{"id":1013,"date":"2018-09-11T15:14:35","date_gmt":"2018-09-11T13:14:35","guid":{"rendered":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=1013"},"modified":"2025-12-27T22:48:46","modified_gmt":"2025-12-27T21:48:46","slug":"die-prinzessin-mit-den-entenfuessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/die-prinzessin-mit-den-entenfuessen\/","title":{"rendered":"Die Prinzessin mit den Entenf\u00fc\u00dfen"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Anna Bethe-Kuhn<\/strong><br>Der alte K\u00f6nig war gestorben. Die Kammerherren streiften schwarzen Flor \u00fcber ihre buntseidenen \u00c4rmelpuffen, und die Damen dr\u00fcckten die Spitzent\u00fcchlein an die Augen, vor Kummer dar\u00fcber, dass nun der Hofball nicht stattfinden konnte, der zum kommenden Tag angesagt worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kr\u00f6nungssaal stand der Thronsessel; er war schneewei\u00df und hatte vergoldete F\u00fc\u00dfe, und \u00fcber seine R\u00fcckenlehne herab hing der Purpurmantel mit dem Hermelinfutter; den sollte der junge Prinz umgelegt bekommen. Der Hofmarschall hielt die Krone zwischen den gespreizten Fingern und fuchtelte mit dem Zepter durch die Luft. Das war ja ein netter Regierungsantritt! L\u00e4ufer liefen unabl\u00e4ssig die Marmortreppen des Schlosses hinauf und herunter; aber der junge Prinz war nirgends zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Schlosshof schritt pfeifend der H\u00fcterjunge. \u00bbHier k\u00f6nnt ihr lange suchen\u00ab, lachte er. \u00bbDr\u00fcben hinterm Walde bei den Moorwiesen liegt der Prinz im Grase und sieht die wei\u00dfen W\u00f6lklein fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, nun wussten sie es. Am meisten \u00e4rgerten sich die L\u00e4ufer dar\u00fcber, den jetzt mussten sie in ihren spitzen Schnabelschuhen \u00fcber den lehmigen Waldboden zu den Moorwiesen laufen. Schon von weitem sahen sie den Prinzen im Schilfgras liegen. Als der die drei L\u00e4ufer erblickte, stand er auf, klopfte sich die Schilfhalme vom Wams und ging ihnen entgegen. \u00bbIch wei\u00df bereits alles\u00ab, sagte er. \u00bbDas Kl\u00fcgste wird sein, ich f\u00fcge mich in das Unvermeidliche. Aber das d\u00fcrft ihr mir schon glauben: ich h\u00e4tte lieber mein Lebtag an den Moorwiesen Schweine geh\u00fctet, als nach meines Vaters Tod den Thron bestiegen.\u00ab Wahrhaftig, das sagte er.<br>\nDrinnen im Schlosse bekam der junge Prinz vom Hofmarschall die Krone aufgesetzt. \u00bbDas Ding wird mir den Verstand zerquetschen\u00ab, sprach er und sch\u00fcttelte seinen Kopf, dass die Locken flogen. Aber der Hofmarschall lie\u00df keine Einwendungen gelten; er hing dem Prinzen den Purpurmantel um die Schultern und dr\u00fcckte ihm das Zepter in die Hand. Hiermit war die Kr\u00f6nung vollbracht. Der junge K\u00f6nig beugte das Haupt unter der Last seiner Krone und lie\u00df den Arm sinken. \u00bbJetzt verstehe ich erst, wie schwer das Regieren ist!\u00ab meinte er und seufzte tief.<\/p>\n\n\n\n<p>Allabendlich, wenn die Sonne sich rot im Moorteich spiegelte, warf der junge K\u00f6nig Purpurmantel und Zepter beiseite und wanderte einsam durch den gr\u00fcnen Wald zu den Moorwiesen hinaus. Dort legte er sich ins Schilfgras und starrte zum Abendhimmel empor, bis die Sterne glitzerten.<br>\nDas ging so eine gute Weile, bis man im Schloss \u00fcber die sonderbare Gewohnheit des jungen K\u00f6nigs zu reden begann und allerhand schlechtes und unrechtes dahinter vermutete.