{"id":1202,"date":"2020-12-16T22:58:28","date_gmt":"2020-12-16T21:58:28","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1202"},"modified":"2026-04-24T18:22:07","modified_gmt":"2026-04-24T16:22:07","slug":"die-falschen-weihnachtsbaeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-falschen-weihnachtsbaeume\/","title":{"rendered":"Die falschen Weihnachtsb\u00e4ume"},"content":{"rendered":"\n<p>Charlotte Niese<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die falschen Weihnachtsb\u00e4ume<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf unsrer Insel gab es wenig B\u00e4ume. So wenig, dass das Brennholz weither \u00fcber das Wasser geholt werden musste, und dass viele der Inselbewohner niemals einen Wald gesehen hatten. Auch die Tannenb\u00e4ume waren ein seltner Artikel, was uns als Kinder immer sehr aufregte. Denn wenn es gegen die Weihnachtszeit ging, tauchten immer wieder die Zweifel auf, ob wir wohl einen wirklichen oder einen falschen Tannenbaum am heiligen Abend bek\u00e4men. Einen wirklichen Tannenbaum, der im Walde gewachsen war, und in dessen Zweigen die V\u00f6gel gesungen hatten, oder einen falschen, der in der Werkstatt des Meister Ahrens das Licht der Welt erblickt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Meister Ahrens war unser Tischler. Er sah alt aus und hatte einen sehr kahlen Kopf, aber wir hatten ihn gern, besonders wenn er nicht immer von seinem guten Herzen sprach. Das langweilte uns, weil wir es eigentlich f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich hielten, dass man ein gutes Herz haben m\u00fcsse.<br>Ahrens kam oft zu uns. In unsrer Kinderstube ging aller Augenblicke etwas auseinander, was eigentlich zusammengeh\u00f6rte, und Meister Ahrens erschien dann mit seinem Leimtopf, sagte, er h\u00e4tte ein gutes Herz, und klebte alles wieder zusammen. Wir halfen ihm nat\u00fcrlich und dr\u00e4ngten uns um die Ehre, in seinem klebrigen Topf dreimal herumr\u00fchren zu d\u00fcrfen; aber seine Tannenb\u00e4ume&nbsp;konnten wir nicht leiden. Das kam wahrscheinlich daher, weil wir sie schon so lange vorher sahen. Schon im Fr\u00fchjahr arbeitete Ahrens an langen Wei\u00dfen St\u00f6cken, in die er L\u00f6cher bohrte; im August und September malte er diese St\u00f6cke mit grasgr\u00fcner \u00d6lfarbe an und trocknete sie vor seiner Haust\u00fcr. Sp\u00e4ter sahen wir sie zusammengebunden in seiner Werkstatt liegen, bis der Dezember ins Land zog. Dann verschaffte er sich Tannenzweige, steckte diese in die L\u00f6cher der gr\u00fcnen St\u00f6cke und betrieb einen schwunghaften Handel mit Tannenb\u00e4umen. Auch uns bot er immer von seinem Fabrikat an, aber obgleich wir nicht leugnen konnten, dass seine B\u00e4ume schlie\u00dflich sehr nett aussahen, so verhielten wir uns meist ablehnend. \u00bbSie sind so billig,\u00ab sagte Ahrens eines Tages zu uns, als wir ihn einer Bestellung wegen in seiner Werkstatt besuchten, und er gerade einen gr\u00fcnen Stock etwas nachmalte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWir wollen sie doch nicht!\u00ab erwiderte mein Bruder J\u00fcrgen, der in seinen Ausspr\u00fcchen oft sehr bestimmt war. \u00bbIch mag keinen falschen Tannenbaum!\u00ab<br>\u00bbFalsch! Du lieber Gott, wasn Wort!\u00ab Ahrens sah beleidigt aus. \u00bbDa is nich die geringste Falschheit bei! Meine Tannenb\u00e4umens sind feiner als die nat\u00fcrlichen, kann ich dich sagen, mein Junge! An die nat\u00fcrlichen is oft Smutz und Erde, und bei mich is blo\u00df die reine \u00d6lfarbe!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo bekommst du eigentlich die Tannenzweige her?\u00ab fragten wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Tischler machte ein wichtiges Gesicht. \u00bbAus &#8217;n Wald, aus &#8217;n richtigen Tannwald, wo die V\u00f6gelns singen, und wo soviel B\u00e4umens stehn, dass man mannichmal keine Luft kriegen kann!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo liegt der Wald, und wer holt dir die Tannenzweige?\u00ab<br>Wir waren dem Tischler doch n\u00e4her ger\u00fcckt und sahen ihn gespannt an. Aber er zuckte die Achseln. \u00bbJa, das m\u00f6cht ihr wohl wissen! Das sag ich abersten nich \u2013 nee, das sag ich nich!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Art umgab Meister Ahrens seine B\u00e4ume mit dem Nimbus des Geheimnisvollen, und dadurch gewannen sie nat\u00fcrlich in unsern Augen.<br>Es war schon ziemlich nahe vor Weihnachten, und wir sprachen eigentlich von nichts anderm als von dem bevorstehenden Feste. Endlos lange Wunschzettel waren geschrieben: hin und wieder wurde eine Tr\u00e4ne \u00fcber eine v\u00f6llig missgl\u00fcckte Weihnachtsarbeit vergossen, oder wir schmiedeten Pl\u00e4ne, was wir noch verschenken wollten. Manchmal ging die Zeit entsetzlich langsam und manchmal unheimlich schnell dahin, und unsre Lehrer beklagten sich \u00fcber unsre Zerstreutheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war an einem Morgen im Dezember, dass ich zu Meister Ahrens geschickt wurde, um ihn samt seinem Leimtopfe zu uns einzuladen. Unsre Kinderstubeneinrichtung hatte durch eine l\u00e4ngere lebhafte Unterhaltung der \u00e4ltern Br\u00fcder stark gelitten, und Ahrens sollte gleich kommen. Vergn\u00fcgt polterte ich die enge Treppe zu seiner Werkstatt hinauf, konnte aber nicht bis auf die letzte Stufe kommen, weil dort ein Kind stand, auf das der alte Tischler eifrig einsprach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch muss die Zweigens haben, und Vater muss her\u00fcber und sie holen!