{"id":1029,"date":"2018-11-13T01:08:52","date_gmt":"2018-11-13T00:08:52","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1029"},"modified":"2025-12-27T22:25:21","modified_gmt":"2025-12-27T21:25:21","slug":"der-krueppel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-krueppel\/","title":{"rendered":"Der Kr\u00fcppel"},"content":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs war einmal ein altes Schloss mit jungen, pr\u00e4chtigen Edelleuten. Reichtum und Segen hatten sie, am\u00fcsieren wollten sie sich, und Gutes taten sie. Alle Menschen wollten sie froh machen, so wie sie selber es waren.<\/p>\n<p>Am Weihnachtsabend stand ein pr\u00e4chtiger, wundersch\u00f6ner Weihnachtsbaum im alten Rittersaal, wo Feuer in den Kaminen brannte und wo Tannenzweige um die alten Bilder geh\u00e4ngt waren. Hier versammelten sich die Herrschaft und die G\u00e4ste, es wurde gesungen und getanzt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher am Abend war schon Weihnachtsfreude in der Gesindestube gewesen. Auch hier stand ein gro\u00dfer Tannenbaum mit brennenden roten und wei\u00dfen Lichtern, kleinen Danebrogflaggen, ausgeschnittenen Schw\u00e4nen und Fischernetzen, die mit Bonbons gef\u00fcllt waren. Die armen Kinder aus dem Dorfe waren eingeladen; jedes hatte seine Mutter mitgebracht. Die sahen nicht viel nach dem Baume hin, sie sahen nur nach den Weihnachtstischen, wo Wolle und Leinwand, Stoff zu Kleidern und Hosen lag. Ja, dahin sahen die M\u00fctter und die Erwachsenen Kinder, nur die ganz kleinen streckten die H\u00e4nde nach den Lichtern, dem Flittergolde und den Flaggen aus.<\/p>\n<p>Die ganze Versammlung kam fr\u00fch am Nachmittag, bekam Reisbrei und G\u00e4nsebraten mit Rotkohl. Wenn dann der Tannenbaum besehen und die Gaben verteilt waren, bekam jeder ein kleines Glas Punsch und Apfelkuchen mit Apfelmus darin.<\/p>\n<p>Sie kamen heim in ihre eigene, arme Stube, und es wurde von \u00bbder guten Lebensweise\u00ab geredet, das hei\u00dft, von den E\u00dfwaren, und die Gaben wurden noch einmal ordentlich besehen.<\/p>\n<p>Da waren nun Garten-Kirsten und Garten-Ole. Wie waren miteinander verheiratet und hatten ihr Haus und ihr t\u00e4gliches Brot, und daf\u00fcr mussten sie im Schlossgarten j\u00e4ten und graben. Jede Weihnachten bekamen sie ihren guten Anteil an den Geschenken; sie hatten auch f\u00fcnf Kinder, alle f\u00fcnf wurden von der Herrschaft gekleidet.<\/p>\n<p>\u00bbUnsere Herrschaft, das sind wohlt\u00e4tige Leute!\u00ab sagten sie. \u00bbAber sie k\u00f6nnen es auch, und es macht ihnen Vergn\u00fcgen!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbHier sind gute Kleider f\u00fcr die vier Kinder gekommen!\u00ab sagte Garten-Ole. \u00bbAber da ist ja nichts f\u00fcr den Kr\u00fcppel. Den pflegen sie ja doch sonst auch zu bedenken, obwohl er nicht mit zum Tannenbaum kommen kann!\u00ab<\/p>\n<p>Es war das \u00e4lteste von den Kindern, das sie \u00bbden Kr\u00fcppel\u00ab nannten, er war sonst auf den Namen Hans getauft.<br \/>\nAls kleines Kind war er das munterste und lebhafteste von ihnen allen, aber dann wurde er auf einmal \u00bbschlaff in den Beinen\u00ab, wie sie es nannten, er konnte weder stehen noch gehen und lag nun schon im f\u00fcnften Jahr zu Bett.