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines sch\u00f6nen Tages zog der Hofmarschall den jungen K\u00f6nig beiseite. \u00bbMajest\u00e4t verzeihen,\u00ab fl\u00fcsterte er ihm ins Ohr, \u00bbaber so darf es nicht weitergehen. Das Volk murrt; die Regierungsgesch\u00e4fte kriechen einen Krebsgang; in unserer Schatzkammer vermag bald ein Blinder die Dukaten zu z\u00e4hlen. Kurz und gut, ich sehe nur einen Ausweg, wie dem abzuhelfen sei: Majest\u00e4t m\u00fcssen heiraten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge K\u00f6nig runzelte die Brauen. Doch so leicht lie\u00df sich der Hofmarschall nicht aus dem Konzept bringen. \u00bbWenn ich mir einen Vorschlag erlauben d\u00fcrfte,\u00ab fuhr er fort, \u00bbso k\u00e4me da in erster Linie Prinzessin Lilienblatt in Betracht\u00ab \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wurde es dem jungen K\u00f6nig aber zu bunt. \u00bbBleibt mir mit Euren k\u00fcnstlichen Prinzessinnen vom Leibe!\u00ab schrie er und stampfte mit dem Fu\u00df auf. \u00bbWenn ich heirate, will ich mir meine Frau selber aussuchen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWahrhaftig, das fehlte mir gerade noch, zu heiraten!\u00ab sagte der junge K\u00f6nig als er abends bei den Moorwiesen im Schilfgrase lag. \u00bbLieber spr\u00e4nge ich in den Moorteich, dort, wo er am tiefsten ist. Da wei\u00df man wenigstens, was einem bevorsteht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHoho, das ist auch eine Ansicht!\u00ab quakte es pl\u00f6tzlich neben ihm. Der junge K\u00f6nig hob erstaunt den Kopf und sah einen dicken, gr\u00fcnen Frosch im Schilfe sitzen, der ihn mit runden Augen anglotzte und vergn\u00fcglich mit dem Kopfe wackelte. \u00bbIhr scheint schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, guter Freund\u00ab, sagte der Frosch, und dann lachte er, dass er ordentlich Wasser prustete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe gar keine Erfahrungen gemacht,\u00ab erwiderte der junge K\u00f6nig, \u00bbaber ich versp\u00fcre keine Lust, mit einem jener Reifrockgestelle, die ich auf den Hofb\u00e4llen herumschwenken musste, eine Ehe einzugehen. Das kann niemand verwundern, der Prinzessinnen kennt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch kenne sie zwar nicht,\u00ab sagte der Frosch, \u00bbaber ich kann mir vorstellen, das sie alt und vertrocknet sind. Sie m\u00fcssten einmal in frisches Wasser gesetzt und ordentlich untergetunkt werden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas ist ein vortrefflicher Gedanke\u00ab, meinte der junge K\u00f6nig und lachte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch habe immer vortreffliche Gedanken,\u00ab antwortete der Frosch und blies sich auf, \u00bbaber meines \u00c4u\u00dferen wegen werden sie nicht beachtet; und zwar nur aus dem Grunde, weil ich so grasgr\u00fcn bin. Das Gr\u00fcn ist doch nun einmal meine Leibfarbe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWenn du so vortreffliche Gedanken hast,\u00ab sagte der junge K\u00f6nig, \u00bbso kannst du mir gewiss zu einer Frau verhelfen. Es soll aber keine Froschk\u00f6nigin sein, sondern ein sch\u00f6nes, warmbl\u00fctiges Menschenkind. Diese Bedingung stelle ich.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNichts leichter als das\u00ab, sagte der Frosch. \u00bbKomm heute Nacht, wenn der Vollmond scheint an den Moorteich, da kannst du das holdeste M\u00e4dchen der Welt die Enten h\u00fcten sehen. Sie ist so h\u00fcbsch, dass ich eine Zeitlang selber daran dachte, sie zu heiraten. Aber sie vermag sich nicht ordentlich aufzublasen und hat eine melodische Stimme. Mit diesen M\u00e4ngeln k\u00f6nnte sie nie bei uns zu Hof erscheinen, und darauf sehe ich.