{"id":1062,"date":"2019-05-14T01:20:10","date_gmt":"2019-05-13T23:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1062"},"modified":"2026-01-26T01:51:56","modified_gmt":"2026-01-26T00:51:56","slug":"krauskopf-und-blondhaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/krauskopf-und-blondhaerchen\/","title":{"rendered":"Krauskopf und Blondh\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Therese R\u00f6sing<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Wo der Wald licht wird und im Fr\u00fchling die wilden Rosen bl\u00fchen, steht ein\nkleines Haus. Auf dem Dache w\u00e4chst Moos, durch die Fenster scheint die Sonne\nhinein, und drinnen wohnte Gro\u00dfm\u00fctterchen mit Blondh\u00e4rchen. Den ganzen Tag lief\ntripp trapp die Kleine singend umher, bis in dem H\u00e4uschen alles so blitzblank\nwar, wie Gro\u00dfm\u00fctterchen es gern hatte, und abends trug sie ihr Spinnrad herbei\nund spann den langen blonden Faden, der fast so blond war wie ihr eigenes Haar.\nUnd wenn sie flei\u00dfig das R\u00e4dchen drehte und das F\u00e4dchen netzte, dann erz\u00e4hlte\nihr Gro\u00dfm\u00fctterchen, die eine kluge Frau war und viel erlebt hatte, von der\nweiten Welt da drau\u00dfen, die so gro\u00df und so schlimm sei. Aber der Pate, der ganz\nallein mitten im dunklen Wald wohnte, der sei gut, und wenn sie sich einmal\nkeines Rates mehr w\u00fcsste, solle sie zu dem gehen, der w\u00fcrde ihr schon beistehen.<br>\nBlondh\u00e4rchen blickte mit ihren gro\u00dfen, blauen Augen von der Schwelle ihres\nH\u00e4uschens in die Welt hinaus und fand sie sehr sch\u00f6n soweit sie nur sehen\nkonnte, wunderte sich \u00fcber Gro\u00dfm\u00fctterchens Worte und sang mit ihrer s\u00fc\u00dfen\nStimme ein Lied, das hatte sie von der Nachtigall gelernt. Und freute sich\nschon darauf, wenn sie wieder ein K\u00f6rbchen mit blondem Flachsgarn ins Dorf\nbringen k\u00f6nne, zum Weber. Der behielt einen Teil f\u00fcr sich und von dem anderen\nTeil webte er Linnen und Gewand f\u00fcr sie und Gro\u00dfm\u00fctterchen. Dann lief\nBlondh\u00e4rchen mit eiligen Schritten tripp trapp singend den H\u00fcgel hinab, und der\nBach sprang als munterer Weggeselle nebenher, und den H\u00fcgel dr\u00fcben herunter\npfl\u00fcgte wohl gerade Krauskopf, des Nachbars Sohn, mit seinem Gespann Ochsen. Und\nwenn sich die beiden Kinder unten trafen, rief er seinen Ochsen \u00bbH\u00fc!\u00ab zu. Dann\nwussten sie, so dumm sie auch aussahen, dass sie nun gute Weile h\u00e4tten und\nfingen an, das saftige Gras am Wegrain abzuzupfen.<br>\nKrauskopf aber gab Blondh\u00e4rchen die Hand und schaute ihr in die Augen. Und sie\nl\u00e4chelte ihm zu, das hatte sie von der lieben Sonne gelernt, und wusste ihm\nviel zu erz\u00e4hlen. Sagte sie endlich: \u00bbIch muss eilends ins Dorf, damit\nGro\u00dfm\u00fctterchen nicht so lange allein ist\u00ab, so wussten die Ochsen, dass es mit der\nangenehmen Rast ein Ende habe, sch\u00fcttelten die dicken K\u00f6pfe und brummten \u00bbMuh!\u00ab\nund Krauskopf rief: \u00bbHott!\u00ab und pfl\u00fcgte mit ihnen wieder h\u00fcgelan.<br>\nSo verging die Zeit. Die beiden Kinder wurden immer gr\u00f6\u00dfer und st\u00e4rker,\nGro\u00dfm\u00fctterchen wurde immer kleiner und schw\u00e4cher, und zuletzt kam sie zu\nsterben.<br>\n<br>\nAls das arme Blondh\u00e4rchen da gar so herzbrechend schluchzte, schlug\nGro\u00dfm\u00fctterchen noch einmal die Augen auf, tr\u00f6stete es mit schwacher Stimme und\nsprach: \u00bbDu bist immer ein gutes Kind gewesen, liebes Blondh\u00e4rchen, und darum\nwird es dir auch im Leben gut gehen. Ich habe mir gedacht, du solltest des\nNachbarn Sohn Krauskopf heiraten, und wenn du einmal nicht aus noch ein wei\u00dft,\ndann gehe zu deinem Paten im dunklen Walde, der wird dir beistehen.\u00ab Dann\nschloss sie die Augen, tat noch einen Seufzer und war tot.<br>\n<br>\nDas arme Blondh\u00e4rchen weinte bitterlich, grub mit Krauskopf ein Grab unter dem\nRosenbusch, wo im Fr\u00fchling die Nachtigall sang, legte Gro\u00dfm\u00fctterchen hinein und\nbegoss es mit ihren Tr\u00e4nen. Krauskopf aber sagte:<br>\n<br>\n\u00bbSei getrost, Blondh\u00e4rchen, ich bin ja bei dir. Gro\u00dfm\u00fctterchen hat dich lieb\ngehabt, aber ich habe dich noch tausendmal lieber.\u00ab<br>\n<br>\nBlondh\u00e4rchen nickte und sprach wohlgemut: \u00bbGro\u00dfm\u00fctterchen hat noch im Sterben\ngesagt, wir beide sollten uns heiraten.\u00ab<br>\n<br>\nDa zog Krauskopf ein langes Gesicht und meinte: \u00bbMit der Zeit pfl\u00fcckt man\nRosen. Wir sind beide noch so jung und ganz arm. Wir m\u00fcssen warten und Geld\nverdienen. Es gibt so viel Gold in der Welt, ein wenig davon k\u00f6nnte uns\ngl\u00fccklich machen.