<br \/>\n\u00bbJa, etwas habe ich auch f\u00fcr ihn mitbekommen!\u00ab sagte die Mutter. \u00bbAber es ist ja nichts weiter, es ist nur ein Buch, worin er lesen kann!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDavon soll er auch wohl fett werden!\u00ab sagte der Vater.<\/p>\n<p>Aber froh wurde Hans dadurch. Er war ein sehr aufgeweckter Knabe, der gern las, aber er benutzte auch seine Zeit zur Arbeit, soweit er, der immer zu Bett liegen musste, Nutzen schaffen konnte. Er machte sich mit seinen H\u00e4nden n\u00fctzlich, er brauchte seine H\u00e4nde, strickte wollene Str\u00fcmpfe, ja ganze Bettdecken. Die gn\u00e4dige Frau auf dem Schlosse hatte sie gelobt und gekauft. Es war ein M\u00e4rchenbuch, das Hans bekommen hatte; darin war viel zu lesen, vieles, wor\u00fcber er nachdenken konnte.<\/p>\n<p>\u00bbDas schafft gar keinen Nutzen im Hause!\u00ab sagten die Eltern. \u00bbAber lasst ihn nur lesen, dann vergeht ihm die Zeit schneller, er kann ja nicht immer Str\u00fcmpfe stricken!\u00ab<\/p>\n<p>Der Fr\u00fchling kam; Blumen und Kr\u00e4uter begannen zu sprie\u00dfen, auch das Unkraut.<br \/>\nEs war viel zu tun im Schlossgarten, nicht nur f\u00fcr den Schlossg\u00e4rtner und seine Lehrlinge, sondern auch f\u00fcr Garten-Kirsten und Garten-Ole.<br \/>\n\u00bbDas ist eine furchtbare M\u00fche!\u00ab sagten sie. \u00bbUnd wenn man die G\u00e4nge eben geharkt hat und sie so recht h\u00fcbsch gemacht hat, dann werden sie gleich wieder zertreten. Hier ist ein Ein- und Auswandern von G\u00e4sten auf dem Schloss. Was muss das kosten! Aber die Herrschaft ist ja reich!\u00ab<br \/>\n\u00bbEs ist doch sonderbar verteilt!\u00ab sagte Ole. \u00bbWir sind ja alle Kinder unseres lieben Gottes, wie der Pfarrer sagt. Warum dann solch ein Unterschied?\u00ab<br \/>\n\u00bbDas kommt vom S\u00fcndenfall!\u00ab sagte Kirsten.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber sprachen sie am Abend wieder, als der Kr\u00fcppel-Hans mit seinem M\u00e4rchenbuch da lag.<br \/>\nBedr\u00e4ngte Verh\u00e4ltnisse, M\u00fche und Arbeit hatten die H\u00e4nde der Altern hart gemacht, aber sie waren auch hart in ihrem Urteil und ihren Ansichten geworden; sie begriffen es nicht, konnten es sich nicht erkl\u00e4ren und redeten und redeten sich nun immer mehr in Zorn und Missmut hinein.<br \/>\n\u00bbEinige Menschen bekommen Wohlstand und Gl\u00fcck, andere nur Armut! Warum sollen wir f\u00fcr den Ungehorsam und die Neugier unserer ersten Eltern bestraft werden. Wir h\u00e4tten uns nicht so betragen wie die beiden!\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, das h\u00e4tten wir!\u00ab sagte auf einmal Kr\u00fcppel-Hans. \u00bbEs steht alles zusammen hier in diesem Buch!\u00ab<br \/>\n\u00bbWas steht in dem Buch?\u00ab fragten die Eltern.<\/p>\n<p>Und Hans las ihnen das alte M\u00e4rchen von dem Holzbauer und seiner Frau vor: die schalten auch \u00fcber die Neugier von Adam und Eva, die an ihrem Ungl\u00fcck schuld waren. Da kam der K\u00f6nig des Landes vor\u00fcber. \u00bbKommt mit mir nach Hause\u00ab, sagte er, \u00bbdann sollt ihr es ebenso gut haben wie ich: sieben Gerichte und ein Schaugericht. Das steht in einer geschlossenen Terrine, die d\u00fcrft ihr aber nicht anr\u00fchren, denn dann ist es mit der Herrlichkeit vorbei!