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas w\u00e4re f\u00fcr mich kein Hinderungsgrund\u00ab, sprach der junge K\u00f6nig. \u00bbGef\u00e4llt mir die sch\u00f6ne Entenh\u00fcterin ebenso gut wie dir, so soll nichts auf Erden mich daran hindern, sie zur Frau zu nehmen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald der Vollmond hinterm Waldrand aufzusteigen begann, zog sich der junge K\u00f6nig in seine Gem\u00e4cher zur\u00fcck, warf einen schwarzen Mantel um, st\u00fclpte die Kapuze \u00fcber den Kopf und schlich unerkannt durch eine Hinterpforte zum Schloss hinaus. Schon von fern sah er die Moorwiesen im Mondschein gl\u00e4nzen. Irrlichter liefen vor seinen F\u00fc\u00dfen hin und her und wiesen ihm den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Da war auch sein Freund, der Frosch. Breitspurig sa\u00df er mitten auf der Landstra\u00dfe und erwartete ihn. \u00bbDa bist du ja!\u00ab quakte er. \u00bbPotz Moorschlamm und Fliegenbein, du scheinst es eilig zu haben!\u00ab Und er lachte, bis er sich verschluckte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSpare jetzt deine Scherze,\u00ab sagte der junge K\u00f6nig, dem doch ein wenig \u00e4ngstlich ums Herz war, \u00bbzeige mir lieber diejenige, derentwillen ich durch Nacht und Nebel hier hergekommen bin.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbH\u00e4ttest du Augen im Kopfe, h\u00e4tt&#8217;st du sie l\u00e4ngst erblickt\u00ab, versetzte der Frosch. \u00bbDr\u00fcben am Teichrand sitzt sie und l\u00e4sst die F\u00fc\u00dfe ins Wasser h\u00e4ngen. Aber euch Menschenkindern muss man die Nase auf alles sto\u00dfen, sonst merkt ihr es nicht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge K\u00f6nig blickte zum Teichrand hin\u00fcber. Da sa\u00df ein M\u00e4dchen, das hatte ein Gesicht wei\u00dfer als die Mondstrahlen, Augen dunkelblauer als der Nachthimmel und Haare goldgelber und weicher als der zarteste Entenflaum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSie ist wirklich wundersch\u00f6n\u00ab, sagte der junge K\u00f6nig, der keinen Blick von dem M\u00e4dchen wenden konnte. \u00bbIch g\u00e4be mein K\u00f6nigreich darum, wenn sie meine Frau werden wollte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDas K\u00f6nigreich kannst du ruhig behalten,\u00ab sagte der Frosch, das wird sie nicht genieren. Aber zu ihr hin\u00fcberh\u00fcpfen la\u00df uns, eh&#8216; es zu sp\u00e4t wird; denn Glockenschlag Eins muss die sch\u00f6ne Entenh\u00fcterin wieder nach Hause.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen nun zusammen um den Moorteich herum zu dem Platze, wo das M\u00e4dchen sa\u00df. Das stie\u00df beim Anblick der beiden einen leisen Schrei aus und zog sein aufgesch\u00fcrtzes Gewand so tief hinab, das der Saum das Wasser ber\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSch\u00f6nen guten Abend mein Fr\u00e4ulein\u00ab, quakte der Frosch. \u00bbHier bringe ich Euch einen Freund, der ein waschechter Prinz und K\u00f6nig ist und Euch zur Frau haben m\u00f6chte.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das sch\u00f6ne M\u00e4dchen betrachtete den jungen K\u00f6nig und senkte verwirrt die nachthimmelblauen Augen zu Boden. \u00bbDas kann Euer Ernst nicht sein\u00ab, sprach es zum Frosch. \u00bbWer sollte k\u00fcnftig bei Vollmond meine Enten h\u00fcten?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAusfl\u00fcchte \u2013 Ausfl\u00fcchte \u2013\u00ab quakte der Frosch.