\u00ab<br>\u00bbVater is bang!\u00ab lautete die sch\u00fcchterne Erwiderung.<br>\u00bbI, was sollt Vater woll bang sein; er muss los \u2013 sonsten klag ich ihm ein, wo er mich doch Geld schuldig is! Ohne die Zweigens kann ich ja nix machen, und das Gesch\u00e4ft mit die B\u00e4umens muss anfangen! Nu geh du man, und lass Vater man auch gehn!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kind, es war ein ziemlich gro\u00dfes M\u00e4dchen, glitt an mir vor\u00fcber, und ich konnte jetzt in die Werkstatt treten und meine Bestellung ausrichten. Aber Meister Ahrens h\u00f6rte kaum auf mich. Er war sehr schlechter Laune und betrachtete seufzend seinen Haufen gr\u00fcner St\u00f6cke, der friedlich in einer Ecke lag.<br>\u00bbKannst du keine Zweige aus dem gro\u00dfen Walde kriegen?\u00ab fragte ich neugierig. Er aber sah mich streng an.<br>\u00bbFrag nich so dumm! Ich kann allens, was ich will, und meine Tannenb\u00e4umens sind besser als die nat\u00fcrlichen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich wieder hinauskam, da sa\u00df dasselbe M\u00e4dchen, das vorhin mit Ahrens gesprochen hatte, auf der T\u00fcrschwelle. Sie weinte nicht, aber sie sah aus, als ob sie wohl Lust dazu h\u00e4tte, und ich setzte mich neben sie und betrachtete sie schweigend. Sie war sehr \u00e4rmlich, aber ziemlich sauber gekleidet, nur ihr dickes, blondes Haar hing unordentlich um ihren Kopf. An diesem Haar erkannte ich sie, und ich nickte ihr freundlich zu.<br>\u00bbDu hast mir neulich mein Lesebuch nachgebracht, als ich aus der Stunde kam, wei\u00dft du noch? Ich hatte es auf dem Wege verloren!\u00ab<br>Sie sah jetzt auf, und ihre Augen blickten weniger tr\u00fcbe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas war so&#8217;n feines Buch,\u00ab sagte sie, \u00bbmit Bildern ein \u2013 so&#8217;n feines Buch!\u00ab<br>\u00bbHast du kein Lesebuch?\u00ab erkundigte ich mich, w\u00e4hrend ich mit einiger Besch\u00e4mung daran dachte, dass ich dieses Buch schon zweimal hinter den Schrank geworfen hatte, nur um es nie wieder zu sehen. Leider war es immer wieder gefunden worden.<br>Sie sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbNee \u2013 ich hab nix, gar nix!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas w\u00fcnschst du dir denn zu Weihnachten?\u00ab<br>\u00bbIch?\u00ab Das M\u00e4dchen sah \u00fcberrascht aus. Dann lachte sie. \u00bbWas sollt ich mich woll w\u00fcnschen; ich krieg doch nix!\u00ab<br>\u00bbDu bekommst gar nichts?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Unwillk\u00fcrlich r\u00fcckte ich der Sprecherin n\u00e4her. \u00bbBist du dann zu Weihnachten nicht furchtbar traurig?\u00ab<br>\u00bbNee\u00ab \u2013 sie lachte wieder. \u00bbWas sollt ich woll traurig sein, wo ich den ganzen Abend rumlauf und in all die Fensters guck und all die Weihnachtsb\u00e4umens zu sehen krieg! Mannichmal krieg ich auch noch ein St\u00fcck Brot mit Rosinens geschenkt!\u00ab<br>\u00bbWeihnachtsabend darf man eigentlich nicht ausgehn!\u00ab sagte ich. \u00bbDa muss man zu Hause bei seinen Eltern bleiben!\u00ab<br>\u00bbJa, wenn Vater man nich sitzt, denn bleib ich auch bei ihm; abers er is nu ja \u00fcmmerlos im Loch \u2013 da sitz ich ja ganz allein, wo Mutter doch tot is \u2013\u00ab<br>\u00bbEr sitzt im Gef\u00e4ngnis?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es angegangen w\u00e4re, h\u00e4tte ich mich noch n\u00e4her an meine neue Bekanntschaft gedr\u00fcckt. Wir sa\u00dfen aber schon ganz nahe aneinander geschmiegt. Aber um ihr doch zu zeigen, wie interessant sie mir sei, griff ich in die Tasche, in der ich einige getrocknete Pflaumen hatte, und bot sie ihr an. D\u00f6rthe Krieger, so hie\u00df das M\u00e4dchen, nahm sie auch und verzehrte sie mit einiger Gier, w\u00e4hrend ich ihr zusah. Ich hatte mir n\u00e4mlich gerade aus dem vorhin erw\u00e4hnten Lesebuch eine wunderh\u00fcbsche Geschichte von einem unschuldig Gefangnen vorlesen lassen und nahm jetzt an, dass die Gef\u00e4ngnisse nur dazu da w\u00e4ren, Unschuldige zu qu\u00e4len.<br>\u00bbDein Vater hat doch nat\u00fcrlich nichts B\u00f6ses getan?\u00ab fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00f6rthe sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbNee \u2013 nat\u00fcrlich nich! Blo\u00df ein b\u00fcschen Stehlen. Weiter gar nix. Der B\u00fcrmeister is auch zu eigen. Abers nach die Tannenzweigen in Holstein will er doch nich hin!\u00ab<br>\u00bbStiehlt er die auch?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, wo sollt er sonstens zu sie kommen? Sie sitzen an ein Baum, und der Baum geh\u00f6rt ein Grafen zu, der furchtbar slecht is und nich leiden kann, wenn man in sein Wald spazieren geht. Vater sagt, der Wald is so gro\u00df, und da laufen Rehe und Hasen herum \u2013 da merkt kein ein, wenn ein Baum fehlt und wenn da ein Reh weniger is. Hast mal Rehbraten gegessen? Der smeckt abers fein! Vater soll dich ein St\u00fcck abgeben, wenn er wieder mal was mitbringt! Na, abers er will diesmal nich gern hin. Die F\u00f6rsters haben ihn so gr\u00e4sslich aufn Strich, und wenn sie ihn kriegen, denn sperren sie ihn gleich ein, und \u2013 denk dich mal! \u2013 er muss jedes Mal l\u00e4nger sitzen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDann darf er doch nicht in den gro\u00dfen Wald gehn!