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Weihnachtshorror


Wenn ich an die letzten Weihnachten denke, bekommen ich gleich nochmals einen Kollaps. Wer diese Geschichte nicht selbst erlebt hat, kann es einfach nicht glauben.

Alles fing damit an, dass ich am 24. Dezember bemerkte, dass wir noch keinen Tannenbaum gekauft hatten. Da wir auf dem Land wohnen und die Strassen eingeschneit waren, musste mein Mann in den Wald gehen, um eigenhändig eine Tanne zu fällen. Um neun Uhr zog er los. Spätestens um elf wollte er wieder zurück sein. Ab zehn sah ich immer wieder nervös auf die Küchenuhr. Zwischendurch musste ich unsere Gäste bedienen, unsere Verwandten, die jedes Jahr an Weihnachten kamen und sich bei uns einquartierten, um sich vom Stadtleben zu erholen.

Als die Uhr zwölf schlug, war ich mir sicher, dass irgend etwas passiert sein muss. Aufgeregt legte ich meine Schürze zur Seite und zog den Mantel an. Da ich keinen der Verwandten los schicken wollte, der sich eh nur im Wald verirrt hätte, machte ich mich auf den Weg. Schon nach zehn Minuten sah ich meinen Mann in der Ferne hantieren. Er machte sich fluchend und schwitzend an einer kleineren Tanne zu schaffen, deren Stamm wirklich nicht dick war. Seine Jacke lag irgend wo im Gestrüpp. "Zieh doch deine Jacke wieder an," mahnte ich meinen Mann, "Du wirst ja noch krank!" "Keine Zeit," japste er. "Hast Du noch lange?" fragte ich etwas ungeduldig, da ich bemerkte, dass es wieder zu schneien anfing und deshalb ungemütlich wurde. "Ich hab’s gleich," versicherte er. Einige Augenblicke später schrie er: "Zurücktreten! Baum fällt!" Er kam zu mir und zog mich auf die andere Seite. Noch ehe ich etwas erwidern konnte, bemerkte auch er seinen Fehler. Die Tanne fiel geradewegs in die falsche Richtung, also auf uns. Ich konnte mich mit einem Satz ins Dickicht retten, doch der Arm meines Mannes wurde unter dem Stamm begraben. "Au," schrie er, als ob er im Sterben lag. Nach langem Zureden, stand er endlich auf und folgte mir nach Hause, wo ich ihn zu erst verarzten und wie ein Kleinkind pflegen musste. Die Verwandten waren äußerst bestürzt über den Unfall. "Ich hab immer gesagt, wie gefährlich es hier auf dem Land ist," meinte meine Schwester. Nach langem hin und her ging dann mein Schwager in den Wald zurück, um den Tannenbaum zu holen.

Als ich nach dieser Aufregung endlich wieder die Küche betrat, erwartete mich bereits der nächste Schreck: in der Eile hatte ich vergessen, das Backrohr und den Herd abzuschalten. Als ich das Blech herausschob lachten mich ganz verkohlte Mailänderli und Zimtsterne an. Auch die Suppe war ungenießbar geworden. Wütend auf mich und meinen Mann leerte ich die Dinge weg und wollte mich nun dem Braten widmen. Doch kaum hatte ich ihn ins Backrohr geschoben, ging das Theater von vorne los. "Margot, Margot, komm doch mal," rief meine Schwester nervös. Die ganze Verwandtschaft war im Wohnzimmer versammelt und versuchte, inklusive meinem Mann, der vom Sofa Anweisungen gab, den Baum in den Ständer zu bekommen. "Ihr müsst noch etwas absägen," erklärte ich ihnen und holte eine Säge, mit der, außer mir, niemand etwas zu anfangen wußte.

Wie war ich erleichtert als eine halbe Stunde später der Christbaum in seiner ganzen Pracht stand. "Ihr könnt ihn jetzt schmücken," sagte ich zu meinem Patenkind und erklärte ihr, wo sie den Schmuck findet. "Kannst Du mir nicht noch schnell meine Pantoffeln bringen?" bat mich mein Vater, als ich verschwinden wollte, "ich friere nämlich." Ich konnte ihm den Wunsch einfach nicht abschlagen, vor allem nicht am 24. Dezember. Gestresst rannte ich in den ersten Stock hinauf, um meines Vaters so geliebte Schuhe zu holen. Da er aber leider so ein Chaos in seinem Gästezimmer veranstaltet hatte, brauchte ich zehn Minuten bis ich endlich das Paar fand.

Furchtbare Gestank schlug mir entgegen, als ich die Tür zur Küche öffnete. "Der Braten!" schrie ich erschrocken und öffnete mit Tränen in den Augen das Backrohr. "Margot, Margot!" Noch ehe ich weitere Überlegungen anstellen konnte, kam mein Patenkind angerannt und zog mich in die Stube. Dort wartete aber der Höhepunkt auf mich. Meine lieben Verwandten hatte voller Eifer der Christbaum geschmückt, doch leider nur auf einer Seite. So war der Baum umgeknickt. Zerbrochene Kugeln bedeckten den Boden, Lametta war überall zerstreut. Mein Mann saß fluchend auf dem Sofa und dachte wohl das gleiche wie ich: Nächstes Jahr feiern wir alleine!

So mussten wir unseren Heiligabend ohne Tannenbaum, Braten und Mailänderli verbringen. Nur die Geschenke kamen heil davon und es wurde doch noch eine ganz nette Bescherung.

Jetzt muss ich mich aber beeilen. Wir haben noch keinen Christbaum, die Guetzli sind noch nicht ausgestochen und in einer Stunde kommen unsere Verwandten. Frohe Weihnachten!


Diese Weihnachtsgeschichte wurde mir zur Verfügung gestellt von Stephan Sigg
http://www.paus.ch/user/frsigg