{"id":1046,"date":"2019-01-15T13:36:18","date_gmt":"2019-01-15T12:36:18","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1046"},"modified":"2025-12-28T02:24:34","modified_gmt":"2025-12-28T01:24:34","slug":"verstand-und-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/verstand-und-gluck\/","title":{"rendered":"Verstand und Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"\n<p> Josef Haltrich<\/p>\n\n\n\n<p>Es gingen \neinmal der Verstand und das Gl\u00fcck auf Reisen, um sich die Welt zu besehen und \ndie Menschen mit ihren Gaben zu erfreuen. Da trafen sie einen Sch\u00e4ferjungen, der \nlag an der Stra\u00dfe und schlief. &#8222;Wie w\u00e4re es&#8220;, sprach das Gl\u00fcck zum Verstand, \n&#8222;wenn wir gleich einen Versuch machten; ziehe du jetzt in den Knaben ein!&#8220; Dem \nVerstand war das recht, und er stieg in das Haupt des Knaben. Als dieser \nerwachte, rieb er sich die Augen und dachte: &#8222;Ei, wozu hier immer die Schafe \nh\u00fcten, du willst dein Gl\u00fcck in der Stadt versuchen.&#8220; Gleich machte er sich auf \nund kam zu einem Uhrmacher und verdingte sich als Stallknecht. In kurzer Zeit \nmachte er sich bei seinem Herrn sehr beliebt, denn seine Pferde waren bald die \nsch\u00f6nsten in der ganzen Stadt. Dem Jungen aber war die Arbeit im Stall nicht \ngenug; darum ging er, wenn der Meister und die Gesellen bei Tisch waren, \ninsgeheim in die Werkstatt und verbesserte die Uhren. Die Gesellen merkten das \nendlich und sprachen zum Meister: &#8222;Es muss jemand, w\u00e4hrend wir essen, in die \nWerkstatt kommen, denn unsere Arbeit ist immer fortgef\u00fchrt, aber weit besser, \nals wir sie gemacht h\u00e4tten; denn alles daran hat Schick und Gestalt.&#8220; &#8211; &#8222;Dem \nwill ich bald auf die Spur kommen!&#8220; sagte der Meister, und als die Gesellen \nwieder bei Tisch waren, stellte er sich insgeheim ans Fenster und guckte in die \nWerkstatt. Nur einmal sah er den Stallknecht, wie er eine Uhr nach der andern \nzur Hand nahm und besserte. Nach einer Weile konnte er sich nicht mehr halten, \nsondern \u00f6ffnete die T\u00fcre und rief: &#8222;Du also bist der gro\u00dfe Meister! Wohlan, du \ngeh\u00f6rst nicht in den Stall und sollst fortan mein erster Geselle sein!&#8220; Das war \nder Junge zufrieden und machte nun bald so k\u00fcnstliche Uhren, dass alle Welt sich \ndar\u00fcber verwunderte. <br>\nDa geschah es, dass der K\u00f6nig eines Tages ausschreiben lie\u00df, er habe eine \nkostbare Uhr, die sei verdorben; wer sie wieder herstelle, dem gebe er \nf\u00fcnftausend Gulden; wer es aber unternehme und es gel\u00e4nge ihm nicht, dem koste \nes das Leben. Nun fand sich lange kein Uhrmacher, weder Meister noch Geselle, im \nganzen Reiche, der sich&#8217;s unterstehen wollte. Als der Sch\u00e4ferjunge das h\u00f6rte, \nging er sogleich zum K\u00f6nig und bat um die Uhr, er wolle sie ausbessern. Der \nK\u00f6nig sch\u00fcttelte das Haupt und sprach: &#8222;Junge, Junge, das kannst du nicht! Es \nkostet dir dein Leben; keiner der vielen Meister hat sich getraut, und du willst \nes besser verstehen?&#8220; Aber der Junge entgegnete voll Zuversicht, es m\u00fcsse ihm \nwohl gelingen und er f\u00fcrchte nichts f\u00fcr sein Leben. Da lie\u00df der K\u00f6nig die Uhr \nherbeibringen, und der Knabe nahm gleich seine Werkzeuge zerlegte sie, besserte, \nbesserte, setzte sie wieder zusammen, und siehe da, als man sie an Ort und \nStelle hing, so ging sie wie vordem, und der K\u00f6nig hatte gro\u00dfe Freude. Er gab \nihm nicht nur die f\u00fcnftausend Gulden, sondern hielt ihn auch bei Hofe und machte \nihn zu seinem Wirtschafter. Von Tag zu Tag wurde der Junge dem K\u00f6nig werter. \nDieser hatte aber eine einzige Tochter, die hatte in ihrem Leben nie gelacht, \nund das k\u00fcmmerte den Vater sehr. Darum hatte er bestimmt, dass derjenige sie zum \nWeibe haben solle, der sie zum Lachen bringe, wer es aber unternehme und es \ngel\u00e4nge ihm nicht, dem koste es das Leben. Schon viele Freier hatten es \nversucht, doch alle hatten den Tod gefunden, nun wagte es lange niemand mehr.