\u00ab rief ich aufstehend. Mir war, ich wei\u00df nicht weshalb, doch etwas unheimlich zumute geworden.<br>\u00bbMeister Ahrens will es aber, und wir wohnen in seinem Haus!\u00ab D\u00f6rthe war ebenfalls aufgestanden und wischte sich an den Augen herum. \u00bbEr sagt, Vater muss allens ein b\u00fcschen vorsichtig machen, und er braucht nicht gleich ein Reh zu nehmen. Abers wenn es nu da heruml\u00e4uft?\u00ab<br>Auf diese Frage wusste ich auch keine Antwort; aber ich konnte es D\u00f6rthe nachf\u00fchlen, dass sie ihren Vater nicht gerade zu Weihnachten im Gef\u00e4ngnis haben wollte. Ich musste ihr pl\u00f6tzlich noch versprechen, keinem etwas von unsrer Unterhaltung zu erz\u00e4hlen, und dann trennten wir uns.<br>J\u00fcrgen wusste schon nach einer Viertelstunde die ganze Geschichte, und es war nur gut, dass ich sie ihm erz\u00e4hlte. Denn ich hatte etwas sehr Tadelnswertes begangen, was ich keinem erwachsnen Menschen mitteilen durfte. Von niemand w\u00fcrde ich etwas zu Weihnachten&nbsp;bekommen, wenn man erf\u00fchre, dass ich mit D\u00f6rthe Krieger gesprochen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIhr Vater ist ein Dieb, und zwar ein ganz gemeiner!\u00ab berichtete J\u00fcrgen. \u00bbRasmussen (unsers Gro\u00dfvaters Schreiber) hat mir gerade neulich davon erz\u00e4hlt! Denke dir, er stiehlt nicht einmal Geld, was doch das feinste beim Stehlen ist \u2013 er nimmt meist nur W\u00fcrste und Schinken. Und er sitzt eigentlich immer im Gef\u00e4ngnis!\u00ab<br>D\u00f6rthe hatte mir diese betr\u00fcbende Eigenschaft ihres Vaters ja auch berichtet.<br>\u00bbSie will nur so ungern, dass er Weihnachten sitzt,\u00ab meinte ich; \u00bbsie ist dann ganz allein und hat niemand, dem sie ihren Weihnachtsvers aufsagen kann! Sie bekommt \u00fcberhaupt gar nichts zu Weihnachten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGar nichts?\u00ab J\u00fcrgens tugendstrenges Gesicht wurde etwas milder. Aber er wusste doch keinen bessern Rat, als dass ich nicht mehr an D\u00f6rthe Krieger denken und noch weniger mit ihr sprechen sollte. Besonders nicht vor Weihnachten. Denn wenn die erwachsnen Familienglieder merkten, welchen schlechten Umgang ich h\u00e4tte, dann w\u00fcrde es schlimm um meine Geschenkaussichten aussehen.<br>J\u00fcrgen konnte manchmal sehr eindringlich sprechen, und da ihm wirklich in der letzten Zeit verschiedentlich Standreden dar\u00fcber gehalten worden waren, dass er in seinem Verkehr w\u00e4hlerischer sein sollte, so wusste er genau, was er sagen sollte, und ich h\u00f6rte ihm and\u00e4chtig zu. D\u00f6rthe Krieger war mir selbst doch auch etwas bedenklich vorgekommen; sie hatte meine Pflaumen wohl aufgegessen, sich aber nicht daf\u00fcr bedankt. Das zeugte von einem schlechten Herzen. Als ich ihr nach etlichen Tagen wieder begegnete,, und sie mir mit einer gewissen Vertraulichkeit zunickte, sah ich sie deshalb gar nicht an. Als sie aber vor\u00fcber war, musste&nbsp;ich doch stehn bleiben und mich umsehen, und da sie dasselbe tat, sahen wir uns gerade in die Augen.<br>Sie lachte; ich aber wurde sehr entl\u00fcftet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu darfst dich nicht nach mir umsehen \u2013 dein Vater ist ein ganz gemeiner Dieb, und ich will nicht mit dir sprechen.\u00ab<br>D\u00f6rthe sch\u00fcttelte ihren struppigen Kopf und lachte wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNee, sprechen musst du auch nich mit mich! Die Kinder in die Schule wollen auch nich bei mich sitzen. Ehegestern hab ich den ganzen Tag allein aufn Bank gesessen \u2013 das war fein!\u00ab<br>\u00bbMagst du gern allein sitzen?\u00ab<br>Ich war dem Kinde des Diebes nun doch n\u00e4her getreten und sah neugierig in ihr unbek\u00fcmmertes Gesicht.<br>\u00bbNu nat\u00fcrlich mag ich es! Da sitzt kein ein bei mich und kneift mir oder schubbst mir \u2013 das is fein?\u00ab<br>\u00bbIst dein Vater schon im Walde gewesen?\u00ab fragte ich.<br>Sie sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbNee \u2013 er hat ein slimmes Knie gehabt und konnt nich fort. Ahrens war doll, kann ich dich sagen, und er will uns aus &#8217;n Haus smei\u00dfen, wenn Vater nich bald Ernst macht. For meinswegen kann Vater auch hingehn; wenn er man blo\u00df nich wieder Weihnachten sitzen muss!\u00ab<br>Sie seufzte ein wenig und schob die Arme unter ihr d\u00fcnnes Schultertuch.<br>\u00bbIch wei\u00df, wie allens kommt!\u00ab fuhr sie dann fort. \u00bbVater geht in den Wald und will blo\u00df die Zweigens abslagen, und denn sieht er ein Reh und denn slachtet er das. Und denn kommt die Pollerzei und all die slechten Menschens, und denn sitzt er Weihnachten ins Loch!\u00ab<br>\u00bbHast du einen Weihnachtsvers f\u00fcr ihn gelernt?\u00ab fragte ich: sie beachtete aber meine Worte nicht.<br>\u00bbWenn es Ostern w\u00e4r oder Pfingsten, denn w\u00e4r&#8216; es mich einerlei; da is es nich mehr so dunkel, und die andern Kinners snacken nich mehr soviel von Weihnachtsb\u00e4umens und von Aufsagen, abers nu \u2013\u00ab<br>D\u00f6rthe wischte sich die Augen, und ich sah sie ratlos an.