Märchenletter 11/2012

Die verwünschte Burg
Märchen aus Irland

Ich hatte versprochen, die Weihnachten 1820 auf der Insel Bawn Horne in der
Grafschaft Tipperary zuzubringen und war dort den achtzehnten Dezember von
Dublin angelangt. Müde von der Reise blieb ich zwei Tage lang bei einem
Buche, das mich anzog, ruhig am Camin sitzen.
Als ich ausging, war der erste, der mir begegnete der alte Schmied Pierce
Grace, dessen Sohn mich auf die Jagd zu begleiten pflegte. »Willkommen hier
zu Lande!« hub er an, »ich habe gestern den ganzen Tag darauf gehofft, Ew.
Gnaden zu sehen.«
»Ich danke Euch, Pierce, ich bin bei der Frau vom Hause geblieben.«
»Das hörte ich,« antwortete er, »und getraute deshalb nicht, mich vor Euch
zu zeigen. Johann ist bereit, Euch zu begleiten und hat Spur von einer
großen Anzahl Vögel.«
Mit der Flinte in der Hand durchstreifte ich am folgenden Morgen die
Umgegend und wurde von Johann, des alten Pierce Sohn, bedient. Nachdem wir
einige Stunden umher gezogen waren, gelangten wir in ein gewundenes Tal,
durch welches der Currihihn fließt und erblickten die Burg von Ballinatotty,
deren Grundmauern er bespült, in der Ferne.

