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Die Perle, die bei Nacht strahlt
Märchen aus China


Fern von hier, im Östlichen Meer, lebte der Drachenkönig, und der hatte eine schöne und kluge Tochter. Bis zu ihrem 18 Lebensjahr machte sie ihm viel Freude, doch kaum war das Mädchen 18 Jahre alt, begann sie dem Vater Sorgen zu bereiten. Der Drachenkönig wollte einen Bräutigam für sie suchen, doch die Tochter hatte es sich in den Kopf gesetzt, nicht zu heiraten. Der ein dünkte ihr zu dünn, der andere wieder zu dick, der dritte zu dumm, und so ging das immerfort. Einmal sagte der Vater, der nicht mehr wusste, was er tun sollte: „Meine vielgeliebte Tochter, sag mir, was für einen Bräutigam du dir eigentlich wünschst?“ „Ich mag weder einen Reichen noch einen Beamten, ich will einen redlichen und tapferen Burschen“, sagte die Tochter und errötete leicht.

Der Drachenkönig gebot also seinen Ratgebern, nach einem geeigneten Bräutigam für seine Tochter Ausschau zu halten. Es kam der General Krabbe, doch der Tochter gefiel er nicht, es kam die Meisterin Schildkröte, um sie mit jemanden zu verkuppeln, doch die Prinzessin schüttelte immer wieder den Kopf, bis eines Tages der General Krebs herbeigeschwommen kam und sagte, er hätte nun einen Bräutigam gefunden. Es war Ah-örl, ein Waisenknabe, der in der nahen Bucht wohnte und zwar arm war, doch ein goldenes Herz haben sollte und nichts in der Welt fürchtete.

Der Drachenkönig sagte diesem Bräutigam nicht sehr zu. Er ließ die Königstochter zu sich kommen und sprach zu ihr: „Mein Kind, mir will dein Bräutigam nicht sehr gefallen. Wer weiß, wie es wirklich mit seiner Tapferkeit bestellt ist, und dann, er entstammt nicht der Wassersippe und passt nicht zu uns.“ Doch die Tochter hatte es sich in den Kopf gesetzt und wollte nur ihn. Sogleich schloss sie sich in ihren Gemächern ein, verließ sie nie und trauerte und weinte nur, bis im Meer noch mehr Wasser war als jemals zuvor. Der Drachenvater war mit seiner Weisheit am Ende. Er rief seine getreusten zu sich und beriet lange mit ihnen, bis der General Krebs einen Vorschlag machte.

In dieser Nacht erschien Ah-örl, der mit seinem Bruder in der nahen Bucht lebte, im Träume ein weißhaariger Greis.„Ah-örl“, sprach dieser, „geh an das Ufer des Flusses, deine Braut erwartet dich dort.“ Ah-örl erwachte und erzählte seinem Bruder von dem seltsamen Traum. Doch sein älterer Bruder neidete ihm die Erscheinung und sprach: „Was fällt dir denn ein? Wie könnte dich eine Braut erwarten? Du bist doch so arm, dass dich keine nehmen würde. Schlaf nur weiter.“

Ah-örl schlief ein, und darauf hatte sein Bruder nur gewartet. Er stand auf, schlich leise aus der Hütte und lief schnurstracks ans Ufer des Flusses. Ah-örl erwachte, blickte, tastete um sich, suchte seinen Bruder, doch der war nicht da. Wieder fiel im sein seltsamer Traum ein, es liess ihm keine Ruhe, und er lief zum Fluss. Und obwohl er spät aufgebrochen war, kam er zusammen mit seinem Bruder dort an.

Der Fluss war ruhig, über seinen Wasserspiegel ergoss sich weit und breit ein silberner Schein. Hoch oben am Himmel hing der goldene, runde Mond. In den plätschernden Wellen sass da eine wunderschöne Jungfrau, und die unruhigen Wellen spielte mit ihrem langen Haar.