\u00ab \u2013 \u00bbWas kann doch in der Terrine sein?\u00ab sagte die Frau. \u00bbDas geht uns nichts an!\u00ab sagte der Mann. \u00bbJa, ich bin nicht neugierig\u00ab, sagte die Frau, \u00bbich m\u00f6chte nur wissen, warum wir den Deckel nicht aufheben d\u00fcrfen; es ist wohl was ganz Delikates!\u00ab \u2013 \u00bbWenn nur nicht eine Mechanik dabei ist!\u00ab sagte der Mann. \u00bbSo ein Pistolenschuss, der knallt und das ganze Haus aufweckt.\u00ab \u2013 \u00bbAch was!\u00ab sagte die Frau, r\u00fchrte aber nicht an der Terrine. Aber des Nachts tr\u00e4umte sie, dass der Deckel selbst sich hebe und ein Duft vom feinsten Punsch, wie man ihn auf Hochzeiten und Begr\u00e4bnissen bekommt, der Terrine entsteige. Es lag eine gro\u00dfe silberne M\u00fcnze da mit der Inschrift: \u00bbWenn ihr von diesem Punsch trinket, so werdet ihr die Reichsten in der Welt, und alle andern Menschen werden Bettler!\u00ab \u2013 Und dann erwachte die Frau, und sie erz\u00e4hlte ihrem Mann ihren Traum. \u00bbDu denkst zu viel an die Sache!\u00ab sagte er. \u00bbWir k\u00f6nnen ja mit Vorsicht den Deckel aufheben!\u00ab sagte die Frau. \u00bbGanz vorsichtig!\u00ab sagte der Mann.<\/p>\n<p>Und die Frau hob den Deckel ganz vorsichtig auf. \u2013 Da sprangen zwei kleine lebendige M\u00e4use heraus und verschwanden in einem Mauseloch. \u00bbGute Nacht!\u00ab sagte der K\u00f6nig. \u00bbNun k\u00f6nnt ihr nach Hause gehen und euch in euer eigenes Bett legen. Scheltet nicht mehr auf Adam und Eva, ihr selber seid ebenso neugierig und undankbar gewesen!\u00ab<br \/>\n\u00bbWie ist doch die Geschichte da in das Buch gekommen?\u00ab sagte Garten-Ole. \u00bbEs ist ja ganz, als ob sie uns gelten sollte. Das ist so recht zum Nachdenken!\u00ab<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tage gingen sie wieder auf Arbeit; sie wurden von der Sonne verbrannt und von dem Regen durchn\u00e4sst: in ihren Herzen waren zornige Gedanken, an denen sie fortw\u00e4hrend kauten.<\/p>\n<p>Es war noch heller Abend daheim, sie hatten eben ihren Milchbrei gegessen. \u00bbLies uns noch einmal die Geschichte von dem Holzbauer vor\u00ab, sagte Garten-Ole.<br \/>\n\u00bbDa sind so viele h\u00fcbsche Geschichten im Buch!\u00ab sagte Hans. \u00bbSo viele, die ihr noch nicht kennt!\u00ab<br \/>\n\u00bbDarauf mache ich mir gar nicht!\u00ab sagte Garten-Ole. \u00bbIch will die h\u00f6ren, die ich kenne!\u00ab<br \/>\nUnd er und die Frau h\u00f6rten wieder dieselbe Geschichte.<br \/>\nUnd immer wieder kamen sie auf die Geschichte zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00bbSo recht erkl\u00e4ren kann ich mir das Ganze doch nicht!\u00ab sagte Garten-Ole. \u00bbEs ist mit dem Menschen wie mit der s\u00fc\u00dfen Milch, die gerinnt; ein Teil davon wird feiner K\u00e4se, und aus dem andern wird nichts als d\u00fcnne, w\u00e4sserige Molke! Einige Leute haben Gl\u00fcck in allem, sitzen alle Tage an der Festtafel und kennen weder Sorge noch M\u00fche!\u00ab<br \/>\nDas h\u00f6rte der Kr\u00fcppel-Hans. Wohl war er schlaff in den Beinen, aber er war klug. Er las ihnen die Geschichte von \u00bbdem Mann ohne Kummer und Sorge\u00ab aus dem M\u00e4rchenbuch vor. Ja, wo war der zu finden, und gefunden werden musste er.