, um \u00fcber alle Landstra\u00dfen und Steige zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatte sind. Das war, was wir die Adern im Blatte nennen, die er f\u00fcr Landstra\u00dfen und Steige nahm, ja das waren gro\u00dfe Wege f\u00fcr ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter, er hatte auch sp\u00e4t damit angefangen.<br>Es wurde kalt, der Tau fiel und der Wind wehte; nun war es das Beste, nach Hause zu kommen, er tummelte sich, so sehr er konnte, aber die Rose hatte sich geschlossen, er konnte nicht hineingelangen \u2013 keine einzige Rose stand ge\u00f6ffnet. Der arme kleine Elf erschrak sehr. Er war fr\u00fcher nie nachts weggewesen, hatte immer s\u00fc\u00df hinter den warmen Rosenbl\u00e4ttern geschlummert. O, das wird sicher sein Tod werden!<br>Am andern Ende des Gartens, wusste er, befand sich eine Laube mit sch\u00f6nem Jel\u00e4ngerjelieber, die Blumen sahen wie gro\u00dfe, bemalte H\u00f6rner aus; in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen.<br>Er flog dahin. Was sah er da! Es waren zwei Menschen darin, ein junger, h\u00fcbscher Mann und ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen; sie sa\u00dfen neben einander und w\u00fcnschten, dass sie sich nicht zu trennen brauchten; sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter und seinem Vater sein kann.<br>\u00bbDoch m\u00fcssen wir uns trennen! \u00ab sagte der junge Mann. \u00bbDein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrage so weit \u00fcber Berge und Seen fort! Lebe wohl, meine s\u00fc\u00dfe Braut, denn das bist Du mir doch! \u00ab<br>Dann k\u00fcssten sie sich, und das junge M\u00e4dchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm dieselbe reichte, dr\u00fcckte sie einen Kuss darauf, so fest und so innig, dass die Blume sich \u00f6ffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden W\u00e4nde; hier konnte er gut h\u00f6ren, dass Lebewohl gesagt wurde. Und er f\u00fchlte, dass die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. O, wie schlug doch das Herz darinnen! Der kleine Elf konnte gar nicht einschlafen, so pochte es.<br>Doch nicht lange lag die Rose auf der Brust. Der Mann nahm sie hervor, und w\u00e4hrend er einsam in dem dunkeln Walde ging, k\u00fcsste er die Blume, so oft und stark, dass der kleine Elf fast erdr\u00fcckt wurde; er konnte durch das Blatt f\u00fchlen, wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich, wie bei der st\u00e4rksten Mittagssonne, ge\u00f6ffnet.<br>Da kam ein anderer Mann, finster und b\u00f6se; es war des h\u00fcbschen M\u00e4dchens schlechter Bruder. Ein scharfes und gro\u00dfes Messer zog er hervor, und w\u00e4hrend jener die Rose k\u00fcsste, stach der schlechte Mann ihn tot, schnitt seinen Kopf ab und begrub ihn mit dem K\u00f6rper in der weichen Erde unter dem Lindenbaume.<br>\u00bbNun ist er vergessen und fort\u00ab, dachte der schlechte Bruder; \u00bber kommt nie mehr zur\u00fcck. Eine lange Reise sollte er machen, \u00fcber Berge und Seen, da kann man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zur\u00fcck, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen. \u00ab<br>Dann scharrte er mit dem Fu\u00dfe verdorrte Bl\u00e4tter \u00fcber die lockere Erde und ging wieder in der dunkeln Nacht nach Hause. Aber er ging nicht allein, wie er glaubte; der kleine Elf begleitete ihn, er sa\u00df in einem vertrockneten, aufgerollten Lindenblatte, welches dem b\u00f6sen Manne, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darauf gesetzt, es war dunkel darin, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn \u00fcber die schlechte Tat.