{"id":1168,"date":"2025-12-15T20:10:20","date_gmt":"2025-12-15T19:10:20","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1168"},"modified":"2025-12-15T20:10:20","modified_gmt":"2025-12-15T19:10:20","slug":"die-legende-vom-rosenkranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-legende-vom-rosenkranz\/","title":{"rendered":"Die Legende vom Rosenkranz"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt in manchen H\u00e4usern Glasschr\u00e4nke, die mit wertvollen, oft sonderbaren Dingen angef\u00fcllt sind. Man darf sie nur betrachten, nicht in die H\u00e4nde nehmen. In so einem Glasschrank, irgendwo, lag einmal ein Rosenkranz mit dunkelroten, geschliffenen Steinen und einem sehr sch\u00f6nen, silbernen Kreuz, ganz durchbrochen wie die feinste Spitze, eine Filigranarbeit l\u00e4ngst vergangener Zeiten. Die kleine Monika stand oft davor. Sie wurde ein wenig traurig, wenn sie ihn sah, denn sie dachte an all die Menschen, die ihre Gebete dar\u00fcber gesprochen hatten, an all die Toten, die nun niemand mehr kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal verga\u00df der Vater den Glas\u00adschrank zu verschlie\u00dfen, und die kleine Monika nahm heimlich den Rosenkranz fort und legte ihn .unter ihr Kopfkissen. Am Abend umschlossen Kinderh\u00e4nde die alten roten Perlen, und eine sanfte Stimme sprach Gebete dar\u00fcber, die gleichen, unver\u00e4nderten Worte wie vor Jahren. Dar\u00fcber schlief Monika ein, und sie tr\u00e4umte: Aus jeder Perle schwebte ein Engel hervor mit einer kleinen brennenden Kerze in der Hand. &#8222;Das Kind hat uns zum Leben erweckt&#8220;, sagten sie leise zueinander, &#8222;eine gute Seele!&#8220; &#8222;Ach, man verga\u00df uns lange&#8220;, sagte ein Engel, der in einem dunkelblauen Gewand vor dem Kreuz kniete, &#8222;seht, den F\u00e4cher aus Elfenbein tr\u00e4gt Monikas Mutter immer noch in der Hand, wenn ein Fest gefeiert wird, und auf der kleinen japanischen Schale z\u00fcnden sie an manchem Abend die R\u00e4ucherkerzen an.&#8220; &#8222;Ja, uns verga\u00df man&#8220;, sagte die erste Perle, &#8222;aber ich erinnere mich noch an manches Gesicht. Fr\u00fcher haben die Menschen mehr gebetet.&#8220; &#8222;O, wenn ich nur an die alte Frau denke&#8220;, rief die zweite Perle, &#8222;ihr kennt sie alle, sie trug uns in einem seidenen, dunkelroten Beutel, und darin lag noch ein Ring mit einem gr\u00fcnen, sonderbar schimmernden Stein.&#8220; &#8222;Es war der Ring ihres Sohnes&#8220;, sagte eine andere Perle leise, &#8222;er war fortgegangen, ich glaube in den Krieg, er war so jung und sch\u00f6n. Er ging und kam nicht wieder, und die alte Frau wartete und betete.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber vergingen Jahre. Da schwebte eines Tages ein Engel mit leuchtenden Schwingen durch das Fenster, er trug ein kleines Bild in seiner Hand, und in diesem Angenblick schaute die alte Frau in einer Perle des Rosenkranzes das Gesicht ihres Sohnes. &#8222;O, er wird kommen&#8220;, sagte sie zu sich selbst, und sie z\u00e4hlte wie ein Kind die Perlen ab bis zu jener, darin die dunklen Augen des Knaben emporblickten. Es war die zehnte Perle.&#8220; &#8222;Ja, ich war es&#8220;, sagte eine dunkle Stimme, &#8222;nie vergesse ich dieses Antlitz, dessen Spiegel ich wurde bis zum zehnten Tag.&#8220; &#8222;Und was geschah?&#8220; fragte der Engel in dem blauen Gewand. &#8222;Die alte Frau starb&#8220;, antwortete die Perle, &#8222;sie l\u00e4chelte und sprach den Namen des Sohnes. Er \u00f6ffnete ihr wohl das Himmelstor, denn er kam niemals wieder.&#8220; &#8211; Die Engel mit den Kerzen senkten ihr Haupt, dann rief einer von ihnen: &#8222;Wisst ihr nichts Fr\u00f6hliches zu erz\u00e4hlen, bedenkt doch dass Monika alles h\u00f6rt.&#8220; &#8222;Gebete sind immer ernst&#8220;, sagte die letzte Perle, &#8222;sie sind die Hilferufe der Menschen, sie weinen und klagen, sie sind selten froh.