\u00ab<br>\n<br>\nDa wollten Blondh\u00e4rchen vor Schreck schon wieder die Tr\u00e4nen in die Augen\nsteigen, aber sie schluckte sie hinunter, blickte auf das \u00c4hrenfeld, das in der\nSonne wie eitel Gold gl\u00e4nzte, und sagte: \u00bbSieh doch nur hin, Krauskopf! Gold,\nsoweit du sehen kannst. Und mein Flachsfaden gl\u00e4nzt auch fast wie Gold.\u00ab<br>\n<br>\nEr lachte und sch\u00fcttelte den Kopf: \u00bbSolches Gold meine ich nicht. Aber schon\nrecht. Spinne du nur flei\u00dfig weiter an deinem R\u00e4dchen, und wenn du dein ganzes\nH\u00e4uschen mit Goldgespinst angef\u00fcllt hast, dann komme ich wieder, alle Taschen\nvoll Gold.\u00ab \u2013<br>\n<br>\n\u00bbLa\u00df mich mit dir gehen\u00ab, bat Blondh\u00e4rchen. \u00bbIch will auch ebenso gro\u00dfe\nSchritte machen wie du.\u00ab<br>\n<br>\nEr aber sprang davon, schnitt sich unten am Bach noch einen derben Stecken ab\nund lief in die weite Welt hinaus.<br>\n<br>\nBlondh\u00e4rchen schaute ihm tr\u00fcbselig nach, aber sie war ein tapferes M\u00e4dchen und\ndachte, sie wollte nur gleich mit dem Spinnen anfangen, dann w\u00e4re die Wartezeit\nam ehesten zu Ende, trug ihr R\u00e4dchen unter den Rosenbusch an Gro\u00dfm\u00fctterchens\nGrab und drehte es flei\u00dfig. Und als es Winter wurde, trug sie es in ihr\nSt\u00fcbchen, kaufte sich ein L\u00e4mpchen und spann bei dessen Schein die halben\nN\u00e4chte hindurch.<br>\n<br>\nAls der Fr\u00fchling wieder kam und die Rosen bl\u00fchten, sang sie mit der Nachtigall\num die Wette und l\u00e4chelte vor sich hin; denn ihr Herz war leicht geworden bei\nder Arbeit, und in ihrem K\u00e4mmerchen lag das Goldgespinst bis unter die Decke.\nR\u00fcstig spann sie weiter, jeden Tag und allezeit, Sommer und Winter, und als der\nFr\u00fchling abermals ins Land kam mit Nachtigall und Rosen, lag auch in der K\u00fcche\ndas Goldgespinst bis unter die Decke. Nur der Herd war frei, wo Blondh\u00e4rchen\nihr Mittagessen kochte, und ihr Bettchen am Herde, wo sie schlief.<br>\n<br>\nDa setzte sie sich auf Gro\u00dfm\u00fctterchens Grab, faltete die H\u00e4nde im Scho\u00df und\nwartete auf Krauskopf, denn sie dachte, jetzt m\u00fcsse er heimkommen. Ihr ganzes\nH\u00e4uschen war ja mit Goldgespinst angef\u00fcllt, wie er ihr gehei\u00dfen hatte.<br>\n<br>\nDie Nachtigall sang, baute sich ihr Nest und h\u00f6rte dann auf zu singen,\nalldieweil sie ihre Jungen f\u00fcttern musste, die furchtbar hungrig waren, immer\ndie Schn\u00e4bel aufsperrten und nach mehr schrien. Die Rosen dufteten Tag und\nNacht, Blondh\u00e4rchen sa\u00df auf Gro\u00dfm\u00fctterchens Grab und wartete.<br>\n<br>\nDie Tage wurden l\u00e4nger und hei\u00dfer, den jungen Nachtigallen wuchsen die Federn,\ndas Nest wurde ihnen zu eng und sie flogen davon in die weite Welt.\nBlondh\u00e4rchen schaute ihnen nach, sa\u00df auf Gro\u00dfm\u00fctterchens Grab und wartete &#8230;<br>\n<br>\nDie Bl\u00e4tter an den B\u00e4umen f\u00e4rbten sich gelb und rot, der Herbstwind riss sie\nherab und trieb sein Spiel mit ihnen, die letzten Rosen verbl\u00fchten und\nBlondh\u00e4rchen sa\u00df auf Gro\u00dfm\u00fctterchens Grab und wartete &#8230;<br>\n<br>\nAber als der Winter mit klirrendem Schritt und grimmigem Frost im Eispanzer\ndaherkam, dachte Blondh\u00e4rchen: Jetzt dauert mir die Geschichte zu lange. Ewig\nkann ich doch nicht hier sitzen und auf Krauskopf warten! Ich w\u00fcrde ein\nEiszapfen werden und das h\u00e4tte keinen Zweck. Es ist besser, ich gehe zum Paten\nim dunklen Wald. Der wird mir beistehen, wie Gro\u00dfm\u00fctterchen verhie\u00df.<br>\n<br>\nSie nahm ihr L\u00e4mpchen in die Hand, um sich im dunklen Wald zu leuchten, wenn es\nAbend w\u00fcrde, und sch\u00fcrzte ihr Kleid. Da murmelte der Bach, der in der\nWinterk\u00e4lte faul und schl\u00e4frig geworden war: \u00bbMitten im Wald, mitten im Wald,\nwo meine Wiege steht, da wohnt der Pate.<br>\n<br>\nSie nickte ihm zu: \u00bbSch\u00f6nen Dank liebes B\u00e4chlein\u00ab, und sprang davon, immer\nunter den Erlen und Weiden an seinem Ufer entlang.<br>\n<br>\nH\u00e4schen, das sie springen sah, wunderte sich, machte ein M\u00e4nnchen und spitzte\ndie Ohren, da war sie aber schon weit weg. Als sie durch die Schlehdornb\u00fcsche\ndes Waldes schl\u00fcpfen wollte, hielten sie sie mit dornigen Fingern fest und\nknarrten:<br>\n<br>\n\u00bbWohin so geschwind<br>\nDu eiliges Kind?\u00ab<br>\n<br>\nSie bog ihnen vorsichtig die Zweige bei Seite und antwortete:<br>\n<br>\n\u00bbIch hab&#8216; keine Zeit,<br>\nMein Weg ist noch weit!