{"id":1159,"date":"2020-03-27T00:14:22","date_gmt":"2020-03-26T23:14:22","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1159"},"modified":"2025-12-28T04:03:47","modified_gmt":"2025-12-28T03:03:47","slug":"die-verwandelte-maus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-verwandelte-maus\/","title":{"rendered":"Die verwandelte Maus"},"content":{"rendered":"\n<p><strong> Ludwig Bechstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs war einmal ein frommer Mann, der \ndiente der Gottheit betend und b\u00fc\u00dfend in einer Wildnis, und Gott war ihm ob \nseiner Fr\u00f6mmigkeit und fleckenlosen Tugend also gn\u00e4dig, dass er jeden Wunsch des \nB\u00fc\u00dfers erh\u00f6rte und erf\u00fcllte. Einst sa\u00df der Fromme am Strande eines Baches, \nversunken in and\u00e4chtige Gedanken, da flog ein Sperber \u00fcber ihn hin, der hatte \nein M\u00e4uslein gefangen, das er noch in den Krallen trug, das M\u00e4uslein aber \nzappelte und entfiel dem Sperber und fiel herab in des frommen Mannes Scho\u00df. Da \nerbarmte sich der Fromme des M\u00e4usleins, band es lind in ein T\u00fcchlein und trug es \nnach seinem Hause, um es allda zu pflegen und aufzuziehen. Da gedachte er aber, \ndass seine Diener daran einen Ansto\u00df nehmen w\u00fcrden, dass er, der reine Mann, mit \neinem unreinen Tiere sich abgebe, und w\u00fcrden sich scheuen, und da bat er Gott, \ndas M\u00e4uslein doch lieber in ein Maidlein zu verwandeln. Und siehe, Gott erh\u00f6rte \ndie Bitte, und verwandelte alsbald das M\u00e4uslein in ein sch\u00f6nes Maidlein. Das \nf\u00fchrte nun der Fromme fr\u00f6hlich in sein Haus, erzog es und hatte an ihm sein \nv\u00e4terliches Wohlgefallen, und seine Diener glaubten, ihr Gebieter habe es in der \nWildnis gefunden oder es sei ihm von Anverwandten \u00fcbergeben worden. Da nun das \nMaidlein, das als des Frommen Tochter galt, herangewachsen war, so gedachte er \ndaran, es an einen guten Mann zu verheiraten, und fragte die Maid, ob sie \nNeigung habe zu heiraten, und was f\u00fcr einen Mann sie sich w\u00fcnsche. Die Maid aber \ntrug hohen und herrischen Sinn und antwortete: \u203aJa \u2013 aber nur den h\u00f6chsten \nHerrscher! \u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pflegevater erwiderte darauf: \u203aDer \nh\u00f6chste Herrscher, mein Kind, das ist der m\u00e4chtige Sol; er beherrscht die ganze \nWelt, erleuchtet und durchw\u00e4rmt sie mit seinen Strahlen, ich will ihn bitten, \nsich mit dir zu verbinden; dann wird man dich Frau Sonne nennen.\u2039 Der Fromme \nl\u00e4uterte sich durch Gebet und Abwaschung und trug dem Sol sein Anliegen vor; \ndieser aber sprach: \u203aGern gehorchte ich dir, dem die Gottheit jeden Wunsch \nerf\u00fcllt, o frommer B\u00fc\u00dfer! Aber der M\u00e4chtigste bin ich nicht. Siehe, der Lenker \nder Wolken ist m\u00e4chtiger denn ich; ein Hauch von ihm wird zur Wolke, die meinen \nSchein mir nimmt, dass es finster wird auf der Erde.\u2039 Da ging der B\u00fc\u00dfer bis an \ndes Meeres Ufer, aus dem die Wolken sich emporheben, und bat deren m\u00e4chtigen \nLenker, wie er den Sol gebeten hatte. Da hob sich auf seinem Wolkenthrone der \nWolkenlenker aus des Meeres Scho\u00dfe, aufsteigend wie ein gro\u00dfer Rauch, empor und \nsprach: \u203aO du Frommer und Gottseliger! Wohl hat mir die Gottheit mehr Gewalt \ngegeben als selbst den Engeln in seinem Himmel, aber einer ist doch, der \nm\u00e4chtiger ist, als ich bin. Das ist der Vater der Winde. Wenn er sich erhebt und \nstark haucht, so fahren meine Gew\u00f6lke auseinander und verschwimmen in ein \nwesenloses Nichts oder fliegen und fliehen vor ihm und seinem Grimme von einem \nEnde der Welt zum andern, und ich bin nichts gegen ihn und vermag ihm nicht zu \nwiderstehen.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Da machte sich der B\u00fc\u00dfer auf zum Vater \nder Winde, der in einer gro\u00dfen und weiten Bergh\u00f6hle wohnte, in der er die Winde \nverschlossen hielt, und nur zu Zeiten einem oder dem andern zu wehen gestattete \n\u2013 und trug nun diesem seine Bitte vor. Aber auch der Vater der Winde erkl\u00e4rte, \ndass er sich nicht f\u00fcr den m\u00e4chtigsten Herrscher erachten k\u00f6nne. \u203aSiehe, du \nFrommer, Reiner, Makelloser\u2039, sprach er, \u203adiesen m\u00e4chtigen Berg, wie er da steht \nin stolzer Ruhe! Mag ich mit allen den meinen sausen und brausen, so stark wir \nimmer k\u00f6nnen und wollen, er bleibt unersch\u00fcttert, weicht und wankt nicht vor \nmeinem Grimm, darum ist er m\u00e4chtiger als ich, und darum wende dich an ihn.