<br>\u00bbHast du deinem Vater nicht gesagt, er solle bei dir bleiben?\u00ab<br>\u00bbNu, ganz gewiss! Abers Ahrens wird b\u00f6s, wenn er die Zweigens nicht kriegt. Zwei Jahr haben wir die Miete nich bezahlt, weil dass Vater immer so in R\u00fcckstand war!\u00ab<br>\u00bbDann musst du den lieben Gott bitten, dass dein Vater kein Reh totmacht, wenn er in den Wald geht!\u00ab riet ich, und D\u00f6rthe sah mich nachdenklich an.<br>\u00bbDas kann angehn! Ich will ihm bitten, dass die Rehens vordem alle tot bleiben oder von den Grafen geslachtet werden. \u2013 For die Zweigens kriegt er ja blo\u00df wenig Gef\u00e4ngnis!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lief weiter, und mir fiel ein, dass ich nicht mit ihr hatte sprechen wollen. Aber es hatte mich, gottlob! niemand gesehen, und da au\u00dferdem andere Gedanken mein Herz erf\u00fcllten, so verga\u00df ich diese Unterredung so bald, dass ich sie nicht einmal J\u00fcrgen mitteilte. Es waren n\u00e4mlich nur noch acht Tage bis Weihnachten, und die prickelnde, sonderbare Unruhe kam \u00fcber uns, die jedes Kind kennt. Wir mochten nicht mehr sehr lange auf einem Stuhle sitzen, und am liebsten liefen wir auf der Stra\u00dfe umher und besahen die bescheidnen Weihnachtsausstellungen unsers St\u00e4dtchens.<br>Au\u00dferdem hatten wir noch Sorge wegen des Ausbleibens unsers Tannenbaumes. Der sollte mit dem Schiffer kommen, der um die Weihnachtszeit mit seiner&nbsp;Jacht nach L\u00fcbeck fuhr und die herrlichsten Sachen mitbrachte. Aber Schiffer Lafrenz war noch nicht in unsern Hafen eingelaufen. Das kam daher, dass der Wind die ganze Zeit \u00bbkontr\u00e4r\u00ab gewesen war, wie uns die Sachverst\u00e4ndigen sagten, aber diese Erkl\u00e4rung beunruhigte uns nur, statt uns zu beruhigen. Wir kannten Geschichten von Leuten, die drei Wochen auf der Ostsee bei \u00bbkontr\u00e4rem\u00ab Winde gekreuzt hatten, ohne ihr Reiseziel zu erreichen, und die dann schlie\u00dflich wieder unverrichteter Sache nach Hause gefahren waren. Erlebt hatten wir solche Sachen nicht, aber man hatte uns so oft die Abenteuer einer Seereise in alten Zeiten berichtet, dass wir das Schiff mit unserm Tannenbaum im Geiste schon bei Finnland im Eise eingefroren sahen. Die gro\u00dfen Leute suchten uns die Bef\u00fcrchtungen auszureden; wir aber f\u00fchlten uns doch verpflichtet, jeden Tag an unsern kleinen Hafen zu laufen und dort Erkundigungen nach \u00bbAnna Kathrin\u00ab einzuziehn. So hie\u00df die Jacht vom Schiffer Lafrenz, und es war ein sch\u00f6nes Schiff, nur dass sie sehr schaukelte, auch wenn es gar nicht n\u00f6tig schien.<br>Am Sonntag vor Weihnachtsabend war k\u00f6stliches Wetter. Gerade so, als bildete sich die Sonne ein, Weihnachten \u00fcberschlagen zu k\u00f6nnen. Sie schien so hell wie im Fr\u00fchjahr, und als wir am Vormittag aus der Kirche kamen, beschlossen wir, sofort wieder nach dem Hafen zu gehn und uns nach der \u00bbAnna Kathrin\u00ab zu erkundigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir am Hause von Meister Ahrens vor\u00fcbergingen, stand dieser vor der T\u00fcr und hielt einen Tannenbaum in der Hand. Es war nat\u00fcrlich ein falscher, und seine Zweige waren nicht mehr frisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWo hast du die Zweige her, Meister Ahrens?\u00ab fragten wir. \u00bbDas ist kein sch\u00f6ner Tannenbaum geworden!\u00ab<br>Der Tischler antwortete nicht viel, sondern murmelte&nbsp;nur einige verdrie\u00dfliche Worte, worauf einer der \u00e4ltern Br\u00fcder berichtete, dass das Gesch\u00e4ft mit den Tannenzweigen dieses Jahr flau sein sollte. Da w\u00e4re niemand mit guten Tannenzweigen an die Insel gekommen, und auch die falschen Tannen sollten teuer sein. Wir andern seufzten ein wenig bei dieser Erz\u00e4hlung, und dann strebten wir eilig dem Hafen zu, um uns nach der \u00bbAnna Kathrin\u00ab die Augen auszuschauen. Aber alles Lugen half nichts \u2013 die dickb\u00e4uchige Jacht schaukelte weder am Bollwerk, noch war ihr geflicktes Segel irgendwo am Horizont zu erblicken.<br>Nachdem diese Tatsache festgestellt war, verlie\u00dfen die \u00e4ltern Br\u00fcder uns, um einen Freund zu besuchen, dessen Onkel im Besitz eines Fernrohrs war, das dazu dienen sollte, die \u00bbAnna Kathrin\u00ab etwas schneller herbeizusehen. Wir Kleinern gingen schwerm\u00fctig an den Strand und suchten uns dadurch aufzuheitern, dass wir flache Steine ins Wasser warfen. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir ein Boot, das an einen etwas abseitsstehenden Pfahl angekettet war. Beide Ruderpatten lagen darin, und dieser Umstand schien uns so verlockend, dass wir sofort hineinkletterten und zu rudern begannen.<br>Das Boot war au\u00dferordentlich schlecht; die Sitze morsch, und die Bretter des Fahrzeuges schienen kaum noch zusammenzuhalten. Wir schaukelten aber sehr vergn\u00fcgt darin, und J\u00fcrgen sagte, er k\u00f6nne rudern und nach Holstein fahren, dessen K\u00fcste dunkel am Horizont auftauchte. Er konnte es nat\u00fcrlich nicht, und w\u00e4hrend wir uns um die Ruder zankten, glitt ihm das eine aus der Hand und fiel ins Wasser.