\u00ab<br>\n<br>\nDer Rabe oben auf dem h\u00f6chsten Baume war vor Alter schon ganz heiser geworden,\ndrehte den Kopf, blinzelte mit einem Auge zu ihr hin\u00fcber und kr\u00e4chzte:<br>\n<br>\n\u00bbKrah, Krah!<br>\nWer rennt denn da?\u00ab \u2013<br>\n<br>\nSie hielt sich nicht auf, nickte dem Alten im Weiterlaufen nur einen Gru\u00df zu\nund rief ihm hinauf:<br>\n<br>\n\u00bbImmer schnelle,<br>\nDu schwarzer Geselle!\u00ab<br>\n<br>\nWo der Wald dunkel wird, steht ein alter Turm. Darin wohnte zu jener Zeit ein\nUhu. Er hockte vor seiner Haust\u00fcr, str\u00e4ubte die Federn, rollte die gelben Augen\nund fauchte:<br>\n<br>\n\u00bbUhu, Uhu,<br>\nWas willst du?\u00ab<br>\n<br>\nSie blieb einen Augenblick bei ihm stehen, sch\u00f6pfte nach dem schnellen Lauf\nAtem und antwortete:<br>\n<br>\n\u00bbZum Paten, zum Paten,<br>\nDer wird mir raten.\u00ab<br>\n<br>\nDa \u00e4rgerte sich der Uhu, weil er bei Nacht sehen konnte, glaubte er, dass er\nallein klug sei, fauchte noch einmal, ging in sein Haus und schlug die Haust\u00fcr\nhinter sich zu. Blondh\u00e4rchen lief eilends weiter, immer am Bach entlang, und\nauf einmal sah sie einen hellen Schein. Der kam aus der Studierstube des Paten.\nUnd dicht dabei stand die Wiege des Baches.<br>\n<br>\nDer Pate war ein alter Mann mit einem langen, wei\u00dfen Bart, einer gro\u00dfen,\nkrummen Nase und einer Brille darauf. Aber durch die Gl\u00e4ser schaute er\nBlondh\u00e4rchen freundlich an.<br>\n<br>\nSie gab ihm die Hand, machte einen Knicks und l\u00e4chelte ihm freundlich zu. Da\nschlug er das gro\u00dfe Buch zu, darin er gerade gelesen hatte und fragte: \u00bbWen\nhaben wir denn hier?\u00ab<br>\n<br>\nAntwortete sie: \u00bbIch bin Euer Patenkind Blondh\u00e4rchen. Gro\u00dfm\u00fctterchen hat\ngesagt, Ihr w\u00fcrdet mir beistehen. Sie lie\u00dfe sch\u00f6n gr\u00fc\u00dfen und w\u00e4re bereits tot.\u00ab<br>\n<br>\nDa nickte er mit dem Kopfe, brummte allerlei in den Bart, was sie nicht\nverstand und fragte sie, warum sie zu ihm in den dunklen Wald gekommen w\u00e4re,\nund worin er ihr beistehen k\u00f6nne.<br>\n<br>\n\u00bbIch habe sehr lange auf Krauskopf gewartet\u00ab, antwortete sie. \u00bbWir wollen uns\nheiraten.\u00ab<br>\n<br>\nFragte der Pate: \u00bbWo ist den Krauskopf?\u00ab Antwortete sie behende: \u00bbEi, wenn ich\ndas w\u00fcsste, dann w\u00e4re ich nicht den weiten Weg zu Euch in den dunklen Wald\ngelaufen, sondern lieber zu ihm hin.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbSo m\u00fcssen wir einmal Umschau halten, ob wir ihn finden\u00ab, meinte der Pate, nahm\nsie bei der Hand und stieg mit ihr den Turm hinauf, wo der Uhu wohnte. Der tat,\nals ob er schliefe, weil er sich \u00fcber den Besuch \u00e4rgerte und keine Aufregung\nliebte.<br>\n<br>\nOben hielt der Pate Umschau: er schaute nach rechts und sch\u00fcttelte den Kopf, er\nschaute nach links und sch\u00fcttelte den Kopf, er schaute geradeaus und sch\u00fcttelte\nden Kopf, drehte sich nach der vierten Seite, schaute auch dorthin und\nsch\u00fcttelte abermals den Kopf, denn von Krauskopf war keine Spur zu entdecken.\nUnd Blondh\u00e4rchen machte es wie er, schaute nach allen vier Seiten aus und\nsch\u00fcttelte viermal den Kopf, denn auch sie konnte keine Spur von Krauskopf\nentdecken.<br>\n<br>\nSprach da der Pate: \u00bbLiebes Kind, soweit die Sonne scheint, ist keine Spur von\nKrauskopf zu entdecken. Aber vielleicht ist er dr\u00fcben auf der anderen Seite, wo\nes jetzt dunkel ist. Da scheinen sie die Stra\u00dfenlaternen noch nicht angez\u00fcndet\nzu haben. Reiche mir dein L\u00e4mpchen her, damit ich einmal hin\u00fcberleuchte.\u00ab<br>\n<br>\nDas tat Blondh\u00e4rchen. Der Pate befestigte das L\u00e4mpchen an einen langen Stab und\nsiehe: es warf einen hellen Schein in die weite Welt hinaus, \u00fcber drei Berge\nund \u00fcber drei Meere, gerade in ein Zimmer auf der anderen Seite der Erde\nhinein.<br>\n<br>\n\u00bbSchau einmal hin, Blondh\u00e4rchen\u00ab, sagte der Pate. \u00bb\u00dcber drei Berge und \u00fcber\ndrei Meere. Meine Augen sind alt und tr\u00fcbe, deine sind jung und hell. Ist das\nKrauskopf, der dort sitzt, Schreibfeder in H\u00e4nden?\u00ab<br>\n<br>\nBlondh\u00e4rchen schaute hin \u00fcber drei Berge und \u00fcber drei Meere und antwortete:\n\u00bbIch wei\u00df es nicht ganz gewiss. Der da sitzt, Schreibfeder in H\u00e4nden, sieht aus\nwie Krauskopf und doch auch wieder nicht. Wenn ich nur seine Stimme h\u00f6ren\nk\u00f6nnte!