Märchenletter 01/2012

Siebenschön
Ludwig Bechstein

Es waren einmal in einem Dorfe ein paar arme Leute, die hatten ein kleines
Häuschen und nur eine einzige Tochter, die war wunderschön und gut über alle
Maßen. Sie arbeitete, fegte, wusch, spann und nähte für sieben und war so
schön wie sieben zusammen, darum ward sie Siebenschön geheißen. Aber weil
sie ob ihrer Schönheit immer von den Leuten angestaunt wurde, schämte sie
sich und nahm sonntags, wenn sie in die Kirche ging – denn Siebenschön war
auch frömmer als sieben andre, und das war ihre größte Schönheit -, einen
Schleier vor ihr Gesicht. So sah sie einstens der Königssohn und hatte seine
Freude über ihre edle Gestalt, ihren herrlichen Wuchs, so schlank wie eine
junge Tanne, aber es war ihm leid, dass er vor dem Schleier nicht auch ihr
Gesicht sah, und fragte seiner Diener einen: »Wie kommt es, dass wir
Siebenschöns Gesicht nicht sehen?«

»Das kommt daher« antwortete der Diener, »weil Siebenschön so sittsam ist. «
Darauf sagte der Königssohn: »Ist Siebenschön so sittsam zu ihrer Schönheit,
so will ich sie lieben mein Leben lang und will sie heiraten. Gehe du hin
und bringe ihr diesen goldnen Ring von mir und sage ihr, ich habe mit ihr zu
reden, sie solle abends zu der großen Eiche kommen. «

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Der Diener tat, wie ihm befohlen war, und Siebenschön glaubte, der
Königssohn wolle ein Stück Arbeit bei ihr bestellen, ging daher zur großen
Eiche, und da sagte ihr der Prinz, dass er sie lieb habe um ihrer großen
Sittsamkeit und Tugend willen und sie zur Frau nehmen wolle; Siebenschön
aber sagte: »Ich bin ein armes Mädchen, und du bist ein reicher Prinz, dein
Vater würde sehr böse werden, wenn du mich wolltest zur Frau nehmen.« Der
Prinz drang aber noch mehr in sie, und da sagte sie endlich, sie wolle
sich’s bedenken, er solle ihr ein paar Tage Bedenkzeit gönnen. Der
Königssohn konnte aber unmöglich ein paar Tage warten, er schickte schon am
folgenden Tage Siebenschön ein Paar silberne Schuhe und ließ sie bitten,
noch einmal unter die große Eiche zu kommen. Da sie nun kam, so fragte er
schon, ob sie sich besonnen habe? Sie aber sagte, sie habe noch keine Zeit
gehabt, sich zu besinnen, es gebe im Haushalt gar viel zu tun, und sie sei
ja doch ein armes Mädchen und er ein reicher Prinz, und sein Vater werde
sehr böse werden, wenn er, der Prinz, sie zur Frau nehmen wolle. Aber der
Prinz bat von neuem und immer mehr, bis Siebenschön versprach, sich gewiss
zu bedenken und ihren Eltern zu sagen, was der Prinz im Wfflen habe. Als der
folgende Tag kam, da schickte der Königssohn ihr ein Kleid, das war ganz von
Goldstoff, und ließ sie abermals zu der Eiche bitten. Aber als nun
Siebenschön dahin kam und der Prinz wieder fragte, da musste sie wieder
sagen und klagen, dass sie abermals gar zu viel und den ganzen Tag zu tun
gehabt und keine Zeit zum Bedenken, und dass sie mit ihren Eltern von dieser
Sache auch nicht habe reden können, und wiederholte auch noch einmal, was
sie dem Prinzen schon zweimal gesagt hatte, dass sie arm, er aber reich sei
und dass er seinen Vater nur erzürnen werde. Aber der Prinz sagte ihr, das
alles habe nichts auf sich, sie solle nur seine Frau werden, so werde sie
später auch Königin, und da sie sah, wie aufrichtig der Prinz es mit ihr
meinte, so sagte sie endlich ja und kam nun jeden Abend zu der Eiche und zu
dem Königssohne – auch sollte der König noch nichts davon erfahren. Aber da
war am Hofe eine alte hässliche Hofmeisterin, die lauerte dem Königssohn
auf, kam hinter sein Geheimnis und sagte es dem Könige an. Der König
ergrimmte, sandte Diener aus und ließ das Häuschen, worin Siebenschöns
Eltern wohnten, in Brand stecken, damit sie darin anbrenne. Sie tat dies
aber nicht, sie sprang, als sie das Feuer merkte, heraus und alsbald in
einen leeren Brunnen hinein, ihre Eltern aber, die armen alten Leute,
verbrannten in dem Häuschen.
Da saß nun Siebenschön drunten im Brunnen und grämte sich und weinte sehr,
konnt’s aber zuletzt doch nicht auf die Länge drunten im Brunnen aushalten,
krabbelte herauf, fand im Schutt des Häuschens noch etwas Brauchbares,
machte es zu Geld und kaufte dafür Mannskleider, ging als ein frischer Bub
an des Königs Hof und bot sich zu einem Bedienten an. Der König fragte den
jungen Diener nach dem Namen, da erhielt er die Antwort: »Unglück! « und dem
König gefiel der junge Diener also wohl, dass er ihn gleich annahm und auch
bald vor allen andern Dienern gut leiden konnte.