<br>Vergn\u00fcgt schwamm es davon, w\u00e4hrend wir ihm ziemlich dumm nachblickten, und als J\u00fcrgen mit dem andern Ruder den Fl\u00fcchtling zu erwischen gedachte, ging diese Stange ihm auch aus der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kr\u00e4ftiger Fluch ert\u00f6nte vom Lande her, und ein Mann in gro\u00dfen Wasserstiefeln trat mitten ins Wasser und zog nicht allein unser Boot ans Land, sondern erfa\u00dfte auch noch die eine Stange. Die andre war aber schon zu weit fortgeschwommen, und er sah uns drohend an.<br>\u00bbIhr dummes Volk! Was habt ihr in meinem Boot zu tun! Heraus mit euch, sonst werfe ich euch alle ins Wasser! Und wo ist meine Ruderstange?\u00ab<br>Er sprach fremder und ganz anders als die meisten Insulaner, so dass wir schon deswegen einen gro\u00dfen Schreck vor ihm bekamen. Aber als J\u00fcrgen mir zufl\u00fcsterte, dieser Mann w\u00e4re Jobst Krieger, der Dieb, der so oft im Gef\u00e4ngnis gesessen hatte, da erwachte in mir der Trotz der Selbstgerechtigkeit.<br>\u00bbZu sagen hast du uns n\u00e4mlich gar nichts!\u00ab bemerkte ich, aber ich sprang doch ziemlich schnell aus dem Boot.<br>\u00bbWeshalb nicht?\u00ab Der Mann, dessen Gesicht uns \u00fcbrigens keinen abschreckenden Eindruck machte, sah mich fragend an.<br>\u00bbDu bist ja ein Dieb, ein ganz schlechter Mensch!\u00ab sagte ich, und J\u00fcrgen, der ebenfalls wieder auf festem Boden stand, nickte zu jedem meiner Worte.<br>\u00bbDu darfst gar nicht mit uns sprechen,\u00ab warf er nun ein. \u00bbDu sitzt ja immerlos im Loch!\u00ab<br>Auf Jobst Kriegers Gesicht lag der Ausdruck ungl\u00e4ubigen Staunens, dann aber wurde er pl\u00f6tzlich sehr rot.<br>\u00bbWas geht&#8217;s euch an, wenn ich im Gef\u00e4ngnis war? Darin haben schon fixe Kerle gesessen, kann ich euch sagen! Und \u00fcberhaupt\u00ab \u2013 er sah uns langsam nach der Reihe an \u2013 \u00bbich kenn euch gut! Wie oft lauft ihr zu dem alten Mahlmann, der sein Leben lang im Zuchthaus war!\u00ab<br>\u00bbZuchthaus ist feiner als Gef\u00e4ngnis,\u00ab erkl\u00e4rte J\u00fcrgen; \u00bbviel feiner! Ich habe mal mit Mahlmann dar\u00fcber gesprochen,&nbsp;und der hat es mir auch gesagt. So oft wie du im Gef\u00e4ngnis, ist Mahlmann auch nicht im Zuchthaus gewesen!\u00ab<br>\u00bbNein, er nahm gleich ein gutes Ende auf einmal!\u00ab sagte Jobst Krieger, und dabei lachte er.<br>Er hatte wirklich kein \u00fcbles Gesicht, und sein Zorn \u00fcber das verlorne Ruder schien auch verraucht zu sein.<br>Mit schwerem Schritt stieg er nun ins Boot und begann die Kette zu l\u00f6sen.<br>\u00bbWohin f\u00e4hrst du?\u00ab fragte Bruder Milo, der sich bis jetzt nicht an der Unterhaltung beteiligt und den Dieb nur unverwandt angesehen hatte.<br>Jobst gab keine Antwort; mir aber fiel D\u00f6rthe wieder ein, w\u00e4hrend mir nat\u00fcrlich nicht in den Sinn kam, dass ich ihr Schweigen gelobt hatte.<br>\u00bbEr f\u00e4hrt in den gro\u00dfen Wald,\u00ab rief ich laut, \u00bbwo die Rehe und die Hasen frei herumlaufen. Da schl\u00e4gt er die Tannenb\u00e4ume entzwei und f\u00e4ngt die Rehe, und dann kommt der b\u00f6se Graf und nimmt ihn gefangen! Und D\u00f6rthe muss wieder Weihnachtsabend auf der Stra\u00dfe herumlaufen, weil ihr Vater im Gef\u00e4ngnis sitzt!\u00ab<br>\u00bbDummes Zeug!\u00ab sagte Jobst. Er hatte mit einer Kelle Wasser aus dem Boot gesch\u00f6pft, nun hielt er inne mit seiner Arbeit.<br>\u00bbDummes Zeug ist es gar nicht!\u00ab rief ich emp\u00f6rt. \u00bbD\u00f6rthe sagt, wenn du nur Ostern oder Pfingsten stehlen wolltest, dann w\u00e4re es ihr einerlei; aber gerade Weihnachten! Da darf man doch eigentlich nicht stehlen!\u00ab<br>\u00bbNein, eigentlich nicht!\u00ab meinte J\u00fcrgen, und Milo stimmte zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDa kommt ja das Christkind auf die Erde, und wenn es dich nun im Gef\u00e4ngnis findet, dann bekommst du nichts geschenkt. Nur artige Menschen bekommen etwas!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch kriege doch nichts geschenkt!\u00ab murmelte Jobst.&nbsp;Er hatte uns bis dahin zugeh\u00f6rt, nun griff er wieder zu seiner Sch\u00f6pfkelle.<br>\u00bbDoch!\u00ab sagte J\u00fcrgen. \u00bbWenn du Weihnachten nicht im Gef\u00e4ngnis sitzt, dann schenke ich dir etwas. Ich habe einen Kasten geklebt; er ist sehr h\u00fcbsch, und ich wollte ihn eigentlich selbst behalten. Wenn du aber gut sein willst, dann bekommst du ihn!\u00ab<br>\u00bbUnd ich mache dir einen Fingerring aus schwarzen Glasperlen!\u00ab rief Milo, der in Perlenvergeudung unglaubliches leistete. \u00bbOder willst du lieber einen blauen Ring mit einer Goldperle in der Mitte? Goldperlen sind furchtbar teuer, aber ich will es doch tun!\u00ab<br>\u00bbDann gebe ich D\u00f6rthe auch mein altes Lesebuch!\u00ab setzte ich hinzu und trat dabei Jobst Krieger etwas n\u00e4her. Er hatte sich n\u00e4mlich ins Boot gesetzt und sah uns ganz sonderbar an. Wahrscheinlich fand er die ihm gemachten Anerbietungen zu \u00fcberw\u00e4ltigend, als dass er gleich darauf h\u00e4tte eingehn k\u00f6nnen.