\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbWir wollen ihm Botschaft senden, damit er uns antworte\u00ab, sagte der Pate. \u00bbAber\ndazu brauche ich einen langen, langen Faden. Eile nach deinem H\u00e4uschen, liebes\nBlondh\u00e4rchen, wickle dein Goldgespinst zu einem gro\u00dfen Kn\u00e4uel zusammen, packe\ndas auf einen Schlitten und bringe es her.\u00ab<br>\n<br>\nBlondh\u00e4rchen lie\u00df sich das nicht zweimal sagen, lief eilends davon, vorbei an\ndem Uhu hinter seiner Haust\u00fcr und vorbei an dem Raben, der ein Auge zugemacht\nhatte, schl\u00fcpfte durch die Schlehdornb\u00fcsche, die sie diesmal gern durchlie\u00dfen,\nerschreckte durch ihren schnellen Lauf H\u00e4schen beim Kohl im Bauerngarten und\nholte einen Schlitten herbei. Dahinauf packte sie ein gro\u00dfes Kn\u00e4uel von ihrem\nGoldgespinst, band es fest, damit es bei der eiligen Fahrt nicht herunterfalle,\nund machte sich wieder auf den Weg zum Paten im dunklen Wald, immer am B\u00e4chlein\nentlang.<br>\n<br>\nH\u00e4schen war auf und davon, die Schlehdornb\u00fcsche knarrten verdrie\u00dflich, als sie\nmit ihrer Last vorbeikam, der Rabe hatte auch sein zweites Auge zugemacht,\nschlief aber nicht, sondern dachte nach, und der Uhu war aus dem alten Turm\nausgezogen. Es war ihm dort zu unruhig geworden, und das konnten seine Nerven\nnicht vertragen.<br>\n<br>\nDer Pate stand noch auf dem Turm und wartete auf sie, nahm das gro\u00dfe Kn\u00e4uel in\ndie Hand und warf es in die weite Welt hinaus. Es flog \u00fcber drei Berge und \u00fcber\ndrei Meere gerade in das Zimmer, dahinein auch das L\u00e4mpchen leuchtete.<br>\n<br>\n\u00bbNun sprich zu dem Manne\u00ab, gebot der Pate, und Blondh\u00e4rchen rief: \u00bbBist du es\nKrauskopf, der dort sitzt, Schreibfeder in H\u00e4nden, dann antworte mir, ich bin\nBlondh\u00e4rchen.\u00ab<br>\n<br>\nIhre Worte liefen an dem langen, langen Faden entlang, dessen eines Ende der\nPate noch in der Hand hielt, \u00fcber drei Berge und \u00fcber drei Meere bis hin zu dem\nManne, Schreibfeder in H\u00e4nden. Er blickte auf und murmelte: \u00bbZweieinhalb und\ndreieinhalb sind\u00ab &#8230; \u00bbEs ist Krauskopf!\u00ab rief Blondh\u00e4rchen. \u00bbAber ich verstehe\nnicht, was er sagt. So sprach er fr\u00fcher niemals.\u00ab<br>\n<br>\nDer Pate sch\u00fcttelte den Kopf und sagte traurig. \u00bbIch verstehe seine Worte, denn\nich kenne die Welt. Er liegt in einem b\u00f6sen Zauber, und nur du allein kannst\nihn retten.\u00ab<br>\n<br>\nDazu war Blondh\u00e4rchen gleich bereit und wollte alsbald die Reise antreten, aber\nder gute Pate hielt sie zur\u00fcck: \u00bbWarte, dass ich dir ein W\u00e4gelchen baue, sonst\nkommst du nimmer an das Ende der Welt. In meinem gro\u00dfen Buche steht ein Rezept\ndazu.\u00ab<br>\n<br>\nEr suchte lange in dem gro\u00dfen Buche, schlug immer eine Seite nach der anderen\num, und endlich fand er das Rezept. Las es einmal und zweimal, denn es war sehr\nschwer zu verstehen und baute danach f\u00fcr Blondh\u00e4rchen ein W\u00e4gelchen. Dieses\nlief wie der Wind, sagte \u00bbT\u00f6ff T\u00f6ff\u00ab und stank f\u00fcrchterlich, das konnte der\ngute Pate nicht heilen und Blondh\u00e4rchen machte sich nichts daraus. \u00bbNun fahre\nwohl, liebes Kind\u00ab, sagte der Pate. \u00dcber die drei Berge wird dich das W\u00e4gelchen\nwohl bringen, dann musst du sehen, wie du \u00fcber die drei Meere kommst und halte\ndich recht fest und la\u00df dein L\u00e4mpchen einen hellen Schein vor dir her werfen.\u00ab<br>\n<br>\nDie letzten Worte h\u00f6rte Blondh\u00e4rchen schon nicht mehr, denn das W\u00e4gelchen fing\nan zu rennen, den Faden entlang, \u00fcber Stock und Stein, so schnell wie der Wind\nund noch schneller. Hopp! \u00fcber den ersten Berg, \u2013 hast du nicht gesehen! \u00fcber\nden zweiten Berg \u2013 dass die Funken stoben! \u00fcber den dritten Berg, und da stand\nes am Meere.<br>\n<br>\nAlle Leute, die es rennen sahen, schrien laut auf vor Schreck und schlugen die\nH\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen und wunderten sich \u00fcber Blondh\u00e4rchens Locken, die\nwie eine Fahne hinter ihr herwehten. Als sie dann bat: \u00bbIhr lieben Leute helft\nmir doch \u00fcber das Meer. Ich suche ja Krauskopf. Und bewahrt mir dieweil mein\nW\u00e4gelchen auf, bis ich des Weges wieder zur\u00fcckkomme.\u00ab Da riefen sie: \u00bbWir\nwollen mit dem Untier nichts zu schaffen haben, das bringt uns alle zu Tode.\u00ab<br>\n<br>\nAls sie aber so inst\u00e4ndig weiter bat, sagten die Leute endlich: \u00bbWohlan, wenn\ndu das Untier selbst in einen Stall sperren willst, so mag es sein. Aber was\ngibst du uns, dass wir dich auch noch \u00fcber das Meer fahren? Wir sind arm, und umsonst\nist der Tod.