######## INFO ##################################

Dieses Märchen gibt’s auch als Audio-Podcast.
Gelesen von Beatrice Amberg (www.maerchenblog.de )

Hier anhören..
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Als der Königssohn erfuhr, dass Siebenschöns Häuschen verbrannt war, wurde
er sehr traurig, glaubte nicht anders, als Siebenschön sei mit verbrannt,
und der König glaubte das auch und wollte haben, dass sein Sohn nun endlich
eine Prinzessin heirate, und musste dieser nun eines benachbarten Königs
Tochter freien. Da musste auch der ganze Hof und die ganze Dienerschaft mit
zur Hochzeit ziehen, und für Unglück war das am traurigsten, es lag ihm wie
ein Stein auf dem Herzen. Er ritt auch mit hintennach als der Letzte im Zuge
und sang wehklagend mit klarer Stimme:
»Siebenschön war ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt. «
Das hörte der Prinz von weitem und fiel ihm auf und er hielt und fragte:
»Ei, wer singt doch da so schön? «
»Es wird wohl mein Bedienter, der Unglück, sein«, antwortete der König, »den
ich zum Diener angenommen habe. « Da hörten sie noch einmal den Gesang:
»Siebenschön war ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt. «
Da fragte der Prinz noch einmal, ob das wirklich niemand anders sei als des
Königs Diener. Und der König sagte, er wisse es nicht anders.
Als nun der Zug ganz nahe an das Schloss der neuen Braut kam, erklang noch
einmal die schöne klare Stimme:
»Siebenschön war ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt. «
Jetzt wartete der Prinz keinen Augenblick länger, er spornte sein Pferd und
ritt wie ein Offizier längs des ganzen Zugs in gestrecktem Galopp hin, bis
er an Unglück kam und Siebenschön erkannte. Da nickte er ihr freundlich zu
und jagte wieder an die Spitze des Zuges und zog in das Schloss ein. Da nun
alle Gäste und alles Gefolge im großen Saal versammelt waren und die
Verlobung vor sich gehen sollte, so sagte der Prinz zu seinem künftigen
Schwiegervater: »Herr König, ehe ich mit Eurer Prinzessin Tochter mich
feierlich verlobe, wollet mir erst ein kleines Rätsel lösen. Ich besitze
einen schönen Schrank, dazu verlor ich vor einiger Zeit den Schlüssel,
kaufte mir also einen neuen; bald darauf fand ich den alten wieder, jetzt
saget mir Herr König, wessen Schlüssel ich mich bedienen soll? «
»Ei, natürlich des alten wieder! « antwortete der König, »das Alte soll man
in Ehren halten und es über Neuem nicht hintansetzen. «
»Ganz wohl, Herr König«, antwortete nun der Prinz, »so zürnt mir nicht, wenn
ich Eure Prinzessin Tochter nicht freien kann, sie ist der neue Schlüssel
und dort steht der alte. « Und nahm Siebenschön an der Hand und führte sie
zu seinem Vater, indem er sagte: »Siehe Vater, das ist meine Braut. «
Aber der alte König rief ganz erstaunt und erschrocken aus: »Ach lieber
Sohn, das ist ja Unglück, und mein Diener! «
Und viele Hofleute schrien: »Herr Gott, das ist ja ein Unglück! «
»Nein! « sagte der Königssohn, »hier ist gar kein Unglück, sondern hier ist
Siebenschön, meine liebe Braut. « Und nahm Urlaub von der Versammlung und
führte Siebenschön als Herrin und Frau auf sein schönstes Schloss.

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Nächster Märchenletter am 09.01.2012

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One Response to Märchenletter 01/2012

  1. Sandra says:

    Ich liebe Märchen – vielen Dank für diesen schönen Beitrag :-)!
    Besonders interessant finde ich die Zahlensymbolik bei Märchen, die auch hier eine Rolle spielt. Ich habe ihm Internet eine Veröffentlichung dazu gefunden, die Euch vielleicht auch interessiert: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/95529.html#inside
    Sieben wird dort als die Zahl der Ordnung erklärt.