{"id":115,"date":"2015-10-06T02:22:46","date_gmt":"2015-10-06T00:22:46","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=115"},"modified":"2026-01-16T20:51:04","modified_gmt":"2026-01-16T19:51:04","slug":"die-alte-weiber-muehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-alte-weiber-muehle\/","title":{"rendered":"Die Alte-Weiber-M\u00fchle"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Die Alte-Weiber-M\u00fchle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richard von Volkmann-Leander<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Apolda in Th\u00fcringen liegt die Alte-Weiber-M\u00fchle. Sie sieht ungef\u00e4hr aus wie eine gro\u00dfe Kaffeem\u00fchle, nur dass nicht oben gedreht wird, sondern unten. Unten stehen n\u00e4mlich zwei gro\u00dfe Balken heraus, die von zwei Knechten angefasst werden, um mit ihnen die M\u00fchle zu drehen. Oben werden die alten Weiber hineingetan; faltig und bucklig, ohne Haare und Z\u00e4hne, und unten kommen sie jung wieder heraus: schmuck und rotbackig wie die Borst\u00e4pfel. Mit einem Male Umdrehen ist\u2018s gemacht; knack und krach geht es, dass es einem durch Mark und Bein f\u00e4hrt. Wenn man aber die, welche herauskommen und wieder jung geworden sind, fragt, ob es nicht erschrecklich weh tue, antworten sie: &#8222;Lieber gar! Wundersch\u00f6n ist es! Ungef\u00e4hr so, wie wenn man fr\u00fch aufwacht, gut ausgeschlafen ist und die Sonne ins Zimmer scheint, und drau\u00dfen singen die V\u00f6gel, und die B\u00e4ume rauschen, und man sich dann noch einmal im Bett ordentlich dehnt und reckt. Da knackt\u2018s auch zuweilen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr weit von Apolda wohnte einmal eine alte Frau; die hatte auch davon geh\u00f6rt. Da sie nun sehr gern jung gewesen war, entschloss sie sich eines Tages kurz und machte sich auf den Weg. Es ging zwar langsam; sie musste oft stehenbleiben und husten, aber mit der Zeit kam sie doch vorw\u00e4rts, und endlich langte sie richtig vor der M\u00fchle an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich m\u00f6chte wieder jung werden und mich ummahlen lassen&#8220;, sagte sie zu einem der Knechte, der, die H\u00e4nde in den Hosentaschen, vor der M\u00fchle auf der Bank sa\u00df und aus seiner Pfeife Ringel in die blaue Luft blies. &#8222;Du lieber Gott, was das Apolda weit ist!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie hei\u00dft Ihr denn?&#8220; fragte der Knecht g\u00e4hnend.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die alte Mutter Klapprothen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Setzt Euch solange auf die Bank, Mutter Klapprothen&#8220;, sagte der Knecht, ging in die M\u00fchle, schlug ein gro\u00dfes Buch auf und kam mit einem langen Zettel wieder heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ist wohl die Rechnung, mein J\u00fcngelchen?&#8220; fragte die Alte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;I bewahre!&#8220; erwiderte der Knecht. &#8222;Das Ummahlen kostet nichts. Aber Ihr m\u00fcsst zuvor das hier unterschreiben!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Unterschreiben?&#8220; wiederholte die alte Frau. &#8222;Wohl meine arme Seele dem Teufel verschreiben? Nein! das tue ich nicht! Ich bin eine fromme Frau und hoffe, einmal in den Himmel zu kommen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ist nicht so schlimm!&#8220; lachte der Knecht. &#8222;Auf dem Zettel stehen blo\u00df alle Torheiten verzeichnet, die Ihr in Eurem ganzen Leben begangen habt, und zwar ganz genau der Reihe nach, mit Zeit und Stunde. Ehe Ihr Euch ummahlen lasst, m\u00fcsst Ihr Euch verpflichten, wenn Ihr nun wieder jung geworden seid, alle die Torheiten noch einmal zu machen, und zwar ganz genau in derselben Reihenfolge, justement wie\u2018s auf dem Zettel steht!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf besah er den Zettel und sagte schmunzelnd: &#8222;Freilich ein bisschen viel, Mutter Klapprothen, ein bisschen viel! Vom sechzehnten bis zum sechsundzwanzigsten Lebensjahre t\u00e4glich eine, sonntags zwei. Nachher wird\u2018s besser. Aber im Anfang der Vierziger, der Tausend, da kommt\u2019s\u2019 noch einmal dicke! Zuletzt ist&#8217;s wie gew\u00f6hnlich!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Da seufzte die Alte und sagte: &#8222;Aber Kinder, dann lohnt es sich ja gar nicht, sich ummahlen zu lassen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Freilich, freilich&#8220;, entgegnete der Knecht, &#8222;f\u00fcr die meisten lohnt sich\u2018s nicht! Darum haben wie eben gute Zeit; sieben Feiertage die Woche, und die M\u00fchle steht immer still, zumal seit den letzten Jahren. Fr\u00fcher war schon das Gesch\u00e4ft etwas lebhafter.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ist es denn nicht m\u00f6glich, wenigstens etwas auf dem Zettel auszustreichen?&#8220; fragte die Alte noch einmal und streichelte dem Knechte die Backen. &#8222;Blo\u00df drei Sachen, mein J\u00fcngelchen, alles andere will ich, wenn es denn einmal sein muss, noch einmal machen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nein&#8220;, antwortete der Knecht, &#8222;das ist platterdings unm\u00f6glich. Entweder &#8211; oder!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Nehmt nur Euren Zettel wieder&#8220;, sagte darauf die alte Frau nach einigem Besinnen, &#8222;ich habe die Lust an Euerer dummen alten M\u00fchle verloren!&#8220; und machte sich auf den Heimweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie aber zu Hause ankam und die Leute sie verwundert ansahen und sagten: &#8222;Aber Mutter Klapprothen, Ihr kommt ja gerade so alt wieder, als Ihr fortgegangen seid! Es ist wohl nichts mit der M\u00fchle?&#8220; hustete sie und antwortete: &#8222;O ja, es ist wohl etwas daran; aber ich hatte zu gro\u00dfe Angst, und dann \u2013 was hat man denn an dem bisschen Leben? Du lieber Gott!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Apolda in Th\u00fcringen liegt die Alte-Weiber-M\u00fchle. 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