{"id":106,"date":"2015-10-06T02:17:05","date_gmt":"2015-10-06T00:17:05","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=106"},"modified":"2026-01-16T18:36:22","modified_gmt":"2026-01-16T17:36:22","slug":"der-alte-koffer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-alte-koffer\/","title":{"rendered":"Der alte Koffer"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der alte Koffer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\"><span style=\"font-size: small;\">Richard von Volkmann-Leander<\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Ein alter Herr, der viel reiste, besa\u00df einen Koffer. Sch\u00f6n war der Koffer nicht, sondern grundh\u00e4sslich; denn er war mit struppigem Seehundsfell \u00fcberzogen und hatte eiserne B\u00e4ner und Ecken. In dem Fell aber waren schon oft die Motten gewesen, und das eiserne Beschl\u00e4ge war stark verrostet, hatte auch mit der Zeit manchen Buckel und manche Schmarre bekommen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Der kann was vertragen&#8220;, sagten die Koffertr\u00e4ger, wenn sie ihn aus dem Wagen hoben. Bums! warfen sie ihn hin, dass es krachte. Das war nun gerade nicht dazu angetan, die ohnedies schon \u00fcble Laune des alten Koffers zu mildern. Mit seinen eisernen Ecken stie\u00df und knuffte er jeden, der ihm in den Weg kam. &#8222;Ihr braucht mir ja nicht zu nahe kommen&#8220;, brummte er, wenn die andern Koffer, mit denen er zusammen reiste, sich dar\u00fcber beklagten. &#8222;Ihr wollt euch doch blo\u00df ansehen, wie struppig ich bin.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber der Herr, dem der Koffer geh\u00f6rte, war ein Sonderling. Wenn er zu Haus war, musste der Koffer stets in seiner Stube unter dem vergoldeten Spiegel stehen, obgleich es recht komisch aussah: der alte, h\u00e4ssliche Koffer in der sonst ganz h\u00fcbschen, gem\u00fctlichen Stube. Und wenn er reiste und irgendwo einkehrte, war es stets das erste, dass er sich den Koffer bringen und neben sein Bett stellen lie\u00df.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Es wird wohl Geld im Koffer sein!&#8220; meinten die Leute, &#8222;weil er ihn gar nicht aus den Augen l\u00e4sst.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Doch in diesem Punkte waren sie v\u00f6llig auf dem Holzwege. Etwas darin war schon; aber Geld? Nein, Geld am allerwenigsten!<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">War nun der alte Herr ganz allein in der Stube, so dr\u00fcckte er auf eine geheime Feder. Schwupp! sprang der Koffer auf, und was war darin? Ein vollst\u00e4ndig verschlossener, prachtvoller Kasten mit rotem Samt beschlagen und mit goldenen Tressen und Schn\u00fcren besetzt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sobald jemand anderes in die Stube eintrat, schnapp! schlug der Deckel zu.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Doch das Dienstm\u00e4dchen des alten Herrn war sehr schlau. Einmal lie\u00df sie die Schuhe vor der T\u00fcre stehen und schlich ganz leise in Str\u00fcmpfen bis an den Koffer hin, der gerade offenstand.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie war schon ganz dicht daneben, und als sie es so rot und golden im Koffer blinken sah, verga\u00df sie sich und rief: &#8222;Herrgott, der alte Koffer ist ja wohl inwendig ganz h\u00fcbsch!&#8220; Da merkte der Koffer, dass jemand Fremdes da sei. Schnapp! schlug er mit Gewalt zu und h\u00e4tte ihr beinahe den Finger abgeklemmt; denn sie wollte eben hineingreifen, um sich zu \u00fcberzeugen, ob es wirklich Samt und weich w\u00e4re.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Pfui!&#8220; sagte sie erschrocken, &#8222;was ist das f\u00fcr ein alter, garstiger Koffer; mit dem darf man sich gar nicht einlassen!