\n<br>\nAls der Sch\u00e4ferjunge davon h\u00f6rte, so stieg es ihm zu Gedanken, und nach einiger \nZeit trat er vor den K\u00f6nig und sprach: <br>\n&#8222;Ich m\u00f6chte deine Tochter wohl lachen machen!&#8220; &#8211; &#8222;Armer Junge, das kannst du \nnicht&#8220;, sprach der K\u00f6nig, &#8222;es w\u00e4re ja schade um dein Leben, lasse ab davon.&#8220; \nAber der Junge h\u00f6rte nicht auf zu bitten, bis der K\u00f6nig es endlich zulie\u00df. Er \nbegab sich mit einem Minister zur K\u00f6nigstochter, trat ehrerbietig vor sie und \nfing an zu erz\u00e4hlen. &#8222;Drei Wanderburschen, ein Bildhauer, ein Maler und ein \nSprachmeister, unternahmen zusammen eine Reise. Als sie in einen Wald gekommen \nwaren, machten sie ein Feuer an und setzten sich herum. Da nahm der Bildhauer \neinen jungen Stamm und schnitzte daraus eine Jungfrau, darauf nahm sie der Maler \nund gab ihr durch Farben Sch\u00f6nheit, darauf nahm sie der Sprachmeister und lehrte \nsie sprechen. Wem von den dreien geh\u00f6rt nun die lebendige Jungfrau von Rechts \nwegen? Niemand wei\u00df das zu beantworten.&#8220; Da lachte die K\u00f6nigstochter und rief: \n&#8222;Das versteht sich doch von selbst, dem Sprachmeister!&#8220; <br>\nDer Junge freute sich und ging mit dem Minister schnell zum K\u00f6nig, und dieser \nfragte sogleich: &#8222;Hat sie gelacht?&#8220; &#8211; &#8222;Ja!&#8220; sprach der Junge ganz fr\u00f6hlich. \n&#8222;Nein!&#8220; rief der Minister ernst. Da bat der Junge, der K\u00f6nig solle einen anderen \nMinister zu der Jungfrau schicken und sie fragen lassen. Das tat der K\u00f6nig; auch \nder sprach: &#8222;Nein!&#8220; &#8211; &#8222;So schicke noch einen dritten.&#8220; Es geschah, doch auch der \nkam zur\u00fcck und sprach: &#8222;Nein!&#8220; &#8211; &#8222;Jetzt kann ich dir nicht helfen!&#8220; sagte der \nK\u00f6nig ganz traurig, &#8222;was Gesetz ist, ist Gesetz, und danach musst du den Tod \nerleiden!&#8220; Schon hatte man den Jungen bis zur Richtst\u00e4tte gef\u00fchrt, da kam just \ndas Gl\u00fcck, das war bisher allein in der Welt herumgegangen, dazu und rief dem \nVerstand leise, dass niemand es h\u00f6ren konnte: &#8222;Du hast deine Schuldigkeit getan, \njetzt ist es an mir; komme heraus und lasse mich hinein!&#8220; Kaum war das \ngeschehen, so h\u00f6rte man Trompetengeschmetter und eine fr\u00f6hliche Musik, und in \neiner Kutsche kam der K\u00f6nig und seine Tochter hergefahren und hielten hoch ein \nwei\u00dfes Tuch zum Zeichen der Gnade. Jetzt kl\u00e4rte sich die Sache auf, und weil die \nMinister so boshaft gelogen hatten, wurden sie anstatt des Jungen geh\u00e4ngt. \nDieser aber musste sich nun neben die K\u00f6nigstochter in die Kutsche setzen und \nfuhr mit ihr heim. Da wurde eine gl\u00e4nzende Hochzeit gefeiert, die vier Wochen \nlang dauerte, und der Junge wurde bald K\u00f6nig, und das Gl\u00fcck wohnte bei ihm und \nverlie\u00df ihn nicht bis an sein Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Josef Haltrich Es gingen einmal der Verstand und das Gl\u00fcck auf Reisen, um sich die Welt zu besehen und die Menschen mit ihren Gaben zu erfreuen. 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