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das M\u00e4dchen sch\u00fcttelte traurig den Kopf. \u00bbSo leid es mir tut, ich kann Euch nicht heiraten\u00ab, sagte es zu dem jungen K\u00f6nig. Der wollte gerade zu einer Liebeserkl\u00e4rung den Mund \u00f6ffnen, als ihm der nasse Frosch auf die Hand sprang und ihm einen gelinden Schauer \u00fcber den R\u00fccken jagte.<br>\n\u00bbImmer kalt Blut,\u00ab beschwichtigte der Frosch den jungen K\u00f6nig, \u00bbsie wird schon ihre Gr\u00fcnde haben, weshalb sie dich nicht heiraten will.\u00ab Und er dr\u00e4ngte zum Aufbruch. Schweren Herzens nahm der junge K\u00f6nig von der Sch\u00f6nen Abschied. \u00bbGr\u00fcn ist die Hoffnung\u00ab, sprach er seufzend zum Frosch, als sie zusammen um den Moorteich herumgingen. \u00bbGr\u00fcn ist meine Leibfarbe\u00ab, quakte der Frosch und lachte, dass es gluckste. Plantsch! da sprang er mit einem Satz in den Moorteich hinein und lie\u00df den armen jungen K\u00f6nig am Ufer stehen. Ja, nun wusste er so viel wie vorher.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dieser Stunde an wurde es mit seiner Traurigkeit noch schlimmer. Zwar wanderte er nicht mehr allabendlich zu den Moorwiesen hinaus, allein in jeder Vollmondnacht erhob er sich von seinem Lager, kleidete sich an und schlich heimlich zum Moorteich. Der Moorteich aber lag schwarz und reglos, und der Platz auf dem die Sch\u00f6ne ihre Enten geh\u00fctet hatte, war leer. Nicht einmal der Frosch lie\u00df sich mehr sehen. Nur manchmal wollte es dem jungen K\u00f6nig scheinen, als h\u00f6re er aus der schw\u00e4rzlichen Tiefe heraus ein schadenfrohes Quaken. Doch das konnte auch eine T\u00e4uschung sein. Und bleich und verh\u00e4rmt kehrte er ins Schloss zur\u00fcck.<br>\nEines Tages zog der Hofmarschall den jungen K\u00f6nig wieder beiseite. \u00bbMajest\u00e4t,\u00ab sprach er, \u00bbMajest\u00e4t ertragen die Einsamkeit nicht. Ich erlaube mir nochmals zu wiederholen: Majest\u00e4t sollten heiraten!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal stampfte der junge K\u00f6nig nicht mit dem Fu\u00df auf; m\u00fcde und gleichg\u00fcltig betrachtete er seine Fingerspitzen. \u00bbWenn es sein muss, warum nicht?\u00ab sagte er und zuckte die Achseln. Mochten sie mit ihm anfangen, was sie wollten; ihm war alles einerlei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hofmarschall rieb sich freudestrahlend die H\u00e4nde. Und schon am n\u00e4chsten Tag begann in dem stillen Schlosse ein Leben und Treiben, dass es eine Lust war. Droben in den Gem\u00e4chern h\u00e4uften sich Samte und Brokate, Gold- und Silberborten, Pelze und wallende Strau\u00dfenfedern. Und auf den St\u00fchlen ringsherum sa\u00dfen hundert Schneider, die stichelten mit den Nadeln und klapperten mit den Scheren und nahmen dem jungen K\u00f6nig Ma\u00df f\u00fcr seine Hochzeitskleider. Das war eine Arbeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich hingen M\u00e4ntel, W\u00e4mse, Hosen und Barette fix und fertig im Schrank. Der Hofmarschall lie\u00df die Hofkutsche bespannen, setzte den jungen K\u00f6nig hinein und sich an seine Seite, und fort ratterten sie ins Land hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wurden sie \u00fcberall mit Freuden und den geb\u00fchrenden Ehren empfangen. S\u00e4mtliche Prinzessinnen der Welt waren mit Vergn\u00fcgen bereit, die Frau des h\u00fcbschen jungen K\u00f6nigs zu werden. Aber was den jungen K\u00f6nig betraf, so konnte er zu keiner von ihnen ein Herz fassen. Unwillk\u00fcrlich verglich er die Blonden und Schwarzen, Gro\u00dfen und Kleinen, Dicken und D\u00fcnnen, Klugen und Dummen mit seiner sch\u00f6nen Entenh\u00fcterin. Und den Vergleich konnten sie alle nicht aushalten.