„Schöne Jungfrau, willst du mich zum Manne nehmen?“ fragte Ah-örl schüchtern. „Nein, nein nimm mich“, rief der ältere Bruder. „Ich nehme jenen, der mir die Perle bringt, die bei Nacht strahlt“, sagte das Mädchen. „Und wo ist diese Perle?“ fragten die beiden Brüder ungeduldig. „Diese Perle befindet sich im Palast meines Vaters, des mächtigen Drachenkönigs“, sagte das Mädchen. „Ich gebe jedem von euch eine Nadel, die euch helfen wird, die Meereswogen zu beruhigen.“ Mit diesen Worten nahm sie zwei silberne Nadeln vom Kopf, reichte jedem der Brüder eine und tauchte in den Fluten unter.

Die Brüder verneigten sich vor der Drachenprinzessin und brachen auf. Der ältere lieh sich vom Nachbarn ein schnelles Pferd und machte sich im Galopp auf den Weg zum Östlichen Meer. Ah-örl setzte seinen Strohhut auf, zog seine Bastschuhe an und schritt den Fluss entlang gegen Osten. Das Östliche Meer des Drachenkönigs ist weit und der Weg zu ihm beschwerlich und mühsam. Viele Tage verstrichen, bis der ältere Bruder schließlich in ein Dorf gelangte, das ganz unter Wasser stand. „Was ist hier geschehen?“ fragte er. „Vor zehn Tagen kam ein schreckliches Hochwasser über uns, und seit damals steigen die Fluten ununterbrochen“, jammerten die Dorfbewohner. „Wir werden elend zu Grunde gehen, das ist sicher. Nur ein einziges Ding könnte uns retten, das ist der Goldene Kürbis aus dem Palast des Drachenkönigs.“ „Ich bin gerade unterwegs zum Drachenkönig“, sagte der ältere Bruder stolz, „und ich werde euch diesen Kürbis bringen.“

Einige Zeit später kam Ah-örl in das Dorf. Als er erführ, welch Unglück die Leute ereilt hatte, versprach auch er, ihnen den Goldenen Kürbis zu bringen, und setzte seinen Weg fort.

Nach langer Zeit gelangte er zum Meer. Doch was war das? Sein Bruder, der vor ihm losgeritten war, stand am Ufer und blickte entsetzt auf die tobende See, wo eine Woge die andere verschlang. „Hab keine Angst“, sagte Ah-örl zu seinem Bruder und warf die Nadel ins Wasser, die er von der Drachenprinzessin bekommen hatte. Im Augenblick, da die Nadel die Wogen berührte, glättete sich das Meer, und beiden Brüdern tat sich der Weg ins Wasserkönigreich auf.

Im Palast erwartete sie bereits der Drachenkönig. Beide Brüder trugen ihre Bitte vor. „Ich weiß, weshalb ihr gekommen seid“, sagte der König, „und ich erfülle euren Wunsch, doch wisset, dass unser Gesetz des Wassers gebietet, das ein Sterblicher von hier lediglich einen einzigen Schatz forttragen darf.“ Mit diesen Worten führte er sie in seine Schatzkammer. Beide Brüder blickten sich ganz verzückt um. So eine Pracht hatten sie ihr Leben lang noch nie gesehen. Die Wände waren mit den allerkostbarsten Edelsteinen ausgelegt, die Zimmerdecke war aus Gold, auf dem Fußboden lag ein Teppich aus Nephrit, wohin das Auge auch schaute, alles glitzerte und funkelte, und inmitten dieser Pracht und Schätze leuchtete mit hellem Schein das kostbarste aller Juwele – die Perle, die bei Nachts strahlt.

Ah-örl betrachtete sie, erinnerte sich an die schöne Drachenprinzessin, und sein Herz krampfte sich zusammen. Nein, er konnte dies Perle nicht nehmen, warteten doch fern im überschwemmten Dorf die Dorfbewohnern auf ihn. Ah-örl trat schnell vor und griff nach dem Goldenen Kürbis. „Gestatte, dass ich diesen Kürbis nehme, mächtiger König“, flüsterte er. Im gleichen Augenblick stürzte sein Bruder auf die Perle zu, ergriff sie und gab sie nicht mehr her. „Behaltet eure Schätze, vielleicht bringen sie euch Glück“, sagte der Drachenkönig und lächelte bei diesen Worten ganz sonderbar.