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbAch, wie schlimm ist doch die Welt und wie sehr hat Gro\u00dfm\u00fctterchen recht\ngehabt\u00ab, dachte da Blondh\u00e4rchen, und laut sagte sie: \u00bbLiebe Leute, ich bin ein\narmes Kind und habe nichts, womit ich euch bezahlen k\u00f6nnte.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbGib uns deine blonden Locken!\u00ab riefen sie da. \u00bbEs sah gar lustig aus, als sie\nim Winde so hinter dir herflogen.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbNehmt sie hin\u00ab, sagte Blondh\u00e4rchen, schnitt sich, eins, zwei, drei, mit einer\nSchere die sch\u00f6nen blonden Locken ab, band sich ihr Halst\u00fcchelchen um den\nkahlen Kopf, und die Leute f\u00fchrten sie in einem Schifflein \u00fcber das erste Meer.<br>\n<br>\nDr\u00fcben wanderte sie wohlgemut weiter, immer an dem Faden entlang, und ehe sie\nsich&#8217;s versah, stand sie am zweiten Meere. Mit freundlichem Wort und L\u00e4cheln\nbat sie die Schiffer, die dort wohnten, sie an das andere Ufer zu fahren,\nsintemal sie Krauskopf suche. \u00bbEs ist unser Handwerk, die Leute hin\u00fcber zu\nfahren\u00ab, antworteten die Schiffer. \u00bbAber was gibst du uns daf\u00fcr?\u00ab<br>\n<br>\nDa starb ihr das L\u00e4cheln auf den Lippen, und sie sagte \u00e4ngstlich: \u00bbIch armes\nKind habe ja nichts euch zu geben.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbGib uns dein sonniges L\u00e4cheln!\u00ab riefen die Schiffer. \u00bbHier bei uns ist es rauh\nund nebelig, und die liebe Sonne scheint nicht oft, da soll uns dein L\u00e4cheln\ndie Welt hell und sonnig machen.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbIch werde es doch nie wieder brauchen\u00ab, seufzte Blondh\u00e4rchen. \u00bbWor\u00fcber soll\nich denn l\u00e4cheln? Die Welt ist ja so schlimm. Aber daf\u00fcr m\u00fcsst ihr dr\u00fcben auf\nmich warten, bis ich wieder zur\u00fcckkomme.\u00ab Und sie lie\u00df ihnen ihr sonniges\nL\u00e4cheln, und die Schiffer brachten sie hin\u00fcber. Und weil ihr anfing bange zu\nwerden und sie sich gar so einsam f\u00fchlte, begann sie leise vor sich hin zu\nsingen. Das machte ihr Mut, und sie sang lauter und lauter: Und es war das\nLied, das sie von der Nachtigall im Rosenbusch gelernt hatte.<br>\n<br>\nAuf einmal stand sie am dritten Meere, und als die Frauen, die dort ihre W\u00e4sche\nwuschen, h\u00f6rten, warum sie in die weite Welt z\u00f6ge, weinten sie und waren gleich\nbereit, ihr zu helfen. \u00bbBezahlung wollen wir daf\u00fcr nicht,\u00ab sagten sie, \u00bbdenn\nwir tun es gern. Aber du k\u00f6nntest uns wohl etwas schenken. Unsere M\u00e4nner m\u00fcssen\nweit \u00fcber Land ziehen, um Arbeit zu finden, da w\u00fcrde es ihnen solch ein Trost\nsein, zuweilen von uns und den Kindern zu h\u00f6ren. Unsere Stimmen reichen nicht\nbis zu ihnen, doch deine ist stark und jung, die werden sie vernehmen. Schenke\nuns deine Stimme.\u00ab<br>\n<br>\nDas arme Blondh\u00e4rchen wurde sehr betr\u00fcbt, denn Krauskopf liebte ihre Stimme,\nund sie hatte sich gedacht, ihm den Heimweg durch ihre Lieder zu verk\u00fcrzen.\nAber es half nichts, \u00fcber das Wasser musste sie hin\u00fcber. So lie\u00df sie ihre\nStimme den Frauen. Die brachten sie an das andere Ufer und versprachen, dort\nauf sie zu warten.<br>\n<br>\nDr\u00fcben geriet sie bald in eine gro\u00dfe Stadt mit vielen hohen H\u00e4usern, T\u00fcrmen und\nSchornsteinen, und viele, viele Menschen liefen, so schnell sie konnten an ihr\nvor\u00fcber, und kein einziger hatte Zeit, sie auch nur anzugucken oder gar ihr\nGuten Tag zu sagen<br>\n<br>\nund sie zu fragen was sie wolle. Da f\u00fchlte sie sich verlassener als im dunklen\nWald bei dem Raben und dem Uhu, und wenn nicht der Faden gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte\nsie nicht gewusst, wo aus und ein. Aber der f\u00fchrte sie vorbei an des K\u00f6nigs\nSchloss und durch breite Stra\u00dfen und zuletzt durch enge Gassen, wo die H\u00e4user\nhoch und dunkel sind. Und in das allerdunkelste Haus hinein leitete er sie, und\nwo er durch ein Schl\u00fcsselloch in das Zimmer schl\u00fcpfte, pochte sie an die T\u00fcr.\nNiemand rief herein, da wartete sie noch eine Weile und dann ging sie in das\nZimmer hinein. Dort sa\u00df ein Mann am Tische, Schreibfeder in H\u00e4nden, und\nmurmelte: \u00bbSiebeneinhalb mal f\u00fcnfunddrei\u00dfig sind\u00ab &#8230;<br>\n<br>\nDa erkannte sie Krauskopf, lief zu ihm hin, schlang die Arme um seinen Hals und\nsagte leise, denn laut konnte sie nicht sprechen, weil sie doch ihre Stimme\nverschenkt hatte:<br>\n<br>\n\u00bbEndlich habe ich dich gefunden! Und nun wollen wir uns zusammen auf den\nHeimweg machen.