<br>\u00bbSieh mal,\u00ab setzte ich vertraulich hinzu. \u00bblass D\u00f6rthe doch das Lesebuch bekommen! Da sind h\u00fcbsche Bilder drin, und wenn die andern Kinder die sehen, dann wollen sie auch wieder bei D\u00f6rthe sitzen. Nun wollen sie es nicht, weil du soviel im Gef\u00e4ngnis sitzen musst! \u2013 Sie sitzt immer ganz allein, und Weihnachten ist sie auch allein. Ich sagte ihr, sie sollte den lieben Gott bitten, dass du Weihnachten bei ihr w\u00e4rst; aber sie hat es wohl vergessen. Der liebe Gott tut sonst alles, um was man ihn ordentlich bittet!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Jobst Krieger legte die Bootkette wieder um den Pfahl und trat ans Land. Er sah beunruhigt und etwas m\u00fcrrisch aus, und als J\u00fcrgen ihm noch einmal seinen sch\u00f6nen Kasten pries, antwortete er nur durch ein unverst\u00e4ndliches Knurren.<br>Auch trat jetzt ein andrer Mann auf ihn zu, der eben erst aus der Stadt gekommen war. Der sah nicht so gut aus wie Jobst, und seine Augen fuhren scheu \u00fcber uns hin, w\u00e4hrend er leise mit Jobst sprach. Wir gingen jetzt, J\u00fcrgen und ich voran, w\u00e4hrend Milo noch eine Weile in der N\u00e4he der M\u00e4nner blieb und uns erst sp\u00e4ter nachgelaufen kam.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe geh\u00f6rt, was sie sprachen,\u00ab erz\u00e4hlte er. \u00bbIch sammelte Steine und war ganz nahe bei ihnen. Der andre Mann hei\u00dft Lorenz und wollte mit Jobst Krieger und dem Boot nach dem gro\u00dfen Walde fahren. Aber Jobst sagte, er h\u00e4tte keine Lust, sie wollten bis morgen warten. Er m\u00fcsste sich noch besinnen; Da wurde der andre Mann b\u00f6se und sagte, er f\u00fchre nicht am Montag, das sei ein Ungl\u00fcckstag; er f\u00fchre am Sonntag und wollte nicht auf Jobst warten; Da haben sie sich gescholten, und nun ist Jobst Krieger zur\u00fcckgegangen, und der andre ist im Boote!\u00ab<br>Jetzt kamen die andern Br\u00fcder. Aber sie waren, weil sie selbst durch das Fernglas nichts von der \u00bbAnna Kathrin\u00ab gesehen hatten, so niedergeschlagen, dass wir ganz verga\u00dfen, ihnen unsre Unterhaltung zu berichten.<br>Aber am Abend sprachen wir doch noch von Jobst Krieger und meinten, es sei ganz \u00fcberfl\u00fcssig, uns auf Geschenke f\u00fcr ihn einzurichten. Milo begann dennoch einen Ring aus blauen Glasperlen zu arbeiten, der wirklich sehr sch\u00f6n wurde.<br>In der Nacht kam pl\u00f6tzlich ein furchtbares Wetter. Die Dezembersonne war tr\u00fcgerisch gewesen. Der Wind sprang um, Regen schlug an die Scheiben, und die Dachpfannen prasselten auf die Stra\u00dfe. Am andern Morgen wurde es wieder ziemlich still, und die Br\u00fcder liefen gleich an den Hafen, um nach der \u00bbAnna Kathrin\u00ab zu&nbsp;sehen, die denn auch wirklich einlief. Etwas besch\u00e4digt zwar, denn es war auf See ein Heidenwetter gewesen; aber die \u00bbAnna Kathrin\u00ab konnte schon einen Puff vertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Obgleich der Tannenbaum nun wirklich in Sicht war, so konnten wir uns doch nicht so recht freuen. Denn Schiffer Lafrenz von der \u00bbAnna Kathrin\u00ab war nicht weit vom Hafen einem umgeschlagnen Boote begegnet, das er mit seinen scharfen Schifferaugen sofort erkannt hatte. Es geh\u00f6rte einem Manne, der Lorenz hie\u00df, und der gerade so \u00fcbel ber\u00fcchtigt war wie Jobst Krieger.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Hafen hatten die Leute gewusst, dass Jobst und Lorenz in diesem Boote am Sonntag eine Fahrt hatten machen wollen \u2013 einige Leute wollten sie auch zusammen gesehen haben. Nun hatte sie das Wetter auf offner See \u00fcberrascht, und sie waren ertrunken.<br>Es war eine traurige Geschichte, die gar nicht f\u00fcr die Weihnachtszeit passte; wir mussten lange dar\u00fcber sprechen. Es tat uns so sehr leid, dass Jobst doch gefahren war, und besonders Milo konnte es gar nicht begreifen. Lorenz musste ihn doch schlie\u00dflich \u00fcberredet haben.<br>Gro\u00dfvaters Schreiber, Rasmus Rasmussen, war nicht so traurig wie wir. Er sagte, Jobst w\u00fcrde doch im Zuchthause geendet haben, weil er das Stehlen nicht h\u00e4tte lassen k\u00f6nnen. Tannenzweige aus dem Walde zu holen sei ja schlie\u00dflich kein Verbrechen, aber Jobst h\u00e4tte die sch\u00f6nsten Tannen auseinander geschlagen, ohne auch nur einen Menschen zu fragen. Meister Ahrens habe einen guten Lieferanten an ihm gehabt, und deshalb seien seine Tannenb\u00e4ume immer so sch\u00f6n gewesen. Dann h\u00e4tte Jobst auch noch Hasen und Rehe in Schlingen gefangen, und wenn er bei einer fremden, wohlgef\u00fcllten Speisekammer vor\u00fcbergekommen w\u00e4re, dann h\u00e4tte er tief hineingelangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war gewiss ein Gl\u00fcck, dass Jobst tot war, wie&nbsp;Rasmus meinte, aber wir waren doch so betr\u00fcbt, dass wir eine Weile unser Weihnachtsfest ganz verga\u00dfen. Dann sch\u00e4mten wir uns auch noch, dass wir um einen ganz gew\u00f6hnlichen Dieb weinten.<br>Das taten wir n\u00e4mlich. Trotz seiner entsetzlichen Schlechtigkeit hatten wir Jobst sehr gern gehabt, wenn wir das auch keinem Menschen verraten und ihn ja auch nur wenig gekannt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich fiel mir D\u00f6rthe ein. Was w\u00fcrde sie wohl dazu sagen, dass ihr Vater ertrunken war? Den ganzen Tag musste ich an sie denken, und J\u00fcrgen und Milo sprachen auch von ihr. Nun war sie immer allein; nicht nur Weihnachten, nein auch Ostern und Pfingsten, das ganze Leben hindurch.