{"id":1155,"date":"2020-03-23T23:29:41","date_gmt":"2020-03-23T22:29:41","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1155"},"modified":"2025-12-28T21:28:53","modified_gmt":"2025-12-28T20:28:53","slug":"die-sparbuechse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-sparbuechse\/","title":{"rendered":"Die Sparb\u00fcchse"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hans Christian Andersen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Da gab es soviel Spielzeug in der Kinderstube; oben auf dem \nSchranke stand die Sparb\u00fcchse. Sie war aus Ton und hatte die Gestalt eines \nSchweins. Auf dem R\u00fccken hatte sie nat\u00fcrlich einen Spalt und der Spalt war mit \neinem Messer noch gr\u00f6\u00dfer gemacht worden, damit auch Silbertaler hineingehen \nk\u00f6nnten, und es waren wirklich zwei, neben vielen anderen Schillingen, durch den \nSpalt gewandert. Die Sparb\u00fcchse war vollgepfropft, dass sie gar nicht mehr \nklappern konnte, und das ist das H\u00f6chste, wozu eine Sparb\u00fcchse es bringen kann. \nDa stand sie nun ganz oben auf dem Schranke und sah auf alles in der Stube \nherab, sie wusste recht wohl, dass sie mit dem, was sie im Bauche hatte, das \nGanze h\u00e4tte kaufen k\u00f6nnen, und das ist ein angenehmes Bewusstsein.  <\/p>\n\n\n\n<p>Das dachten die anderen auch, obwohl sie es nicht sagten; es \ngab ja auch andere Dinge, um dar\u00fcber zu sprechen. Die Kommodenschublade stand \nhalb aufgezogen und darin erhob sich eine gro\u00dfe Puppe; etwas alt war sie schon \nund am Halse gekittet. Sie guckte heraus und sagte: &#8222;Wollen wir nun Menschen \nspielen? Das ist doch immer etwas!&#8220; Und dann r\u00fchrte es sich \u00fcberall emsig, sogar \ndie Bilder drehten sich an den W\u00e4nden, sie zeigten, dass sie auch eine Kehrseite \nhatten, und dagegen war nichts zu sagen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Es war mitten in der Nacht. Der Mond schien zum Fenster \nherein und gab seinerseits freie Beleuchtung dazu. Nun sollte das Spiel \nbeginnen, alles war eingeladen, selbst der Kinderwagen, der doch zu dem gr\u00f6beren \nSpielzeug geh\u00f6rte. &#8222;Jedes Ding hat sein Gutes&#8220; sagte er. &#8222;Es kann nicht jeder \nvon Adel sein. Einer muss ja immer die Arbeit tun.&#8220;  <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sparb\u00fcchse war die einzige, die eine schriftliche \nEinladung erhielt, sie war zu hochstehend, als dass man h\u00e4tte annehmen k\u00f6nnen, \nsie w\u00fcrde auch einer m\u00fcndlichen Geh\u00f6r schenken. Sie gab auch keine Antwort, denn \nsie kam nicht. Sollte sie mithalten, so musste sie es von zuhause aus genie\u00dfen \nk\u00f6nnen; danach konnten sich die anderen richten, und das taten sie.  <\/p>\n\n\n\n<p>Das kleine Puppentheater wurde sogleich aufgebaut, und zwar \nso, dass sie gerade hineinsehen konnte; sie wollten mit einer Kom\u00f6die beginnen \nund dann sollte es Tee geben und Gedankenspiele gespielt werden. Damit fing man \nsogleich an. Das Schaukelpferd sprach von Training und Vollblut, der Kinderwagen \nvon Eisenbahnen und Dampfkraft, immer war es etwas, was in ihr Fach geh\u00f6rte und \nwor\u00fcber sie zu sprechen verstanden. Die Stubenuhr sprach von Politik &#8211; tik-tik. \nSie wusste, was die Glocke geschlagen hatte, aber man sagte von ihr, dass sie \nfalsch ginge. Das spanische Rohr stand da und war stolz auf seine Spitze und \nseinen silbernen Knopf, er war oben und unten beschlagen; im Sofa lagen zwei \ngestickte Kissen, sie waren h\u00fcbsch und dumm &#8211; nun konnte die Kom\u00f6die beginnen.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Alle sa\u00dfen und schauten zu, dann wurde h\u00f6flich ersucht zu \nklatschen, zu knallen oder zu poltern, ganz wie man eben aufgelegt sei durch das \nSpiel. Aber die Reitpeitsche sagte, dass sie niemals f\u00fcr \u00e4ltere Leute, sondern \nnur f\u00fcr die Unverlobten knalle. &#8222;Ich knalle f\u00fcr jeden&#8220; sagte die Knallerbse. \n&#8222;Einen Standpunkt muss man ja haben&#8220; sagte der Spucknapf. Das waren so die \nGedanken, die ihnen bei dem Kom\u00f6dienspiel kamen. Das St\u00fcck taugte nichts, aber \nes wurde gut gegeben; alle Spielenden wandten die bemalte Seite nach au\u00dfen. Sie \nwaren nur dazu da, um von der einen Seite gesehen zu werden, aber nicht von der \nR\u00fcckseite. Alle spielten ausgezeichnet und ganz im Vordergrunde des Theaters, \nsie hingen zwar an zu langen Dr\u00e4hten, aber dadurch wurden sie nur umso \nbemerkbarer. Die gekittete Puppe war so hingerissen, dass der Kitt sich l\u00f6ste, \nund die Sparb\u00fcchse war auf ihre Art so ger\u00fchrt, dass sie beschloss, f\u00fcr einen \nder Schauspieler etwas zu tun, und zwar wollte sie in ihrem Testament bestimmen, \ndass er mit ihr im offenen Grab liegen solle, wenn die Zeit einst da sei.  <\/p>\n\n\n\n<p>Das war wirklich ein solcher Genuss, dass man vom Tee trinken  absah und bei den Gedankenspielen blieb, was man &#8222;Menschen spielen&#8220; nannte.  Darin war keine Bosheit, denn sie spielten nur &#8211; und jeder dachte an sich und an  die merkw\u00fcrdigen Gedanken, die die Sparb\u00fcchse zuweilen hatte. Die Sparb\u00fcchse  besa\u00df am meisten Weitblick, sie dachte ja schon an Testament und Begr\u00e4bnis &#8211; und  wann geschah das wohl? &#8211; Immer, bevor man es erwartet. &#8211; Knack, da fiel sie vom  Schranke &#8211; lag auf dem Fu\u00dfboden in tausend Scherben, w\u00e4hrend die Schillinge  tanzten und sprangen; die kleinsten drehten sich um sich selbst, die gro\u00dfen  rollten, besonders der eine Silbertaler wollte durchaus in die Welt hinaus. Und  das kam er auch und alle die anderen mit; die Scherben der Sparb\u00fcchse wanderten  in den Kehricht. Doch am n\u00e4chsten Tage schon stand auf dem Schranke eine neue  Sparb\u00fcchse aus Ton. Noch war kein Schilling darin, daher konnte sie auch nicht  klappern. Hierin glich sie der anderen, das war immer ein Anfang &#8211; und damit  sind wir auch am Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen Da gab es soviel Spielzeug in der Kinderstube; oben auf dem Schranke stand die Sparb\u00fcchse. Sie war aus Ton und hatte die Gestalt eines Schweins. 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