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig lag krank danieder und konnte nur geheilt werden, wenn er das Hemd anbekam, das von einem Menschen getragen und auf dem K\u00f6rper verschlissen war, der in Wahrheit sagen konnte, dass er niemals Kummer und Sorge gekannt hatte.<\/p>\n<p>Boten wurden in alle L\u00e4nder der Welt entsandt, auf alle Schl\u00f6sser und Ritterg\u00fcter, zu allen wohlhabenden und frohen Menschen; aber wenn man sie richtig ausfragte, so hatte doch jeder von ihnen Sorge und Kummer kennen gelernt.<\/p>\n<p>\u00bbIch habe sie nicht kennen gelernt!\u00ab sagte der Schweinehirt, der am Grabenrand sa\u00df, lachte und sang. \u00bbIch bin der gl\u00fccklichste Mensch!\u00ab<br \/>\n\u00bbDann gib uns dein Hemd\u00ab, sagten die Botschafter, \u00bbdu sollst es mit einem halben K\u00f6nigreich bezahlt bekommen.\u00ab<br \/>\nAber er hatte kein Hemd \u2013 und nannte sich doch den gl\u00fccklichsten Menschen.<br \/>\n\u00bbDas war ein famoser Kerl!\u00ab rief Garten-Ole, und er und seine Frau lachten, wie sie seit Jahr und Tag nicht gelacht hatten.<br \/>\nDa kam der Schullehrer vorbei.<br \/>\n\u00bbWie vergn\u00fcgt ihr seid!\u00ab sagte er. \u00bbDas ist etwas Seltenes und Neues hier im Hause. Habt ihr in der Lotterie gewonnen?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, so was ist es nicht!\u00ab sagte Garten-Ole. \u00bbAber Hans hat uns aus dem M\u00e4rchenbuch vorgelesen; er las von dem \u00bbMann ohne Kummer und Sorge\u00ab, und der Kerl hatte gar nicht mal ein Hemd. Einem geht ein helles Talglicht auf, wenn man so was h\u00f6rt, und noch dazu aus einem gedruckten Buch. Jeder hat wohl seine Last zu ziehen; man ist wohl nicht der einzige. Das ist doch immer ein Trost!\u00ab<br \/>\n\u00bbWo habt ihr das Buch her?\u00ab fragte der Schullehrer.<br \/>\n\u00bbDas hat Hans vor mehr als einem Jahr zu Weihnachten bekommen. Die Herrschaft hat es ihm geschenkt. Sie wissen, dass er so gern lesen mag, und er ist ja ein Kr\u00fcppel! Wir h\u00e4tten es damals lieber gesehen, wenn er zwei Hemden aus Wergleinwand bekommen h\u00e4tte. Aber das Buch ist sonderbar, das kann einem wirklich auf alle Gedanken antworten!\u00ab<\/p>\n<p>Der Schullehrer nahm das Buch und \u00f6ffnete es.<br \/>\n\u00bbWir wollen dieselbe Geschichte noch einmal h\u00f6ren!\u00ab sagte Garten-Ole. \u00bbIch wei\u00df sie noch nicht richtig. Und dann muss er auch die von dem Holzbauer vorlesen!\u00ab<br \/>\nDie beiden Geschichten waren und blieben genug f\u00fcr Ole. Sie waren wie zwei Sonnenstrahlen in der armen Stube, in den niederdr\u00fcckenden Gedanken, die sie verdrie\u00dflich und unzufrieden machten.<\/p>\n<p>Hans hatte das ganze Buch gelesen, viele Male gelesen. Die M\u00e4rchen trugen ihn in die Welt hinaus, wohin ihn die Beine nicht tragen konnten.<br \/>\nDer Schullehrer sa\u00df an seinem Bett; sie sprachen zusammen, und das war ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr die beiden.