\u00ab<br>\n<br>\nAber er sah sie an und kannte sie nicht.<br>\n<br>\nVor Schreck schlug Blondh\u00e4rchen die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen und fl\u00fcsterte:\n\u00bbBin ich denn nicht Blondh\u00e4rchen? Und hast du denn das H\u00e4uschen mit dem\nRosenbusch und der Nachtigall, Gro\u00dfm\u00fctterchens Grab und deine Ochsen ganz\nvergessen?\u00ab<br>\n<br>\nDa wunderte sich Krauskopf, dass er an das alles nie wieder gedacht hatte, und\nfragte: \u00bbWenn du Blondh\u00e4rchen bist, wo hast du denn deine sch\u00f6nen blonden\nLocken?\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbAch du liebe Zeit,\u00ab seufzte sie da, \u00bbdie Leute am ersten Meere waren so\nhabgierig. Ich musste ihnen meine blonden Locken geben, damit sie mir das\nW\u00e4gelchen aufbewahren, das so schnell f\u00e4hrt wie der Wind.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbAber du siehst so traurig aus! Blondh\u00e4rchen hatte solch ein sonniges L\u00e4cheln\u00ab,\nsagte er.<br>\n<br>\n\u00bbMuss ich denn nicht traurig aussehen, wenn du mich nicht einmal kennst! Da\nbrauche ich mein L\u00e4cheln \u00fcberhaupt nicht\u00ab, antwortete sie. \u00bbUnd da haben es die\nSchiffer vom zweiten Meere behalten, damit es ihnen Nacht und Nebel freundlich\nmache.\u00ab<br>\n<br>\nSagte Krauskopf: \u00bbSo singe mir mit deiner klaren Stimme das Lied von der\nNachtigall im Rosenbusch, dann will ich dir glauben.\u00ab<br>\n<br>\nAntwortete Blondh\u00e4rchen: \u00bbMeine klare Stimme geh\u00f6rt jetzt den Frauen vom\ndritten Meere, um ihren M\u00e4nnern Trost zu bringen.\u00ab Da tauchte Krauskopf seine\nSchreibfeder in das allm\u00e4chtige Tintenfass, das vor ihm stand, und murmelte:\n\u00bbZweiundachtzig von hundertunddrei sind &#8230;\u00ab<br>\n<br>\nUnd Blondh\u00e4rchen merkte, dass sein Herz zu hartem Golde geworden war und f\u00fcr\nnichts anderes Platz darin als f\u00fcr Zahlen, und begann zu weinen. Und die\ngro\u00dfen, hei\u00dfen Tropfen fielen auf das goldene Herz und machten es ein ganz\nklein wenig weich. Und das war ein Gl\u00fcck, denn morgen w\u00fcrde es hart wie Stein\ngeworden sein und durch nichts mehr zu erweichen gewesen.<br>\n<br>\nUnd auf einmal seufzte Krauskopf tief, lie\u00df die Feder fallen, schaute\nBlondh\u00e4rchen verwundert an und fragte: \u00bbBist du es, Blondh\u00e4rchen? Woher kommst\ndu denn, und was willst du hier?\u00ab<br>\n<br>\nVor Freuden weinte Blondh\u00e4rchen noch hei\u00dfere Tr\u00e4nen, und die machten sein\ngoldenes Herz wieder ein klein wenig weicher, und er fuhr sich mit der Hand\n\u00fcber die Stirn, seufzte abermals und sagte: \u00bbIch habe so lange nicht an dich\ngedacht. Wie ist es nur m\u00f6glich, wir hatten uns doch in unserer Jugendzeit so\nlieb.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbKomm\u00ab, sagte sie da. \u00bbWir wollen nach Hause gehen, jetzt wird es erst gar \u00fcber\ndie Ma\u00dfen sch\u00f6n werden.\u00ab<br>\n<br>\nEr aber sch\u00fcttelte den Kopf: \u00bbSp\u00e4ter, liebes Blondh\u00e4rchen. Erst muss ich noch\nein wenig rechnen. Das ist eine schwierige und wichtige Arbeit.\nSiebenundzwanzigmal f\u00fcnfunddrei\u00dfig sind\u00ab &#8230;<br>\n<br>\nDa machte Blondh\u00e4rchen aber ein so betr\u00fcbtes Gesicht und sah Krauskopf so\nflehend an, dass sich sein Herz umgedreht haben w\u00fcrde, wenn es nicht noch etwas\ngolden gewesen w\u00e4re. Goldene Herzen k\u00f6nnen das n\u00e4mlich nicht. Und er stand auf\nund sagte: \u00bbGr\u00e4me dich nicht so sehr, liebes Blondh\u00e4rchen. Ich will mit dir zu\nGro\u00dfm\u00fctterchens Grab unter dem Rosenbusch gehen und den ganzen Sommer bei dir\nbleiben. Wie sollen wir aber heimfinden?\u00ab<br>\n<br>\nAntwortete Blondh\u00e4rchen: \u00bbDer Faden wird uns heimleiten.\u00ab<br>\n<br>\nDa nahm Krauskopf aus der gro\u00dfen Truhe an der Wand viel gelbes Gold und steckte\nsich die Taschen voll. Das sah Blondh\u00e4rchen nicht gern, denn sie f\u00fcrchtete sich\nvor dem gelben Golde, und dann begann er, den Faden zu einem gro\u00dfen Kn\u00e4uel\naufzuwickeln, denn man soll nichts herum liegen lassen, wei\u00df auch nie, wozu es\nnoch n\u00fctzlich sein kann.<br>\n<br>\nSie gingen die Treppe hinunter, durch die schmalen G\u00e4sschen mit den hohen,\ndunklen H\u00e4usern und durch die breiten Stra\u00dfen und vorbei an des K\u00f6nigs Schloss\nbis zum Meere. Dort warteten die Frauen auf sie und freuten sich, dass\nBlondh\u00e4rchen Krauskopf gefunden hatte und mit sich heimf\u00fchrte, brachten sie\n\u00fcber das Wasser und erz\u00e4hlten, dass ihre M\u00e4nner bei der Arbeit so gro\u00dfen Trost\ndurch Blondh\u00e4rchens klare Stimme h\u00e4tten.