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf wandte sich der gl\u00e4ubige B\u00fc\u00dfer an \nden Berg und trug diesem seinen Wunsch vor, und der Berg sprach: \u203aDu nennst mich \nden M\u00e4chtigsten, und es ist wohl wahr, ich bin gro\u00df und m\u00e4chtig, die Sonne dient \nmir und l\u00e4sst meinen Scheitel gr\u00fcnen, die Wolken m\u00fcssen meine Wiesen und W\u00e4lder \nmit Tau und Regen tr\u00e4nken, der Wind f\u00e4chelt mich, wie ein Sklave seinen \nGebieter, aber der M\u00e4chtigste ist doch nur der, der nichts erdulden muss. Ich \nwill dir jemand zeigen, der m\u00e4chtiger ist als ich, denn ich muss ihn dulden, ich \nmag nun wollen oder nicht wollen.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aWer w\u00e4re das? \u2039 fragte ganz verwundert \nder B\u00fc\u00dfer. \u203aEs ist\u2039, sprach der Berg, \u203aein winzig kleines, graues M\u00e4nnchen, das \nw\u00fchlt in mir und gr\u00e4bt, baut sich Wohnung und Gem\u00e4cher und fragt mich nicht, ob \nich&#8217;s ihm gestatte.\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>\u203aWas w\u00e4re das f\u00fcr ein winzig kleines, \ngraues M\u00e4nnchen? \u2039 fragte der Fromme. \u2013 \u203aEs ist die Maus! \u2039 antwortete der Berg. \nHierauf wendete sich jener mit seinem Wunsch und Antrag an den Mausmann, und \ndieser antwortete: \u203aIch bin der, von dem der Berg gezeuget hat. Kann ich aber, \nauch wenn ich wollte, ein Menschenmaidlein freien und in meine niedere Wohnung \nf\u00fchren? Dar\u00fcber ersinne du selbst dir weisen Rat, Gottseliger!\u2039 Nun ging der \nEinsiedel wiederum zu seiner Tochter und sprach zu ihr: \u203aIch habe dir lange den \nM\u00e4chtigsten zum Manne gesucht, willst du diesen, so muss ich von der Gottheit \nerflehen, dass sie dich wieder zu einer Maus werden lasset, welche du vordem \nschon einmal gewesen bist, dann kann dein Wille in Erf\u00fcllung gehen.\u2039 Und da die \nTochter auf ihrem Sinne beharrte, weil ihr Pfleger darlegte, wie immer ein \nM\u00e4chtiger ihn an einen noch M\u00e4chtigeren gewiesen, so wurde sie auf sein Flehen \nwieder in eine Maus verwandelt und dem Mausm\u00e4nnlein zur Gemahlin gegeben, denn \ngleich und gleich gesellt sich gern, was zum Heller geschlagen ist, wird kein \nTaler, und aus einem verr\u00e4terischen Raben wird nimmermehr ein Ph\u00f6nix, wenn er \nsich auch, gleich diesem Wundervogel, verbrennte. Aber wohlan, lasse dich \nverbrennen, Verr\u00e4ter, und lass uns schauen, was aus deiner Asche emporsteigt. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Adlerk\u00f6nig und seine Umgebung h\u00f6rten \ndiese Rede nicht ohne ernste Erw\u00e4gung an, und mehrere teilten die Meinung des \ntreuen Ratgebers, der Rabe aber spottete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbTrage doch Holz, du Edler, zu meinem \nScheiterhaufen! Schichte ihn empor aus Adlerfarn und fache die Funken mit deinen \neigenen Fittigen zu heller Flamme an. Du tr\u00e4gst dann unsterblichen Ruhm davon, \nund man wird dich als Rabent\u00f6ter noch lang in Heldenliedern verherrlichen. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDu sollst nicht brennen! \u00ab sprach der \nAdlerk\u00f6nig, \u00bbweder dass du unser einer werdest, denn wir haben allein Macht \ngenug, dich an deinen und unsern Feinden zu r\u00e4chen, noch dass wir uns an dir \nr\u00e4chen wollen. Haltet Friede! \u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Bechstein \u00bbEs war einmal ein frommer Mann, der diente der Gottheit betend und b\u00fc\u00dfend in einer Wildnis, und Gott war ihm ob seiner Fr\u00f6mmigkeit und fleckenlosen Tugend also gn\u00e4dig, dass er jeden Wunsch des B\u00fc\u00dfers erh\u00f6rte und erf\u00fcllte. 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