<br>\nSchlie\u00dflich hatten die beiden alle K\u00f6nigsschl\u00f6sser der Welt besucht bis auf eins. Das lag auf einem verrufenen Erlenh\u00fcgel und geh\u00f6rte einem m\u00e4chtigen alten K\u00f6nig, von dem man sich die seltsamsten Dinge erz\u00e4hlte. Auch der Hofmarschall wusste davon zu berichten. So sollte des alten K\u00f6nigs Mutter b\u00f6se K\u00fcnste getrieben haben, und was schlimmer war als das: \u00fcber die Herkunft der fr\u00fchverstorbenen K\u00f6nigin gingen allerhand dunkle Ger\u00fcchte um. Ja manche Leute behaupteten steif und fest, dass sie nichts weiter gewesen w\u00e4re als eine ganz gew\u00f6hnliche G\u00e4nsemagd! Der Hofmarschall schauderte bei dem blo\u00dfen Gedanken, dass der junge K\u00f6nig dieses Schloss besuchen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der aber rieb sich schadenfroh die H\u00e4nde. \u00bbNun gerade!\u00ab sagte er. Und dann klopfte er an das Kutschenfenster und befahl dem Kutscher, schnurstracks zu diesem Schlosse hinzufahren. Das machte ihm einmal ganz besonderen Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte K\u00f6nig empfing ihn in h\u00f6chsteigener Person auf der Treppe. \u00bbGro\u00dfe Ehre!\u00ab sagte er und t\u00e4tschelte dem jungen K\u00f6nig die glatten Wangen. Auf Etikette gab er nicht viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Er geleitete seine beiden G\u00e4ste in den Thronsaal und bat sie, Platz zu nehmen; sodann schickte er einen kleinen Pagen, der gerade mit Abb\u00fcrsten des Thronsessels besch\u00e4ftigt war, hinauf, seine Tochter zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch glaube wohl, dass sie Euch gefallen wird\u00ab, sagte der alte K\u00f6nig zum jungen. Da ging auch schon die T\u00fcr auf, und herein trat niemand anders als \u2013 die sch\u00f6ne Entenh\u00fcterin selber! Ihr Gesicht war wei\u00dfer als die Mondstrahlen, ihre Augen dunkelblauer als der Nachthimmel und ihre Haare goldgelber und weicher als der zarteste Entenflaum. Sie trug ein hellfarben Schleppgewand und schritt leicht wiegenden Ganges auf den alten K\u00f6nig zu. \u00bbIhr habt befohlen, Vater\u00ab; sprach sie und k\u00fcsste des Alten Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte K\u00f6nig strich ihr wohlgef\u00e4llig \u00fcber das goldgelbe Haar. \u00bbHier ist einer, der dich zur Frau haben m\u00f6chte\u00ab, sagte er und wies auf den jungen K\u00f6nig, der vor Freude und Schreck abwechselnd rot und blass wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das M\u00e4dchen blickte den jungen K\u00f6nig an, verf\u00e4rbte sich und barg sein Antlitz in den H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSeid ohne Sorge,\u00ab sagte der alte K\u00f6nig zum jungen, \u00bbsie ist noch etwas sch\u00fcchtern.\u00ab Da senkte die sch\u00f6ne Entenh\u00fcterin den Kopf und ging langsam wieder zur T\u00fcr hinaus; und ihr hellfarben Gewand schleppte rauschend hinterdrein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch sehe, Ihr liebt sie,\u00ab sprach der alte K\u00f6nig zum jungen, \u00bbund da Ihr ein angenehmer junger Mann seid, gegen den nichts einzuwenden ist, will ich sie Euch zur Frau geben.