<br>In der Morgenstunde kam der b\u00f6se Mann nach Hause; er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafstube hinein. Da lag das sch\u00f6ne, bl\u00fchende M\u00e4dchen und tr\u00e4umte von ihm, dem sie so gut war und von dem sie nun glaubte, dass er \u00fcber Berge und durch W\u00e4lder gehe; der b\u00f6se Bruder neigte sich \u00fcber sie und lachte h\u00e4sslich, wie nur ein Teufel lachen kann, da fiel das trockene Blatt aus seinem Haare auf die Bettdecke nieder, aber er bemerkte es nicht und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schl\u00fcpfte aus dem verdorrten Blatte, setzte sich in das Ohr des schlafenden M\u00e4dchens und erz\u00e4hlte ihr, wie in einem Traum, den schrecklichen Mord, beschrieb ihr den Ort, wo der Bruder ihn erschlagen und seine Leiche verscharrt hatte, erz\u00e4hlte von dem bl\u00fchenden Lindenbaume dicht dabei und sagte: \u00bbDamit Du nicht glaubst, dass es nur ein Traum sei, was ich Dir erz\u00e4hlt habe, so wirst Du auf Deinem Bette ein verdorrtes Blatt finden!\u00ab Und das fand sie, als sie erwachte.<br>O, welche bittere Tr\u00e4nen weinte sie und durfte doch Niemand ihren Schmerz anvertrauen! Das Fenster stand den ganzen Tag offen, der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all&#8216; den \u00fcbrigen Blumen nach dem Garten hinaus gelangen, aber er wagte es nicht, die Betr\u00fcbte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen, in eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme M\u00e4dchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein, und war heiter trotz seiner Schlechtigkeit, aber sie durfte kein Wort \u00fcber ihren Herzenskummer sagen.<br>Sobald es dunkel wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde nach der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Bl\u00e4tter von der Erde, grub in dieselbe hinein und fand ihn sogleich, der erschlagen worden war. O, wie weinte sie, und bat den lieben Gott, dass er sie auch bald sterben lasse! \u2013<br>Gern h\u00e4tte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht, da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, k\u00fcsste den kalten Mund und sch\u00fcttelte die Erde aus seinem sch\u00f6nen Haar. \u00bbDas will ich behalten! \u00ab sagte sie und als sie Erde und Bl\u00e4tter auf den toten K\u00f6rper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauch, der im Wald bl\u00fchte, wo er begraben war, mit sich nach Hause.<br>Sobald sie in ihrer Stube war, holte sie sich den gr\u00f6\u00dften Blumentopf, der zu finden war, in diesen legte sie des Toten Kopf, sch\u00fcttete Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf.<br>\u00bbLebewohl! Lebewohl! \u00ab fl\u00fcsterte der kleine Elf, er konnte es nicht l\u00e4nger ertragen, all&#8216; diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten; aber die war abgebl\u00fcht, da hingen nur einige welke Bl\u00e4tter an der gr\u00fcnen Hagebutte.<br>\u00bbAch, wie bald ist es doch mit all&#8216; dem Sch\u00f6nen und Guten vorbei! \u00ab seufzte der Elf. Zuletzt fand er eine Rose wieder, die wurde sein Haus, hinter ihren feinen und duftenden Bl\u00e4ttern konnte er wohnen.<br>Jeden Morgen flog er nach dem Fenster des armen M\u00e4dchens, und da stand sie immer bei dem Blumentopf und weinte. Die bitteren Tr\u00e4nen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tage, wie sie bleicher und bleicher und bleicher wurde, stand der Zweig frischer und gr\u00fcner da, ein Sch\u00f6ssling trieb nach dem andern hervor, kleine, wei\u00dfe Knospen bl\u00fchten auf, und sie k\u00fcsste sie, aber der b\u00f6se Bruder schalt und fragte, ob sie n\u00e4rrisch geworden sei? Er konnte es nicht begreifen, weshalb sie immer \u00fcber den Blumentopf weine. Er wusste ja nicht, welche Augen da geschlossen und welche roten Lippen da zu Erde geworden waren; sie neigte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie so schlummern; da setzte er sich in ihr Ohr, erz\u00e4hlte von dem Abend in der Laube, vom Duft der Rose, und der Elfen Liebe; sie tr\u00e4umte s\u00fc\u00df, und w\u00e4hrend sie tr\u00e4umte, entschwand das Leben, sie war eines stillen Todes verblichen, sie war bei ihm, den sie liebte, im Himmel. Und die Jasminblumen \u00f6ffneten ihre gro\u00dfen, wei\u00dfen Glocken, sie dufteten eigent\u00fcmlich s\u00fc\u00df, anders konnten sie nicht \u00fcber die Tote weinen.