Märchenletter 13/2012

Der Räuberbräutigam
Gebr. Grimm

Es war einmal ein Müller, der hatte eine schöne Tochter, und als sie
herangewachsen war, so wünschte er sie wäre versorgt und gut verheiratet: er
dachte “kommt ein ordentlicher Freier und hält um sie an, so will ich sie
ihm geben.” Nicht lange so kam ein Freier, der schien sehr reich zu sein,
und da der Müller nichts an ihm auszusetzen wusste, so versprach er ihm
seine Tochter. Das Mädchen aber hatte ihn nicht so recht lieb, wie eine
Braut ihren Bräutigam lieb haben soll, und hatte kein Vertrauen zu ihm: so
oft sie ihn ansah oder an ihn dachte, fühlte sie ein Grauen in ihrem Herzen.
Einmal sprach er zu ihr “du bist meine Braut und besuchst mich nicht
einmal.” Das Mädchen antwortete “ich weiß nicht wo euer Haus ist.” Da sprach
der Bräutigam “mein Haus ist draußen im dunkeln Wald.” Es suchte Ausreden
und meinte es könnte den Weg dahin nicht finden. Der Bräutigam sagte
“künftigen Sonntag muss du hinaus zu mir kommen, ich habe die Gäste schon
eingeladen, und damit du den Weg durch den Wald findest, so will ich dir
Asche streuen.” Als der Sonntag kam und das Mädchen sich auf den Weg machen
sollte, ward ihm so Angst, es wusste selbst nicht recht warum, und damit es
den Weg bezeichnen könnte, steckte es sich beide Taschen voll Erbsen und
Linsen. An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach, warf
aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Es
ging fast den ganzen Tag bis es mitten in den Wald kam, wo er am dunkelsten
war, da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so
finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und
herrschte die größte Stille. Plötzlich rief eine Stimme

“kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus.”

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Das Mädchen blickte auf und sah dass die Stimme von einem Vogel kam, der da
in einem Bauer an der Wand hing. Nochmals rief er

“kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus.”

Da ging die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und ging durch
das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden.
Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau, die wackelte
mit dem Kopfe. “Könnt ihr mir nicht sagen, ” sprach das Mädchen, “ob mein
Bräutigam hier wohnt?” “Ach, du armes Kind,” antwortete die Alte, “wo bist
du hingeraten! du bist in einer Mördergrube. Du meinst du wärst eine Braut,
die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten.
Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn
sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit,
kochen dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht
Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.”
Darauf führte es die Alte hinter ein großes Fass, wo man es nicht sehen
konnte. “Sei wie ein Mäuschen still”, sagte sie, “rege dich nicht und bewege
dich nicht, sonst ist’s um dich geschehen. Nachts wenn die Räuber schlafen,
wollen wir entfliehen, ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet.”
Kaum war das geschehen, so kam die gottlose Rotte nach Haus. Sie brachten
eine andere Jungfrau mitgeschleppt, waren trunken und hörten nicht auf ihr
Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser voll, ein
Glas weißen, ein Glas roten, und ein Glas gelben, davon zersprang ihr das
Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen
Tisch, zerhackten ihren schönen Leib in Stücke und streuten Salz darüber.
Die arme Braut hinter dem Fass zitterte und bebte, denn sie sah wohl was für
ein Schicksal ihr die Räuber zugedacht hatten. Einer von ihnen bemerkte an
dem kleinen Finger der Gemordeten einen goldenen Ring, und als er sich nicht
gleich abziehen ließ, so nahm er ein Beil und hackte den Finger ab: aber der
Finger sprang in die Höhe über das Fass hinweg und fiel der Braut gerade in
den Schoß. Der Räuber nahm ein Licht und wollte ihn suchen, konnte ihn aber
nicht finden. Da sprach ein anderer “hast du auch schon hinter dem großen
Fasse gesucht?” Aber die Alte rief, “kommt und esst, und lässt das Suchen
bis Morgen: der Finger läuft euch nicht fort.”
Da sprachen die Räuber “die Alte hat Recht,” ließen vom Suchen ab, setzten
sich zum Essen, und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein,
dass sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchten. Als
die Braut das hörte, kam sie hinter dem Fass hervor, und musste über die
Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte
große Angst sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr dass sie
glücklich durchkam, die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe, und sie
eilten so schnell sie konnten aus der Mördergrube fort. Die gestreute Asche
hatte der Wind weggeweht, aber die Erbsen und Linsen hatten gekeimt und
waren aufgegangen, und zeigten im Mondschein den Weg. Sie gingen die ganze
Nacht bis sie morgens in der Mühle ankamen. Da erzählte das Mädchen seinem
Vater alles wie es sich zugetragen hatte. Als der Tag kam wo die Hochzeit
sollte gehalten werden, erschien der Bräutigam, der Müller aber hatte alle
seine Verwandte und Bekannte einladen lassen. Wie sie bei Tische saßen, ward
einem jeden aufgegeben etwas zu erzählen. Die Braut saß still und redete
nichts. Da sprach der Bräutigam zur Braut “nun, mein Herz, weißt du nichts?
erzähl uns auch etwas.” Sie antwortete “so will ich einen Traum erzählen.
Ich ging allein durch einen Wald und kam endlich zu einem Haus, da war keine
Menschenseele darin, aber an der Wand war ein Vogel in einem Bauer, der rief

“kehr um, kehr um, du junge Braut,
du bist in einem Mörderhaus.”

Und rief es noch einmal. Mein Schatz, das träumte mir nur. Da ging ich durch
alle Stuben, und alle waren leer, und es war so unheimlich darin; ich stieg
endlich hinab in den Keller, da saß eine steinalte Frau darin, die wackelte
mit dem Kopfe. Ich fragte sie “wohnt mein Bräutigam in diesem Haus?” Sie
antwortete “ach, du armes Kind, du bist in eine Mördergrube geraten, dein
Bräutigam wohnt hier, aber er will dich zerhacken und töten, und will dich
dann kochen und essen.” Mein Schatz, das träumte mir nur. Aber die alte Frau
versteckte mich hinter ein großes Fass, und kaum war ich da verborgen, so
kamen die Räuber heim und schleppten eine Jungfrau mit sich, der gaben sie
dreierlei Wein zu trinken, weißen, roten und gelben, davon zersprang ihr das
Herz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Darauf zogen sie ihr die feinen
Kleider ab, zerhackten ihren schönen Leib auf einem Tisch in Stücke und
bestreuten ihn mit Salz. Mein Schatz, das träumte mir nur. Und einer von den
Räubern sah dass an dem Goldfinger noch ein Ring steckte, und weil er schwer
abzuziehen war, so nahm er ein Beil und hieb ihn ab, aber der Finger sprang
in die Höhe und sprang hinter das große Fass und fiel mir in den Schoß. Und
da ist der Finger mit dem Ring.” Bei diesen Worten zog sie ihn hervor und
zeigte ihn den Anwesenden.

Der Räuber, der bei der Erzählung ganz kreideweiß geworden war, sprang auf
und wollte entfliehen, aber die Gäste hielten ihn fest und überlieferten ihn
den Gerichten. Da ward’ er und seine ganze Bande für ihre Schandtaten
gerichtet.

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Nächster Märchenletter am 02.04.2012

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