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wurde der Hofk\u00fcchenmeister herbeigerufen und ihm befohlen, das Verlobungsmahl herzurichten. In weniger als einer Viertelstunde war die Tafel bereit, und die leckersten Bratenger\u00fcche erf\u00fcllten die Luft. Und siehe! Kaum hatte man den letzten Stuhl an den Tisch ger\u00fcckt, als sich auch schon die T\u00fcren \u00f6ffneten und Kavaliere und Damen erschienen. Sie machten dem alten K\u00f6nig ihre Reverenz, gratulierten und nahmen in feierlichem Zuge ihre Pl\u00e4tze an der Tafel ein.<br>\nUnd wiederum tat sich die T\u00fcr auf, und die sch\u00f6ne K\u00f6nigstochter trat in den Saal. Sie war ganz in wei\u00dfe Seide gekleidet, aber ihr Angesicht war tausendmal wei\u00dfer als die Seide, und in ihren Augen standen Tr\u00e4nen. Sie setzte sich an des jungen K\u00f6nigs Seite und sprach kein Wort. Der arme junge K\u00f6nig wusste zuletzt gar nicht mehr, was er denken sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als das Mahl zu Ende ging, erhob sich die sch\u00f6ne K\u00f6nigstochter und verschwand. Der alte K\u00f6nig schlug seinen G\u00e4sten zum Nachtisch ein W\u00fcrfelspiel vor. Aber der junge K\u00f6nig dankte. Er wolle lieber im Garten spazieren gehen, meinte er. Ihm war nicht nach W\u00fcrfelspielen zumute.<br>\nEr schritt die Marmorstufen zum Garten hinunter und wanderte zwischen den Buchsbaumhecken auf und nieder. Rechts und links vom Weg sa\u00dfen bunte Papageien auf silbernen Stangen, die hackten mit den Schn\u00e4beln nach ihm und lachten ihn aus. Der junge K\u00f6nig drehte den boshaften V\u00f6geln den R\u00fccken, verlie\u00df den Garten und wanderte in den nahen Wald.<\/p>\n\n\n\n<p>Da war es k\u00fchl und still. Die Tannen rauschten \u00fcber seinem Haupt, und murmelnde W\u00e4sserlein sickerten zwischen Buschwerk und Farnen dahin. Der junge K\u00f6nig legte sich ins Moos, st\u00fctzte den Kopf in die H\u00e4nde und tr\u00e4umte. Weil er aber traurig und m\u00fcde war, dauerte es nicht lange, da war er eingeschlafen.<br>\nAls er wieder aufwachte, stand der Vollmond am Himmel und leuchtete ihm ins Gesicht. Da erschrak er, denn er merkte, dass er eine gute Weile hier gelegen haben musste und dass sie ihn im Schloss wohl vermisst haben mochten. Er stand eilig auf, sch\u00fcttelte Zweiglein und Moos von seinen Kleidern und trat den R\u00fcckweg an. Weil er aber noch nie zuvor in dieser Gegend gewesen war, konnte er den Weg nicht wieder finden, sondern geriet immer tiefer in den Wald hinein. Endlich sah er durch die B\u00e4ume eine Lichtung schimmern; er wand sich zwischen Hecken und Gestr\u00fcpp hindurch und gelangte zu einem Weiher, der inmitten des Waldes lag und im Mondschein wie Silber gl\u00e4nzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie er nun so am Ufer stand, h\u00f6rte er pl\u00f6tzlich Fl\u00fcgel \u00fcber sich rauschen. Er hob den Kopf und sah eine Schar wilder Enten, die flog geradewegs \u00fcber ihn hin und mitten in den Weiher hinein. Und siehe! Es dauerte nicht lange, da trat aus dem Baumdickicht die sch\u00f6ne Entenh\u00fcterin hervor, setzte sich auf einen Stein an des Weihers Rand und lie\u00df die F\u00fc\u00dfe ins Wasser h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSchnatter \u2013 Schnatter\u00ab, sagten die wilden Enten, schwammen auf die Prinzessin zu und rieben die Schn\u00e4bel an ihrem Gewand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinzessin streichelte mit ihren wei\u00dfen H\u00e4nden der wilden V\u00f6gel Gefieder. \u00bbAch meine lieben Enten,\u00ab sprach sie, \u00bbich bin sehr ungl\u00fccklich!\u00ab Und sie seufzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Enten dr\u00e4ngten sich dicht an sie heran. \u00bbWas hast du \u2013 was hast du?