{"id":101,"date":"2015-10-06T01:41:57","date_gmt":"2015-10-05T23:41:57","guid":{"rendered":"http:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/?p=101"},"modified":"2026-01-16T16:06:11","modified_gmt":"2026-01-16T15:06:11","slug":"der-alte-grabstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/der-alte-grabstein\/","title":{"rendered":"Der alte Grabstein"},"content":{"rendered":"\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Der alte Grabstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hans-Christian Andersen<\/p>\n\n\n\n<p>In einem der kleinen Marktflecken bei einem Manne, der seinen eigenen Hof hatte, sa\u00df abends in der Jahreszeit, in der die Abende l\u00e4nger werden, die ganze Familie im Kreise zusammen. Es war noch milde und warm. Die Lampe war angez\u00fcndet, die langen Gardinen hingen vor den Fenstern nieder, auf denen Blument\u00f6pfe standen, und drau\u00dfen war herrlicher Mondschein. Aber davon sprachen sie nicht, sie sprachen von einem alten, gro\u00dfen Stein, der unten im Hofe lag, dicht bei der K\u00fcchent\u00fcr, wohin die M\u00e4dchen oft das geputzte Kupferzeug stellten, damit es in der Sonne trocknen sollte, und wo die Kinder gern spielten, es war eigentlich ein alter Grabstein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja,&#8220; sagte der Hausherr, &#8222;ich glaube, er stammt aus der alten, abgebrochenen Klosterkirche. Die Kanzel, die Denkm\u00e4ler und die Grabsteine wurden ja verkauft! Mein seliger Vater kaufte mehrere davon; sie wurden zu Pflastersteinen zerschlagen, aber dieser Stein blieb \u00fcbrig und liegt seitdem im Hofe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann wohl sehen, dass es ein Grabstein ist&#8220;, sagte das \u00e4lteste von den Kindern. &#8222;Es ist darauf noch ein Stundenglas und ein St\u00fcck von einem Engel zu sehen, aber die Inschrift, die darauf gestanden hat, ist schon verwischt au\u00dfer dem Namen Preben und einem gro\u00dfen ,S&#8216;, das gleich dahinter steht, und ein bisschen weiter unten steht ,Marthe&#8216;. Mehr kann man nicht herausbekommen und auch das ist nur deutlich zu sehen, wenn es geregnet hat oder wir ihn gewaschen haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Herrgott, das ist Preben Svanes und seiner Frau Leichensteint&#8220; sagte ein alter, alter Mann im Zimmer. Seinem Alter nach h\u00e4tte er gut und gerne der Gro\u00dfvater all der Alten und Jungen, die hier versammelt waren, sein k\u00f6nnen. &#8222;Ja, das Ehepaar war eines der letzten, die auf dem alten Klosterkirchhofe beerdigt worden sind! Das war ein altes, ehrenhaftes Paar aus meinen Knabenjahren! Alle kannten sie, und alle liebten sie; sie waren das Alters-K\u00f6nigspaar hier in der Gegend. Die Leute sagten von ihnen, dass sie \u00fcber eine Tonne Gold bes\u00e4\u00dfen, doch gingen sie einfach gekleidet. im gr\u00f6bsten Zeug, aber ihr Linnen war blendend wei\u00df. Das war ein pr\u00e4chtiges altes Paar. Preben und Marthe. Wenn sie auf der Bank oben auf der gro\u00dfen Steintreppe des Hauses sa\u00dfen, \u00fcber die der alte Lindenbaum seine Zweige breitete, und sie so freundlich und milde nickten, wurde man ordentlich fr\u00f6hlich. Sie waren unendlich gutherzig gegen die Armen! Sie speisten sie und kleideten sie, und es war Vernunft und wahres Christentum in all ihren Wohltaten. Zuerst starb die Frau. Ich entsinne mich noch so gut des Tages. Ich war ein kleiner Knabe und mit meinem Vater drinnen beim alten Preben, als sie gerade hin\u00fcbergeschlummert war. Der alte Mann war so bewegt, er weinte wie ein Kind. Die Tote lag noch in der Schlafkammer, dicht neben dem Zimmer, in dem wir sa\u00dfen. Und er sprach zu meinem Vater und ein paar Nachbarn davon, wie einsam es nun sein w\u00fcrde, wie gut sie gewesen sei, wie viele Jahre sie zusammen gelebt h\u00e4tten und wie es zugegangen w\u00e4re, dass sie einander kennen gelernt und sich lieb gehabt h\u00e4tten. Ich war, wie gesagt, klein und stand und h\u00f6rte zu, aber es erf\u00fcllte mich seltsam stark, dem alten Mann zu lauschen und zu sehen, wie er immer lebhafter wurde und rote Wangen bekam, als er vom Verlobungstage sprach und davon, wie lieblich sie gewesen w\u00e4re und wie viele unschuldige, kleine Umwege er gemacht h\u00e4tte, um mit ihr zusammenzutreffen. Und