<br \/>\nSeit dem Tage kam der Schullehrer \u00f6fter zu Hans, wenn die Eltern auf Arbeit waren. Es war wie ein Fest f\u00fcr den Jungen, jedes Mal wenn er kam. Wie lauschte er dem, was der alte Mann erz\u00e4hlte, von der Gr\u00f6\u00dfe der Erde und von den vielen L\u00e4ndern, und dass die Sonne noch fast eine halbe Million mal gr\u00f6\u00dfer sei als die Erde und so weit entfernt, dass eine Kanonenkugel in voller Eile f\u00fcnfundzwanzig ganze Jahre von der Sonne bis zur Erde braucht, w\u00e4hrend die Lichtstrahlen die Erde in acht Minuten erreichen k\u00f6nnen.<br \/>\nHier\u00fcber wei\u00df nun jeder t\u00fcchtige Schuljunge Bescheid, aber f\u00fcr Hans war das alles neu und noch viel wunderbarer als alles, was in dem M\u00e4rchenbuch stand.<br \/>\nDer Schullehrer kam ein paar Mal im Jahr an die Tafel der Herrschaft, und bei einer solchen Gelegenheit erz\u00e4hlte er, welche Bedeutung das M\u00e4rchenbuch in dem armen Haus erlangt habe und wie allein die zwei Geschichten zur Erweckung und zum Segen geworden seien. Der schw\u00e4chliche, kleine Junge habe durch das Lesen Nachdenken und Freude ins Haus gebracht.<\/p>\n<p>Als der Schullehrer sich verabschiedete, dr\u00fcckte ihm die Schlossherrin ein paar blanke Silbertaler in die Hand f\u00fcr den kleinen Hans.<br \/>\n\u00bbDie m\u00fcssen Vater und Mutter haben!\u00ab sagte der Junge, als der Schullehrer ihm das Geld brachte.<br \/>\nUnd Garten-Ole und Garten-Kirsten sagte: \u00bbDer Kr\u00fcppel-Hans ist doch zum Nutzen und Segen!\u00ab<br \/>\nEin paar Tage sp\u00e4ter, die Eltern waren auf Arbeit im Schlossgarten, hielt der herrschaftliche Wagen drau\u00dfen vor dem Hause; es war die herzensgute Schlossherrin, die kam, erfreut dar\u00fcber, dass ihr Weihnachtsgeschenk zu einem solchen Trost und so viel Freude f\u00fcr den Knaben und die Eltern geworden war.<br \/>\nSie brachte feines Brot, Obst und eine Flasche s\u00fc\u00dfen Saft mit; aber was noch sch\u00f6ner war, sie brachte ihm in einem vergoldeten Bauer einen kleinen schwarzen Vogel, der ganz allerliebst fl\u00f6ten konnte. Das Bauer mit dem Vogel wurde auf die alte Kommode gesetzt, ein wenig von dem Bett des Knaben entfernt; er konnte den Vogel sehen und seinen Gesang h\u00f6ren. Ja, die Leute, die auf der Landstra\u00dfe vor\u00fcberkamen, konnten den Gesang h\u00f6ren.<br \/>\nGarten-Ole und Garten-Kirsten kamen erst nach Hause, nachdem die gn\u00e4dige Frau wieder weggefahren war, sie merkten, wie froh Hans war, aber sie fanden doch, dass das Geschenk nur M\u00fche machte.<\/p>\n<p>\u00bbReiche Leute denken nicht recht nach!\u00ab sagten sie. \u00bbSollen wir nun auch auf den Vogel aufpassen. Der Kr\u00fcppel-Hans kann es ja nicht. Das Ende wird noch sein, dass ihn die Katze frisst!\u00ab<\/p>\n<p>Es vergingen acht Tage, und noch acht Tage vergingen; die Katze war w\u00e4hrend der Zeit manchmal in der Stube gewesen, ohne den Vogel zu erschrecken, geschweige denn, ihm etwas zuleide zu tun. Dann ereignete sich etwas sehr Gro\u00dfes. Es war am Nachmittag, die Eltern und die andern Kinder waren auf Arbeit gegangen, Hans war ganz allen; er hatte das M\u00e4rchenbuch in der Hand und las von der Frau des Fischers, der s\u00e4mtliche W\u00fcnsche erf\u00fcllt wurden. Sie wolle K\u00f6nig sein, das wurde sie; sie wollte Kaiser sein, das wurde sie; aber dann wollte sie der liebe Gott sein \u2013 und dann sa\u00df sie wieder in dem Morast, aus dem sie gekommen war.