<br>\n<br>\nDa kam Krauskopf ein guter Gedanke, denn er war sehr klug und sagte: \u00bbSeht, ihr\nFrauen, welch einen wunderbaren Faden wir hier haben. Daran ist Blondh\u00e4rchens\nStimme von dem Ende der Welt bis zu mir gelaufen. Nehmen eure M\u00e4nner das eine\nEnde davon mit, so werden auch eure Stimmen sie \u00fcberall erreichen und das w\u00fcrde\nsehr tr\u00f6stlich f\u00fcr sie sein. Darum nehmt ihr den Faden und gebt uns daf\u00fcr\nBlondh\u00e4rchens Stimme zur\u00fcck.\u00ab<br>\n<br>\nDas sahen die Frauen ein, nahmen den Faden, gaben Blondh\u00e4rchens Stimme zur\u00fcck\nund freuten sich \u00fcber den Tausch. Blondh\u00e4rchen aber rief: \u00bbO, du kluger\nKrauskopf!\u00ab und w\u00fcrde ihn dankbar angel\u00e4chelt haben, wenn sie ihr L\u00e4cheln noch\ngehabt h\u00e4tte. Daf\u00fcr sang sie ihm das Lied, das sie von der Nachtigall im\nRosenbusch gelernt hatte, und ihm wurde dabei sehns\u00fcchtig und doch wohl zumute.<br>\n<br>\nAm zweiten Meere standen die Schiffer noch bereit und sagten zu Blondh\u00e4rchen:\n\u00bbGut, dass du endlich kommst. F\u00fcr dein bisschen L\u00e4cheln h\u00e4tten wir wirklich\nnicht noch l\u00e4nger auf dich warten k\u00f6nnen.\u00ab<br>\n<br>\nSprach Krauskopf, dem der Tausch soeben wohl behagt hatte, zu ihnen: \u00bbLiebe\nSchiffer, was wollt ihr \u00fcberhaupt mit Blondh\u00e4rchens L\u00e4cheln? Wie kann euch das\nwohl Nacht und Nebel erhellen? Seht dagegen, was wir hier mit uns f\u00fchren. Es\nist ein L\u00e4mpchen mit herrlichen Eigenschaften. Steckt ihr es auf einen hohen\nStab, so wirft es seinen Schein weit hinaus und zeigt euch in Nacht und Nebel\nsicher den Weg durch die wilden Wasser nach Hause. Nehmt ihr das L\u00e4mpchen und\ngebt uns daf\u00fcr Blondh\u00e4rchens L\u00e4cheln. Mir d\u00e4ucht, ich schlage euch da einen\nTausch vor, mit dem ihr wohl zufrieden sein k\u00f6nnt.\u00ab<br>\n<br>\nDas d\u00e4uchte den Schiffern auch. Blondh\u00e4rchen erhielt ihr L\u00e4cheln zur\u00fcck und\nrief: \u00bbNun bin ich wieder wie fr\u00fcher, nur mein Haar fehlt mir noch.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbDas werden wir auch noch kriegen!\u00ab sagte Krauskopf und war sehr stolz auf\nseine Klugheit.<br>\n<br>\nDr\u00fcben am dritten Meer fuhren die M\u00e4nner sie rauh an: \u00bbKommt ihr endlich! Meint\nihr etwa, wir h\u00e4tten nichts Besseres zu tun, als Maulaffen feil zu halten und\nauf euch Landstreicher zu warten?\u00ab<br>\n<br>\n\u00c4ngstlich sagte Blondh\u00e4rchen: \u00bbGab ich euch doch all meine Locken, auf dass ihr\nwartet.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbHa!\u00ab riefen sie. \u00bbArmselige gelbe Locken! Es ist ein schlechter Lohn, den wir\nuns da ausbedungen haben.\u00ab<br>\n<br>\nKrauskopf spitzte die Ohren. \u00bbSo gebt uns die gelben Locken zur\u00fcck, und wir\nwollen euch mit etwas anderem bezahlen.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbIhr seid Lumpengesindel und Spitzbubenvolk!\u00ab schrien die M\u00e4nner erbost. \u00bbUnd\ngeht darauf aus, arme, ehrliche Menschen, die sich ihr t\u00e4glich Brot k\u00fcmmerlich\nverdienen m\u00fcssen, ins Ungl\u00fcck zu st\u00fcrzen. Schreckliches haben wir erlebt! Das\nUntier, das die Dirne uns hiergelassen hat, ist toll geworden und aus dem\nStalle ausgebrochen. Wie rasend fuhr es umher, richtete gro\u00dfen Schaden an,\nrannte ehrbare Leute \u00fcber den Haufen und f\u00fcllte die Luft mit so h\u00f6llischem\nGestank, dass die V\u00f6gel bet\u00e4ubt zur Erde fielen. Mit M\u00fche und Not haben endlich\ndie Mutigsten von uns das Untier totgeschlagen.\u00ab<br>\n<br>\nDa rang Blondh\u00e4rchen vor gro\u00dfem Schrecken die H\u00e4nde, und Krauskopf bedachte,\nwas sie alles um seinetwillen ausgestanden hatte, lie\u00df das Gold in seiner Tasche\nklingen und sagte: \u00bbF\u00fchrt uns \u00fcber das Wasser, ihr M\u00e4nner! Und gebt uns\nBlondh\u00e4rchens gelbe Locken heraus, die ihr doch nicht brauchen k\u00f6nnt, ich will\neuch gelbes Gold daf\u00fcr bezahlen.\u00ab<br>\n<br>\nDie M\u00e4nner stie\u00dfen sich untereinander an und blinzelten sich zu, denn der\nTausch schien ihnen sehr vorteilhaft. Als sie am anderen Ufer angelangt waren,\ngriff Krauskopf in die Tasche und gab ihnen f\u00fcr die gelben Locken etliche gelbe\nGoldst\u00fccke, und sagte: \u00bbDas ist nun einmal so. Jetzt hei\u00dft es, die F\u00fc\u00dfe in die\nHand nehmen und tapfer darauf losmarschieren. Gar soweit kann es ja bis\nGro\u00dfm\u00fctterchens Grab unter dem Rosenbusch nicht mehr sein\u00ab, nahm Blondh\u00e4rchen\nbei der Hand und marschierte mit ihr darauf los.