er erz\u00e4hlte vom Hochzeitstag; seine Augen leuchteten auf dabei, er lebte sich gleichsam wieder zur\u00fcck in die sch\u00f6nen Zeiten damals, und sie lag dicht dabei in der Kammer, tot, eine alte Frau, und er war ein alter Mann und sprach von den Zeiten der Hoffnung! &#8211; ja, ja, so geht&#8217;s! Damals war ich ein Kind nur, und heute bin ich alt, alt wie Preben Svane. Die Zeit vergeht und alles ver\u00e4ndert sich! Ich erinnere mich noch gut ihres Begr\u00e4bnistages. Der alte Preben ging dicht hinter dem Sarge her. Ein paar Jahre vorher hatte das Ehepaar seinen Grabstein mei\u00dfeln lassen mit Inschrift und Namen, bis auf den Todestag. Der Stein wurde am Abend hinausgefahren und auf das Grab gelegt, und ein Jahr sp\u00e4ter wurde er wieder emporgehoben und der alte Preben kam zu seiner Frau heim. &#8211; Sie hinterlie\u00dfen nicht solchen Reichtum, wie die Leute geglaubt und behauptet hatten. Das was blieb, fiel an die Familie, die weit entfernt lebte, keiner hatte sie je gekannt. Das Fachwerkhaus mit der Bank auf der hohen Steintreppe unter dem Lindenbaum wurde vom Magistrat niedergerissen, denn es war allzu bauf\u00e4llig, als dass man es h\u00e4tte stehen lassen d\u00fcrfen. Sp\u00e4ter, als es der Klosterkirche ebenso erging und der Kirchhof aufgehoben wurde, kam Prebens und Marthes Grabstein, wie alles andere von dort, zu dem, der ihn kaufen wollte, und nun hat es sich gerade so getroffen, dass er nicht mit zerschlagen und verbraucht worden ist, sondern noch immer im Hofe liegt als Spielzeug f\u00fcr die Kleinen und als Trockenstelle f\u00fcr das gescheuerte K\u00fcchenzeug der M\u00e4dchen. Die gepflasterte Stra\u00dfe geht nun \u00fcber die Ruhest\u00e4tte des alten Preben und seiner Frau. Keiner kennt sie mehr.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und der alte Mann, der all dies erz\u00e4hlte, sch\u00fcttelte wehm\u00fctig das Haupt. &#8222;Vergessen&#8220; &#8211; &#8222;Alles wird vergessen&#8220; sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann sprachen sie im Zimmer von anderen Dingen, aber der kleinste Knabe, ein Kind mit gro\u00dfen. ernsten Augen, kletterte auf den Stuhl hinter der Gardine und sah hinab in den Hof, wo der Mond hell auf den gro\u00dfen Stein schien, der ihm zuvor stets leer und flach erschienen war, nun aber da lag, wie ein gro\u00dfes Blatt im Buche der Geschichte. Alles, was der Knabe von Preben und seiner Frau geh\u00f6rt hatte, kn\u00fcpfte sich an den Stein. Und er blickte auf ihn und hinauf in den klaren, lichten Mond in der reinen, hohen Luft, und es war, als ob eines Gottes Antlitz \u00fcber die Erde hinschien.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Vergessen. Alles wird vergessen!&#8220; klang es im Zimmer, und in diesem Augenblick k\u00fcsste ein unsichtbarer Engel des Kindes Brust und Stirn und fl\u00fcsterte leise: &#8222;Bewahre das empfangene Samenkorn gut. Bewahre es bis zur Zeit der Reife. Durch Dich, o Kind, sollen die verwischte Inschrift, der verwitterte Grabstein in leuchtenden, goldenen Z\u00fcgen f\u00fcr kommende Geschlechter bewahrt bleiben. Das alte Ehepaar soll wieder Arm in Arm durch die alten Stra\u00dfen wandern, mit frischen, roten Wangen l\u00e4chelnd auf der Steintreppe unter dem Lindenbaum sitzen und arm und reich zunicken. Das Samenkorn aus dieser Stunde wird im Laufe der Jahre sich in eine bl\u00fchende Dichtung verwandeln. Das Gute und Sch\u00f6ne wird nicht vergessen, es lebt in Sagen und Liedern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":3882,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[88,85],"tags":[],"class_list":["post-101","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-hans-chr-andersen","category-maerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=101"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2789,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101\/revisions\/2789"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3882"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=101"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=101"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/internet-maerchen.de\/mobile\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=101"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}