\u00ab fragten sie und steckten die K\u00f6pfe zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMein Vater will, dass ich die Frau des jungen K\u00f6nigs werde\u00ab; klagte die Prinzessin. \u00bbAber wie kann ich die Frau des sch\u00f6nen jungen K\u00f6nigs werden, da ich doch Entenf\u00fc\u00dfe habe?\u00ab Und bei diesen Worten fing die Prinzessin an bitterlich zu weinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Enten schlugen mit den Fl\u00fcgeln. \u00bbDas ist gerade das Allerh\u00fcbscheste an dir\u00ab, schnatterten sie und str\u00e4ubten die Federn. Aber die Prinzessin sch\u00fcttelte tr\u00fcbselig den Kopf. \u00bbJa, das findet ihr\u00ab, sagte sie, \u00bbaber w\u00fcsste der junge K\u00f6nig um mein Gebrechen, er w\u00fcrde mich auf der Stelle versto\u00dfen.\u00ab Bei diesen Worten erhob sich die Prinzessin von ihrem Sitz und watschelte mit richtigen gelben Entenf\u00fc\u00dfen ein St\u00fcck Wegs am Ufer lang und gerade auf den Baum zu, hinter welchem der junge K\u00f6nig stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der jedoch sprang geschwinde aus seinem Versteck hervor und warf sich der erschrockenen Jungfrau zu F\u00fc\u00dfen. \u00bbIch habe alles geh\u00f6rt,\u00ab sprach er, \u00bbund wenn&#8217;s weiter nichts ist, so k\u00f6nnt ihr ruhig meine Frau werden. Denn ich liebe Euch noch ebenso wie vorher.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Da fiel die sch\u00f6ne Prinzessin dem jungen K\u00f6nig um den Hals und k\u00fcsste ihn mitten auf den Mund. \u00bbIch danke dir\u00ab, sagte sie und war sehr gl\u00fccklich. Und dann gingen sie zusammen zu dem alten K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte K\u00f6nig schmunzelte, als er die beiden so gl\u00fcckstrahlend miteinander daherkommen sah. \u00bbIch dachte mir wohl, dass sie nicht reinen Mund halten k\u00f6nnte,\u00ab sprach er. \u00bbAber weil ihr es nun doch einmal wisst, dass sie Entenf\u00fc\u00dfe hat, so will ich Euch auch erz\u00e4hlen, wie sie dazu gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hat sie niemand anders zu verdanken als ihrer leibhaftigen Gro\u00dfmutter. Und das ging n\u00e4mlich folgenderma\u00dfen zu: Als vor Zeiten mein alter Vater starb und die Reihe an mich kam, mir eine K\u00f6nigin zu nehmen, da w\u00e4hlte ich zum Zorn meiner Mutter ein M\u00e4dchen, das zwar sch\u00f6n wie der Tag war, aber auf meines Vaters Meierei die Enten h\u00fctete. Meine Mutter, die das arme M\u00e4dchen um seines niederen Standes willen hasste, gab uns die Verw\u00fcnschung in die Ehe mit, dass unsere Kinder dereinst mit Entenf\u00fc\u00dfen zur Welt kommen und darauf herumwatscheln sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge K\u00f6nigin starb vor Gram, als sie beim Anblick ihres ersten Kindleins gewahrte, dass der b\u00f6se Wunsch in Erf\u00fcllung gegangen war. Das Kindlein jedoch wuchs heran, ward eine sch\u00f6ne Prinzessin und trug von klein auf Schleppkleider, damit die boshaften Menschen nicht sehen sollten, was darunter steckte. Das ist die ganze Geschichte. Auf dass Ihr mir jedoch keinen Hass gegen die verstorbene Urschwieger hegt, will ich Euch morgen zu Eurem Hochzeitsfest ein Geschenk aus deren Nachlass machen. So unscheinbar es aussieht, hat es doch seinen Wert und wird Euch und Eurem Volke von gro\u00dfem Nutzen sein.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Alsbald wurden die Einladungen verschickt. \u00bbVergesst auch nicht den Frosch vom Moorteich zu bitten,\u00ab mahnte der junge K\u00f6nig seine Braut, \u00bbdenn, w\u00e4re er nicht gewesen, wer wei\u00df, ob ich je Eure Bekanntschaft gemacht h\u00e4tte!