&#8220; Wenn sie sp\u00e4ter jemand nach dem Koffer fragte, mit dem der Herr so geheim tue, und ob nicht irgend etwas Besonderes daran sei, erwiderte sie, es sei gar nichts an dem alten Koffer und darin noch weniger. Jeder Mensch habe seine Eigenheiten, besonders was alte, unverheiratete Leute seien. Ihr Herr habe nun einmal sein Herz an den alten struppigen Koffer geh\u00e4ngt; weiter sei es nichts.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Aber es war doch etwas Besonderes in dem Koffer. Denn zuweilen riegelte der alte Herr vorsichtig s\u00e4mtliche Zimmert\u00fcren zu, dr\u00fcckte auf die geheime Feder, so dass der Deckel aufsprang, horchte dann noch einmal, ob alles drau\u00dfen still w\u00e4re, und wenn er niemanden h\u00f6rte, hob er den roten Samtkasten aus dem Koffer heraus und setzte ihn vor sich auf den Tisch. Darauf dr\u00fcckte er auf eine zweite verborgene Feder am Kasten, und der rote Samtdeckel sprang auch auf.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und was war darin?<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Unglaublich, aber wahr! Eine ganz niedliche kleine M\u00e4rchenprinzessin mit zwei langen Z\u00f6pfen hinten herunter und roten Hackenschuhen. Sie sprang auch sofort mit gleichen Beinen aus dem Kasten heraus, setzte sich darauf und lie\u00df die Beine baumeln \u2013 und das machte sie so reizend \u2013 und fing dann an, die allerh\u00fcbschesten M\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und der alte Herr sa\u00df im Lehnstuhl und h\u00f6rte ihr aufmerksam zu. \u2013<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Eines Tages, als sie eben mit Erz\u00e4hlen fertig war, sagte sie: &#8222;Ich habe dir nun schon so viele h\u00fcbsche M\u00e4rchen erz\u00e4hlt; ich glaube, du vergisst sie immer wieder. Kannst du sie nicht aufschreiben?&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;O ja&#8220;, antwortete der alte Herr, &#8222;aufschreiben k\u00f6nnte ich sie schon, wenigstens so einigerma\u00dfen und freilich bei weitem nicht so h\u00fcbsch, als du sie erz\u00e4hlst; aber es darf niemand wissen, woher ich sie wei\u00df, und besonders nicht, dass du in dem alten Koffer steckst. Denn ich muss dich ganz allein haben. Sonst kommen gleich alle Leute und wollen dich besehen und tapsen dich mit ihren ungeschickten Fingern an. Der Samt am Kasten w\u00fcrde auch bald schlecht werden.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Nein, um Gottes willen!&#8220; entgegnete die kleine M\u00e4rchenprinzessin. &#8222;Aber wundern w\u00fcrden sich die Leute doch, wenn sie w\u00fcssten, wer in dem alten Koffer steckt.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dann lachte sie.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: Verdana;\">&#8222;Still!&#8220; sagte auf einmal der alte Herr, &#8222;es klopft jemand an der T\u00fcre. Kriech rasch wieder in den Kasten.&#8220; Sodann trug er eilig den Kasten in den Koffer. Schnapp! schlug der Deckel mit Seehundsfell zu, und als das Dienstm\u00e4dchen \u2013 denn sie war es \u2013 hereinkam und den Tee brachte, stand der alte Koffer wieder ganz m\u00fcrrisch und struppig unter dem Spiegel. Als sie an ihm vorbeiging, gab sie ihm heimlich, und ohne dass der alte Herr es merkte, einen Fu\u00dftritt und murmelte: &#8222;Alter garstiger Koffer, gestern hast du mir beinahe den Finger abgeklemmt.&#8220;<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein alter Herr, der viel reiste, besa\u00df einen Koffer. Sch\u00f6n war der Koffer nicht, sondern grundh\u00e4sslich; denn er war mit struppigem Seehundsfell \u00fcberzogen und hatte eiserne B\u00e4ner und Ecken. 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