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Diese Burg ist noch immer gut erhalten und war vordem ein einigermaßen
fester Platz. Hier hatte das mächtige und grausame Geschlecht O’Brian, das
eine Geißel und ein Schrecken des Landes war, seinen Sitz. Die Sage hat die
Namen von dreien Gliedern der Familie erhalten: Phelim mit der starken Hand,
Morty mit der blutigen Hand, der Sohn, und Donough ohne Barmherzigkeit in
der Finsternis, der Enkel, dessen Grausamkeiten die blutigen Taten seiner
Vorfahren völlig in Schatten stellten. Von ihm wird erzählt, dass er auf
einem seiner Raubzüge in das Gebiet eines benachbarten Stammhäuptlings
alles, Mann und Kinder, mit dem Schwert umbrachte, die Frauen aber, nachdem
sie auf seinen Befehl halb in die Erde eingegraben waren, von Bluthunden
zerreißen ließ. »Gerade um seine Feinde in Furcht zu setzen,« fügte der
Erzähler hinzu. Die Handlung jedoch, welche die heftigsten Verwünschungen
auf ihn hervorrief, war der Mord seines Weibes, Helene mit dem Goldhaar,
deren Schönheit und Freundlichkeit im ganzen Land gerühmt wurde. Sie war die
Tochter des O’Kennedy von Lisnabonney Castle und schlug die angebotene Hand
des Donough aus; in dieser Weigerung durch ihren Bruder Brian Oge, mit dem
Beinamen der Überredende, unterstützt, wurde ihr vergönnt, unverheiratet bei
ihrem Vater zu bleiben, dessen Tod sie von aller Furcht vor Zwang zu
befreien schien. Doch ehe ein Monat verging, wurde Brian Oge von unbekannter
Hand ermordet, bei welcher Gelegenheit Helene das gefühlvolle und
wohlbekannte Trauerlied: »mein Herz ist krank und schwer von Jammer«
dichtete. Als sie von dem Leichenbegängnis ihres Bruders zurückkam, lauerte
Donough dem Zuge auf; ihre Diener wurden niedergehauen und sie selbst sah
sich genötigt, seine Frau zu werden. Helena kam zuletzt durch seine Hand um,
indem er sie, der Sage nach, aus einem Bogenfenster herabstürzte, weil sie
ihn mit dem Mord ihres Bruders belastet habe. Die Stelle, wo sie hinfiel,
wird gezeigt und an dem Jahrestag ihres Todes, den zweiten Dienstag im
August, glaubt man, besuche ihr Geist diese Stelle.
Ich gab meine Flinte ab und stieg hinauf, die Burg näher zu betrachten. Ein
Fenster an der Südseite wird als dasjenige bezeichnet, aus welchem Helena
sei herabgestürzt worden, doch ist es viel wahrscheinlicher, dass es von der
Zinne darüber geschah, eines besondern Umstands wegen, es sind nämlich in
dem Mauerwerk oben und unten regelmäßige Löcher sichtbar, woraus hervorgeht,
dass zur Zeit der Erbauung Eisengitter eingefügt waren, mithin das Fenster
nicht offen sein konnte.
Nachdem meine Neugierde befriedigt war, stand ich im Begriff, den Ort wieder
zu verlassen, als ich eine Öffnung in einer Ecke nach Südosten bemerkte. Ich
geriet in Versuchung nachzuforschen, und fand eine enge Steintreppe, welche
zu einer Schlafkammer führte. Diese Kammer war von einem Dachshund und
seiner ganzen jungen Brut besetzt. Gereizt durch mein Eindringen ging die
Alte auf mich los und da ich ohne Mittel zur Verteidigung war, musste ich
mich schleunig zurückziehen. Wie weit mich das wütende Tier verfolgte, kann
ich nicht sagen, denn bei meiner übereilten Flucht, als ich die zweite
Steintreppe herabstieg, glitt mein Fuß aus und ich rollte durch eine breite
Öffnung in einen Raum, der wahrscheinlich sonst als Behälter gedient hatte.
Doch die Gefahr, in welche ich jetzt geriet, war viel größer, als jene,
welcher ich entfloh, denn der Boden dieses Gemachs befand sich im höchsten
Grad von Verfall. Eine Katze würde kaum ohne Gefahr darüber weggeschlichen
sein und bei der Gewalt, mit welcher ich anlangte, konnte die vermoderte
Oberfläche nicht mehr Widerstand leisten, als ein Spinnengeweb; ich stürzte
hindurch und in die finstere Tiefe hinab. Eine Menge Fledermäuse, welche
meine plötzliche Ankunft aufstörte, schwangen ihre Flügel und umschwirrten
mich.
Als ich wieder zu Besinnung kam, drangen verwirrte Klänge menschlicher
Stimmen in meine Ohren und ich unterschied darauf eine weibliche, welche mit
dem Ton der liebreichsten Zärtlichkeit sagte: »er ist gerettet! er ist
gerettet! das Leben kehrt zurück!« Ich schlug die Augen auf und fand mein
Haupt in dem Schoße eines Bauernmädchens von achtzehn Jahren liegen, welches
meine Schläfe rieb. Gesundheit oder Besorgnis gaben ihren milden, aber
ausdrucksvollen Zügen eine eigene Glut und ihr hellbraunes Haar war einfach
über die Stirne gescheitelt. Auf einer Seite stand ein alter Mann, ihr
Vater, mit einem Bund Schlüssel, und an der andern kniete Johann Grace mit
einer Schale gebranntem Wasser, welches sie anwendete, mich wieder zu mir
selbst zu bringen. Ich blickte mich um und bemerkte, dass wir uns auf einem
Felsen in der Nähe der Burg befanden und der Fluss zu unsern Füßen floss.
Verschiedene Ausrufungen der Freude folgten und der alte Mann bestand
darauf, als Johann die Schale wegschütten wollte, dass ich einen Schluck
davon nähme; nachdem ich das getan und mich aufgerichtet hatte, dankte ich
ihnen und bot eine geringe Belohnung in Geld an, doch sie wollten nichts
nehmen. »Gewiss und wahrhaftig,« sagten sie, »wir hätten mit Freuden zehnmal
so viel für Ew. Gnaden getan, ohne Belohnung oder Vergeltung.«
Ich fragte hierauf, wie sie mich gefunden hätten. »Da ich dachte,«
antwortete Johann, »dass Ew. Gnaden sich einige Zeit in den Gängen und Ecken
der Burg umsehen wollten, so machte ich die Runde, um mit Hannchen da ein
wenig zu schwätzen und wie wir so über dieses und jenes redeten, und
Hannchen mir gerade sagte, die Jungen, ihre Brüder, hätten im Fluss gefischt
und einen ganzen Zuber voll großer Aale gefangen, und wenn ich dächte, der
gnädigen Frau geschähe ein Gefallen damit, so könnte ich so viel davon
nehmen, als ich Lust hätte und es sollte ihnen lieb sein; als wir ein
gewaltiges Getöse und Krachen hörten. >Was ist das?< rief ich, >ich denke<,
antwortete Hannchen, >das alte, graue Pferd hat sich tot gefallen oder es
ist Paddy’s spanischer Hund, der umher springt, es ist nicht zu sagen, was
für Verdruss mir der macht; sie sind beide in dem Torfhaus neben uns.< Sie
meinte den untern Teil der Burg, in welchen Cromwell Bresche schoss und
neben welchem die Hütte stand.«
»Eben kam Thomas Hagerty daher und wir hörten einen Schrei, >das ist des
Herrn Stimme<, sagte ich, >er ist durch die Flur gefallen.< >Ach! wenn das
ist,< rief Thomas, >so bin ich auf immer verloren. Noch vorigen Montag hieß
mich mein Herr die Treppe herstellen, oder, sagte er, es könnte da jemand
sich totstürzen und wahrhaftig, ich gedachte es Morgen am Tag zu tun.< Wir
holten ein Licht und sahen die Phukas, welche die Ursache eures Falls waren,
in Gestalt von Fledermäusen fortfliegen, und da fanden wir Ew. Gnaden und
Torf überall auf dem Platz, und gewiss und wahrhaftig, wenn Ihr nicht zuerst
darauf gefallen wärt, sondern auf die Knochen, die Paddy und Michael von der
Hochzeit des jungen Herrn da aufgesammelt hatten, Ihr wärt ganz
zerschmettert. Wir alle waren in Eifer und Verwirrung über die verwünschten
Phukas, die da waren, und wussten nicht, was wir anfangen sollten. Doch
Hannchen gab den Rath, Euch an die frische Luft zu bringen und das taten wir
auch und, Gott sei gedankt, unserer Sorge und Bemühung gelang es, Euch
wieder ins Leben zu bringen, aber es dauerte verzweifelt lang und mir kam es
vor, als sei es so gut, als aus mit Euch.«

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Nächster Märchenletter am 19.03.2012

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