<br>\n<br>\nDen ersten Berg hinauf waren sie fr\u00f6hlich und guter Dinge, und die andere Seite\nhinunter war es eine Lust, so rasch sprangen sie \u00fcber Stock und Stein. Aber der\nzweite Berg war steil, und die Sonne brannte hei\u00df hernieder, und Blondh\u00e4rchen\nwurde m\u00fcde und bat: \u00bbGeh du voran, Krauskopf. Ich will mich indessen auf diesen\nStein setzen und ein wenig ausruhen, dann komme ich dir schon wieder nach.\u00ab<br>\n<br>\n\u00bbDas w\u00e4re mir eine sch\u00f6ne Geschichte!\u00ab antwortete er. \u00bbDu bist so klein und\nk\u00f6nntest mir in der gro\u00dfen Welt verloren gehen. Da will ich dich doch lieber\nden Berg hinauf tragen. Nachher geht&#8217;s dann wieder ganz von selbst lustig\nbergunter.\u00ab<br>\n<br>\nNahm Blondh\u00e4rchen auf seine starken Arme und trug sie den Berg hinauf. Die\nandere Seite hinunter ging&#8217;s dann wieder Hand in Hand, aber fein bed\u00e4chtig,\ndenn auch er war m\u00fcde geworden. Nun stand der dritte Berg vor ihnen, hoch und\nsehr steil. Da klagte Blondh\u00e4rchen: \u00bbNimmer kommen wir da hinauf. Ach! Wie fuhr\nes sich doch so bequem in dem W\u00e4gelchen!\u00ab<br>\n<br>\nEr aber sprach ihr Mut zu und nahm sie wieder auf seine starken Arme. Die Sonne\nbrannte immer hei\u00dfer, der Berg wuchs immer h\u00f6her, helle Schwei\u00dftropfen rannen\nKrauskopf von der Stirn, und seine Knie begannen zu zittern. Er bi\u00df die Z\u00e4hne\nzusammen und keuchte mit Blondh\u00e4rchen noch etwas h\u00f6her, dann ging&#8217;s aber\nnimmer.<br>\n<br>\nDa sagte er: \u00bbIch glaube, es ist das Gold in meinen Taschen, das so schwer auf\nmir lastet und mir den Weg so sauer macht. Sitz ein wenig ab, Blondh\u00e4rchen,\nindes ich meine Taschen umkehre. Sp\u00e4ter hole ich mir das Gold dann wieder.\u00ab<br>\n<br>\nUnd er tat es, und das gelbe Gold glei\u00dfte h\u00f6hnisch in der Sonne und lief den\nBerg hinunter, den Krauskopf es eben heraufgetragen hatte und sprang unten in\neinen tiefen Abgrund, also dass es verschwunden war, und man niemals wieder\netwas davon gesehen hat.<br>\n<br>\nAls Krauskopf das wahrnahm, seufzte er tief, denn er hatte das gelbe Gold sehr\nlieb gehabt. Aber das Seufzen half nichts. Dann nahm er denn Blondh\u00e4rchen\nabermals in seine Arme, und siehe, ihm war so leicht zu Sinne ohne das Gold in\nseinen Taschen, dass er sie m\u00fchelos bis zur Spitze des Berges hinauftrug. Und\nvon oben schauten sie gerade in das heimatliche Tal hinab und jauchzten laut\nund sprangen eilends den Berg hinunter.<br>\n<br>\nUnd unten im Tal sprang ihnen das B\u00e4chlein entgegen, hatte sich einen Kranz von\nVergi\u00dfmeinnicht aufgesetzt und hie\u00df sie willkommen. Und \u00fcber die H\u00fcgel wogte\ndas gelbe Korn wie ein goldenes Meer, und die Rosen auf Gro\u00dfm\u00fctterchens Grab\ndufteten, und die Nachtigall sang, und die Ochsen sagten: \u00bbMuh!\u00ab Und auf der\nSchwelle des H\u00e4uschens stand der Pate, l\u00e4chelte freundlich und sprach:<br>\n<br>\n\u00bbSeid mir gegr\u00fc\u00dft in der Heimat, liebe Kinder. Aus dem dunklen Wald bin ich\nhierher gekommen, um euch das H\u00e4uschen instand zu setzen, wo ihr k\u00fcnftig\nmiteinander wohnen werdet. Seht selbst, wie gut mir das gelungen ist.\u00ab<br>\n<br>\nUnd sie sahen mit Freuden, wie gut und reichlich der Pate alles instand gesetzt\nhatte. Es fehlte nichts, vom Schinken unter dem Dachbalken bis zum wei\u00dfen Sand\nauf dem Fu\u00dfboden. Und Blondh\u00e4rchen k\u00fcsste dem Paten die Hand f\u00fcr alles Gute,\ndas er an ihnen getan hatte.<br>\n<br>\nUnd er deutete auf das \u00c4hrenfeld: \u00bbSeht wieviel Gold f\u00fcr euch gewachsen ist,\nindes ihr fort waret. Und den Flachs im Dachk\u00e4mmerchen soll Goldh\u00e4rchen auf\nihrem R\u00e4dchen zu Goldgespinst spinnen, damit der Weber euch Linnen und Gewand\ndavon webe.\u00ab<br>\n<br>\nDa fischte Krauskopf in seinen Taschen umher, fand zuallerunterst in einer Ecke\nnoch ein Goldst\u00fcck, das zog er hervor und zeigte es dem Paten.<br>\n<br>\n\u00bbDieses Goldst\u00fcck ist alles, was ich mir aus der weiten Welt mitgebracht habe.\nAber es ist genug, um Blondh\u00e4rchen ein goldenes Ringlein zu machen, zum\nZeichen, dass ich ihr immer Treue halten und sie nimmer verlassen will.\u00ab<br>\n<br>\nSo geschah es, und alle waren wohl zufrieden damit, Blondh\u00e4rchen, der Pate und\nKrauskopf auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo der Wald licht wird und im Fr\u00fchling die wilden Rosen bl\u00fchen, steht ein kleines Haus. 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