<br>In unserm Hause wurde gerade Kuchen gebacken; das war eine angenehme Zerstreuung; aber als es d\u00e4mmrig wurde, lief ich doch zu D\u00f6rthe Krieger, deren Wohnung ich jetzt ganz gut kannte, obgleich ich sie nie betreten hatte. J\u00fcrgen lief mit, und wir hatten Mama ein Paket Kuchen f\u00fcr die arme D\u00f6rthe abgebettelt.<br>In dem kleinen, sehr verfallnen Hause am \u00e4u\u00dfersten Ende der Stadt brannte schon Licht, und als wir ohne weiteres in die Haust\u00fcr und dann in die kleine, \u00e4rmlich eingerichtete Stube st\u00fcrzten, prallten wir erschrocken zur\u00fcck. Denn auf einem Holzschemel, von einem Talglicht beleuchtet, sa\u00df Jobst Krieger. Er hatte Besuch. Vor ihm stand Meister Ahrens, der heftig auf ihn einsprach. Wir beachteten aber den alten Tischler nicht. Wir liefen auf Jobst zu und betrachteten ihn aufgeregt.<br>\u00bbWie?\u00ab rief J\u00fcrgen; \u00bbdu bist nicht tot?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Stimme klang vorwurfsvoll, und auch ich konnte mich einer leichten Verstimmung nicht erwehren. Wenn man jemand einmal als tot beweint hat, dann darf&nbsp;er auch nicht gleich wieder auferstehn! Jobst Krieger sah uns verlegen an.<br>\u00bbLorenz ist allein gefahren,\u00ab sagte er nun. \u00bbIch wollte ja nicht, ich \u2013\u00ab er stockte und fuhr sich mit der Hand \u00fcber das Gesicht.<br>\u00bbDu hast Gl\u00fcck gehabt, Jobst Krieger,\u00ab lie\u00df sich jetzt Meister Ahrens vernehmen. \u00bbWenn du mit Lorenz gefahren w\u00e4rst, dann l\u00e4gst du nu tot in die See! Er war auch ein slechten Kerl, der dir zu allens verf\u00fchrt hat! Morgen f\u00e4hrst nu for mich nachn Festland und holst mich die Zweigens, sonsten sollst mich kennen lernen!\u00ab<br>Aber Jobst sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNein, Meister Ahrens \u2013 ich fahr nicht mehr nach den Tannenzweigen. Wenn ich in den Wald komme \u2013\u00ab er atmete kurz auf \u2013 \u00bbdann lass ich&#8217;s doch nicht \u2013 dann greif ich nach andern Dingen, die mir nicht geh\u00f6ren, und dann sitzt die D\u00f6rthe Weihnachten allein! Und jetzt, wo Gott mich vorm Tode bewahrt hat \u2013\u00ab er stockte und sah uns an. Wir nickten ihm zu. Allm\u00e4hlich hatten wir die Entt\u00e4uschung, dass er noch lebte, \u00fcberwunden. Meister Ahrens aber rang die H\u00e4nde.<br>\u00bbDu liebe Zeit! Nu krieg ich kein ordentlichen Tannenb\u00e4umens, wo das Gesch\u00e4ft gerade flott gehn soll. Und du wohnst in meinem Haus und tust nich, was ich will? Du musst zu Neujahr ausziehn!\u00ab<br>Wir hatten Meister Ahrens niemals so b\u00f6se gesehen, und unser Interesse wandte sich ihm ungeteilt zu. \u00bbFahre doch selbst in den Wald und hole die Zweige!\u00ab rief J\u00fcrgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Alte sah ihn b\u00f6se an. \u00bbDa k\u00f6nnt ich doch bei zu Schaden kommen!\u00ab murrte er, und mein Bruder trat ganz nahe auf ihn zu.<br>\u00bbMeister Ahrens, du hast mir neulich noch gesagt,&nbsp;die Hauptsache im Leben w\u00e4re ein gutes Herz. Du hast doch auch ein gutes Herz?\u00ab<br>\u00bbGanzen gewi\u00dflich!\u00ab versicherte der Alte mit etwas unsichrer Stimme. \u00bbAbers die Tannenb\u00e4umens m\u00fcssen doch Zweigens haben, sonsten sind es keine Tannenb\u00e4umens, und wenn Jobst Krieger mich nich Zweigens holen will \u2013\u00ab<br>\u00bbEr will doch kein Dieb mehr sein!\u00ab rief J\u00fcrgen. \u00bblass ihn in Ruhe und gehe zu Schiffer Lafrenz auf der Anna Kathrinrlsaquo;. Der hat auch eine ganze Menge von Tannenzweigen mitgebracht, die Br\u00fcder haben&#8217;s gesehen!\u00ab<br>\u00bbIs wahr?\u00ab Ahrens \u00e4rgerliches Gesicht wurde etwas milder, dann lief er pl\u00f6tzlich davon, ohne Lebewohl zu sagen. Wir entbehrten ihn auch nicht. Wir hatten unsre Kuchen ausgepackt, und da wir Jobst Krieger verziehn hatten, so durfte er sie probieren. J\u00fcrgen und ich sagten ihm auch unsre Weihnachtslieder auf. Der \u00dcbung halber und auch deswegen, weil sie uns immer im Kopf herumspukten, und wir waren eigentlich etwas beleidigt, dass Jobst uns gar nicht lobte. Er sa\u00df ganz still und hatte beide H\u00e4nde vor sein Gesicht gelegt. So still war er, dass es uns, als wir nacheinander das \u00bbAmen\u00ab von unsern Verslein gesprochen hatten, doch etwas unheimlich zu werden anfing. Aber da kam D\u00f6rthe ins St\u00fcbchen gest\u00fcrzt, und ihre \u00dcberraschung, uns zu sehen, war so gro\u00df, und das Vergn\u00fcgen \u00fcber die Kuchen noch so viel gr\u00f6\u00dfer, dass wir ungemein heiter wurden.<br>Jobst Krieger stand jetzt auf und sagte, dass er uns nach Hause bringen wolle; unsre Eltern w\u00fcrden gewiss nicht wollen, dass wir so lange bei ihm blieben. Wir sahen die Richtigkeit dieser Worte ein, und als wir neben ihm auf der dunkeln Stra\u00dfe gingen, stie\u00df J\u00fcrgen pl\u00f6tzlich einen schweren Seufzer aus.<br>\u00bbJobst, wie furchtbar schade ist es doch, dass du ein so schlechter Mensch bist! Ich mag dich gern leiden \u2013 viel lieber als einige Leute, die niemals im Gef\u00e4ngnis waren!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch auch!\u00ab versicherte ich, und Jobst stand still und legte ganz leise seine H\u00e4nde auf unsre Haare.