&#8220;<br>&#8222;O, das darfst du nicht sagen&#8220;, rief da ein Engel in einem gelben, strahlenden Gewand, &#8222;ich wei\u00df auch noch etwas anderes, ich will es euch erz\u00e4hlen. Einmal geh\u00f6rte der Rosenkranz einem sch\u00f6nen, jungen M\u00e4dchen. Es trug ihn st\u00e4ndig bei sich in einem kleinen K\u00e4stchen aus Perlmutt. Jeden Morgen ging das M\u00e4dchen in den Dom und betete. Da erblickte es pl\u00f6tzlich neben sich einen jungen Mann mit langen, braunen Haaren. Das war in dieser Zeit nichts besonderes, man liebte alles Sch\u00f6ne, man kleidete sich in Samt und Seide, Schleier und Spitzen umh\u00fcllten die Frauen, und wer sagt, dass nicht auch das Haar etwas sehr pr\u00e4chtiges sein kann! Es waren aber nicht die Haare allein, die das M\u00e4dchen staunend betrachtete, die beiden jungen Menschen sahen einander in die Augen. Seht, das geschieht in allen Zeiten, denn so beginnt die Liebe. Worte und Briefe folgen sp\u00e4ter, aller Anfang liegt in den Augen, ein Schimmer, ein Glanz verr\u00e4t unsere Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>Tag f\u00fcr Tag betete das M\u00e4dchen in dem gro\u00dfen Dom, aber die Gedanken waren nicht dabei. Perle um Perle glitt durch die schmalen Finger. Immer stand er da, der fremde, stumme Mensch mit seinem fragenden, gro\u00dfen Blick. Doch niemand folgte dem M\u00e4dchen, wenn es langsam, sehr langsam fortging.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es wandte sich nicht um, doch das Herz wurde unruhig. Aber nun h\u00f6rt, wie klug so ein Mensch in seiner Not, in seiner Einfalt wird. Als wiederum einmal das Orgelrauschen den Dom anf\u00fcllte, dass die Herzen erbebten, lie\u00df das M\u00e4dchen, w\u00e4hrend sie den perlmuttenen Deckel schloss, das K\u00e4stchen fallen. Es brach in der Mitte entzwei. Sogleich b\u00fcckte der junge Mann sich und hob es auf. &#8222;Es ist zerbrochen&#8220;, sagte er leise, &#8222;wie schade, aber ich will es Euch wieder machen, ihr sollt es morgen wiederbekommen, nach der Messe.&#8220; Das M\u00e4dchen nickte mit flammendem Gesicht und war verschwunden. &#8222;Und was wurde aus den beiden?&#8220; fragte der Engel in dem blauen Gewand. &#8222;Ein Paar&#8220;, riefen alle Perlen des Rosenkranzes, wir wissen es noch, und das M\u00e4dchen hie\u00df auch Monika, die Namen kehren immer wieder, das ist auf der Welt so. Seht nur dieses schlafende Kind an, wie eine einzige Blume in einem unendlichen Kranz.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da klang Musik auf, eine T\u00fcr wurde ge\u00f6ffnet und eine Frau, mit einem F\u00e4cher in der Hand, trat ein. Sie setzte sich an das Lager des Kindes und strich die Haare aus der kleinen Stirn. Da sah sie in der Hand des M\u00e4dchens den Rosenkranz, die Schnur war in der Mitte zerrissen. und einige Perlen lagen verstreut auf der wei\u00dfen Decke. &#8222;O, wie konntest du das tun&#8220;, sagte die Frau leise. Doch das Kind erwachte nicht, und der Engel sprach zu ihr, den man nicht mehr sah: &#8222;Ein Rosenkranz ist etwas Lebendiges&#8220;, sagte der Engel, &#8222;er braucht die Gebete, denn dazu wurde er geschaffen in seiner ganzen Pracht, er ist ein sichtbares Lob Gottes. Sieh den F\u00e4cher in deiner Hand, auch seine Schnur ist br\u00fcchig und d\u00fcnn, sieh das Korallenband in deinem Haar, es ist nur noch ein Hauch, aber beides lebt, weil es deinen Herzschlag sp\u00fcrt!&#8220; &#8211; Die Frau nahm den Rosenkranz vorsichtig aus der Hand des Kindes und ging hinaus. &#8222;Nun ist er entzwei&#8220;, sagte eine M\u00e4nnerstimme, &#8222;wie konnte sie ihn nehmen?&#8220; &#8222;Sie soll ihn behalten&#8220;, sagte die Frau leise, &#8222;wir ziehen eine neue Schnur hindurch, die Perlen sind die gleichen.&#8220;<br>Der T\u00fcr wurde geschlossen und man h\u00f6rte nur noch die Musik. Der Engel mit dem blauen Gewand neigte sich \u00fcber das Kind und segnete es.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt in manchen H\u00e4usern Glasschr\u00e4nke, die mit wertvollen, oft sonderbaren Dingen angef\u00fcllt sind. Man darf sie nur betrachten, nicht in die H\u00e4nde nehmen. 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