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSeid unbesorgt,\u00ab antwortete sie, \u00bber soll nicht nur eingeladen werden, sondern auch den Ehrenplatz an meiner rechten Seite erhalten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und richtig fuhr den anderen Tag die k\u00f6nigliche Prunkkarosse zuallererst beim Moorteich vor, um den Frosch abzuholen. \u00bbEigentlich h\u00fcpfte ich rascher zu Fu\u00df hin\u00fcber,\u00ab quakte der Frosch, \u00bbaber der sch\u00f6nen Entenh\u00fcterin zuliebe will ich meinetwegen in der Staatskutsche Platz nehmen, wenngleich ich ungern auf dem Trocknen sitze.\u00ab Und platsch! sprang er quatschna\u00df, wie er war, auf die samtenen Wagenpolster.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbMeinen besten Gl\u00fcckwunsch!\u00ab quakte der Frosch, als der junge K\u00f6nig ihn am Wagen empfing. \u00bbDu bekommst eine Prinzessin, die h\u00fcbsch ist, das Wasser nicht scheut und schwimmen kann; du hast allen Grund zufrieden zu sein..\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, den hatte er auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie nun alle an der Hochzeitstafel versammelt sa\u00dfen, reichte der alte K\u00f6nig dem Br\u00e4utigam ein elfenbeinernes K\u00e4stchen \u00fcber den Tisch hin\u00fcber. Der Junge K\u00f6nig \u00f6ffnete es und fand darin zu seinem Erstaunen nichts anderes als eine ganz gew\u00f6hnliche Hornbrille. Neugierig zog er sie heraus und setzte sie auf die Nase.<\/p>\n\n\n\n<p>Himmel, welche Sonderbarkeiten musste er da erblicken! Die ganze Hochzeitsgesellschaft war mit einem Schlage ver\u00e4ndert, und zwar durchaus nicht zu ihrem Vorteile! Dr\u00fcben bei seinem Hofmarschall fing es an. Dem baumelte ein Fuchsschwanz hinten zum Rockscho\u00df heraus, und in seinen Taschen steckten s\u00e4mtliche Kronsch\u00e4tze des Reiches. Des Marschalls Nachbarin zur Linken hatte Krallen an den zierlichen Fingern, und der zur rechten z\u00fcngelte eine Schlange aus dem Munde. Viele von den Kavalieren trugen Strohk\u00f6pfe, andere wieder statt des Menschenherzens ein Hasenherz, einen M\u00fchlstein oder ein St\u00fcck Torfmoor unter der Weste.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur des jungen K\u00f6nigs Braut war unver\u00e4ndert geblieben, und wenn auch ihre gelben Entenf\u00fc\u00dfe durch das Atlaskleid hindurch schimmerten, ihr Herz in der Brust war wei\u00df wie Schnee und klar wie Bergkristall.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Schloss der junge K\u00f6nig die Prinzessin in seine Arme und freute sich sehr, dass sie weiter nichts hatte als Entenf\u00fc\u00dfe. Seinem Hofmarschall aber lie\u00df er sogleich die Taschen leeren und jagte ihn aus dem K\u00f6nigreich hinaus. Blo\u00df den Fuchsschwanz musste er ihm lassen, denn der war festgewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[110,85],"tags":[],"class_list":["post-1013","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anna-bethe-kuhn","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1013","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1013"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1013\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2852,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1013\/revisions\/2852"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1013"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1013"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1013"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}