<br>\u00bbMir ist&#8217;s auch leid genug,\u00ab murmelte er; aber was er noch hinzusetzte, konnten wir nicht verstehn; seine Stimme war ganz heiser geworden. Dann war er in der Dunkelheit verschwunden, und wir mussten den Rest des Heimwegs allein zur\u00fccklegen.<br>Das war nun nicht so schlimm; wir waren nicht \u00e4ngstlich und hatten au\u00dferdem eine F\u00fclle von Unterhaltungsstoff, der auch nicht ausging, als wir den andern von Jobst Krieger und von dem Umstande, dass er noch lebe, berichteten. Wir wollten ihm alles m\u00f6gliche zu Weihnachten schenken, alte Anz\u00fcge von Papa, die uns nicht geh\u00f6rten, Esswaren, \u00fcber die wir keine Verf\u00fcgung hatten, und vor allem einen Katechismus, damit er die zehn Gebote noch einmal durchlerne.<br>Aber es kam anders. Als wir am Tage vor Weihnachten Jobst Krieger und seine Tochter feierlich zu uns einladen wollten, erfuhren wir, dass beide in der Nacht vorher verschwunden waren. Sie hatten ihre armselige Habe zur\u00fcckgelassen und die Insel verlassen. Sie kamen auch nicht wieder, obgleich wir das ganze Weihnachtsfest auf sie warteten, und niemand konnte uns sagen, wohin sie gegangen seien.<br>Dieses pl\u00f6tzliche Verschwinden betr\u00fcbte uns au\u00dferordentlich, und wir tr\u00f6steten uns nur allm\u00e4hlich mit dem Gedanken, dass uns jetzt kein Mensch verbieten konnte, an Jobst und D\u00f6rthe zu denken und von ihnen zu sprechen. Unser Weihnachtsabend war trotz alledem sehr sch\u00f6n, und wir schenkten die f\u00fcr Jobst bestimmten Sachen andern Leuten, die es auch n\u00f6tig hatten.<br>Nur Meister Ahrens feierte kein fr\u00f6hliches Weihnachtsfest. Erstens waren seine falschen Tannenb\u00e4ume lange nicht so h\u00fcbsch wie sonst, obgleich er Zweige bekommen hatte, und dann fiel es den Leuten ein, dass er doch vielleicht den Jobst oft zu hart bedr\u00e4ngt und ihn schon mehrere Jahre hindurch veranlasst h\u00e4tte, in den Wald zu gehn und zu stehlen. Ob er nun wirklich schuld daran hatte, war schwer zu sagen; jedenfalls ging er k\u00fcmmerlich gebeugt einher und klagte \u00fcber die schlechten Zeiten und die schlechten Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehrere Weihnachtsfeste waren vergangen. Meister Ahrens machte immer noch falsche, h\u00e4ssliche Tannenb\u00e4ume, und wir selbst sprachen nur manchmal noch von Jobst. Zuerst hatten wir uns ausgedacht, dass er wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei und als reicher Mann zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. Dann trug D\u00f6rthe seidne Kleider, und er w\u00fcrde uns allen etwas Wundervolles zu Weihnachten schenken. Wir stritten uns dar\u00fcber, ob wir lieber eine goldne Mundtasse oder einen goldnen Teller haben wollten; allm\u00e4hlich aber verga\u00dfen wir ihn fast, bis wir an einem Weihnachtsabend ein sonderbares Paket mit der Post bekamen.<br>Es trug J\u00fcrgens, Milos und meinen Namen und kam aus einem Orte, von dem die gro\u00dfen Leute sagten, dass er in Ost- oder Westpreu\u00dfen l\u00e4ge. Dieses Paket enthielt ein sauber geschnitztes kleines Boot, das mit frischen Christrosen angef\u00fcllt und in k\u00f6stliche Tannenzweige verpackt war. Dabei lag ein Zettel, auf dem mit unge\u00fcbter Hand die Worte geschrieben waren: Und hat ein Bl\u00fcmlein bracht mitten im kalten Winter. Da wussten wir, dass diese Sendung von Jobst Krieger kam, und freuten uns au\u00dferordentlich \u00fcber sie. Besonders dar\u00fcber, dass er von den Weihnachtsliedern, die wir ihm aufgesagt&nbsp;hatten, etwas behalten hatte. Denn wer auch nur ein wenig von seinen Weihnachtsliedern im Ged\u00e4chtnis beh\u00e4lt, der kann doch ganz gewiss kein schlechter Mensch sein.<br>Meister Ahrens sagte dasselbe. Er hatte mit derselben Post eine Geldsumme bekommen, die, wie er fest glaubte, von Jobst Krieger kam, weil er ihm gerade soviel Geld schuldig gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich hast du das Geld nicht verdient! sagte J\u00fcrgen, der dem alten Tischler die Behandlung von Jobst nicht vergessen konnte.<br>Ahrens fuhr sich \u00fcber den kahlen Kopf und seufzte.<br>\u00bbNee, eigentlich nich! Abersten wenn ich nu die H\u00e4lfte an die Armens gebe, und wenn es mich sowieso all die Jahrens leid getan hat, dass ich nich nett gegen den Jobst war? Ich habe sonsten warhaftigen Gott ein furchtbar gutes Herz \u2013 blo\u00df bei die Tannenb\u00e4umens, da bin ich eigen mit gewesen, weil es so&#8217;n gutes Gesch\u00e4ft war.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ahrens richtete wirklich eine Weihnachtsbescherung f\u00fcr eine arme Familie aus, und seit der Zeit sprach er noch mehr als sonst von seinem guten Herzen. Sonderbarerweise waren es die Kinder dieser Familie, die nicht bei D\u00f6rthe Krieger in der Schule hatten sitzen wollen. Das war aber lange vergessen, und der von Ahrens verfertigte falsche Tannenbaum warf auch \u00fcber sie seinen weihnachtlichen Schein, und ihre Freude war echt.<br>Denn das Christkind in seiner Milde fragt nicht nach den Verdiensten und Schwachheiten der armen Erdenkinder. Sonst m\u00fcsste es aufh\u00f6ren, alle Jahre wiederzukommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Charlotte Niese Die falschen Weihnachtsb\u00e4ume Auf unsrer Insel gab es wenig B\u00e4ume. 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