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Wie das Gold in die Welt kam
Ein arabisches Märchen


Jeden Morgen, wenn die Sonne am Himmel erschien, schickte sie ihre warmen, goldenen Strahlen auf die Erde und der neue Tag begann festlich: das Laub der Bäume glänzte, die Blumen öffneten sich, die Vögel jubilierten und die Menschen lächelten.

Wenn der Himmel gegen Abend dunkel wurde, der Wind auffrischte und die Dämonen sich bereit machten, ihre Herrschaft über die Erde anzutreten, rief die Sonne ihre Kinder zurück.
Sie kamen und schliefen im Schoss ihrer Mutter, die weiter ruhig ihre Bahn zog und träumten von der Erde und ihren Geschöpfen, die sie zärtlich liebten.
Jeden Tag fiel es den Sonnenstrahlen schwerer, die Erde zu verlassen. Jeden Abend verweilten sie länger auf den Gipfeln der höchsten Berge um ihr von dort ein letztes Lebewohl zuzuwinken und kehrten immer später zu ihrer Mutter zurück. Auch die Erde war unglücklich, dass die Sonnenstrahlen sie verließen. "Bleibt noch ein wenig!" bat sie. "Ohne euch ist die Nacht so lang und so kalt und so finster!"

"Auch uns wird die Nacht lang, wenn wir nicht bei dir sind", antworteten die Sonnenstrahlen. "Hab Geduld, morgen früh kommen wir wieder!" Da streifte die glutrote Sonne schon den Horizont und rief ihren säumigen Kindern zu: "Die Nacht ist nah, und die Zeit der Dämonen beginnt! Beeilt euch! Kehrt zurück!"

Eines Abends wollten die Sonnenstrahlen ihrer Mutter nicht länger gehorchen und blieben auf der Erde. Da sprachen die Sterne: "Fort mit euch, denn sind wir nicht da, um die Nacht zu erleuchten?" Die Sonnenstrahlen erwiderten aber: "Euer Schein ist schwach und euer Licht kalt. Wir lassen die Erde nicht im Stich; wir bleiben."

Da strafte sie Gott für ihren Ungehorsam und sprach: "Ihr sollt unter die Erde verbannt sein und niemals mehr auf ihr herumwandern und Licht und Wärme spenden! Euren Glanz und eure Schönheit will ich euch lassen, aber sie werden den Menschen nicht nur zur Freude gereichen, sondern Hass und Zwietracht unter ihnen säen."

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Und wie Gott gesprochen hatte, geschah es: Im Schoss der Erde verloren die Sonnenstrahlen ihre anmutige Beweglichkeit und ihre Wärme, sie wurden starr und kalt.
Aber wenn sie ans Licht geholt wurden, funkelten und blitzten sie wie früher. Die Menschen nannten sie Gold. Und sie liebten das Gold: Sie vergötterten es und errichteten ihm Altäre in ihren Herzen. Sie führten Kriege um seinetwillen und begingen Verbrechen, um es zu besitzen, aber sie machten es einander auch zum Geschenk als Ausdruck ihrer Zuneigung und Verehrung...

Bis in unsere Tage hat das Gold nichts von seinem  Zauber verloren und sein reiner, strahlender Glanz erinnert uns daran, dass es von der Sonne abstammt.


Dieses Märchen wurde mir von Hanspeter Thum ((maerlimaa@gmx.ch) zur Verfügung gestellt.
Das Copyright hierfür liegt ausschließlich bei Hanspeter Thum. www.maerlimaa.ch