<br>Aber der b\u00f6se Bruder betrachtete den sch\u00f6n bl\u00fchenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich, und setzte ihn in seine Schlafstube, dicht beim Bette, denn er war herrlich anzuschauen und der Duft war s\u00fc\u00df und lieblich. Der kleine Rosenelf folgte mit, flog von Blume zu Blume, in jeder wohnte ja eine kleine Seele, und der erz\u00e4hlte er von dem ermordeten jungen Mann, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erz\u00e4hlte von dem b\u00f6sen Bruder und der armen Schwester.<br>\u00bbWir wissen es\u00ab, sagte eine jede Seele in den Blumen, \u00bbwir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen? Wir wissen es; wir wissen es! \u00ab Und dann nickten sie sonderbar mit dem Kopfe.<br>Der Rosenelf konnte es gar nicht begreifen, wie sie so ruhig sein konnten, und flog hinaus zu den Bienen, die Honig sammelten, erz\u00e4hlte ihnen die Geschichte von dem b\u00f6sen Bruder, und die Bienen sagten es ihrer K\u00f6nigin, welche befahl, dass sie alle am n\u00e4chsten Morgen den M\u00f6rder umbringen sollten.<br>Aber in der Nacht vorher, es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte, als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauch schlief, \u00f6ffnete sich ein jeder Blumenkelch, unsichtbar, aber mit giftigen Spie\u00dfen, stiegen die Blumenseelen hervor und setzten sich zuerst in seine Ohren und erz\u00e4hlten ihm b\u00f6se Tr\u00e4ume, flogen darauf \u00fcber seine Lippen und stachen seine Zunge mit den giftigen Spie\u00dfen. \u00bbNun haben wir den Toten ger\u00e4cht! \u00ab sagten sie und flogen zur\u00fcck in des Jasmins wei\u00dfe Glocken.<br>Als es Morgen wurde, und das Fenster der Schlafstube ge\u00f6ffnet wurde, fuhr der Rosenelf mit der Bienenk\u00f6nigin und dem ganzen Bienenschwarm herein, um ihn zu t\u00f6ten.<br>Aber er war schon tot; es standen Leute rings um das Bett, die sagten: \u00bbDer Jasminduft hat ihn get\u00f6tet! \u00ab<br>Da verstand der Rosenelf der Blumen Rache, und er erz\u00e4hlte es der K\u00f6nigin der Bienen, und sie summte mit ihrem ganzen Schwarm um den Blumentopf; die Bienen waren nicht zu verjagen; da nahm ein Mann den Blumentopf fort und eine der Bienen stach seine Hand, so dass er den Topf fallen lie\u00df und er zerbrach.<br>Da sahen sie den bleichen Totensch\u00e4del, und sie wussten, dass der Tote im Bette ein M\u00f6rder war.<br>Die Bienenk\u00f6nigin summte in der Luft und sang von der Rache der Blumen und von dem Rosenelf, und dass hinter dem geringsten Blatte Einer wohnt, der das B\u00f6se erz\u00e4hlen und r\u00e4chen kann!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war ganz voller Rosen, und in einer derselben, der sch\u00f6nsten von allen, wohnte ein Elf; er war so winzig klein, dass kein menschliches Auge ihn erblicken konnte; hinter jedem Blatte in der Rose hatte er eine Schlafkammer; er war so wohlgebildet und sch\u00f6n, wie nur [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-1211","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1211","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1211"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1211\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1214,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1211\/revisions\/1214"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1211"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1211"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1211"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}