Dann geleitete er die beiden Brüdern aus dem Palast. Als sie am Ufer standen, schwang sich der ältere Bruder aufs Pferd und galoppierte zurück. Er kam in das überschwemmte Dorf, und da umringten ihn die unglücklichen Dorfbewohner. „Den Goldenen Kürbis!“ riefen sie. „Bringst du und den Goldenen Kürbis?“ „Nein“, antwortete der ältere Bruder düster, „der Drachenkönig wollte ihn nicht hergeben.“ Und wieder trieb er sein Pferd zum Galopp an.

Währenddessen ging Ah-örl lange, er ging viele Tage und Nächte, bis eines Tages vor seinen Blicken das überschwemmte Dorf auftauchte. „Freunde“, rief er von weitem, „ich bringe euch den Kürbis, ich bringe euch den Goldenen Kürbis vom Drachenkönig!“ dann bückte er sich und schöpfte den Kürbis voll Wasser. Und welch Wunder! Das Wasser begann zurückzugehen, es sank und verschwand, bis es ganz verschwunden war. Die Dankbarkeit der Dorfbewohner kannte keine Grenzen. „Wie sollen wir dir das danken, guter Jüngling“, riefen die Menschen mit Tränen in den Augen, „wir haben nichts, das Wasser hat alles vernichtet.“

Da bemerkte jemand, dass im Schlamm eine Muschel lag. Er öffnete sie, und in der Muschel befand sich eine schmutzige, schwarze Perle. „Junger Mann, wir haben nichts, womit wir uns dir erkenntlich zeigen könnten, doch nimm von uns als Andenken wenigstens diese Perle“, sagten die Dorfbewohner. Ah-örl nahm die Perle, dankte und machte sich auf den Heimweg. „So eine hässliche Perle würde die Drachenprinzessin bestimmt nicht wollen“, sagte er sich im Geiste bekümmert, aber dennoch erwärmt das Gefühl, ein gutes Werk vollbracht zu haben, sein Herz.

Inzwischen war der ältere Bruder zu der Bucht gelangt, verneigte sich tief vor der Drachenprinzessin und sagte: „Ich bringe dir die Perle, die bei Nacht strahlt. Werde mein Weib.“ „Komm am Abend“, sagte die Prinzessin, nur die Nacht selbst wird entscheiden, ob das die echte Perle ist oder nicht.“ Am Abend kam der ältere Bruder zur Bucht. Doch was sah er da? Die Perle, diese helle, strahlende Perle, sie strahlte jetzt überhaupt nicht. „Du hast mir nicht die echte Perle gebracht“, sagte die Drachenprinzessin. „Das ist unmöglich“, rief der ältere Bruder ärgerlich und nahm die Perle selbst in die Hand. Da zersprang die Perle, und in der Hand hielt er nichts als ein wenig trübes Wasser.

Einige Tage später gelangte Ah-örl zu der Bucht. „Sei mir nicht böse, Drachenprinzessin“, sprach er, „doch ich konnte dir die Perle nicht bringen, die du haben wolltest.“ „Und was hast du da in deinem Ranzen?“ fragte neugierig die Drachenprinzessin. „Ach, das ist nichts“, winkte Ah-örl mit der Hand ab. „Das ist eine ganz gewöhnliche Perle, ich habe sie unterwegs von Leuten bekommen.“ „Gib sie mir“, sagte die Prinzessin, nahm die Perle und legte sie auf ihren Handteller. Und da musste Ah-örl die Augen schliessen. Nein, das war keine gewöhnliche Perle, diese hier strahlte wie der Mond am Himmel. Ein silbriger Glanz drang aus der Perle und ergoss sich weit und breit über den Wasserspiegel. Die Prinzessin warf die Perle hoch, in die Luft. Ah-örl blickte wie verzaubert empor, er traute seinen Augen nicht. Über ihren Köpfen schwebte ein M Ä R C H E N P A L A S T, und auf seinem Dach prangte die helle, funkelnde Perle, als leuchtete sie ihnen auf den Weg. Die Drachenprinzessin nahm den sprachlosen Ah-örl an der Hand und sagte: „Siehe, es ist dein gutes tapferes Herz, das da strahlt!“ und sie führte ihn in den Palast hoch oben in den Lüften.

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