<br \/>\nDie Geschichte stand nun in gar keinem Zusammenhang mit dem Vogel oder der Katze, aber es war gerade die Geschichte, die er las, als das Ereignis eintraf, das er nie wieder vergessen sollte.<\/p>\n<p>Das Bauer stand auf der Kommode, die Katze stand auf dem Fu\u00dfboden und sah starr mit ihren gr\u00fcngelben Augen zu dem Vogel hinauf. Da war etwas im Gesicht der Katze, als wolle sie zu dem sagen: \u00bbWie bist du reizend, ich m\u00f6chte dich wohl auffressen!\u00ab<br \/>\nDas konnte Hans verstehen; er las es ganz deutlich aus dem Gesicht der Katze.<br \/>\n\u00bbWeg, Katze!\u00ab rief er. \u00bbWillst du wohl machen, dass du aus der Stube hinauskommst!\u00ab<br \/>\nEs war, als schickte sie sich an, zu springen.<\/p>\n<p>Hans konnte sie nicht erreichen, hatte nichts anderes, womit er nach ihr werfen konnte, als seinen liebsten Schatz, das M\u00e4rchenbuch. Das warf er denn auch, aber der Einband l\u00f6ste sich, flog nach der einen Seite, und das Buch selber mit allen seinen Bl\u00e4ttern flog nach der anderen Seite. Mit langsamen Schritten ging die Katze ein wenig in das Zimmer zur\u00fcck und sah Hans an, als wollte sie sagen: \u00bbMische du dich nicht in diese Sache, kleiner Hans! ich kann gehen, und ich kann springen, du kannst nichts von beidem!\u00ab<br \/>\nHans behielt die Katze im Auge und war in gro\u00dfer Unruhe. Der Vogel wurde auch unruhig. Kein Mensch war da, den er h\u00e4tte rufen k\u00f6nnen; es war, als w\u00fcsste die Katze das. Sie schickte sich wieder an, zu springen. Hans schlug mit seiner Bettdecke nach ihr, die H\u00e4nde konnte er gebrauchen; aber die Katze kehrte sich nicht an die Bettdecke; und als auch die nutzlos nach ihr geworfen war, sprang sie in einem Satz auf den Stuhl hinauf und in den Fensterrahmen hinein, hier war sie dem Vogel n\u00e4her.<br \/>\nHans konnte sein eigenes warmes Blut im seinem K\u00f6rper sp\u00fcren, aber daran dachte er nicht; er dachte nur an die Katze und an den Vogel. Allein konnte er ja nicht aus dem Bett herauskommen; auf den Beinen konnte er nicht stehen, nach weniger konnte er gehen. Es war, als ob sich ihm das Herz im Leibe umdrehe, als er die Katze von dem Fensterbrett gerade auf die Kommode hin\u00fcberspringen und an das Bauer sto\u00dfen sah, so dass es herunterfiel. Der Vogel flatterte \u00e4ngstlich dadrinnen.<br \/>\nHans stie\u00df einen Schrei aus, ein Schrecken durchlief ihn, und ohne daran zu denken, sprang er aus dem Bett, auf die Kommode zu, riss die Katze herunter und hielt das Bauer fest, in dem der Vogel in Todesangst umherflatterte. Er hielt das Bauer in der Hand und lief damit zur T\u00fcr hinaus auf die Landstra\u00dfe.<br \/>\nDa rollten ihm die Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen; er jubelte und rief ganz laut: \u00bbIch kann gehen! Ich kann gehen!\u00ab<br \/>\nEr hatte seine Beweglichkeit wieder bekommen; so etwas kann geschehen, und bei ihm geschah es.<\/p>\n<p>Der Schullehrer wohnte ganz in der N\u00e4he, und zu ihm lief er auf seinen nackten F\u00fc\u00dfen, nur in Hemd und Jacke und mit dem Vogel in dem Bauer.<br \/>\n\u00bbIch kann gehen!\u00ab rief er. \u00bbHerr, mein Gott!