{"id":118,"date":"2015-10-06T02:23:41","date_gmt":"2015-10-06T00:23:41","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=118"},"modified":"2025-12-27T20:25:09","modified_gmt":"2025-12-27T19:25:09","slug":"am-aeussersten-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/am-aeussersten-meer\/","title":{"rendered":"Am \u00e4u\u00dfersten Meer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\">Hans-Christian Andersen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nEin paar gro\u00dfe Schiffe waren hoch hinauf nach dem Nordpol ausgesandt, um zu erforschen, wie weit das Land dort in das Meer reichte und festzustellen, wie weit Menschen dort vordringen k\u00f6nnten. Schon seit Jahr und Tag waren sie unter gro\u00dfen Beschwerlichkeiten zwischen Nebel und Eis dort oben umher gesteuert. Nun hatte der Winter begonnen, die Sonne verschwand, lange, lange Wochen w\u00fcrden hier zu einer einzigen Nacht werden. Alles ringsum war ein einziges St\u00fcck Eis, und fest lag darin das Schiff vert\u00e4ut, der Schnee lag hoch und aus dem Schnee selbst wurden bienenkorb\u00e4hnliche H\u00fctten errichtet, einige waren gro\u00df, wie unsere H\u00fcnengr\u00e4ber, andere nicht gr\u00f6\u00dfer, als dass sie zwei oder vier M\u00e4nner fassen k\u00f6nnten. Aber dunkel war es nicht; die Nordlichter gl\u00e4nzten r\u00f6tlich und blau, es war wie ein ewiges gro\u00dfes. Der Schnee leuchtete, die Nacht hier war eine lange schimmernde D\u00e4mmerung.<\/p>\n<p>In der hellsten Zeit kamen Scharen von Eingeborenen herbei, wunderlich anzusehen mit ihren behaarten Pelzr\u00f6cken und Schlitten, die aus Eisst\u00fccken gezimmert waren. Felle in gro\u00dfen Haufen brachten sie mit, und die Schneeh\u00fctten erhielten dadurch warme Teppiche. Die Felle dienten als Decken und Betten, wenn sich die Matrosen ihr Lager unter der Schneekuppel zurechtmachten, w\u00e4hrend es drau\u00dfen fror, dass der Schnee knirschte, wie wir es auch in der strengsten Winterszeit nicht kennen lernen.<\/p>\n<p>Bei uns waren noch Herbsttage, daran dachten sie mitunter dort oben. Sie erinnerten sich der Sonnenstrahlen in der Heimat und des rotgelben Laubes, das an den B\u00e4umen hing. Die Uhr zeigte, dass es Abend und Schlafenszeit war, und in einem von den Schneeh\u00fctten streckten sich schon zwei zur Ruhe aus. Der J\u00fcngere hatte seinen besten, reichsten Schatz von zuhause mit, den ihm die Gro\u00dfmutter vor der Abreise gegeben hatte. Es war die Bibel. Jede Nacht lag sie unter seinem Kopfe, er wusste seit seiner Kindheit, was darin stand; jeden Tag las er ein St\u00fcck und auf seinem Lager kam ihm oft tr\u00f6stend der Gedanke an das heilige Wort: &#8222;Ginge ich auf Fl\u00fcgeln der Morgenr\u00f6te und w\u00e4re am \u00e4u\u00dfersten Meer, so w\u00fcrde doch Deine Hand mich f\u00fchren und Deine Rechte mich halten!&#8220; Und unter diesen gl\u00e4ubigen Worten der Wahrheit schloss er seine Augen und der Schlaf kam mit seinen Tr\u00e4umen, des Geistes Offenbarungen in Gott. Die Seele blieb lebendig auch unter der Ruhe des K\u00f6rpers; er vernahm es wie Melodien von altbekannten, lieben Liedern; es wehte so mild, so sommerwarm, und von seinem Lager sah er es \u00fcber sich leuchten, als w\u00fcrde die Schneekuppel von au\u00dfen her durchstrahlt; er hob sein Haupt, das strahlende Wei\u00dfe war nicht die Wand oder die Decke, es waren die gro\u00dfen Schwingen an eines Engels Schultern, und er blickte empor in sein milde leuchtendes Antlitz. Aus der Bibel Bl\u00e4tter, wie aus dem Kelch einer Lilie, erhob sich der Engel, er breitete seine Arme weit aus und die W\u00e4nde der Schneeh\u00fctte versanken ringsum wie ein luftiger Nebelschleier. Der Heimat gr\u00fcne Felder und H\u00fcgel mit den rotbraunen W\u00e4ldern lagen rundum im stillen Sonnenglanze eines herrlichen Herbsttages. Das Nest der St\u00f6rche stand leer, aber noch hingen die \u00c4pfel an dem wilden Apfelbaum, ob auch die Bl\u00e4tter l\u00e4ngst gefallen waren. Die roten Hagebutten leuchteten, und der Star fl\u00f6tete in dem kleinen gr\u00fcnen Bauer \u00fcber dem Fenster des Bauernhauses, wo das Heim seiner Heimat war. Der Star fl\u00f6tete, wie er es gelernt hatte, und die Gro\u00dfmutter hing Vogelmiere in den K\u00e4fig, wie es der Enkel immer getan hatte. Und die Tochter des Schmieds stand so jung und sch\u00f6n am Brunnen und zog das Wasser herauf, sie nickte der Gro\u00dfmutter zu, und die Gro\u00dfmutter winkte und zeigte einen Brief von weit, weit her. Heute Morgen war er aus den kalten L\u00e4ndern gekommen, hoch oben vom Nordpole her, wo der Enkel war &#8211; in Gottes Hand. Und sie lachten und weinten, und er, der unter Eis und Schnee in der Welt des Geistes unter den Schwingen des Engels alles dies sah und h\u00f6rte, lachte und weinte mit ihnen. Und aus dem Brief selbst wurden laut die Bibelworte vorgelesen:<\/p>\n<p>&#8222;Am \u00e4u\u00dfersten Meer w\u00fcrde doch Deine Hand mich f\u00fchren und Deine Rechte mich halten!&#8220; &#8211; Wie herrlicher Orgelklang ert\u00f6nte es ringsum und der Engel senkte seine Schwingen wie einen Schleier um den Schlafenden. Der Traum war zu Ende &#8211; es war dunkel in der Schneeh\u00fctte, aber die Bibel lag unter seinem Haupte, und Glaube und Hoffnung lagen in seinem Herzen; Gott und die Heimat waren mit ihm &#8211; &#8222;am \u00e4u\u00dfersten Meere!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-118","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=118"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":119,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions\/119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}