\u00ab Und er schluchzte vor lauter Freude. Und Freude ward im Hause bei Garten-Ole und Garten-Kirsten. \u00bbEinen froheren Tag k\u00f6nnten wir nicht erleben!\u00ab sagten die beiden.<\/p>\n<p>Hans wurde auf das Schloss gerufen. Diesen Weg war er seit vielen Jahren nicht gegangen: es war, als ob die B\u00e4ume und Nu\u00dfb\u00fcsche, die er so gut kannte, ihm zunickten und sagten: \u00bbGuten Tag, Hans! Willkommen hier drau\u00dfen!\u00ab Die Sonne schien ihm ins Gesicht, bis ins Herz hinein.<br \/>\nDie Herrschaft, die jungen, herzensguten Edelleute, lie\u00dfen ihn bei sich sitzen und sahen so froh aus, als ob er zu ihrer eigenen Familie geh\u00f6rte.<br \/>\nAm gl\u00fccklichsten aber war die gn\u00e4dige Frau, die ihm das M\u00e4rchenbuch geschenkt und den kleinen Singvogel gebracht hatte, der war freilich vor Schrecken gestorben, aber er war gleichsam das Mittel zu seiner Genesung geworden, und das Buch war ihm und den Eltern zur Erweckung geworden; das Buch hatte er noch, das wollte er aufbewahren und darin lesen, wenn er auch schon ganz alt sein w\u00fcrde. Jetzt konnte er auch seinen Eltern von Nutzen sein. Er wollte ein Handwerk lernen, am liebsten Buchbinder werden. \u00bbDenn\u00ab, sagte er, \u00bbdann kann ich alle neuen B\u00fccher zu lesen bekommen!\u00ab<br \/>\nAm Nachmittag lie\u00df die gn\u00e4dige Frau die Eltern zu sich rufen. Sie und ihr Mann hatten zusammen von Hans geredet; er war ein frommer und kluger Junge, hatte Lust zum Lernen, und es war ihm leicht. Der liebe Gott ist immer f\u00fcr eine gute Sache.<\/p>\n<p>An dem Abend kamen die Eltern recht froh vom Schloss nach Hause, besonders Kirsten, aber eine Woche sp\u00e4ter weinten sie, denn da reiste der kleine Hans; er hatte gute Kleider bekommen; er war ein guter Junge; aber jetzt sollte er \u00fcber das salzige Wasser, weit fort, in die Schule geschickt werden, in eine gelehrte Schule, und es w\u00fcrden viele Jahre vergehen, ehe sie ihn wieder sahen.<\/p>\n<p>Das M\u00e4rchenbuch bekam er nicht mit, das wollten die Eltern zum Andenken behalten. Und der Vater las oft darin, aber immer nur die zwei Geschichten, denn die kannte er.<br \/>\nUnd sie bekamen Briefe von Hans, einer immer gl\u00fccklicher als der andere. Er war bei guten Menschen, in guten Verh\u00e4ltnissen, und am allersch\u00f6nsten war es, zur Schule zu gehen; da war so viel zu lernen und zu wissen; er w\u00fcnschte nur, dass er hundert Jahre alt werden m\u00f6chte und dass er einmal Schullehrer werden k\u00f6nnte.<br \/>\n\u00bbWenn wir das erleben sollten!\u00ab sagten die Eltern, und die dr\u00fcckten einander die H\u00e4nde wie beim Abendmahl.<br \/>\n\u00bbWas ist doch nur aus Hans geworden!\u00ab sagte Ole. \u00bbDer liebe Gott denkt doch auch an die armen Kinder! Gerade bei dem Kr\u00fcppel sollte sich das zeigen! Ist es nicht, als ob Hans uns das alles aus dem M\u00e4rchenbuch vorgelesen h\u00e4tte!\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Christian Andersen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-1029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1029"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1030,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1029\/revisions\/1030"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}